07.07.1997

CSU„Der ist ziemlich anständig“

Mit dem Kanzler hat er erst die deutsche Einheit gestaltet und nun die europäische in Angriff genommen: Theo Waigel sieht sich schon als „Figur der Zeitgeschichte“, auch wenn Zeitgenossen das nicht glauben mögen. Von Jürgen Leinemann
Im Leben eines Finanzministers, der ziemlich pleite ist, hat die Frage nach dem angemessenen Gesichtsausdruck in der Öffentlichkeit eine beträchtliche Bedeutung. Guckt er zu grantig oder verzagt, schilt ihn der Kanzler. Schon gar nicht darf er, wenn die Umstände sind, wie sie sind, zugeben, daß er sich "entsprechend" fühle.
Läßt er aber seine Schnurrbärte über den Augen fidel auf und ab hüpfen und freut sich lärmend in die Kameras hinein des Lebens - dann fragt die Nation erbittert, woher wohl ausgerechnet dieser Mann den traurigen Mut zum Frohsinn nehme.
Denn, nicht wahr - wenn einer nichts zu lachen hat in Deutschland, dann ist es doch wohl Theo Waigel. Der aber findet solche Erwartung "grundböse".
Gewiß, dem Manne fehlen für dieses und das nächste Jahr ein paar Dutzend Milliarden Mark. Vor seinem Amtsantritt 1989 hat er seine sozialdemokratischen Vorgänger gern "Bankrotteure" und "Schuldenmacher" genannt, jetzt heißt er "Goldfinger" im heimischen Bayern, weil er beim Griff nach den Goldreserven der Bundesbank erwischt worden ist.
Niemand, nicht einmal er selbst, würde behaupten, daß sein Ruf vom Feinsten sei. "Akrobatische Buchhaltung" sagen ihm Parteifreunde in Bonn nach. "Untergangsstimmung", "Farce", "Skandal" sind Begriffe, die seine Tätigkeit beschreiben - im eigenen Lager.
Als in der letzten Sitzungswoche im Bundestag über Tod und Leben geredet wird, da sitzt Theo Waigel so grau auf der Regierungsbank, als sei er schon ins Geisterreich abgetaucht. Hundemüde ist er, einsam und dünnhäutig.
Dann wieder gibt er - wie am Mittwoch vergangener Woche - den aufgekratzten Theo, den heiteren Christenmenschen, den der Glaube trägt, daß Gott gütig sei, selbst zu ihm. Fröhlich prostet er Pater Anselm Bilgri zu, dem Prior des Klosters Andechs, der die bayerische Landesvertretung in Bonn auch in diesen schweren Tagen mit Bier versorgt.
Doch, doch, ihm geht es gut. Im Prinzip sind die "Chef"-Gespräche, in denen Theo Waigel die Etats der Jahre 1997 und 1998 zusammenzutricksen versucht, irgendwie beinahe fast so gut wie beendet. Kanzler und Kabinett müssen sie nur noch absegnen, sozusagen. Also Prost. Theo Waigel hat sich ein schiefes Lächeln angewöhnt, mit dem er solch windige Erklärungen sogleich wieder in Frage stellt.
Na und? Soll er etwa vor Zerknirschung heulen? Muß er denn so tun, als ob er sich persönlich miserabel fühle, nur weil der Euro weich zu werden droht? Darf das keiner sehen, "wenn ich ein Stück Glück ausstrahle und zufrieden bin"? Theo Waigel will sich partout nicht vorschreiben lassen, welche Stimmung zu seiner Politik zu passen habe. "Ich mache kein aufgesetztes Gesicht. Ich verstelle mich nicht."
Die Schwierigkeiten entstehen, weil der Minister und CSU-Chef von sich selbst ein Bild hat, das sich beträchtlich von dem seiner Mitmenschen unterscheidet. Er sieht sich vorzugsweise als eine Figur, die Eindruck macht auf internationalem Parkett. Unter den Haushaltschefs der vier großen Länder in Europa ist er längst der Dienstälteste. "Da wächst einem ein Stück Autorität zu. Das tut der Runde gut. Und das tut auch Deutschland gut."
