28.07.1997

USASpion, der aus dem Feuer kam

Warren Marik war Abteilungsleiter der CIA und hatte den Auftrag, den irakischen Diktator Saddam Hussein zu stürzen - es wurde einer der blamabelsten Fehlschläge des Geheimdiensts. Der Ex-Agent enthüllt gegenüber dem SPIEGEL die Gründe des Versagens.
Beim alljährlichen Doppelgängertreffen in Ernest Hemingways Lieblingskneipe Sloppy Joe's auf Key West hätte Warren Marik Siegeschancen: Ein weißer Vollbart und graues Haar umrahmen ein Gesicht mit wachen Augen. Der massige Schädel ruht auf breiten Schultern und einem gedrungenen Körper, den so leicht nichts zu erschüttern scheint.
Hemingway hätte die Lebensgeschichte seines Doubles wohl zu einem Roman gereizt: Ein Vierteljahrhundert lang durchlebte Marik als Geheimagent eine CIA-Karriere voller Kriege und Abenteuer - der Stoff, aus dem die Thriller sind: Er belauschte von geheimen Abhörstationen in den Berggipfeln der Türkei sowjetische Atomraketentests. Er zog mit afghanischen Freischärlern zu Felde. Und er bekämpfte als Teamchef der CIA den Inbegriff des Bösen: Iraks Diktator Saddam Hussein.
Agent Marik brachte es bis zum Abteilungsleiter der "Agency". Anfang 1997 aber nahm der CIA-Mann seinen Abschied. Als Grund nennt er den kläglichsten Fehlschlag, der Amerikas Geheimdienst in diesem Jahrzehnt unterlaufen ist, ein Fiasko, das für die NEW YORK TIMES "auf einer Ebene mit der Schweinebucht-Invasion" gegen Castros Kuba steht - ebenjenes Irak-Unternehmen.
Nicht der Diktator in Bagdad, sondern Hunderte seiner Gegner kamen im Verlauf der mißratenen CIA-Operationen ums Leben. Tausende mußten vor den Schergen des blutrünstigen Herrschers ins Ausland fliehen. Und Amerikas Staatsfeind Nummer eins steht nach Meinung vieler Experten heute besser da als vor seinem Einmarsch in Kuweit, der 1991 mit seiner vernichtenden militärischen Niederlage geendet hatte. Saddams Gegner sind in alle Winde zerstreut - mit den Amerikanern jedenfalls werden sie, fürchtet Marik, kaum mehr zusammenarbeiten.
Der 52jährige Ex-Agent sieht die Schuld an dem Debakel nicht primär bei seinem Spionagedienst, dem er fast die Hälfte seines Lebens gedient hat. Sein Bericht in einem Restaurant nahe der CIA-Zentrale vor den Toren Washingtons soll vielmehr verhindern, "daß die Pleite im Irak der CIA in die Schuhe geschoben wird".
Schuldig gemacht hätten sich die Regierungen zweier US-Präsidenten. Die gröbsten Fehlentscheidungen wurden, so Marik, im Nationalen Sicherheitsrat getroffen. Die Akteure dort: Präsident Clintons erster Sicherheitsberater Anthony Lake und dessen Geheimdienstexperte, George Tenet, vorvergangene Woche zum CIA-Direktor ernannt. Eine von Tenets ersten Amtshandlungen: Er erregte sich über freimütige Äußerungen Mariks - und will seinen Spion a. D. nun wegen Geheimnisverrats anklagen.
Ohne Erfolg hatten die Amerikaner 1991 den Diktator während des Golfkriegs gejagt. "Wir planten zwar keine Mordanschläge", behauptete jetzt der damalige Sicherheitsberater des Weißen Hauses, Brent Scowcroft, "aber natürlich haben wir jeden Schlupfwinkel angegriffen, in dem Saddam sich hätte verbergen können." Vergebens.
Nach ihrem Sieg bauten die Amerikaner darauf, daß die demoralisierte irakische Armee ihren gedemütigten Kriegsherrn selbst stürzen würde. Die Vorstellung von einem unmittelbar bevorstehenden Militärputsch ließ den Präsidenten George Bush auf die Zerschlagung jener irakischen Elitetruppen verzichten, die dem alliierten Zangenangriff Richtung Norden entkommen waren. Washington aber hatte sich verschätzt: Die geflohenen Garde-Einheiten blieben Saddam Hussein treu ergeben.
