14.07.1997

„Gnadenlos ehrlich“

Zwei AMICA-Autoren testeten im Selbstversuch den Sexmarkt
Die Ankündigung auf der Titelseite der Frauenzeitschrift AMICA ist nüchtern: "Selbstversuch: Callboy, Hure, Swingerclub im Test". Doch dahinter steht ein wegweisendes journalistisches Experiment. Die AMICA-Autoren Meike Winnemuth und Peter Praschl, seit vier Jahren ein Paar, testeten für ihr Blatt am eigenen Leib den gemeinen deutschen Sexmarkt und informieren in einer detailgenauen Reportage die Leser über den Verlauf der kräftezehrenden Recherche.
Meike und Peter waren jeweils bei einer Tantra-Massage; sie bestellte sich einen Callboy, er kaufte sich eine thailändische Prostituierte; und gemeinsam verbrachten sie eine Nacht im Swingerclub, wo die Partygäste sich zu Gruppensex und Partnertausch treffen. Später teilten die beiden sich ihre Erlebnisse mit und versuchten, Eifersucht und Irritation geduldig und einfühlsam dem anderen zu erklären.
Herausgekommen sind zwei Berichte, die zwischen Selbstentblößung und Verletzlichkeit changieren. Am nettesten war es für beide offenbar bei der Tantra-Massage: Der Hamburger Hobby-Masseur Thomas arbeitete an Winnemuth mit Pinsel, Seidentuch und dann mit einem Vibrator, die Masseuse setzte bei Praschl zunächst auf Musik.
Wenig überzeugend war der Sex mit Callboy und Prostituierter: Winnemuth fühlte sich an das erste Mal erinnert ("große Erwartungen, große Enttäuschung"), Praschl vergleicht das Erlebnis mit einem Arztbesuch, bei dem der Doktor mit dem Hämmerchen die Kniereflexe testet. Im Swingerclub hielten die beiden sich, so gut es eben ging, von den anderen Paaren fern.
Intimer als die sexuellen Details sind die Einblicke in die Erfahrungswelt der beiden: Winnemuth ist eifersüchtig, als Praschl den schönen durchtrainierten Körper der Prostituierten lobt; er schreibt, daß es bei der Nachbearbeitung des Erlebten einen Augenblick gegeben habe, "in dem etwas geschieht mit uns, in dem uns etwas nahe kommt". Und er verkündet allen AMICA-Lesern, "daß dieser Augenblick nur mit uns beiden zu tun hat". Warum dann die Mitteilungswut gegenüber dem Publikum? Vielleicht um denen das Ergebnis des Tests mitzuteilen, daß "da noch so viele Neugierden in uns lauern könnten, worauf auch immer".
So mancher werde staunen, hofft die Chefredakteurin Ulla Hildebrandt im Editorial, "daß sich unser redaktionsinternes Liebespaar das getraut hat". Die beiden hätten eine "gnadenlos ehrliche Geschichte" abgeliefert, die viel erzähle über "Neugier, Zweifel, Ängste und die verschiedenen Betrachtungsweisen von Männern und Frauen". Und dann versichert sie den Lesern, Winnemuth und Praschl seien, "doch, doch", immer noch zusammen. Gut zu wissen.
Von Wellershoff und

DER SPIEGEL 29/1997
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