30.07.2012

Nur zehn Minuten

In Göttingen soll ein Transplanteur Blutproben manipuliert haben, um seinen Patienten zu einer fremden Leber zu verhelfen. Der Fall stürzt das fragile System der Organspende in eine tiefe Krise.
Der Fälscher hatte eine Lücke im System der Uni-Klinik Göttingen gefunden. Während eines Zeitfensters von zehn Minuten standen die von ihm gefälschten Blutwerte noch in der Klinikdatei, obwohl er sie dem Labor bereits als fehlerhaft gemeldet hatte. Während dieser Zeit druckte der Täter die falschen Werte aus und faxte sie an die zentrale Vergabestelle für Organe im niederländischen Leiden.
Der Transplantationschirurg Aiman O., 45, soll am Göttinger Klinikum auf diese Weise mindestens 23 Patienten zu neuen Organen verholfen haben, obwohl sie noch nicht an der Reihe gewesen wären. Auch der leitende Gastroenterologe Giuliano R., 60, wurde beurlaubt. Der Verdacht habe sich erhärtet, so die Klinik, dass auch er manipuliert habe oder jedenfalls beteiligt war.
Haupttäter soll O. sein, ein gebürtiger Palästinenser, der bis zu seiner Demission Ende vergangenen Jahres einen hervorragenden Ruf in der Klinik genoss. Nun rätseln seine ehemaligen Kollegen über seine Motive. Erdrückte ihn das Leid der Kranken? Manipulierte er aus Eitelkeit? Ist Geld geflossen?
Fest steht: Der Fall hat das Vertrauen in das System der Organvergabe zerstört. Er untergräbt den Glauben an eine gerechte Verteilung. Immer wieder halten Transplantationschirurgen sich nicht an die Regeln - aber so gut wie nie hatten diese Verstöße Folgen für sie.
Mediziner reisen samt Krankenhauspersonal für lukrative Eingriffe in arabische Länder. Kliniken arbeiten mit Vermittlern zusammen, die ihnen zahlungskräftige Patienten zuführen.
Deutsche Transplantationschirurgen genießen international zwar wegen ihres Handwerks einen guten Ruf, aber zu Hause tragen Profitstreben und Dünkel einiger dazu bei, die kritische Haltung der Bevölkerung zur Organspende zu verfestigen.
Ein anonymer Hinweis auf dem Anrufbeantworter der Deutschen Stiftung Organspende (DSO) enttarnte den Skandal am 2. Juli 2011. "Die Göttinger Uni-Klinik ist in kriminelle Machenschaften verstrickt. Oder kauft man die Organe direkt bei Ihnen?" Die DSO verständigte die Bundesärztekammer (BÄK), die daraufhin O. um Einsicht in eine Patientenakte bat. Weil er diese nicht vollständig übermittelte, informierte die BÄK im November den Klinikvorstand.
Es ging um die Vergabe einer Leber an einen russischen Patienten im Mai 2011. Der alkoholkranke Moskauer drohte an Leberversagen zu sterben. Als er eingeliefert wurde, lag er bereits im Koma. Eine auf medizinische Dienstleistungen spezialisierte Firma aus Lüdenscheid hatte den Kontakt zwischen seiner Familie und der Uni-Klinik hergestellt. Mit ihm reisten seine Frau, seine Mutter und eine Cousine an. Sie waren bereit, einen Teil ihrer Leber zu spenden. Wider Erwarten kam keine als Spenderin in Frage.
Grundsätzlich dürfen pro Jahr fünf Prozent der Organe, die eine Klinik einpflanzt, an ausländische Staatsbürger vergeben werden. Die Uni-Klinik setzte den Patienten auf die Eurotransplant-Liste - bis zu diesem Zeitpunkt ein legitimer Vorgang, sagt ein Klinikumsprecher.