Sie schlugen kurz nach Kriegsende sogar eine Erhebung nieder, die sich wie ein Flächenbrand über das Zweistromland ausgebreitet hatte. Das war nur möglich, weil Golfkriegssieger General Norman Schwarzkopf der geschlagenen Elitetruppe - abweichend vom allgemeinen militärischen Flugverbot - großmütig die Benutzung von Hubschraubern gestattet hatte.
Damals konzentrierte sich der amerikanische Geheimdienst auf Propaganda-Aktionen: Die CIA verpulverte in einem einzigen Jahr über 2o Millionen Dollar für Flugblätter und Handzettel gegen Saddam Hussein. Das Entstehen einer Oppositionsbewegung innerhalb des Irak aber ignorierten die Amerikaner. Erst im Juli 1992 wurde der Führer der neuen Front, Ahmed Schalabi, zu Gesprächen nach Washington gebeten. Schalabi, ein Absolvent amerikanischer Universitäten, erläuterte seine "Salamitaktik" gegen Saddam Hussein:
Im befreiten Nordirak, in dem die alliierte Luftüberwachung das Überleben einer autonomen kurdischen Region garantierte, hoffte Schalabi Oppositionsgruppen zu vereinen und mit ihrer Hilfe eine Gegenregierung zum Saddam-Regime zu etablieren. Schritt für Schritt sollten dann die Autorität des Gewaltherrschers untergraben, Regierungstruppen zum Desertieren und Regionen zum Anschluß an den "freien Irak" bewegt werden.
Der Mann stieß auf tiefe Skepsis. Aber die CIA genehmigte der Organisation immerhin vier Millionen Dollar pro Jahr - und gab ihr einen Namen: Iraqi National Congress (INC). "Der INC war unser Kind" - davon ist Marik bis heute fest überzeugt.
Ein Stiefkind allenfalls, denn während die CIA Schalabi mit der rechten Hand versorgte, verfolgte der Geheimdienst mit der linken andere Pläne. US-Agenten machten sich nach der Regierungsübernahme Bill Clintons im Januar 1993 daran, selbst einen blutigen Schlag gegen den Diktator zu organisieren.
Der INC glaubte nicht an den schnellen Tyrannenmord. Sein Präsident Schalabi reiste erneut nach Washington. Bei einem Geheimtreffen im Key Bridge Marriott Hotel berichtete er Fachleuten des Außenministeriums, von Pentagon und CIA, der INC habe erste Kontakte zu irakischen Truppenteilen hergestellt, die überlaufen wollten. Doch den US-Politikern war diese Taktik, Saddams Macht aufzuweichen, zu zeitraubend, der Fortschritt zu langsam.
Erst als Saddam seine Macht weiter festigte, erhielt Marik im Herbst 1994 die Order, mit seinem Team im wilden Kurdistan nach "dieser merkwürdigen Koalition Ausschau zu halten", so ein skeptischer CIA-Vorgesetzter. Immerhin erhielt Agentenführer Marik einen der seltenen vom US-Präsidenten unterzeichneten Sonderaufträge: "Lethal Finding" - handeln, wenn nötig mit tödlichen Folgen.
In Salah el-Din südlich der türkischen Grenze quartierte sich das CIA-Team in zwei Rücken an Rücken gebauten Häusern ein, "so daß wir Ausgänge zu zwei verschiedenen Straßen hatten" (Marik). Waffenausbildung der INC-Kämpfer und taktische Schulung standen bald ebenso auf dem Arbeitsplan der US-Helfer wie der Versuch, den Dauerstreit zwischen den tief zerstrittenen kurdischen Fraktionen zu schlichten - und sie alle gegen Saddam zusammenzuschweißen.
Marik verbrachte 18 Wochen bei den Kurden. Zwei andere Teams lösten ihn in Salah el-Din ab. Die Zusammenarbeit mit den Oppositionellen wurde intensiver: "Der INC war genau das, was wir Amerikaner unterstützen sollten", ist Marik noch heute überzeugt, "eine demokratische Bewegung, die ein Gewaltregime bekämpft."
Während die Anhänger eines Militärputsches dem INC jede Erfolgschance absprachen, sah Marik die Aussichten seiner Schützlinge weitaus günstiger: Im Norden wollten diese zunächst mit einer Überraschungsoffensive die Städte Mossul und Kirkuk aus Saddams Herrschaft befreien. Der Diktator, so hofften sie, hätte aus Angst vor einer Gegenreaktion des Westens nicht mit voller Kraft zurückschlagen können. Wäre Saddam aber gezwungen gewesen, die Demütigung einzustecken, hätte das seine Stellung im Lande deutlich geschwächt.