Wäre er denn der am längsten amtierende deutsche Finanzminister der Nachkriegszeit, wenn alles stimmte, was man ihm derzeit an Inkompetenz und mangelnder Härte vorwirft? 25 seiner 58 Lebensjahre hat der Bayer jetzt im Bonner Parlament gesessen, seit achteinhalb Jahren führt er die CSU. Und ist die CSU schon jemals zuvor national und international so präsent gewesen? "Ohne die CSU geht nichts in Bonn", sagt der Vorsitzende, "unser Einfluß ist so stark wie nie zuvor."
Mag sein, daß ihm die Betonung seiner Gelassenheit ein bißchen zu heftig gerät. Irritierend ist dabei aber weniger, daß seiner auffällig "lockeren Laune" eine gewisse Bemühtheit anhaftet. Im Gegenteil. Wirklich verblüffend ist der Eindruck, daß ein Grundton von Sicherheit und innerer Ruhe offenbar echt ist, wenn Waigel sagt: "Die Zeit von 1989 bis 1999" - in etwa also seine erwartete Mindest-Regierungszeit mit Helmut Kohl - "wird einmal als das glücklichste Jahrzehnt in diesem Jahrhundert betrachtet werden."
Ist das Zynismus? Hohn? Realitätsblindheit? Glücklich bei 4,2 Millionen Arbeitslosen und 2000 Milliarden Mark öffentlicher Schulden? Ja, seufzt Waigel, er müsse wohl damit leben, daß er mißverstanden werde. Seine Wertung werde eben erst "in der Retrospektive" begriffen. Später also, im Geschichtsunterricht.
Spätestens seit er vor einem Jahr im oberschwäbischen Wilflingen den damals 101 Jahre alten Ernst Jünger besucht hat, ist Waigel seiner Sache sicher. Der Dichter ist so alt, wie der Maurerpolier und Nebenerwerbslandwirt August Waigel aus Oberrohr bei Augsburg wäre, hätte ihn nicht 1970 der Schlag getroffen. August Waigel war der Vater des Ministers, "ein Sonderling mit klugen Gedanken".
Wie Jünger hat auch Waigel senior als Soldat den Ersten Weltkrieg überstanden und den Zweiten auch. Beider älteste Söhne sind mit 18 Jahren gefallen. Erst vor drei Jahren hat Theo Waigel das Grab seines Bruders im Elsaß gefunden.
Die Parallelen im Leben der Alten faszinieren den Sohn. Frankreich ist der Feind gewesen, Jünger hat Bücher darüber geschrieben, sein Vater hat ihm erzählt, wie er zum erstenmal einen Menschen getötet habe. "Jede Kugel, die aus meinem Gewehrlauf ging, hat mich geärgert", hieß sein Vermächtnis.
So hat Waigel das Leben des Vaters und sein eigenes am Schicksal des greisen Schriftstellers nachgemessen, Jahrzehnt für Jahrzehnt. Und da will ihm das letzte des 20. Jahrhunderts, allen Schwierigkeiten zum Trotz, als ein Höhepunkt erscheinen: Deutschland wird vereint und verbindet sich freundschaftlich mit Frankreich in einem gemeinsamen Europa.
Blick zurück nach vorn - das kennt man doch? Tatsächlich kommt weder Waigels Begegnung mit Jünger noch seine Entscheidung, mit Erinnerungen an die Kriege der Vergangenheit für das Europa der Zukunft zu werben, ganz von ungefähr. Das Muster hat Kohl geprägt, durch seinen symbolischen Händedruck mit François Mitterrand über den Gräbern von Verdun.
Auch damals ist jener Ernst Jünger dabeigewesen, der in seinen Kriegserinnerungen den Streit der "Tapferen dieser Erde" gefeiert hat, was Kohl aber anders liest: Wie könnte einer den Krieg verherrlichen, wenn er siebenmal verwundet wurde?
