23.07.2012

Es war noch heller Tag

Rekonstruktion eines Massakers: Überlebende und Augenzeugen berichten, was sich am Abend des 25. Mai in der syrischen Gemeinde Hula zutrug.
Ihnen werde schon nichts geschehen, beruhigte der pensionierte Polizeioffizier Muawija al-Sajjid am Nachmittag des 25. Mai seine Familie, die nicht wagte, ihr Haus zu verlassen. Er sei schließlich Oberst gewesen, und bislang seien sie bei Razzien der Regimetruppen stets unbehelligt geblieben.
Eine tödliche Fehleinschätzung, wie Oberst Sajjid in den letzten Minuten seines Lebens erkennen musste. Denn nach den Aussagen seiner überlebenden Frau und Tochter hörte er da von seinem Zimmer im ersten Stock aus, wie sich die Mörder vor dem Haus verabredeten, dass sie sich erst die Frauen holen und anschließend alle umbringen würden. Er schickte die Frauen und Kinder zur Flucht. "Ich werde versuchen, sie aufzuhalten." Was ihm um den Preis seines Lebens gelang.
Das Massaker von Hula, bei dem nach Angaben der Uno 108 Dorfbewohner, davon 49 Kinder und 34 Frauen, ermordet wurden, die meisten von ihnen mit Äxten, Messern und Schusswaffen, entsetzte Ende Mai die Weltöffentlichkeit. Immerhin war es den Uno-Beobachtern gelungen, an den Schauplatz einer solchen Bluttat vorzudringen, die Leichen zu sehen und so von unabhängiger Seite das Geschehene bestätigen zu können. Die Uno und zwölf Staaten, darunter Deutschland, wiesen die syrischen Botschafter aus. Am 1. Juni verurteilte der Uno-Menschenrechtsrat gegen die Stimmen Russlands und Chinas die syrische Regierung sowie ihre Schabiha-Milizen für das Massaker. Die Regierung in Damaskus dagegen machte "Terroristen" für die Tat verantwortlich und beklagte einen "Tsunami der Lügen".
Doch dann veränderte sich das Meinungsbild: Je mehr Zeit verging, desto stärker stellten die Vereinten Nationen ihren anfangs eindeutigen Befund in Frage. Am 27. Juni diskutierte der Menschenrechtsrat einen Bericht seiner Syrien-Kommission. Dieser stellte fest, anhand der unzulänglichen Beweislage sei nicht nachweisbar, wer das Massaker begangen habe.
Am 8. und am 14. Juni hatte die "Frankfurter Allgemeine" zwei auf Aussagen anonymer Augenzeugen beruhende Berichte veröffentlicht, wonach in Wirklichkeit Bewaffnete der Opposition das Massaker verübt und anschließend dem Regime untergeschoben hätten. 700 Kämpfer der Freien Syrischen Armee, FSA, seien aus verschiedenen Orten nach Hula gekommen, um dort zum alawitischen oder schiitischen Glauben konvertierte Familien umzubringen, die sich nicht dem Aufstand angeschlossen hätten. Anfang Juli setzte der ehemalige CDU-Bundestagsabgeordnete Jürgen Todenhöfer nach und beklagte das "Massaker-Marketing" der Aufständischen.
Seit der für den britischen Fernsehsender Channel 4 berichtende Reporter Alex Thompson am 26. Mai mit den Uno-Beobachtern für ein paar Stunden nach Hula kam, war kein ausländischer Journalist mehr dort, um selbst mit Überlebenden der Familien und mit Augenzeugen des Angriffs sprechen und vor Ort recherchieren zu können.
Einem SPIEGEL-Team ist es nun gelungen, den Ort des Massakers zu besuchen: Taldu, das größte von vier weit auseinanderliegenden Dörfern, welche die Gemeinde Hula bilden. Es war eine komplizierte Anreise, denn das syrische Regime möchte keine unabhängig recherchierenden Journalisten im Land haben, schon gar nicht in Hula.
Überdies liegt ein Ring aus alawitischen Dörfern um den Ort. Dort hat die syrische Armee Stützpunkte errichtet, von denen aus sie Hula fortgesetzt mit Panzern und Artillerie beschießt. In diesen Dörfern werden die regimetreuen Schabiha-Milizen bewaffnet, die nun Checkpoints an den Straßen errichten und sich an Überfällen beteiligen.
Taldu selbst, wo vor der Revolution mehr als 15 000 Menschen lebten, wird von seinen eigenen Bewohnern kontrolliert. Sie haben eine Einheit der FSA gebildet - was sie vor kleineren Überfällen schützt, aber nicht vor Granatenbeschuss. Teile des Ortes, darunter ein Schauplatz des Massakers, liegen weiterhin unzugänglich im Schussfeld von Scharfschützen der Armee, die auf einem Hügelkamm am Ortsrand stationiert sind.