Doch dann schnellte der sogenannte Meld-Score des Patienten hoch. Er zeigt die Schwere einer Lebererkrankung und die noch zu erwartende Lebensdauer an. Innerhalb kurzer Zeit bekam der Russe ein Organ. Er ist zurück in seiner Heimat.
Eurotransplant war ein gefälschtes Dialyse-Protokoll zugefaxt worden, demzufolge auch die Nieren des Mannes angeschlagen waren - was ihn an die Spitze der Warteliste brachte. Zwei Ärzte hatten das Protokoll unterzeichnet: sein Arzt O. und ein Nierenfacharzt, der den Kranken nie gesehen hat. Die Klinik schloss mit O. danach einen Auflösungsvertrag.
"Wir dachten, dass es sich um einen dramatischen Einzelfall handelt", sagt Sebastian Freytag, 49, kaufmännischer Direktor der Klinik. Dass systematisch manipuliert wurde, erfuhr Freytag vor fünf Wochen aus einem Ärztekammer-Bericht.
Danach wurden Blutproben der Patienten mit denen anderer schwerkranker Patienten vertauscht. Das Labor trug die Werte sachgemäß in die digitale Patientenakte ein und informierte die Station über den angeblich lebensbedrohlichen Zustand des Patienten. Daraufhin meldete der Trickser "Falschabnahme", den Wert bitte löschen. Nach Auskunft der Klinik stehen die Werte aber etwa zehn Minuten lang im System. Genau diesen Zeitraum nutzten die Fälscher, um das Laborblatt an Eurotransplant zu übermitteln - und somit die Chance auf ein Organ für den jeweiligen Patienten zu vervielfachen. O. hatte die Laborblätter abgezeichnet. Mindestens ein Papier autorisierte auch sein Kollege R.
Externe Gutachter haben die Göttinger leberkranken Patienten inzwischen überprüft. Statt 140 stehen nun 66 Göttinger Patienten auf der Eurotransplant-Liste.
O. und R. bestreiten die Vorwürfe, wollen sich nicht äußern. O. sieht sich als Opfer einer Intrige. Die Staatsanwaltschaft prüft zudem, ob andere Menschen auf der Warteliste starben, die eigentlich einen Anspruch auf ein Organ gehabt hätten. So sicher sich die internen Ermittler sind, dass die Daten manipuliert wurden, so sehr rätseln sie über die möglichen Motive. In der Öffentlichkeit wurde schnell über finanzielle Gründe spekuliert.
Nicht ohne Grund. Deutsche Transplantationszentren locken viele ausländische Patienten an, besonders aus Russland und arabischen Ländern, wo es einen hohen Bedarf an Ersatzlebern gibt. Meist genießen die Mediziner Rückendeckung ihrer Klinikleitungen, die spezielle Angebote für Scheichs und Oligarchen geschaffen haben. In Einzelfällen bringen die Behandlungen bis zu 150 000 Euro ein.
Die Uni-Klinik Göttingen erscheint im Geschäft mit reichen Ausländern eher zurückhaltend. Die Staatsanwaltschaft Braunschweig, die gegen beide Ärzte wegen Bestechlichkeit ermittelt, hat bisher keine "eindeutigen Hinweise" dafür gefunden, dass O. oder R. Geld von den Patienten oder einer Vermittlungsfirma bekommen haben. Der Großteil der Empfänger war gesetzlich krankenversichert.
Fühlten sich die beiden Ärzte unter Erfolgszwang? Klinikmitarbeiter sagen anonym, es habe "von ganz oben Druck" gegeben, die Zahl der Transplantationen zu erhöhen. Freytag widerspricht: "Transplantationen sind kein ökonomischer Lebensnerv unserer Klinik. In den besten Zeiten haben wir damit gerade mal ein Prozent des Gesamtumsatzes gemacht."
Womöglich trieben die Manipulateure auch Allmachtsgedanken an. Patienten sehen Organtransplanteure als Halbgötter. Wie schwer muss es solchen Ärzten dann fallen, todkranke Menschen wegzuschicken, weil kein Organ verfügbar ist?