Zweimal besucht Kohl den Dichter zusammen mit dem französischen Präsidenten. Zu Jüngers 100. Geburtstag schwebt er im Schneesturm mit dem Helikopter ein. Ein Jahr später folgt Waigel, der inzwischen bis lange nach Mitternacht "In Stahlgewittern" und "Auf den Marmorklippen" liest.
Vieles deutet darauf hin, daß es nicht zuletzt die "Strahlungen" dieser 100jährigen Vaterfigur sind, aus denen das Duo Kohl/Waigel seine Europapolitik speist. Beiden erscheint Europa inzwischen als logische Konsequenz ihres Lebenswerkes.
Das ist ihnen 1989 zugefallen. Nur durch seinen Eintritt in die Regierung Helmut Kohls hat der CSU-Chef damals die Koalition gerettet. Bis heute sieht sich Waigel deshalb als den Mann, der den Pfälzer zur historischen Figur machte, zum Kanzler der Einheit. Und wie von ungefähr - so erleben es die CSU-Kollegen in Bonn - fühlt sich ihr "Chef" seither auch selbst zur "Figur der Zeitgeschichte" herangereift. Er läßt sie seine Bedeutung spüren.
Im April ''89, als Waigel in das karge Haus in der Graurheindorfer Straße in Bonn einzog, war das nicht abzusehen. Im Gegenteil. Viele Freunde rieten ihm vom Amt des Finanzministers ab, weil es bei den miserablen Umfrageergebnissen der Kohl-Regierung allenfalls noch für einen Haushalt reichen würde.
Dann fiel die Mauer, der Kanzler versprach im Osten "blühende Landschaften". Merkte Waigel da auf? Aber gewiß nicht. Schließlich war die Bundesrepublik ein Wunder an Stabilität. Die Neuverschuldung betrug gerade mal 20 Milliarden Mark. Unbekümmert verkaufte der Finanzminister seinenWählern im Westen den "historischen Durchbruch" wie ein Schnäppchen im Sommerschlußverkauf der Geschichte.
Hätte er sich denn etwa weigern sollen, die Wiedervereinigung zu finanzieren? fragt er heute. Und wieder zitiert er Ernst Jünger: "Wenn dein Bruder vor der Tür steht, fragst du auch nicht, was es dich kostet, sondern läßt ihn ein."
Es wäre aber seine Aufgabe gewesen, gerade bei Familienzuwachs den Haushalt solide zu kalkulieren. Statt dessen beginnen jene "acht Jahre Finanzschrecken für die Bürger", die sich nicht nur für die SPD-Finanzexpertin Ingrid Matthäus-Maier in der Person Waigel verdichten. Auch Oswald Metzger, Haushaltssprecher der Grünen, der Waigel persönlich schätzt, findet: "Bei der Vereinigung hätte er warnen müssen vor der Schwärmerei von blühenden Landschaften."
Daß Theo Waigel persönlich nicht nur ein angenehmer, sondern auch ein "reeller Mensch" (Metzger) sei, daran zweifeln im Lager der Opposition nur wenige. Der Sozialdemokrat Wolfgang Roth, seit ''76 Waigels Debattengegner im Parlament, jetzt Banker in Luxemburg, findet: "Waigel ist für einen Politiker ziemlich anständig."
Doch zeigt sich, als die Ereignisse ihn zu überrollen beginnen, daß er ihnen wenig entgegenzusetzen hat. Es sei ein Klischee, ihn als zu weich zu bezeichnen, wehrt sich der Minister. Als wäre er der einzige in Bonn, der die Klischees lebt, die über ihn im Umlauf sind.
Die freundschaftliche Nähe zum Kanzler und dessen Historienschwärmerei verbindet sich mit seinem Mangel an perspektivischem Denken und fehlender politischer Beratung im Amt. Nicht daß Theo Waigel sich sperrte gegen Argumente. Aber ihm fehlt der Instinkt dafür, wann, wo und wie er aufräumen muß. Zu lange wiegt sich Waigel - wie Kohl - in dem Glauben, daß sich alles irgendwie zurechtlaufe.