Zwei Tage lang hielt sich das SPIEGEL-Team in Taldu auf, konnte sich dort frei bewegen, Überlebende der Familien Sajjid und Abd al-Rassak befragen und mit Zeugen sprechen. Manche der Zeugen sprachen vor der Kamera, andere wollten anonym bleiben, weil sie noch Verwandte im Gefängnis oder in Städten haben, die vom Regime kontrolliert werden. Um zu verhindern, dass die kollektive Erinnerung das selbst Erlebte überlagert, wurden die Zeugen einzeln nach dem befragt, was sie gesehen und gehört haben.
Als sich die Einwohner von Taldu nach dem Freitagsgebet am 25. Mai wie üblich zu Protestzügen gegen das Regime formierten, setzte am frühen Nachmittag heftiger Granatenbeschuss aus verschiedenen Stützpunkten der Armee ein. Es kam zu Gegenangriffen von Einheiten der FSA auf mehrere Checkpoints der Armee. In Taldu, berichten mehrere Zeugen, hielten sich an jenem Nachmittag aber kaum FSA-Kämpfer auf, weshalb es auch keinerlei Widerstand gegen die einrückenden Todesschwadronen gab. Es war noch heller Tag, als die erste Welle kam.
Zeuge I
Mohammed Faur Abd al-Rassak war am frühen Nachmittag des 25. Mai auf dem Weg nach Hause in die Sadd-Straße, von der die Gasse mit den Häusern der Ermordeten abgeht. Er hatte Gerüchte gehört, dass Schabiha-Gruppen aus mehreren Ortschaften der Umgebung, darunter dem ausschließlich alawitischen Dorf Fula, Richtung Taldu unterwegs seien und rief zu Hause an. "Sie sammeln sich", habe sein Vater ihm gesagt, es traue sich kaum einer aus dem Haus, da viel geschossen werde. "Um kurz vor fünf war ich in der Nähe unseres Hauses, von wo aus man die Straße nach Fula auf dem Hügel sehen kann. Da kamen ungefähr zehn Autos und bestimmt 400 Mann herunter. Einige trugen Militärkleidung, andere waren in Zivil. Manche trugen lange Bärte, ihre Köpfe waren kahlgeschoren. Manche der Männer trugen eine rote Armbinde.
Vom Wasserwerk, wo das Militär sitzt, kam eine zweite Gruppe, das waren ungefähr 30 Mann in Uniform. Langsam näherte ich mich unserem Haus und versteckte mich an der Sadd-Straße. Von dort sah ich, wie die Männer sich rasch verteilten und als Erstes einen Mann mit einem Maschinengewehr in der Kreuzung postierten, um die Gegend kontrollieren zu können. Wahrscheinlich haben sich beide Gruppen dort getroffen. Ich sah jeweils vier, fünf Männer in die Häuser gehen, in Zivil und in Uniform. Sie hatten Kalaschnikows dabei, und jedes Mal, wenn sie in ein Haus gingen, hörte ich kurz darauf einzelne Schüsse. Soldaten sahen mich, da bin ich weggerannt, ungefähr 400 Meter weit. Gegen 19 Uhr waren andere Schüsse zu hören, das klang wie Freudenfeuer. Als es vorbei zu sein schien, hat mich jemand auf dem Motorrad mitgenommen, und wir haben im ersten Haus, das wir betraten, zwölf Leichen der Familie von Samir Abd al-Rassak gefunden."
Zeuge II
Auch der Offizier Dschihad Raslan, der seit vier Tagen auf Heimaturlaub war, sah von seinem Haus in der Sadd-Straße, wie um 18.30 Uhr Bewaffnete in Zivil und Uniform auf einen Olivenhain zwischen dem Alawiten-Dorf Fula und Taldu zugingen. "Ich sah mehr als hundert Männer, aber es war unübersichtlich. Das Bombardement war abgeebbt. Ich verließ vorsichtig das Haus, um nachzusehen. Eine Frau, die von Westen her auf mich zulief und mich erkannte, rief: ,Sie bringen die Leute um!' Um sechs sah ich eine weitere Frau mit Schusswunden auf der Straße liegen, die sagte: ,Sie gehen in die Häuser und töten!'
