21.07.1997

ERNÄHRUNGHochvergoren, hopfungslos

Ein satirisches Bier-Lexikon geht hart mit ihren Produkten ins Gericht - nun schlagen mehrere deutsche Brauer mit juristischen Mitteln zurück.
Ein gutes Buch, pflegt Literaturpapst Marcel Reich-Ranicki zu sagen, zeichne sich aus durch "Intelligenz und Temperament, Humor und Ironie". Wenn der urteilsfreudige Mann doch bloß Biertrinker wäre.
Was ein gutes Bier ist, verrät das jüngste Sachbuch auch nach 332 Seiten nur ex negativo. Manche Trinker geraten bei strammen Schaumkronen ins Schwärmen: "Das ist ein Bier!"; Gerstensaft-Profis hingegen wenden sich mit Grausen: "Das ist kein Bier!"; die Autoren des Bier-Lexikons* wollen ebenfalls nicht als Schaumschläger dastehen: "Ende der Diskussion."
So nicht. Eine Nation, die in der Not Hopfen und Malz verloren sieht, die aus Liebe zum Pils den Bölkstoff für Kinoschlager gewinnt, die seit Generationen Hawaii boykottiert - "Es gibt kein Bier", darum fahre man nicht nach Hawaii, "drum bleib''n wir hier" -, ein so brautreues Volk läßt sich nicht von zwei Möchtegernprofis die Autorität streitig machen.
Und so kam es, kaum war das Buch von Jürgen Roth, 29, und Michael Rudolf, 36,
* Jürgen Roth, Michael Rudolf: "Bier! Das Lexikon". Reclam Verlag, Leipzig; 332 Seiten; 18 Mark.
auf dem Markt, zu handfesten Rechtsraufereien, die Stoff für eine bundesweite Stammtisch-Exegese bieten.
Einen Punktsieg trug die Licher Privatbrauerei davon. Unter "L" referierten die Autoren das üble Gerücht, das hessische Brauhaus "unterstütze die Reps und anderes Pack finanziell". Nicht nur "jeden Möchtegernlinksaktivisten", sondern auch manchen Pilsaußen vom rechten Rand ordnen Roth/Rudolf dem Licher-Kosmos zu - wer kann sich seine Trinker schon aussuchen. Obwohl der Absatz versöhnlich endete - "Des nächste Lischä is sischä" -, mußte der Leipziger Reclam Verlag 2000 Exemplare der ersten Auflage einstampfen und "die bewußt herabsetzende Passage" in der zweiten aussparen.
Ganz so einfach wird es für eine Gruppe mittelständischer Privatbrauereien in Bayern nicht. Deren Anwälte beklagen "den Tatbestand einer reinen Schmähkritik" in der Bier-Satire.
Gewiß: Es kann die traditionsreichen Münchner Löwenbrauer schon verbittern, wenn ihr "hochvergorenes Pils" als "überraschend hopfungslos" eingestuft wird. Das Urteil "In dem Bier ist nichts los", das die Juroren dem ebenfalls an der Isar verzapften Augustiner "Edelstoff" verpassen, gipfelt in dumpfer Ratlosigkeit: "Vielleicht sollte der Baudrillard mal was sagen."
Aber auch norddeutsche Brauer kriegen ihr Fett weg. Beck''s Spitzen-Pilsener aus Bremen schmecke "immer so, wie man sich gerade fühlt, also meistens schlecht". Im Jever vermissen die Rezensenten die friesische Herbe, die Hopfen-Insuffizienz erfahre "Momente tragischen Ausmaßes".
Das Dormagener Garde Kölsch "tänzelt ziemlich lustlos auf der Zunge". Beim Franken Hell von Hauff-Bräu versagten den Testern beinahe die Geschmacksnerven: "Eine eschatologisch anmutende Dämonie teuflischster Provenienz, ein Müll-, ein Abfallbier - ja, es ist kaum zu beschreiben."
Doch bei über 3270 geprüften nationalen und internationalen Marken, von denen 853 in die Auswahl aufgenommen wurden, fand durchaus einiges Gnade in den Kehlen der Koster. Der süddeutschen Schneider Brauerei attestieren sie "ein wackeres, handwerkliches Pils" und zensieren: "Schneider Bräu, setzen. Eins." Bei Reissdorf Kölsch kam "in der Testergemeinde prompt Schampusstimmung auf. "Prickelnd, reizend und charmant" legten sich die 4,8 Prozent "auf der Zunge ab".
Euphorie lösten einige untergärige Produkte ostdeutscher Brauereien aus. Der in Thüringen geborene Autor Rudolf hat bei der Schloßbrauerei Greiz das Brauhandwerk studiert. Ein "klassisches Hopfenfinish" fand der Brau-Ingenieur im Radeberger Pilsener, "würziger Antrunk, bestens abgestimmte Bittere".
Auf ihrem Streifzug zwischen "A" wie Adelskrone Pils ("Es ist so würdelos") und "Z" wie Zwölf Apostel ("Keine gute Apperzeption") entzaubern die Experten die abgestandene Weisheit "Gut Bier will Weile haben"; ein professioneller Schankwirt gebe "maximal drei Minuten vor".
Neben bekannteren Erkenntnissen ("Brechen, das - kündigt sich durch ein Gefühl des Ekels beim Anblick prallvoller Weizenbierpokale an") verstecken sich originelle Fundsachen: Das Pilsener der Brauerei Nothhaft in Marktredwitz, das im "südlichen Zonenrandgebiet und in weiten Teilen der Marktredwitzer Fußgängerunterführung" getrunken werde, wäre ohne die Ausgrabungen der Bier-Archäologen westdeutschen Konsumenten womöglich verborgen geblieben.
"Ohne auf das literarische Niveau des vorbezeichneten Buches einzugehen", beanstanden die beleidigten mittelbayerischen Brauer, seien ihre Biere "in einer absolut unqualifizierten Weise beurteilt worden". Das wollen die Autoren nicht auf sich sitzen lassen. Abgesehen von jahrzehntelanger Feldforschung im In- und Ausland, wo beide sich "konsequent Bier trinkend weitergebildet" hätten, fußten die Ergebnisse "auf wissenschaftlichem Fundament", sagt Roth. So wurde etwa ein noch aus DDR-Zeiten vorrätiger Testbogen in die Verkostung aufgenommen.
Das Büchlein, dem bald eine umfängliche Anthologie folgen soll, "bierernst zu nehmen", schreibt Reclam-Anwalt Winfried Seibert, verbiete sich "aus mancherlei Gründen". Einen davon hat schon Kurt Tucholsky formuliert, und die verhopfte Version seines berühmten Verdiktes lautet: "Was darf die Bier-Satire? Alles."
* Jürgen Roth, Michael Rudolf: "Bier! Das Lexikon". Reclam Verlag, Leipzig; 332 Seiten; 18 Mark.
Von Musall und