Finanzminister haben keine Freunde - mit dieser Formel wehrt er jede Kritik ab. Die Geschichte ist ihm wichtiger. Die Zeitenwende, von der die beiden Männer unentwegt schwadronieren, erleben sie aber allzu exklusiv als nationale Veranstaltung. Dagegen erkennen sie die strukturellen Veränderungen einer Welt im Wandel, die von der Bevölkerung instinktiv empfunden wird, erst mit Verspätung.
Waigels Glaubwürdigkeit in der Öffentlichkeit hatte längst zu bröckeln begonnen, als er mit den Vorbereitungen zur Europäischen Währungsunion begann. Seither schmelzen auch seine Sympathiewerte dahin.
Dennoch beharrt der Minister mit nahezu religiöser Glaubensfestigkeit auf dem Euro. Der werde einen positiven "Paradigmen-Wechsel" in der deutschen Geschichte einleiten. In solchen Augenblicken, wenn eine fast feierliche Heiterkeit den oft schmal verkniffenen Mund des Ministers entspannt, umgibt ihn jene befremdliche Aura von Stärke und Gewißheit, die durch keine wirtschaftlichen und politischen Daten gedeckt scheint.
Eine ähnliche Kraft beflügelt in guten Stunden - beim Europa-Gipfel in Amsterdam etwa - auch den Bundeskanzler. Als Regierende, als Parteiführer und als Volksvertreter wissen Helmut Kohl und Theo Waigel, daß ihr politisches Geschick untrennbar ineinander verwoben ist.
Zwei Stützen der Koalition, die einander Rücken an Rücken aufrecht halten, zwei Ertrinkende, die sich aneinander- klammern - von welcher Seite man das Duo Waigel/Kohl auch betrachtet, ob aus dem Koalitionslager oder mit den Augen der Opposition, die beiden Männer stehen und fallen gemeinsam. Kein Wunder, daß sie sich Mut machen, indem sie die Einführung des Euro zu einer Art Rettung des Abendlandes hochstilisieren.
Daß sie mit dieser Operation am Herzen des deutschen Selbstverständnisses hantieren, indem sie den Bürgern ihre harte Mark nehmen, ist ihnen bewußt. Deshalb empfinden sie die hechelnd vorgetragene Sorge ihres Herzensfeindes Edmund Stoiber, ob denn der Euro auch wirklich stabil werde, als besonders ärgerlich.
"Das ist eine hochemotionale Kiste", sagt Waigel. Nur weil er und Kohl die harte deutsche Mark genauso als Nationalheiligtum anbeten, wie das die Mehrheit der Bevölkerung tut, können sie sich an das Euro-Experiment wagen. Aber das müssen die Bürger ihnen auch glauben, sonst brauchen sie zur Wahl 1998 gar nicht anzutreten.
Vor allem der Kanzler wird deshalb nicht müde, über die "psychologische Bedeutung der deutschen Währung" zu dozieren. Die könne man nur vor dem "persönlichen Erlebnishorizont" der Menschen richtig einschätzen. "Die D-Mark ist aufgestiegen mit den Deutschen und ihrem Fleiß. Sie war früher da als die Verfassung, die Hymne und die Fahne der BRD", begeistert sich der Kanzler. "Und eher als die erste Fußball-Weltmeisterschaft und die erste Goldmedaille", echot sein Finanzminister.
Persönlich hat auch Waigel keine Schwierigkeiten, seinen Wählern klarzumachen, wieviel es dem Bauernbuben Theo bedeutete, als er zum ersten Male ein neues Fünfzigpfennigstück zwischen den Fingern hatte: "Das war was." Und so einer sollte jetzt das Ersparte der armen Leute aufs Spiel setzen?
Keiner redet in Bonn so gern und so rührend über die Heimat, aus der er fortgezogen ist, um der Welt seinen Stempel aufzudrücken, wie Theo Waigel über das 500-Seelen-Dorf Oberrohr bei Augsburg.