Ich habe gewartet, sah bis 19 Uhr Fliehende, bin eine halbe Stunde später rausgegangen mit einer Taschenlampe, denn der Strom war abgeschaltet worden. Dann bin ich nacheinander in drei Häuser gegangen: Im ersten, dem von Samir Abd al-Rassak, lag eine einzelne tote Frau und in einem weiteren Raum mehrere Frauen und Kinder mit Schusswunden. Vor dem zweiten Haus sah ich Mustafa Abd al-Rassak noch atmend in einer riesigen Blutlache liegen, drinnen die tote Familie. Und im dritten Haus, dem von Abu Schaalan Abd al-Rassak, waren es über 20 Leichen. Ich habe mitgeholfen, die Toten mit Autos in die Moschee zu bringen, dann brachte ich meine eigene Familie in Sicherheit."
Zeuge III
Dschihad Raslans Bekannter, der Leutnant Malik Bakkur, war im Haus eines Cousins in der Sadd-Straße, als er davon hörte, dass Bewaffnete von Fula nach Taldu herunterkamen: "Bis um sechs Uhr war so viel Granatenbeschuss, dass ich mich kaum hinaustraute. Ich sah, wie gegen 17.30 Uhr 40 Männer in Uniform und in Zivil nach Fula hochzogen, die meisten liefen, aber voran fuhr ein silberfarbener Pick-up mit aufmontiertem MG. Den hatte ich Tage zuvor schon am Checkpoint gesehen, der eine Weile zuvor in Fula errichtet worden war. Ich stand etwas erhöht und konnte die Männer beobachten, bis ungefähr hundert Meter vor dem Dorf.
Dann traf ich Raslan, und wir gingen gemeinsam in die Häuser, sahen die Leichen. Einigen war der Schädel gespalten wie von einem Metzgerbeil, andere hatten aufgesetzte Kopfschüsse, vorn ein kleines, hinten ein großes Loch. In Mustafa Abd al-Rassaks Haus zählte ich 17 Leichen übereinander."
Weitere Überlebende haben die Gruppe aus Fula kommen sehen, und auch sie erinnern sich an ähnliche Details - so etwa an die roten Armbinden, die eine alte Frau sah, die anonym bleiben will: "Das trug der Soldat in einer grünen Uniform, der hereinkam. Alle Türen standen offen, weil wir noch an eine Razzia glaubten, wie sie mehrmals zuvor vorgekommen waren. Meine Schwiegertochter sagte ihm, hier sind nur Frauen und Kinder, unsere Männer arbeiten im Libanon. Ich stand hinter einer Tür, als er hereinkam und sofort schoss."
Es war das Missverständnis, die Mörder kämen nur zu einer Razzia, das so viele Leben kostete - und manches rettete, wie das des Sohnes von Mustafa Abd al-Rassak: Der hatte sich in einer aufgegebenen Hühnerfarm 50 Meter neben dem Haus versteckt, weil er fürchtete, als Regimegegner festgenommen zu werden.
Nach der ersten Welle des Massakers am Spätnachmittag gab es zwischen ungefähr 23 Uhr und 4 Uhr morgens eine zweite Welle in einem anderen Teil von Taldu. Da es nun dunkel war, sah von den Überlebenden dort niemand, woher genau die Täter kamen. Aber da die Häuser zwischen zwei Checkpoints der Armee lagen, wäre es für Regimegegner kaum möglich gewesen, dort unbehelligt von Haus zu Haus zu ziehen und Bewohner zu erschießen, ohne in Zusammenstöße mit den Soldaten zu geraten.
Zeuge IV
Der elfjährige Ali Adil al-Sajjid war spätabends noch wach, weil seit Stunden die Einschläge von Granaten in der Nähe zu hören waren: "Gegen 23 Uhr waren von draußen Stimmen zu hören: ,Licht aus! Tür auf!' Aber es gab ja sowieso keinen Strom. Ich hörte, wie von unten gegen die Tür geschlagen wurde, aber dann gingen sie wieder.
Kurz vor vier Uhr wurde ich wieder wach, als Männer ins Haus kamen. Ich und meine Brüder lagen im Wohnzimmer. Als meine Schwester Rascha weglaufen wollte, erschoss sie einer der Männer. Mein Bruder Adil schlief noch, als ein Mann auf ihn schoss. Hinterher fehlte ein Stück von Adils Kopf. Der Mann schoss auch auf mich, aber mich hat er nicht getroffen. Ich rollte mich auf die Seite und stellte mich tot. Dann haben die Männer zwei Fernseher, unsere Waschmaschine und den Computer mitgenommen. Von draußen war das Geräusch eines BMB zu hören" - eines gepanzerten Truppentransporters, den die syrische Armee einsetzt.