DER SPIEGEL 30/1997
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 30/1997
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

ERNÄHRUNG:
Hochvergoren, hopfungslos

Video 01:16

Auto auf Abwegen Wofür man ein SUV in der Stadt braucht

  • Video "Reaktion auf Trumps Angriffe: Er will gar nicht mehr Präsident sein" Video 02:25
    Reaktion auf Trumps Angriffe: "Er will gar nicht mehr Präsident sein"
  • Video "Überwachung in China: Zwei Schritte - und die Software weiß, wer Sie sind" Video 05:45
    Überwachung in China: Zwei Schritte - und die Software weiß, wer Sie sind
  • Video "Straße von Hormus: Videos zeigen Festsetzung von britischem Tanker" Video 01:15
    Straße von Hormus: Videos zeigen Festsetzung von britischem Tanker
  • Video "Mode in Japan: Junge Frauen in Tokio möchten niedlich sein" Video 29:13
    Mode in Japan: "Junge Frauen in Tokio möchten niedlich sein"
  • Video "Spiderman wider Willen: Waghalsige Kletteraktion" Video 00:45
    Spiderman wider Willen: Waghalsige Kletteraktion
  • Video "Filmstarts: Smarthome-Horror" Video 08:21
    Filmstarts: Smarthome-Horror
  • Video "Kassel: Tausende protestieren gegen Neonazi-Demo" Video 01:57
    Kassel: Tausende protestieren gegen Neonazi-Demo
  • Video "Airsoft: Am Wochenende spielen sie Krieg" Video 22:17
    Airsoft: Am Wochenende spielen sie Krieg
  • Video "Hass-Chöre gegen Kongressfrauen: Kameraufnahmen widerlegen Trump" Video 03:11
    Hass-Chöre gegen Kongressfrauen: Kameraufnahmen widerlegen Trump
  • Video "Computer-Cocktails: Die Roboter-Bar" Video 01:37
    Computer-Cocktails: Die Roboter-Bar
  • Video "Spiderman wider Willen: Waghalsige Kletteraktion" Video 00:45
    Spiderman wider Willen: Waghalsige Kletteraktion
  • Video "Überwachungskameras an Tankstelle: Menschen fliehen vor Erdrutsch" Video 00:55
    Überwachungskameras an Tankstelle: Menschen fliehen vor Erdrutsch
  • Video "Distanzierung von Trump: Merkel solidarisiert sich mit US-Abgeordneten" Video 00:50
    Distanzierung von Trump: Merkel solidarisiert sich mit US-Abgeordneten
  • Video "Israel: Archäologen finden 1200 Jahre alte Moschee" Video 00:55
    Israel: Archäologen finden 1200 Jahre alte Moschee
  • Video "Auto auf Abwegen: Wofür man ein SUV in der Stadt braucht" Video 01:16
    Auto auf Abwegen: Wofür man ein SUV in der Stadt braucht