07.07.1997

TERRORISMUSDie Mullah-Spur

Ein ehemaliger iranischer Geheimdienstler beschuldigt die Staatsführung in Teheran, für das Lockerbie-Attentat verantwortlich zu sein.
Das Verfahren trägt die alte Signatur 50 Js 42.401./88, und es schien so, als würde auch die Staatsanwaltschaft in Frankfurt nach fast neunjährigen Ermittlungen die Akten schließen.
Für die amerikanische und die britische Justiz gilt der Fall ohnehin als aufgeklärt. Die Sprengung des Pan-Am-Jumbos "Maid of the Seas" 1988 über dem schottischen Lockerbie sei die alleinige Tat libyscher Geheimagenten - im Auftrag ihres Staatschefs Muammar el-Gaddafi.
Lockerbie war, wie Scotland Yard rühmte, die "aufwendigste Detektivarbeit in der Kriminalgeschichte". 15 000 Zeugenaussagen wurden registriert, 20 000 Namen überprüft, 35 000 Fotos ausgewertet, 180 000 Beweisstücke untersucht. 1992 verhängte die Uno ein Embargo gegen Libyen, um die Auslieferung zweier Hauptverdächtiger zu erreichen. Im März wurde es vom Weltsicherheitsrat verlängert.
Jetzt ist in den Fall Lockerbie wieder Bewegung gekommen. Das Bundeskriminalamt (BKA) ist ebenso eingeschaltet wie der Bundesnachrichtendienst und das Bundesamt für Verfassungsschutz. Die hessische Landesregierung wurde vertraulich unterrichtet und natürlich auch das Bonner Kanzleramt. Für sämtlichen Schriftverkehr ist Geheimhaltung angeordnet.
Auslöser der Aktivitäten ist ein neuer Zeuge, der seit Beginn des Jahres detaillierte Angaben zu den Hintergründen der Terrortat macht. Dutzende von Stunden hat ihn der für Lockerbie zuständige Frankfurter Staatsanwalt Volker Rath, 44, schon vernommen.
Der Mann ist kein Unbekannter. Abolghasem Mesbahi, 39, hatte schon im Mykonos-Prozeß als "Quelle C", damals noch anonym, umfassende Aussagen über die Verstrickung der iranischen Staatsspitze in die Kurdenmorde in Berlin gemacht. Für den Generalbundesanwalt und das Berliner Kammergericht ist Mesbahi ein glaubwürdiger Zeuge. Das BKA läßt ihn durch Leibwächter schützen.
Was der Mitbegründer des iranischen Geheimdienstes Vevak jetzt zu Protokoll gibt, birgt innen- wie außenpolitischen Zündstoff. Der 1996 nach Europa geflohene Mesbahi liefert Details über den Sprengstoffanschlag auf den amerikanischen Clipper, die im Gegensatz zu der anglo-amerikanischen These von der libyschen Alleintäterschaft stehen. Hintermänner des Anschlags, so Mesbahi, seien die Mullahs in Teheran. Libyen und die Freischärler des Top-Terroristen Abu Nidal seien vom damaligen Chomeini-Regime lediglich um Mithilfe gebeten worden.
Das von Mesbahi beschriebene Szenario scheint schlüssig. Der Anschlag auf den Jumbo soll die Rache für den Abschuß eines Airbus der Iran Air 1988 über der Straße von Hormus gewesen sein. Das mit 290 Menschen besetzte Flugzeug war von dem amerikanischen Kreuzer "Vincennes" mit zwei Raketen vom Himmel geholt worden, weil man es irrtümlich für eine iranische Militärmaschine gehalten hatte.
Chomeini persönlich habe damals Vergeltung gefordert, erklärte Mesbahi den Fahndern. Der Außenminister Ali Akbar Welajati habe die Verhandlungen mit Libyen und den Abu-Nidal-Männern über die Modalitäten des Terroranschlags geführt.
