30.07.2012

Liederabend mit Dr. Seltsam

DIPLOMATIE: Der deutsche Botschafter in Washington findet kein Gehör.
Peter Ammon, Botschafter in Washington, ist ein Freund des populären Liedguts. Regelmäßig lädt der promovierte Ökonom per offizielles Rundschreiben zum "Sing Along"-Abend in seine Residenz nahe dem noblen Viertel Georgetown. Angeführt von Ammon und seiner Gattin, schmettern die Gäste dann Gassenhauer wie "En unserem Veedel" von den Bläck Fööss.
In seinem Tagesjob als deutsche Stimme in Amerika gibt Ammon, erst seit September vorigen Jahres im Amt, seltener den Ton an. Diplomaten und Transatlantiker beschreiben den ehemaligen Staatssekretär im Außenministerium als passiv und desinteressiert. "Die deutsche Position wird in den USA im Moment einfach nicht aktiv und kraftvoll genug vertreten - obwohl das gerade in der Euro-Krise so dringend notwendig wäre", kritisiert SPD-Mann Karsten Voigt, ehemaliger Transatlantikkoordinator der Bundesregierung. "Wir operieren unter der Prämisse, dass wir derzeit keinen Botschafter in Washington haben", sagt ein hochrangiger Beamter des Auswärtigen Amts in Berlin.
Wie lustlos Ammon sein Geschäft verrichtet, haben prominente Besucher aus Deutschland erlebt: Briefings, etwa für Abgeordnete oder Journalisten, bestehen oft aus Plattitüden ("Alles hängt mit allem zusammen"). "Ich hätte mehr erfahren, wenn ich in der Zeit die 'FAZ' gelesen hätte", grummelte ein Parlamentarier enttäuscht.
Zum Jahresempfang des einflussreichen American Institute for Contemporary German Studies sollte Ammon sprechen. Aber statt eigene Worte zu finden, verlas er ein Grußwort von Bundeskanzlerin Angela Merkel.
Der Zeitpunkt für solch bescheidene Auftritte ist schlecht gewählt: Amerikas Elite zeigt mitten in der Euro-Krise so viel Interesse an Deutschland wie lange nicht mehr. Doch Ammon hat die Zahl politischer Veranstaltungen in seiner Residenz beschnitten, so dass sich Mitglieder wichtiger Netzwerke in der Außen- und Sicherheitspolitik - über Jahrzehnte von Vorgängern mühsam umworben - vernachlässigt fühlen. "Er ist nur zu Wirtschaftsthemen präsent. Wenn er über andere Themen spricht, wirkt er ungelenk, beinahe seltsam", wundert sich der Europa-Experte einer einflussreichen US-Denkfabrik. "Deutschlands Repräsentanten werden derzeit in Washington einfach nicht gehört", resümiert John Kornblum, ehemaliger US-Botschafter in Berlin.
Ammon will von derlei Schwäche nichts wissen. Er versuche, in der Euro-Krise lieber leise als laut Deutschlands Interessen zu vertreten, argumentiert er stets - etwa durch vertrauliche Gespräche in der Residenz, wie vor kurzem mit IWF-Chefin Christine Lagarde, Ex-Weltbank-Chef Robert Zoellick und sechs US-Senatoren. Der Posten in Washington, versichert der deutsche Botschafter regelmäßig, sei sein Traumjob.

DER SPIEGEL 31/2012
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