Noch immer singt er dort manchmal im Kirchenchor. Auch eilt er schon mal von Bonn ans Grab, wenn einer der Alten gestorben ist.
Noch bis 1966, als er schon studierter Jurist war, half er dem Vater, der den kleinen Fünf-Hektar-Hof als Nebenerwerbsstelle beackerte und als Maurerpolier in der Behindertenheimstätte arbeitete, bei der Ernte. Der Sohn schleppte Säcke, pflügte und melkte. Seine erste Frau Karin kannte er aus der Schule, seine Kinder Christian und Birgit wuchsen im Dorf auf. "Heimat", sagt Theo Waigel, "ist ja etwas ganz Elementares."
Wer den in Bonn zunehmend vereinsamten Mann öfter erlebt, der kennt die Geschichte dieses märchenhaften Aufstiegs: Etwas "Großes" sollte aus dem intelligenten Jungen werden. Die Bedenken des ganzen Dorfes um sein Seelenheil, Mutter und Pfarrer vornweg, begleiteten ihn dabei vom ersten Tage an.
Also wappnete sich der fromme Theo gegen die Versuchungen der Welt mit moralischem Rigorismus. Um die Geschichte des Klosters Ursberg herum, wo er groß geworden ist, hatte sich Waigel ein ständisch geprägtes, patriarchalisches und tief religiöses Weltbild gewebt, das stockkonservativ zu nennen eine Untertreibung gewesen wäre.
Das brachte er mit in die Politik. "Ohne ein religiöses Fundament kann keine freie Gesellschaft gedeihen", sagte er als CSU-Vorsitzender in seiner ersten Aschermittwochsrede in Passau. Und wer das für die Pflichtfloskel eines Politprofis in einer "C"-Partei hielt, unterschätzte den kreuzzüglerischen Elan des Strauß-Nachfolgers.
Inzwischen hat sich Theo Waigel gewandelt. Noch immer liegen theologische Schriften wie die "Einweisung ins Christentum" des Münchner Theologen Eugen Biser auf seinem Schreibtisch im Bonner Finanzministerium. Die Auswahl zeigt aber, daß Waigels mittelalterlicher Fundamentalismus einer liberalen Auslegung gewichen ist. Das Leben hat ihn gebeutelt.
Daß ausgerechnet diesem unerbittlichen Tugendbold, der offiziell Anstoß zu nehmen pflegte an der laxen Ehemoral von Kollegen im Bonner Politbetrieb, schließlich selbst Unheil in seiner ersten und ein neues Glück in zweiter Ehe widerfahren ist, hat den Katholiken Waigel schwer erschüttert und verunsichert.
Um so wichtiger ist es ihm, daß er jetzt wieder häuslichen Frieden hat. Daß seine zweite Frau, Irene Epple, die deutsche Skiheldin, und ihr gemeinsamer Sohn Konstantin aufs schönste harmonieren mit den erwachsenen Kindern Birgit und Christian aus der ersten Verbindung mit seiner Jugendliebe Karin, das ist die Basis der neuen Lebenssicherheit des Menschen und des Ministers Theo Waigel.
Ohne Harmonie kann einer wie er nicht leben. Da aber das Leben, das politische zumal, voller Dissonanzen, Konflikte und Widerwärtigkeiten ist, hat sich Theo Waigel Methoden erarbeitet, um die heimische Idylle und sein garstiges Politikerleben miteinander zu versöhnen. "Versöhnen" ist überhaupt seine Lieblingsbeschäftigung. Das ist nicht nur christlich wohlgefälliges Tun, das ist auch politisch nützlich und für ihn persönlich überlebenswichtig.
So versöhnt er denn also erst Franz Josef Strauß mit Helmut Kohl, jetzt Bayern mit Europa, dazwischen immer ganz pragmatisch von Fall zu Fall das Machbare mit dem Gewünschten. Und er ist mit sich zufrieden. "Wenn Politik heißt, unter den gegebenen Umständen das Richtige zu tun, dann bin ich dem gerecht geworden."
