30.07.2012

Auf Distanz

Über die Entfremdung von Spaniern und Deutschen in der Wirtschaftskrise
In Krisensituationen neigen wir dazu, alte Vorurteile wiederzubeleben. Angst verarmt die Vorstellungskraft und fördert die Suche nach Schuldigen. Keinen besseren Schuldigen gibt es als den, der nicht so ist wie wir, den wir als "anders" bezeichnen können. Bis 1945 war die Geschichte Europas geprägt von Vorurteilen, und die Schuldigen für das eigene Unglück wurden vornehmlich im Ausland gesucht. Daher gründete das neue, in den frühen fünfziger Jahren entstandene politisch geeinte Europa ganz bewusst auf gegenseitigem Verständnis und gemeinsamer Verantwortung.
In diesem Sinne war die europäische Gemeinschaft ein vorbildliches und ausgesprochen erwachsenes Projekt. Aber auch ein künstliches: Blutbande, Sprache, identitätsstiftender Patriotismus, das alles ist natürlich, instinktiv gegeben, sollte aber künftig eine nur verringerte Rolle spielen. Die Künstlichkeit, die manche für den Hauptfehler Europas halten, ist in Wirklichkeit das größte Verdienst, sogar der eigentliche Daseinsgrund der Union.
Künstlich geschaffen wie die Demokratie und die Menschenrechte, hätte Europa es verdient, ebenso langlebig zu sein, da es einige besonders tief verwurzelte Neigungen des Menschen im Zaum hält. Einer unserer ältesten Götzen ist die Grenze, die jedoch - sagt der italienische Schriftsteller Claudio Magris - am Ende immer Menschenopfer fordert. Und eines der bewundernswertesten europäischen Kunststücke des letzten halben Jahrhunderts war die Abschaffung von immer mehr Ländergrenzen; Grenzen, die sich jahrhundertelang wie eintätowiert über unsere Landkarten zogen.
1978 - da war ich 22 - verließ ich zum ersten Mal Spanien. An der Grenze von Port Bou stand ich mitten in der Nacht Schlange vor dem französischen Grenzbaum, an dem sich die Gendarmen bei der Überprüfung unserer Pässe viel Zeit ließen. Acht Jahre nach dieser Reise - 1986 - trat Spanien in die Europäische Gemeinschaft ein. Keine 25 Jahre später reisen meine in den achtziger Jahren geborenen Kinder ganz selbstverständlich durch Europa und können sich gar nicht vorstellen, dass man sich an Grenzen unbehaglich fühlte, dass es mitunter schwierig war und langwierig, sie zu passieren. Sie kennen nicht das Gefühl von Fremdheit, welches Menschen meiner Generation in denselben Städten empfanden, in denen sie heute studieren, arbeiten und sich vergnügen.
Darum ist es für uns, die wir um die Verletzlichkeit der Dinge wissen, so schmerzhaft und so beunruhigend, in der heutigen Krise das Wiedererstarken nationaler Vorurteile zu erleben. Aus südländischer Sicht sind die Deutschen ernst, fleißig und diszipliniert, aber auch tyrannisch und stur. Wir Spanier sind wieder die Tagediebe, die lieber Siesta halten, als zu arbeiten; widerspenstige Flegel, die anderer Leute Geld verjubeln.
Der Natur des Menschen entspricht es nicht, komplexe Gebilde zu akzeptieren, sondern nach einfachen Erklärungen zu suchen. Dass sich Häme und Beleidigungen in den Diskurs einschleichen, wird billigend in Kauf genommen. Die Hauptschuldnerländer Portugal, Italien, Griechenland, Spanien - wenn auch nur mit Abkürzungszeichen - als P.I.G.S., als Schweine, zu bezeichnen entbehrt dennoch jeder Komik.
In Spanien hat die Krise bislang noch nicht zur Suche nach einem äußeren Feind geführt. Über das Beharren der Deutschen, den Katalog an Forderungen durchzusetzen, beschweren sich die Leute auf der Straße nicht vehementer, als dies in öffentlichen Stellungnahmen und Zeitungsbeiträgen namhafte Wirtschaftsexperten, darunter auch Nobelpreisträger, tun. Der allgemeine Zustand ist eher der der Niedergeschlagenheit; einer Mutlosigkeit vor allem, welche die Menschen nur noch die nächste sie umgebende Wirklichkeit wahrnehmen lässt, die sich meistens in Gestalt von Verarmung und Ungewissheit zeigt. Gehalts- und Rentenempfänger sehen ihre Bezüge durch fortlaufende Kürzungen und Steuererhöhungen geschmälert. Für Kleinhändler und Ladenbetreiber wird es immer schwieriger, ihr Geschäft zu halten.