Allerdings fehlte Mariks Truppe Geld. Während es unter Präsident Bush geheißen habe, "wieviel braucht ihr?", sei das Motto unter Clinton gewesen, "mit wie wenig könnt ihr auskommen?" Der CIA-Agent behauptet, selbst die dringend benötigten drei Millionen für die kleine INC-Streitmacht seien nicht gezahlt worden.
Statt dessen förderte die CIA ein Konkurrenzunternehmen, genannt "Nationaler Gleichklang", Hauptquartier in der jordanischen Hauptstadt Amman. Großspurig verkündeten einige Exil-Iraker, sie könnten Saddam den "quick kill" versetzen - wenn nur genügend US-Gelder flössen.
Unbeeindruckt sammelte der INC mit CIA-Hilfe Truppen für die Offensive gegen Saddam. Kurdenführer Dschalal Talabani war mit Feuereifer dabei, und nach einigem Zögern auch sein Konkurrent Massud Barsani, Chef der Kurdischen Demokratischen Partei.
Die Verschwörer des zweiten CIA-Unternehmens in Amman waren alarmiert - und nun zeigte sich, daß innerhalb der US-Regierung mehr gegeneinander als gegen Saddam gekämpft wurde: Mit einer gezielten Indiskretion 48 Stunden vor dem Angriffsbeginn der Schalabi-Leute schreckte die Truppe vom "Nationalen Gleichklang" Washington auf: Die USA werde durch die geplante Aktion in einen neuen Krieg mit Bagdad hineingezogen.
Der Sicherheitsrat in Washington zog die Notbremse. Den Kämpfern vor Ort wurde eine Blitzdepesche überbracht: "Eure Pläne sind verraten und drohen zu scheitern. Haltet ihr dennoch daran fest, werden die USA diese Operation weder militärisch noch sonstwie unterstützen."
Talabani und der INC begannen trotzdem ihren Angriff "und waren sehr erfolgreich" (Marik). Doch Talabani-Konkurrent Barsani fühlte sich von Washington getäuscht und zögerte. Vergebens hofften die CIA-Männer vor Ort, die US-Regierung würde wenigstens ihren Einfluß unter den Kurden geltend machen. Kein Wort aus Washington - die Offensive brach zusammen.
Auch die zweite CIA-Aktion, der favorisierte Plan zum Putsch, war ein Fehlschlag. "Es gab schon frühzeitig Hinweise darauf, daß die Truppe des Nationalen Gleichklang von Saddams Geheimpolizei unterwandert war", meint Marik. Die CIA versuchte, Spezialgeräte an angebliche Verschwörer nach Bagdad zu schmuggeln. Kurier und Ladung wurden von Saddams Sicherheitsdiensten abgefangen. Die stellten - doppelte Schmach - mit den erbeuteten Geräten sogar Verbindung zur CIA her.
Und Saddam wurde immer stärker. Im Juni 1996 machte der Diktator schließlich kurzen Prozeß mit seinen innenpolitischen Feinden. 1500 wurden verhaftet, mindestens 100 hingerichtet.
Auch Kurdenführer Barsani nutzte die Gelegenheit zu einem entscheidenden Schlag - gegen seinen Konkurrenten Talabani: Er lud die ihm sonst so verhaßten Iraker im August 1996 zum Einmarsch in die bis dahin autonome Kurdenzone ein. Bis zur letzten Minute harrten die Kämpfer Talabanis und des INC aus - in der sicheren Erwartung, wenigstens jetzt ließe die Supermacht ihre angeworbenen Agenten nicht im Stich.
Doch genau das geschah: Hunderte INC-Gefolgsleute wurden von Saddams Häschern umgebracht, Tausende flohen Richtung türkische Grenze. Nach tagelangem Warten flogen die Amerikaner schließlich knapp 3000 der ehemaligen Verbündeten aus - auf die von Washington weitentfernte pazifische US-Basis Guam, wo sie nach Mariks Worten bis nach der Präsidentenwahl 1996 unter Ausschluß der Öffentlichkeit festgehalten wurden.
Die meisten von ihnen haben sich inzwischen in den USA niedergelassen. "Einige landeten allerdings in Untersuchungshaft", weiß Ex-CIA-Agent Marik - und wirkt bei dieser Aussage resignierter als während des gesamten Gesprächs mit dem SPIEGEL. Den Inhaftierten werde vorgeworfen, Spione Saddams zu sein, ihnen drohe die Abschiebung nach Bagdad. Marik fürchtet: "Ihre letzte Reise."
Von v. Ilsemann und

DER SPIEGEL 31/1997
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