Das ist nun freilich eine sehr bescheidene - und vor allem sehr konservative - Definition von Politik. Waigel lebt sie, wie er Fußball spielt: Immer ist er seinen Mitspielern als verläßliche Anspielstation im Mittelfeld zu Diensten. Überraschende Aktionen sind von ihm weder zu befürchten noch zu erhoffen.
Eine sonderbar schwebende Festigkeit ist sein Markenzeichen. Mit seinem Glauben an sich selbst vermag er auch Zweifler in der Sache zu überzeugen. Gern hebt er Trivialitäten in höhere verbale Sphären. Andererseits trägt er seinen familiären Umgangsstil ins Büro und erzeugt damit Loyalität und Bewunderung; Kritik und Kontroversen müssen draußen bleiben.
Theo Waigel ist im privaten Gespräch witziger und umgänglicher, als seine Fernsehauftritte vermuten lassen. Seine ironische Grundhaltung - im Denken und Reden - macht ihn zu einem amüsanten Plauderer. Alles bleibt im Ungefähren.
Bei Dissonanzen aber ist er schnell und nachhaltig beleidigt. Das nutzt niemand so konsequent wie Edmund Stoiber, der ehrgeizige Rivale, der als bayerischer Ministerpräsident keinen CSU-Chef Waigel neben oder gar über sich aushalten kann.
Sonderlich herzlich waren die beiden Männer schon zu Lebzeiten des großen Vorsitzenden nicht miteinander umgegangen. Aber seit beide 1993 um das Amt des bayerischen Ministerpräsidenten konkurrierten, ist das Verhältnis unheilbar zerrüttet. Laut Waigel liegt das daran, daß Stoiber damals die Eheschwierigkeiten des Bonner Kollegen öffentlich ausbreitete, was Stoiber bestreitet, weil es ihm keiner beweisen kann. Laut Stoiber liegt es an Waigel, der nicht ertragen könne, daß er verlor.
Seither schikaniert der bayerische Regierungschef den Bonner Minister Waigel mit politischen Stänkereien, die das Bayernherz erfreuen, weil es gegen "die in Bonn" geht. Mit bohrender Lust formuliert Edmund Stoiber Zweifel an seines Parteichefs "unverrückbarer" und "punktgenauer" Stabilitätstreue beim Euro, natürlich immer nur in Sorge um den Bürger, der nicht "um seine Lebensleistung" betrogen werden dürfe - ein Hinweis, den der empfindliche Waigel als besonders dreiste Tücke empfinden muß. Es ist Waigel nicht unlieb, daß ihm Kohl die Replik abnimmt. Er erregt sich zu schnell.
Freundliche Biertischgespräche im Scheinwerferlicht, wie sie die verfeindeten Parteifreunde vergangene Woche in Bonn vorgaukelten, machen dem schwerblütigen bayerischen Schwaben Theo Waigel ungleich mehr Mühe als dem kühl provozierenden Stoiber.
Nicht daß der CSU-Chef nicht mitzuheucheln wüßte, er kennt ja das Spiel und weiß natürlich, daß Stoiber zum Zwecke des Wählerfangs auf die Bonner Politik schimpfen muß, weil nur ein auf diese Weise erzielter hoher Wahlerfolg in München auch einen Sieg der Union in Bonn garantiert. Aber während Franz Josef Strauß als - wie er zu sagen pflegte - "Mensch in seinem Widerspruch" solche hinterfotzigen Paradoxien als wortgewaltigen Dialog mit sich selbst öffentlich auszutragen wußte, sind Waigel und Stoiber in Feindschaft verhärtet.
Als Waigel unlängst den CSU-Kollegen im Bayerischen Landtag zum Euro Rede und Antwort stehen mußte - von müdem Beifall empfangen und mit dem lauen Trost entlassen, er habe "den Verstand" der Fraktion erreicht, Edmund Stoiber aber "das Herz" -, spätestens da hat er spüren können, daß sie ihn in München politisch schon abgehakt haben. In den Amtsstuben der bayerischen Staatsregierung wird die Warnung verbreitet, sich bloß nicht "am Aasgeruch" der sterbenden Bonner Koalition zu vergiften.