Die Theorie, daß Iran hinter dem Anschlag steckt, ist nicht neu. Schon 1995 waren Dossiers des amerikanischen Luftwaffengeheimdienstes aufgetaucht, in denen die jetzt von Mesbahi genannten Hintermänner der Tat beschuldigt worden waren. Zehn Millionen Dollar, so hatte eine Quelle den US-Geheimen berichtet, hätte Teheran für die Jumbo-Sprengung gezahlt. Washington und London taten die Unterlagen seinerzeit als "wertlos und längst bekannt" ab.
Mesbahi verdächtigt die Amerikaner, die "wahren Hintergründe" schon lange zu kennen. Aber aus Sorge um die bis 1991 im Libanon festgehaltenen US-Geiseln hätten die Ermittler Iran geschont.
Der ehemalige Geheimagent der Mullahs ist allerdings auch nur ein Zeuge vom Hörensagen. Mit Planung oder Durchführung des Attentats, gab er zu Protokoll, habe er selbst nichts zu tun gehabt. Aber durch seine hochrangigen Verbindungen in Geheimdienst- und Regierungskreise habe er - wie auch im Fall Mykonos - dennoch Details erfahren. Die Bombe sei in Einzelteilen auf dem Frankfurter Flughafen in ein Flugzeug nach London verladen worden. Der damalige Chef der Iran Air Frankfurt, ein Geheimdienstmann, habe sie an den Airport-Kontrollen vorbeigeschmuggelt. Erst in London sei sie dann zusammengebaut und auf den Pan-Am-Clipper gebracht worden.
Jedes Detail, jeder von Mesbahi genannte Name wird derzeit geprüft, weitere Vernehmungen stehen an. BKA-Fahnder durchstöbern noch einmal Hunderte Bände alter Ermittlungsakten nach Hinweisen, die Mesbahis Angaben stützen - oder widerlegen. FBI und Scotland Yard sind bisher nicht informiert worden. Das Verhältnis zwischen ihnen und den deutschen Kollegen ist im Fall Lockerbie wegen unterschiedlicher Tattheorien seit Jahren gestört. Sogar der Austausch von Vernehmungsprotokollen und Beweismitteln verläuft seit 1993 nicht mehr reibungslos.
Erst nach "vollständiger Überprüfung", so ein Fahnder, sollen die Ko-Ermittler das Dossier Mesbahi - einen Lockerbie-Prozeß soll es in Frankfurt am Main nicht geben - erhalten. Im Herbst will man soweit sein. Bis dahin sind sogar die deutschen Geheimdienste verpflichtet worden, ihre Partner nicht zu unterrichten.
Treffen Mesbahis Angaben zu, ist die bisherige Theorie von der libyschen Alleintäterschaft passé. Auch die Bonner Bemühungen um die seit dem Mykonos-Prozeß in eine schwere Krise geratenen deutsch-iranischen Beziehungen wären wohl vergebens.
Kaum weniger brisant wäre, stellten sich Mesbahis jetzige Angaben als Schwindelei heraus. Auf seine Aussagen stützt das Berliner Kammergericht jene Passagen des Mykonos-Urteils, die der iranischen Staatsspitze die direkte Verantwortung für das Kurdenmassaker zuschreiben. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.
Fest steht: Mesbahi ist ein schwieriger Zeuge. In Gesprächen mit Vertrauten träumt der Perser trotz seiner belastenden Aussagen gegen das Mullah-Regime von einer Heimkehr nach Iran. Mit seinen Angaben wolle er dazu beitragen, den terroristischen Hardliner-Flügel aus der Regierung zu drängen. Unlängst bezeichnete er sich - zur Verwirrung der Ermittler - stolz als "Soldat des verehrten Führers der iranischen Revolution".
* Nach dem Abschuß eines Airbus der Iran Air 1988 in Teheran.

DER SPIEGEL 28/1997
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 28/1997
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

TERRORISMUS:
Die Mullah-Spur

  • Proteste in Hongkong: "Die Briten sind moralisch dazu verpflichtet, zu helfen"
  • Blaue Diät: Abnehm-Experiment mit Farben
  • Webvideos der Woche: Truck landet auf Hausdach
  • Automesse IAA: Klimaaktivisten blockieren Eingänge