Alis schwerverletzter Bruder Nadir "machte noch Geräusche, als ob er Schluckauf hätte. Dann ist er gestorben".
Ali Adil al-Sajjid, der einzige Überlebende seiner Familie, ist entfernt verwandt mit dem syrischen Parlamentsabgeordneten Abd al-Muti Maschlab. Auf diesen Umstand stützten die Beobachter der Vereinten Nationen die Annahme, es seien Menschen wegen ihrer Verwandtschaft mit einem Regimefunktionär umgebracht worden. Doch Maschlab, sagt Ali, sei nur der Onkel der Frau seines Onkels. Ali und sein Vater seien bis zum Herbst häufig zu den Demonstrationen gegangen, "da haben wir vorher Kebab und Cola gekauft!" Aber im November sei sein Vater verhaftet worden, "danach hatte er zu viel Angst".
Zeuge V
Ein paar Häuser weiter lebte die Familie des pensionierten Polizeioffiziers Muawija al-Sajjid. Dessen Tochter Marjam al-Sajjid, 15, stand im Haus am Fenster, "als zum ersten Mal gegen 16.30 Uhr eine Gruppe Soldaten vom Wasserwerk näherkam. Sie schossen in die Luft, schlugen gegen unsere Tür, aber als niemand reagierte, zogen sie weiter. Wir fühlten uns sicher. Mein Vater war 30 Jahre lang im Polizeidienst gewesen, zuletzt als Oberst. Bei Razzien zuvor war uns nie etwas geschehen.
Auch mein Bruder Ahmed war im Haus, er war Soldat, hatte einen Beinbruch und konnte sich nicht bewegen. Vier Monate lang hatte er keinen Urlaub bekommen, weil er aus Hula kam und schon deshalb als verdächtig galt.
Nur jetzt, wegen seines Beinbruchs, hatte er nach Hause gedurft. Aber vor der Armee hatten wir keine Angst. Und wenn es Terroristen wären, wie sollten die hierherkommen durch die beiden Checkpoints? Wovor wir Angst hatten, waren die Granaten, die in der Nähe stundenlang herunterkamen. Es war ja noch hell, und unser Haus ist das letzte an der Straße, wir wagten nicht zu fliehen.
Gegen 18 Uhr hörten wir einen Panzer auf der Straße und Männer auf einem Auto, die skandierten: ,Schabiha für immer! Mit unserem Blut und unserer Seele opfern wir uns für dich, oh Baschar!' Das hatten wir vorher noch nie gehört.
Wir waren im Haus, mein Vater im Raum zur Straße, alle anderen im Raum nach hinten raus. Um 23 Uhr waren Stimmen durch Lautsprecher zu hören: ,Alle Lichter aus! Auch Kerzen!' Ich ging zu meinem Vater in den anderen Raum. Er hatte gerade gehört, wie Männer unten vor der Tür standen und sagten, erst würden sie sich die Frauen nehmen, dann alle töten. Ich fragte ihn, was wir tun sollten. Er sagte: 'Geht! Ich werde hinausgehen und versuchen, sie aufzu-halten.'
Wir waren 15, Ahmed konnten wir nicht mitnehmen, er war zu krank. Aber in der Angst und in der Eile vergaßen wir Sarah, meine achtjährige Schwester. Sie schlief. Als ich das merkte, ging ich zurück mit meiner Schwägerin zum Haus. Wir hörten die Männer: 'Wir wollen die Frauen!' Meine Schwägerin sagte: ,Wir können nichts mehr tun. Sie werden sterben.' Sie zog mich zurück, und wir flohen."
Zeuge VI
Marjam al-Sajjids Mutter Hana Harmut war noch einen Moment länger im Haus geblieben und sah nicht, wohin die anderen gelaufen waren in der Dunkelheit: "Ich ging zurück zur Rückseite des Hauses, hörte die Stimmen der Männer im Haus, hörte Ahmed schreien, und dann hörte ich Sarah, wie sie aufwachte, weinte und laut ,Mama' rief. Ich hörte noch meinen Mann rufen: ,Ahmed nicht! Ahmed nicht!' Dann einige Schüsse, ich weiß nicht, wie viele. Danach war es kurz still. Und dann waren Geräusche zu hören, als ob die Küche verwüstet würde. Vielleicht suchten sie Messer.
Ich dachte nur noch daran zu fliehen und versteckte mich in einem Stall in der Nachbarschaft, wo sonst die Tiere sind. Noch bis gegen zwei, drei Uhr früh waren die Männer zu hören, dann wurde es ruhiger."