Was bis vor kurzem noch selbstverständlich war, ist unsicher geworden. Selbst so elementare Dinge wie eine Plastikkarte in einen Geldautomaten stecken und Geld herausholen. Die Bank kann über Nacht Konkurs gegangen sein oder hat jetzt einen anderen Namen. Wir wissen nicht einmal, ob die Scheine in unserer Brieftasche oder das Geld auf unserem Konto in nächster Zukunft noch etwas wert sein werden. Und im Unterschied zu unseren Kindern können sich einige von uns vorstellen, wie es ist, wenn man bei Reisen durch Europa wieder nach dem Pass gefragt wird.
Wir wissen nicht, was morgen sein wird, und wir haben offenbar vergessen, wie es in der unmittelbaren Vergangenheit war. In dieser vorkrisenzeitlichen Vergangenheit, die heute so weit zurückzuliegen scheint, kam mir mein Land von Tag zu Tag unwirklicher vor. Ministerpräsident José Luis Rodríguez Zapatero erklärte unveränderlich lächelnd, die spanische Wirtschaft habe die italienische überflügelt, und bald werde sie sogar die von Großbritannien hinter sich lassen. Das Baugewerbe boomte im öffentlichen Bereich ebenso wie im privaten. Kein Mensch schien sich darüber Sorgen zu machen, dass unsere Wirtschaft derart vom Baugewerbe abhing.
Ich fragte mich, woher der ganze Wohlstand kam und wie lange er anhalten würde. Ich fragte auch Experten; aber ich kann mich nicht erinnern, dass meine Sorge in nennenswertem Maß geteilt wurde. Einen Teil des Jahres wohne ich in New York, und ab 2007 konnte man dort den schleichenden Beginn einer Rezession beobachten, die sich als Thema in alle Gespräche schlich. Sie fand ihren Ausdruck in geschlossenen Läden wie in Menschen, die plötzlich arbeitslos wurden. Kam ich nach Spanien, traf ich jedes Mal auf eine Euphorie, die mir immer unverständlicher wurde.
Im Rückblick ist es leicht, auf Schuldige zu deuten. Spanische Politiker haben den Bauboom gefördert und viel Geld zum Fenster unnötiger öffentlicher Bauprojekte hinausgeworfen; bereitwillig zur Verfügung gestellt wurde ihnen das Geld aber von spanischen Banken, die es sich wiederum von deutschen Banken geliehen haben. Dieselben internationalen Rating-Agenturen, die heute unsere Solvenz anzweifeln, haben uns damals die höchste Bewertung gegeben. In Spanien sind mehr Strecken für Hochgeschwindigkeitszüge eingeweiht worden als irgendwo sonst; aber die Technologie für diese vollkommen unnötigen Strecken haben uns deutsche und französische Firmen verkauft.
Die neuen spanischen Reichen mit Luxuskarossen zu versorgen war Big Business in Deutschland und Skandinavien. Ein Teil des aufgenommenen Geldes, das durch Spanien floss, landete zwar in den Taschen von Politikern; dennoch ist die Korruption - die immer und überall beschämend ist - auch nicht verbreiteter als in anderen europäischen Staaten, und der weitaus größte Teil der Bevölkerung zahlt pünktlich seine Steuern. Unser Bildungssystem ist mittelmäßig; aber spanische Wissenschaftler, Ärzte, Ingenieure und Lehrer arbeiten erfolgreich im Ausland. Allzu viele Menschen haben die Privilegien des Wohlfahrtsstaates in Anspruch genommen, ohne über die damit verbundene Verantwortung nachzudenken. Doch selbst in den Jahren des Deliriums konnte sich Spanien stets auf eine verlässliche Struktur von öffentlichen und privaten Institutionen stützen, die fehlerfrei funktioniert haben; auf die Hingabe vieler Einzelner, die ihre tägliche Arbeit mindestens ebenso gewissenhaft verrichteten wie die Menschen der Länder, die heute als seriös gelten und über jeden Verdacht erhaben sind.
