30.07.2012

SOZIALDEMOKRATENMulti Sigmar

Sommerreise, Jubiläum, Interviews: Nie war Parteichef Gabriel präsenter als in seiner Babypause. SPD-Frauen finden, er könne sich jetzt mal ums Kind kümmern.
Der Mann vor dem Laptop hat ein bekanntes Gesicht, nur das Polohemd und das gemütliche Ambiente wirken ungewohnt. In der rechten Hand hält Sigmar Gabriel eine Kaffeetasse mit Smarties-Aufdruck. Es ist Freitagvormittag, per Twitter beantwortet der SPD-Chef Bürgerfragen, live aus seiner Wohnung in Magdeburg.
User Markus will wissen: "Ist es fair gehandelter Kaffee?" Gabriel: "Ich werd es mal prüfen :-)"
Es ist ein gewagtes Experiment, bei dem man Gabriel da zuschauen kann. Eigentlich wollte der SPD-Chef den Sommer über Elternzeit nehmen, im April wurde seine Tochter Marie geboren. Aber Gabriel ist dabei, die Rolle des modernen Vaters neu zu definieren. Neulich ist in Amerika ein Aufsatz der ehemaligen Planungschefin von Hillary Clinton erschienen. Darin beklagt sich Anne-Marie Slaughter, dass Spitzenpolitik und Familie unvereinbar seien (SPIEGEL 27/2012). Will Gabriel den Gegenbeweis antreten?
In seiner Babypause hat Gabriel nicht nur über Twitter seine Sicht auf die politische Lage verbreitet. Er hat große Interviews gegeben, der ARD, n-tv und dem "Tagesspiegel". Er fand Zeit, mit den Genossen in Regensburg den 120. Geburtstag der Bayern-SPD zu feiern und einen Parteifreund auf Sommerreise in Niedersachsen zu besuchen. Zwischendurch verfasste er noch ein Thesenpapier zur Bankenregulierung und verhandelte mit Umweltminister Peter Altmaier (CDU) über die Suche nach einem Atommüllendlager.
In seinem jungen Vaterglück ist Gabriel, kurz gesagt, omnipräsent. Multitasking ist eine Gabe, die vor allem jungen Müttern zugeschrieben wird. Von Gabriel aber können sie sich in dieser Disziplin eine Menge abgucken. Seit Beginn seiner Elternzeit Anfang Juli wurde er fast 400-mal in den Nachrichtenagenturen erwähnt. Auf so eine stolze Zahl kamen Frank-Walter Steinmeier und Peer Steinbrück, seine Rivalen um die Kanzlerkandidatur, nicht einmal gemeinsam.
Das Problem ist nur, dass ihm die Bürger sein Engagement als moderner Vater nicht so recht abnehmen. Es ist ja schön, wenn sich der SPD-Chef in der Sommerpause auf den Straßen der Republik sehen lässt. Aber wie kann er dann gleichzeitig ein vorbildlicher Vater sein?
Vergangenen Montag besuchte der Parteichef seine Heimatstadt Goslar - Wahlkampfunterstützung für den niedersächsischen SPD-Spitzenkandidaten Stephan Weil. Das große Thema: Marie. Auf dem Weg in das Café Henry's am Marktplatz unkte ein Journalist: "So richtig Babypause ist das ja nicht!" Marie sei heute bei den Großeltern, murmelte der SPD-Chef.
Gabriels Babypause steht unter besonderer Beobachtung, daran ist er allerdings nicht ganz unschuldig. Er hatte daraus ein großes Thema gemacht. Erst kündigte er in einem SPIEGEL-Gespräch (16/2012) an, dass er für drei Monate "im Wesentlichen" zu Hause bleiben wolle. Dann ließ er sich auch noch mit einem Kinderwagen fotografieren, der gar nicht ihm gehörte. Das Bild ist ein besonders trauriges Beispiel für inszenierten Fotojournalismus.
Gabriel war noch nie sonderlich stilsicher, wenn es um die Grenze zwischen legitimem Eigenmarketing und billigen PR-Gags ging. Er hat sich schon neben dem Eisbären Knut ablichten lassen, als er Umweltminister in der Großen Koalition war.
Es ist schwer, gleichzeitig eine Volkspartei zu führen und sich ernsthaft um einen Säugling zu kümmern. Als SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles im vorigen Jahr ihre Tochter geboren hatte, konnte sie in Wahrheit auch nicht ganz den Kopf von der Politik freihalten. Aber sie versuchte nicht auch noch, während ihrer Pause auf allen Kanälen präsent zu sein.
Gabriel dagegen kokettiert mit seiner Doppelbelastung. So verbreitete er vor einigen Wochen, dass er beim ersten Anruf François Hollandes gerade dabei war, seinem Kind die Flasche zu geben. Die kleine Marie und der mächtige Präsident. Welch herzerweichende Geschichte!
Dumm nur, dass gerade einige Frauen in der SPD so gar nicht ergriffen sind von Gabriels Engagement. Sie sehen ja, für wie dehnbar der Parteichef den Begriff Elternzeit hält. Gabriel müsse sich zwar nicht mit der Familie einsperren, sagt die stellvertretende Chefin der SPD-Frauen Evelyne Gebhardt, "aber ich erwarte, dass er die Elternzeit wirklich ernst nimmt und für sein Kind da ist".
Zwei Monate dauert Gabriels Babypause noch, vielleicht nimmt er die Mahnung seiner Parteifreundin ja ernst. Nach einer Stunde Twitter-Interview schrieb er am vergangenen Freitag jedenfalls, er müsse jetzt Schluss machen. "Mariechen hat Hunger."
Von Gordon Repinski

DER SPIEGEL 31/2012
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