21.07.1997

THEATERHaarmanns Horrorgeschichten

Dunkel sind die Gefilde des Bösen - und unendlich banal. Fritz Haarmann tötete, wie er lebte, so bestialisch wie beiläufig, so ordentlich wie unbegreiflich. 24 jungen Männern biß er beim Liebesspiel die Kehle durch, tranchierte die Leichen sachkundig und wunderte sich später, ganz ertapptes Kind, über seine Strafe: "Das waren doch nur Pupenjungs." Ein Monster - oder eigentlich ein lieber Kerl, der Mitleid verdient? Langsam dreht sich die karge Bühne im Stuttgarter Theater im Depot, wo der Regisseur Christian Pade vergangenen Samstag erstmals Haarmanns Horrorgeschichten inszenierte: der Psychiater und das Biest, in immer wechselnder Sicht. Pade, 35, sucht in seiner Version des "Totmachers" anhand der Protokolle der langen Zwiegespräche zwischen Haarmann und dem Professor Ernst Schultze, aus denen Romuald Karmakar 1995 mit Götz George ein bezwingendes Kino-Kammerspiel bastelte, auch die Antwort zu einer grausig einfachen Frage: Massenmord, wie funktioniert das? Es geht dem Regisseur dabei allerdings nicht um die Frage nach Haarmanns Schuld. "Der Totmacher" ist in Pades Sicht vor allem eine "Choreographie der Aufklärung", die das Morden ganz mechanisch untersucht: Wie lebt jemand mit und vor allem vom Töten? Heraus kommt ein erschreckend normales Bild - der Mörder als Spießbürger, anständig, zwanghaft und ohne Reue.
Von Georg Dietz und

DER SPIEGEL 30/1997
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 30/1997
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

THEATER:
Haarmanns Horrorgeschichten