Jahrhundertealte Vorurteile, die in diesen Krisenzeiten wieder an die Oberfläche treten, verstellen den Blick darauf, dass das spanische Gesundheitswesen zu den besten der Welt gehört, dass einige der produktivsten und am besten gemanagten Unternehmen der Welt - Zara, Banco Santander - spanische Unternehmen sind.
In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts haben die fortschrittlichen spanischen Intellektuellen in Europa - vor allem in Deutschland und Frankreich - ihr Heil vor der wirtschaftlichen, technologischen und politischen Rückständigkeit ihres Landes gesucht. Nach den langen Jahren der Isolation, die der Sieg der Faschisten im Bürgerkrieg mit sich brachte, war für diejenigen von uns, die ihr politisches Bewusstsein in der Endphase der Franco-Diktatur erlangten, Europa der Inbegriff von Modernität und Demokratie. Die reaktionäre Rechte zementierte im Verein mit der katholischen Kirche ihre Herrschaft durch die Beschwörung einer spanischen Singularität, die uns mit Stolz erfüllen und von unseren Nachbarn abheben sollte. Um uns politisch zu emanzipieren und in der Hoffnung auf eine neue Gesellschaftsordnung leben zu können, mussten wir diesem aufgezwungenen Nationalstolz entfliehen, ins Ausland gehen, uns europäische Werte zu eigen machen. Wir wollten nicht dem Spanienklischee der Kultur- und Tourismusindustrie entsprechen. Wir wollten normale Europäer sein.
Eine Zeitlang schien es so, als wären wir das auch. Beinahe aus dem Nichts haben wir eine Demokratie aufgebaut. Wir haben eine gewaltige kollektive Anstrengung unternommen, um unsere Wirtschaft und unsere Gesetze den Erfordernissen der Europäischen Gemeinschaft anzupassen. Wir haben sogar viele Jahre lang - und zwar in strikt legalen Grenzen - einer terroristischen Organisation standgehalten, die ihre Angriffe erst in der jüngsten Vergangenheit, und nach fast tausend Morden, eingestellt hat. Wir haben in einer einzigen Generation die Gleichberechtigung von Mann und Frau erreicht sowie ein Klima der Toleranz geschaffen, in dem heute die Homosexuellenehe mehrheitlich akzeptiert ist.
Falsche Entscheidungen und eine ernste Krise dürfen nicht von heute auf morgen so viele gutgemachte Dinge hinwegfegen, die vor nur 30 Jahren noch unvorstellbar waren. Es wäre empörend, wenn sich nach einem Vierteljahrhundert europäisch-bürgerlicher Aufgeklärtheit zähe Vorurteile als mächtiger erwiesen als die Realität. In der spanischen Politik und Wirtschaft gibt es schwerwiegende Dinge zu verantworten; doch sind dies nicht ausschließlich spanische Verantwortlichkeiten, und es darf keine Kollektivstrafe dafür geben.
In Spanien bezahlen am meisten jene für die Krise, die für ihr Zustandekommen am wenigsten verantwortlich sind. Es sind die Arbeiter, nicht die Schmiergeldempfänger; die Armen, nicht die Spekulanten; die Angestellten, deren Gehälter gekürzt werden, nicht die Privilegierten, die ihre Vermögen ins Ausland schaffen. Ich habe den Eindruck, das Europa der Gläubiger, in dem offenbar immer noch Wohlstand und Zuversicht herrschen, geht zunehmend auf Distanz zu dem anderen Europa, in dem wir, die misstrauisch beäugten Schuldner, allmählich den Anschluss verlieren. In Spanien gibt es kaum einen Menschen, der nicht für ein vereintes Europa ist; doch aus Europa schlagen uns Forderungen nach Sparmaßnahmen entgegen, die nichts anderes bewirken können, als die Schere zwischen Arm und Reich noch weiter aufzureißen. Hinzu kommt eine Haltung zunehmender Geringschätzung, ja, sogar offener Verachtung, die wir Erwachsenen schon ganz vergessen hatten, die bei unserer Jugend indes nur Fassungslosigkeit hervorruft. Für sie ist das herrliche Kunstwerk der europäischen Gemeinschaft ein Teil der natürlichen Ordnung. Welchen Preis wir alle bezahlen müssen, wenn dieses Unternehmen scheitert, stelle ich mir lieber nicht vor.
Muñoz Molina, 56, ist einer der meistgelesenen Schriftsteller Spaniens. In Deutschland erschien zuletzt sein Roman "Die Nacht der Erinnerungen".
Von Antonio Muñoz Molina

DER SPIEGEL 31/2012
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