14.07.1997

GEHEIMDIENSTEAus dem Ruder gelaufen

Das Buch eines FAZ-Journalisten über die Geheimnisse des Bundesnachrichtendienstes sorgt für Streit zwischen Bonn und Pullach. Die heikle Mischung aus echten Interna und dunklem Geraune wirft die Frage auf, wer dem Autor geholfen hat.
Den Vorschlag, den der Frankfurter Journalist Udo Ulfkotte, 37, im vergangenen Herbst an das Bonner Kanzleramt richtete, war höchst vertraulich. Er plane ein Buch über den Bundesnachrichtendienst (BND), ein Werk, das der wichtigen Rolle der krisengeschüttelten deutschen Spionagezentrale endlich einmal gerecht werde.
Auch die amerikanische CIA, der israelische Mossad und sogar Außenminister Klaus Kinkel (FDP), einst Präsident in Pullach, sollten Beiträge zusteuern. Natürlich würde auch Geheimdienstkoordinator Bernd Schmidbauer (CDU) zu Wort kommen.
Ulfkotte, politischer Redakteur der FRANKFURTER ALLGEMEINEN (FAZ), schien der rechte Mann. In zahlreichen Beiträgen hatte er Freundliches über die Pullacher berichtet ("Neues Ansehen für den BND") und Kritiker wie den Geheimdienstautor Erich Schmidt-Eenboom auf Bitten der Geheimen abgewatscht ("pseudowissenschaftlicher Ehrgeiz").
Dem Kanzleramt gefiel die Idee, Pullach wurde informiert. Ulfkotte, warb der FAZeigene Verlag Koehler und Amelang stolz in einer Ankündigung, nahm "tiefe Einblicke in das Arbeiten im Schatten der Macht. Kein anderer deutscher Journalist hat seit der Gründung des BND 1956 einen intimeren Einblick in das geheime Schaffen der verschiedenen BND-Abteilungen nehmen dürfen".
Am vergangenen Donnerstag präsentierte der studierte Jurist sein Werk und wußte schier Ungeheuerliches zu berichten: Die Ukraine erpresse die Europäische Union mit der Drohung, radioaktives Haschisch auf den Markt zu
* Udo Ulfkotte: "Verschlußsache BND". Verlag Koehler & Amelang, München/Berlin; 368 Seiten; 48 Mark.
bringen. Italien solle EU-Anwärtern nur dann Unterstützung zugesagt haben, wenn diese helfen, den Einzug Deutschlands in den Uno-Sicherheitsrat zu verhindern*.
Der Versuch, den lädierten Ruf des Dienstes durch ein freundlich gehaltenes Buch zu polieren, endete im Fiasko, die Operation Imagepflege ist gescheitert. Der Bundeskanzler bekam angeblich einen Wutanfall, das Kanzleramt fürchtet außenpolitische Verwicklungen, der BND, "daß Quellen des Dienstes mit Leib und Leben gefährdet werden". Im Pullacher Camp wurde in der vergangenen Woche wegen des "massiven Geheimnisverrates" sogar der Ruf nach dem Staatsanwalt laut.
Dazu wird man es wohl nicht kommen lassen. Denn die deutsche Geheimdienstgemeinde war über Monate ungemein zuvorkommend mit dem jetzt gescholtenen Autor. Der durfte, so sagt er, in Pullach und Bonn in Geheimpapieren stöbern, notierte, diktierte und brachte angeblich sogar seinen Fotoapparat mit, um Dossiers abzulichten. Ulfkotte: "Am Ende der Recherche hatte ich schon eine Sehnenscheidenentzündung vom vielen Schreiben."
Mit den Pullachern endete das Buchprojekt schon vor Monaten im Zank. Ulfkotte war auf Vermittlung des Kanzleramts zu einem Besuch des Washingtoner BND-Residenten Hellmann geflogen. Ganz vertraulich und ziemlich naiv bat Ulfkotte den Geheimen um Durchsicht eines Teilmanuskripts. Hellmann reiste mit dem erbeuteten Papier eilig nach Pullach.
Die Bundesagenten waren entsetzt. Der Ulfkotte-Entwurf mischte Heikles, Banales und allerlei Falsches zu einer explosiven Mischung. Die alarmierten Pullacher bestanden auf einem klärenden Gespräch. Schließlich habe Ulfkotte zugesagt, die auf Informationen aus Pullach basierenden Passagen noch einmal abzustimmen. Aber der Autor, der sich von Hellmann "hintergangen" fühlte, lehnte brüsk ab.
Dagegen dankt Ulfkotte in seinem Buch ausdrücklich den Mitarbeitern des "Staatsministers Bernd Schmidbauer". Sie hätten "oftmals unbürokratisch Rat und Hilfe" gewährt. Daran will sich heute niemand mehr erinnern. Denn "Verschlußsache BND" schadet dem angeschlagenen Dienst sehr. Das schwer zu durchdringende Konglomerat aus Übertreibungen, Zuspitzungen und echten Interna kommt schließlich durch die gewährte offizielle Unterstützung irgendwie mit dem Siegel des Amtlichen daher. Der freundliche Grundton macht die Sache nicht besser. Der BND, schreibt Ulfkotte, "leistet mehr, als man ihm zutraut". Und: "Deutsche Auslandsagenten haben wesentlichen Anteil an der jüngeren Geschichte unseres Landes."