Die Familie Sajjid war weder in der Opposition führend aktiv, noch unterstützte sie das Regime. Einer der Gründe, so glauben die Überlebenden, der sie zum Ziel gemacht haben könnte, sei der Vorname des Vaters: Muawija. So hieß jener Kalif, der vor über 1300 Jahren gegen jene Imame kämpfte, die als Heilige der Schiiten gelten und deren Tod heute noch rituell betrauert wird. Ein absolutes Reizwort für radikale Schiiten und, abgeschwächt, auch für Alawiten, die zur selben Glaubensgruppe zählen. Und garantiert nicht der Name eines Mannes, der zum schiitischen Islam konvertiert ist.
Nach übereinstimmenden Aussagen der Überlebenden, aller Dorfbewohner aus Taldu und anderen Teilen Hulas, gibt und gab es keine schiitischen oder alawitischen Familien in Hula - ebenso wenig, wie es sunnitische Familien in den umliegenden alawitischen Dörfern gibt. Zwar habe es früher gelegentlich Heiraten zwischen alawitischen und sunnitischen Familien gegeben, aber in diesen Fällen sei stets die Frau ins Dorf des Mannes gezogen und habe dessen Glauben angenommen.
Woher aber mögen die namentlich nicht genannten Zeugen gekommen sein, die mit der Aussage zitiert wurden, dass die Opfer von Hula gar keine Sunniten und Oppositionelle gewesen seien, sondern eher Anhänger des Regimes?
Zeuge VII
Oberst Mohammed Tajjib Bakkur, der zwei Drittel seines Lebens in der syrischen Armee gedient hat und vor wenigen Wochen desertierte, war zuletzt in der politischen Abteilung des Verteidigungsministeriums eingesetzt. Am 28. Mai, berichtet er jetzt, habe er einen Anruf von Dschamil Hassan erhalten, dem Chef des Luftwaffengeheimdienstes, einem der führenden Männer des Regimes: "Er bestellte mich für den 2. Juni ein und meinte, ich käme doch aus Hula. Da sei ja eine internationale Verschwörung gegen Syrien im Gang. Deswegen solle ich in Hula oder Umgebung ein paar möglichst arme Menschen finden. Ich solle sie nach Damaskus bringen, damit sie die Regimeversion des Massakers verbreiten. Die Leute aus Hula bekämen auch Geld dafür, ich ebenso. Dann rief er seinen Büroleiter, dass der mir 25 000 Syrische Pfund aushändigen solle." Umgerechnet gut 300 Euro.
Nach 35 Jahren in der Armee sei das für ihn der Moment gewesen, die Seiten zu wechseln: "Ich wollte das nicht mehr mittragen, habe meine Familie in Sicherheit gebracht und bin geflohen."
So weit die Zeugen aus Taldu.
Wäre es wirklich ein von Rebellen angerichtetes Massaker gewesen - wieso wird Taldu dann seit Monaten fortwährend von der Armee beschossen und bombardiert, so auch noch in den Tagen der Recherche vor Ort? Weshalb sind eine ganze Reihe von Armee-Offizieren aus Hula nach dem Massaker zur FSA übergelaufen, wenn doch die FSA das Massaker verübt haben sollte?
Auf einem Platz im Zentrum von Taldu haben die Bewohner nach dem Massaker gemeinsam die Toten begraben, von denen sie sagen, es seien noch mehr als die 108 von den Uno-Beobachtern gezählten gewesen - was sich nicht mehr überprüfen lässt, aber naheliegt, da viele der Toten erst Tage nach deren Abzug geborgen werden konnten.
Mitte Juli sind nun ein paar mutige Arbeiter damit beschäftigt, neue Erde aufzuschütten, da der Boden sich gesenkt hat. Die bislang verstreut herumliegenden Ziegelsteine wollen sie durch eine Umrandung aus Natursteinen ersetzen. Es solle wenigstens würdig aussehen, sagt einer der Männer. Allzu lange möge man hier allerdings nicht stehen bleiben, warnt er: "Hierhin schießen die Soldaten vom Wasserwerk manchmal Raketen."
Ein paar Ecken weiter, am zerstörten Hauptplatz von Taldu, wo die Armee einen Checkpoint hielt, den sie erst sechs Tage nach dem Massaker aufgab, steht ein Graffito an einer Wand, von dem die Anwohner sagen, es stamme von den Soldaten. Und dem vorausgeschickt sei, dass Assad auf Arabisch Löwe bedeutet: "Seid nicht allzu betrübt! Manchmal tanzen die Hunde auf dem Löwen, aber sie wissen gar nicht, dass es der Löwe ist."
Von Christoph Reuter und Mitarbeit: Abd al-Kader Adhun

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