Es überrascht, wie schnell Vertreter der deutschen Transplantationsmedizin O. als kriminellen Einzeltäter brandmarkten - und damit von den generellen Schwächen der Organspende ablenkten.
Warum fielen die Ungereimtheiten bei Eurotransplant nicht auf? Die Zentralstelle für die Vergabe der Organe muss die Labordaten auf Plausibilität prüfen.
Die Uni-Klinik Göttingen sah O. unkritisch. Sie glaubte, in dem Leiter der Transplantationsmedizin einen untadeligen Kollegen gefunden zu haben. Die Klinikleitung sagt, niemand habe sie über seine Vorgeschichte aufgeklärt. Experten sagen, die Göttinger hätte wissen müssen, auf wen sie sich einließen. Denn schon einmal gab es Vorwürfe gegen O.
Der Chirurg Hans Schlitt, 51, hatte den Arzt 2003 an die Universität Regensburg geholt. "Er fühlte sich leicht in seiner Ehre angegriffen, war aber ein hervorragender Chirurg", sagt er. Irgendwann habe O. ihm vorgeschlagen, man könne doch Patienten im Nahen Osten operieren, er habe Kontakte nach Jordanien. In den Folgejahren hätten sie in einer Privatklinik in Amman insgesamt 34 Patienten transplantiert und für jeden Eingriff jeweils 1875 US-Dollar in bar erhalten, 1250 US-Dollar waren für die Universitätsklinik Regensburg bestimmt.
Manche der Patienten aus dem Nahen Osten wollten sich lieber gleich in Regensburg operieren lassen, weil sie die Behandlung dort für besser hielten. Eigentlich hätten die Ärzte diese ausländischen Patienten erst nach deren Ankunft in Deutschland bei Eurotransplant melden dürfen. Sie hätten es aber schon vorher gemacht, sagt Schlitt, "ein klarer Fehler".
Als Schlitt und O. im Frühjahr 2005 eine 43-jährige Jordanierin in Amman operierten, geriet sie in Lebensgefahr. Laut Schlitt habe O. den "fatalen Fehler" begangen, Eurotransplant aufzutischen, die Frau befände sich in Regensburg. Daraufhin gab Eurotransplant eine Leber aus Wien frei. O. sei nach Deutschland geflogen, habe die Leber entgegengenommen und nach Amman geschafft, in "einer großen Kiste voller Eis", wie Schlitt sagt. Die Patientin starb, eine Untersuchung ging für die Ärzte glimpflich aus, es konnte kein Gesetzesverstoß festgestellt werden.
Bernhard Banas, 46, wirbt als Generalsekretär der Deutschen Transplantationsgesellschaft um mehr Organspenden. Der Nephrologe sagt: "Der Göttinger Skandal ist der Super-GAU. Ich schäme mich in Grund und Boden."
Freytag, Vorstand der Universitätsmedizin Göttingen, fordert einen Rettungsschirm für die Organspende: "Das System beruht darauf, dass es von allen beachtet wird. Sonst bricht Anarchie aus. Wenn in diesem System betrogen wird, bricht es zusammen."
DSO-Vorstand Günter Kirste berichtet, allein in der vergangenen Woche hätten es in drei Fällen Angehörige abgelehnt, Organe von Verstorbenen zur Spende freizugeben - "mit dem Hinweis auf die Vorfälle in Göttingen".
Anm. d. Red:
Das Urteil des Landgericht Göttingen, das O. im Jahr 2015 vom Vorwurf des versuchten Totschlags in elf Fällen sowie vom Vorwurf der Körperverletztung mit Todesfolge in drei Fällen freigesprochen hatte, ist vom Bundesgerichtshof mit Urteil vom 28. Juni 2017 bestätigt worden. Der Freispruch ist damit rechtskräftig.
Von Jörg Blech, Udo Ludwig und Antje Windmann

DER SPIEGEL 31/2012
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