23.07.2012

AUTORENDie zwei Seiten

Edgar Hilsenrath wurde mit dem Roman „Der Nazi & der Friseur“ berühmt. Nun hat er seinen Verleger verklagt. Mit seltsamen Argumenten. Es geht wohl um viel Geld.
Er ist ein Bestsellerautor, ein großartiger Schriftsteller, aber auch ein Außenseiter der deutschen Nachkriegsliteratur, der auf eigenwillige Weise die Schrecken des Holocaust zur Sprache gebracht hat: fast unerträglich realistisch und brutal, mit schwarzem Humor und grotesken Zuspitzungen.
Edgar Hilsenrath, 86, selbst Überlebender der Schoah, hat in seinem Dichterleben viele verwirrt und irritiert. Berühmt wurde er mit seinem Roman "Der Nazi & der Friseur", der Geschichte eines SS-Schergen, der sich nach dem Krieg mit geraubter Identität als jüdischer Holocaust-Überlebender ausgibt. Heutige Weltauflage: mehr als eine Million.
Der Roman war 1971 zunächst in den USA erschienen, in englischer Übersetzung. Kein deutscher Verlag hatte sich an das Werk herangetraut, es gab mehr als 60 Absagen. Erst 1977 wagte ein Kölner Verleger eine deutsche Ausgabe.
Jetzt, im Alter, hat der Schriftsteller wieder Ärger mit einem Buch. Doch diesmal ist es ein Buch nicht von, sondern über Edgar Hilsenrath. Verfasst hat es sein langjähriger Verleger Volker Dittrich, 60, der mit viel Enthusiasmus zwischen 2003 und 2008 eine Werkausgabe in zehn Bänden publizierte. Ihm hat Hilsenrath jetzt gerichtlich den weiteren Vertrieb des Buches untersagen lassen.
"Zwei Seiten der Erinnerung" heißt das im Frühjahr veröffentlichte Werk, dem das Landgericht Berlin noch eine einmonatige "Aufbrauchfrist" eingeräumt hat, die Ende der kommenden Woche ausläuft(*). Danach darf das Doppelporträt der Brüder Edgar und Manfred Hilsenrath nicht mehr angeboten werden.
Was steckt hinter der Klage? Unzufriedenheit mit dem Inhalt? Eine Entfremdung zwischen Autor und Verleger, zurückzuführen auf eine geschickte Manipulation des greisen Dichters durch seine Frau und einen von ihm eingesetzten Generalbevollmächtigten? Geht es am Ende um erhoffte Geldsummen, die aus dem Verkauf von Filmrechten fließen könnten?
"Zwei Seiten der Erinnerung" ist eine liebevolle Hommage, eine kunstvolle und
kenntnisreiche Montage aus Briefen, Romanauszügen und Äußerungen Edgar Hilsenraths, ergänzt durch ein langes Gespräch mit dem in den USA lebenden Bruder Manfred.
Vier Tage lang ließ sich Dittrich im Mai 2011 in Arkansas dessen Lebensgeschichte erzählen, eine Geschichte, die die Brüder während des Holocaust großenteils gemeinsam zu bestehen hatten. Die in Leipzig geborenen Söhne aus einer jüdischen Kaufmannsfamilie waren 1938 als Jugendliche bei Verwandten in der Bukowina untergekommen. Drei Jahre später wurden sie in einem Güterwaggon ins Ghetto Mogiljow-Podolski in der Ukraine transportiert, 1944 befreite sie die Rote Armee.
Der mündliche Lebensbericht des Ingenieurs Manfred Hilsenrath, 83, gewinnt seinen Charme gerade durch die auch in der Druckfassung erhaltene Diktion, etwa wenn er über seinen berühmten Bruder im Kindesalter spricht: "Er hat einen Kopf mit vollen blonden, gelockten Haaren gehabt und hat immer das Haar um seinen Zeigefinger gewickelt. Und das war immer das Zeichen, Edgar denkt. Man darf ihn nicht stören." Auch die Eltern seien immer stolz auf ihren Edgar gewesen: "Das hat ihn für sein Leben beeinflusst. Er sah sich immer als Vaters Goldsohn oder als der Goldsohn der Welt."