Die vom Autor präsentierten "Erfolge" allerdings sind dem Dienst entweder nicht recht oder, nach Darstellung des BND, falsch - etwa die "Operation Herzenswunsch". Die im vorigen November zur Bypassoperation des russischen Präsidenten entsandten deutschen Kardiologen seien keine "menschlich großzügige Geste" des Kanzlers gewesen. Der BND habe die Ärzte primär als wertvolle "Quellen" gesehen, die man "abschöpfen" konnte. Ulfkotte: "Erst in zweiter Linie wollte man nach Angaben von BND-Mitarbeitern dazu beitragen, daß Jelzin möglichst lange lebt."
Der BND bekniete den Autor wegen des "außenpolitischen Schadens und erwiesener Unrichtigkeit", die Episode zu streichen. Als die alarmierten Herzchirurgen sich im Kanzleramt beschwerten ("Wir sind doch keine Spitzel"), rastete der Kanzler aus und wütete über die "geschwätzige Öffentlichkeitsarbeit". Vorsorglich streute das Kanzleramt schon mal wahrheitswidrig, BND-Präsident Hansjörg Geiger habe Ulfkotte die Tür ins Pullacher Camp geöffnet. Doch der hatte den Autor nicht einmal empfangen.
Nicht weniger Ärger werden Ulfkottes Erzählungen über eine angebliche BND- "Negativ-Kartei" deutscher Bundestagsabgeordneter machen. Der Dienst erhalte von befreundeten Geheimdiensten aus aller Welt Fotos und Filme der Parlamentarier, "die fern der Heimat sexuelle Abenteuer suchen". Von einem BND-Mann, der leider anonym bleiben muß, will der Journalist gehört haben, daß "Politiker aller Parteien, zum Teil auch mit Knaben", auffällig geworden seien. Geiger: "Das ist ausgemachter Unsinn, so etwas gibt es nicht."
Und natürlich, berichtet Ulfkotte, kennt der BND auch die wahren Hintergründe des Todes von Uwe Barschel. Ein "ranghoher Bonner Beamter" habe ihm anvertraut, daß sich am Todestag des früheren schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten "mindestens ein BND-Mitarbeiter" in dessen Hotel aufgehalten habe. Barschel habe nicht Selbstmord begangen, sondern sei ermordet worden. Sein Informant sei mit dem Hinweis auf "die hohe Zahl der Verkehrstoten in Deutschland" zum Schweigen gebracht worden. Die "Akte Barschel" mit brisanten Informationen über die Todesnacht sei vor der Lübecker Staatsanwaltschaft, die wegen des Verdachts auf Mord ermittelt, geheimgehalten worden. Geiger versichert dagegen: "Kein Mitarbeiter des BND war anwesend."
Klar, daß Ulfkotte bei solch brisanten Erkenntnissen nach eigenen Angaben ständig bespitzelt wurde. Der amerikanische Abhördienst NSA, da ist sich der dem Genre erlegene Ulfkotte sicher, zog klammheimlich Kapitel seines Buchs aus dem Computer, als er arglos auf den Internet-Homepages der US-Geheimen surfte. Einem Abteilungsleiter des Bundesamtes für Sicherheit in der Informationstechnik habe er über den Vorgang berichtet, obwohl der Bundesbeamte "in seinem Büroraum zum gleichen Zeitpunkt nachweisbar abgehört wurde". Überhaupt würden die "technischen Möglichkeiten des BND alle Orwellschen Phantasien weit übertreffen".
Während der Dienst derlei Episoden in einer ersten Bewertung zwar als ärgerlich, aber verkraftbar einstufte, laufen mittlerweile interne Ermittlungen, wie Ulfkotte sich das Material für das dritte Kapitel seines Buches beschaffte. Titel: "Das Geheimwissen des BND". Zum Beleg, "welch hervorragende Aufklärungsergebnisse deutsche Geheimagenten im Ausland zusammentragen", zitiert der FAZ-Mann gleich seitenweise aus Verschlußsachen des Dienstes. Selbst heikelste Papiere über einzelne Rüstungsvorhaben und Beschaffungsnetze der Mullahs bekam der Autor zugesteckt. "Langjährige Aufklärungsarbeit", jammerten vergangene Woche die Pullacher, würde "zunichte gemacht".
Der Bundesnachrichtendienst dementiert, Ulfkotte die Dossiers zugeschoben zu haben. BND-Sprecher Peter Juchatz: "Bei uns war das nicht - ausgeschlossen." Nach einer ersten Untersuchung kommt wegen der "Fülle des Materials" kein einzelner Mitarbeiter in Betracht. Der Verdacht richtet sich gegen das Kanzleramt.
Ulfkotte selbst zeichnet ein differenziertes Bild seiner Beschaffungsmethoden: "Alle waren froh, daß sie mal sagen konnten, was sie eigentlich tun. Ich sollte doch mal sehen, wie gut die sind."
* Udo Ulfkotte: "Verschlußsache BND". Verlag Koehler & Amelang, München/Berlin; 368 Seiten; 48 Mark.
Von Mascolo und

DER SPIEGEL 29/1997
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