Waigel hält das für arg voreilig. Die nahe Zukunft schreckt ihn schon gar nicht. Der "de facto"-Vorsitzende Stoiber kann kein Interesse daran haben, "den Theo" schon jetzt zu stürzen. Er braucht ihn noch als Sündenbock, für den Fall, daß die CSU bei der Landtagswahl im September 1998, zwei Wochen vor der Wahl zum Bundestag, die absolute Mehrheit verlieren sollte, was nicht unwahrscheinlich ist.
Wie aber, wenn die Regierung Kohl/Waigel anschließend nicht unterliegt, sondern - mit dem Euro als Wahlprogramm - wiedergewählt wird? Theo Waigel reagiert auf diese Vorstellung wie auf einen Vitaminstoß. Verkörpert er nicht die CSU über Bayern hinaus? Sosehr er Helmut Kohl schätzt - von dessen Wohlwollen fühlt er sich nicht abhängig. Sein Gewicht in Bonn bezieht er aus seiner Funktion "als Chef der zweitstärksten Koalitionspartei".
Und umgekehrt - hat er sich nicht inzwischen ein Renommee erworben, das den Einfluß der Partei auf die nationale und internationale Politik gemehrt hat? "Ich garantiere eine Kontinuität, die außer Strauß keiner hatte", sagt Waigel.
Nicht daß er sich mit dem legendären großen Vorsitzenden vergleichen wollte, Strauß war "ein Genius", ein "unvergleichbares Naturell". Aber weiß man''s? Vielleicht gelten er und seine Kollegen in 15 Jahren ja auch als "Typen", wie es sie seither nicht mehr gibt.
Eines jedenfalls steht für den Nachfolger fest: Die Idee, die CSU als vierte Partei bundesweit zu etablieren, ist endgültig tot. Und das, sagt Theo Waigel, sei sein Verdienst. Hätte es ihn nicht gegeben 1990, "andere wären marschiert". Strauß, wenn er noch gelebt hätte, ganz sicher, Stoiber wohl auch, darf man ahnen. Und zwar mit verheerendem Ergebnis: Die CSU wäre zu einer Art Bayernpartei geschrumpft, ohne großen Einfluß. Waigel: "Damit habe ich die CSU gerettet."
Zu einem Zeitpunkt, da die Zustimmung für Theo Waigel nicht nur in der Bonner CDU, sondern sogar in der CSU-Landesgruppe am Rhein zu schrumpfen begonnen hat, klingen so große Worte wie Pfeifen im dunklen Wald.
Miserable Umfrageergebnisse, finanzpolitische Offenbarungseide, im Ansatz gescheiterte Reformen: In einer Retterrolle wirkt der Minister für "Chaos und Zerrüttung", wie die Opposition spottet, derzeit nicht sehr überzeugend.
Aber noch ist es mehr als ein Jahr bis zu den Wahlen 1998. Und die Frage, ob dann Stoibers Zukunftswarnungen oder die Vergangenheitsbeschwörungen des Duos Kohl/Waigel von einer Mehrheit in Deutschland als realistische Wahrnehmung der Gegenwart akzeptiert werden, ist noch keineswegs entschieden.
Gern tut Theo Waigel heute so, als könne er die Entwicklung in Ruhe abwarten. Daß er den Haushalt ''98 und den Nachtrag für 1997 in dieser Woche über die Runden kriegt, erscheint ihm selbstverständlich. Er zieht seine Augenbrauen über der Nase zu einem Schlußstrich zusammen und fragt sarkastisch: "Wer geht schon freiwillig für die nächsten 16 Jahre in die Opposition?"
* Mit Jüngers Ehefrau Liselotte am 29. März 1995, dem 100. Geburtstag des Schriftstellers.
Von Jürgen Leinemann

DER SPIEGEL 28/1997
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