Was stört Edgar Hilsenrath daran? Das Landgericht Berlin jedenfalls begründete das Verkaufsverbot mit der unautorisierten Verwendung zweier Briefe Edgar Hilsenraths aus dem Jahr 1945 und eines Familienfotos als Coverbild, aufgenommen 1952 in New York.
Eine überraschende Argumentation. Denn die beanstandeten Dokumente und das Foto waren zuvor schon in einem im Dittrich-Verlag erschienenen Bild- und Textband publiziert worden, der im Auftrag der Berliner Akademie der Künste 2005 zu einer großen Ausstellung über Hilsenrath herausgegeben worden war.
Für den Verleger Dittrich sieht das alles nach einem Versuch aus, seinem kleinen Verlag das Wasser abzugraben. Er selbst hat keinen Kontakt mehr zu Hilsenrath. Nach seinem Gefühl werde ihm der Zugang von Hilsenraths knapp 30 Jahre jüngerer Frau Marlene - Hochzeit war Anfang 2009 - und dem neuen Bevollmächtigten des Schriftstellers unmöglich gemacht.
Auch Manfred Hilsenrath kommt nicht mehr an seinen Bruder heran: "Ich habe früher regelmäßig mit Edgar telefoniert. Plötzlich war das nicht mehr möglich. Nur einmal hat er in den vergangenen Jahren zurückgerufen. Doch nach wenigen Minuten legte er auf. Seine Frau sei gerade gekommen, da wolle er nicht länger telefonieren."
Eine Schlüsselrolle bei alldem spielt wohl der vom Autor eingesetzte Generalbevollmächtigte Ken Kubota, 35. Der hatte zum Abschluss seines Studiums eine Arbeit über die "Funktion der Groteske" im Roman "Der Nazi & der Friseur" geschrieben und sich mit Hilsenrath angefreundet. Durch ihn lernte der Schriftsteller auch seine spätere Frau Marlene kennen.
Die im April 2009 ausgestellte Generalvollmacht umfasst alle Angelegenheiten, "bei denen eine Stellvertretung rechtlich zulässig ist", und sie soll auch "bei einer zur Geschäftsunfähigkeit führenden Erkrankung oder durch den Tod des Vollmachtgebers nicht erlöschen".
Bald danach, so stellt es Manfred Hilsenrath dar, sei ihm die Verwaltung des Vermögens seines Bruders entzogen worden, um das er sich jahrelang gekümmert hatte. Wenige Monate später begann sich auch das Klima zwischen Autor und Verleger zu verändern. "Plötzlich hieß es, unsere Arbeit sei eher hinderlich als förderlich", erinnert sich Dittrich, "Kubota schrieb mir, man könne gut auf die Werkausgabe verzichten. Dabei war sie Edgar wichtig und eine Bedingung für unsere Zusammenarbeit." Seit 2010 wird der kleine Dittrich-Verlag nun mit Klagen überzogen, rund 15 000 Euro sind nach Auskunft des Verlegers allein an Gerichts- und Anwaltskosten angefallen. Für die Firma eine schwer zu tragende Last.
Und Edgar Hilsenrath? Der sitzt in seiner Wohnung in Berlin-Steglitz auf einem schwarzen Ledersofa. Neben ihm steht ein Rollator, auf dessen Sitzfläche hockt ein buschiger schwarzer Kater. "Das ist sein Lieblingsplatz", sagt Hilsenrath. Und fügt in der ihm eigenen trockenen Art hinzu: "Eigentlich mag ich Hunde lieber."
Der Schriftsteller versteht sich auch im hohen Alter noch gut darauf, einen leicht belustigten Blick von unten herauf zu werfen. Unlängst habe er den vierten Schlaganfall überstanden, sagt er. Und gleich hinterher: "Das waren alles leichte Anfälle. Mir geht es gut. Ich bin versorgt."
Mag er über das Verhältnis zu seinem Bruder reden? Er habe den Kontakt vorläufig abgebrochen, sagt er. "Er hat viel über mich ausgeplaudert. Aber das wird sich wieder einrenken."
Hilsenrath bemüht sich, die Konflikte herunterzuspielen. Ob es Manfreds Erzählungen waren, die ihn gegen das Buch "Zwei Seiten der Erinnerung" aufgebracht haben, bleibt unklar. Auf keinen Fall aber will der Schriftsteller akzeptieren, dass in Dittrichs Buch durch den Abdruck von Textauszügen der Eindruck erweckt wird, seine Romane seien autobiografisch. "Das sind sie überhaupt nicht", sagt er entschieden.
Ja, die öffentlichen Auftritte mit Dittrich, die fehlten ihm. "Es gab Krach, seitdem können wir nicht mehr zusammen reisen." Aber worin der Krach bestand, das falle ihm jetzt nicht ein. Immerhin haben Verleger und Autor in ganz Deutschland mehr als 60 Lesungen bestritten. "Dittrich hat sich immer sehr um mich gekümmert", sagt Hilsenrath.
Aber nun vertreibe eben sein Bevollmächtigter die Werkausgabe. Der von Kubota als "Chief executive officer" betriebene Verlag "Eule der Minerva" habe die Restbestände übernommen. Ergebnis eines Vergleichs zwischen Dittrich und Hilsenrath im vergangenen Jahr.
Es geht bei all den Auseinandersetzungen wohl auch um eine mögliche Verfilmung des Erfolgsromans "Der Nazi & der Friseur". Da sind größere Summen im Spiel. Ein Options- und Filmvertrag wurde im April 2009 mit dem Produzenten David Groenewold geschlossen, der später durch seine Nähe zum damaligen Bundespräsidenten Wulff in die Schlagzeilen kam. Hilsenrath: "Jetzt wollen wir den Film selber machen. Der Kubota will einen eigenen Filmverleih gründen."
Das alles klingt recht seltsam. Den Vertragsabschluss mit Groenewold, so sagt Dittrich, habe er vermittelt. "Da hätte der Verlag wirklich auch einmal etwas an dem Werk von Hilsenrath verdienen können", sagt er resigniert. "Aber ob wir in dieser Sache vor Gericht recht bekommen würden, daran zweifle ich nach den bisherigen Erfahrungen erheblich."
Für Dittrich ist der ganze Streit bitter, ein Desaster. Ohne seinen engagierten Einsatz für Hilsenrath, ohne die Werkausgabe wäre es auch nicht zu der exzellenten Lizenzausgabe im Deutschen Taschenbuch Verlag gekommen. Allein vom Roman "Der Nazi & der Friseur" wurden so noch einmal gut 100 000 Exemplare verkauft. Es wäre vielleicht auch nicht zu der großen Ausstellung der Akademie der Künste in Berlin gekommen oder zu dem Empfang aus Anlass von Hilsenraths 80. Geburtstag, der im Schöneberger Rathaus mit Hunderten Gästen stattfand.
Doch das zerrüttete Verhältnis scheint nicht mehr zu reparieren zu sein. Und auch das schöne Buch "Zwei Seiten der Erinnerung" bleibt nun auf der Strecke - nur noch einige Tage lang darf es verkauft werden.
(*) Volker Dittrich: "Zwei Seiten der Erinnerung. Die Brüder Edgar und Manfred Hilsenrath". Dittrich Verlag, Berlin; 256 Seiten; 17,80 Euro.
Von Volker Hage

DER SPIEGEL 30/2012
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