30.07.2012

Mein fremdes Land

SPIEGEL-Mitarbeiter Juan Moreno, Sohn eines spanischen Gastarbeiters, fuhr diesen Sommer zurück in die Heimat seiner Eltern - auf der Suche nach den Ursachen für die Krise seines Landes.
Vor ein paar Monaten interviewte mich ein kleiner, runder Mann. Ein spanischer Moderator, den ich noch nie gesehen hatte, den in Spanien aber jedes Kind kennt, Jordi Évole. Er war früher der Sidekick eines berühmten Late-Night-Talkers. Der spanische Manuel Andrack. Wir trafen uns an einem nasskalten Samstagnachmittag am Brandenburger Tor.
Évole bat mich, über Deutschland zu sprechen - als Sohn spanischer Einwanderer, vor allem aber als Deutscher. Ich sollte erklären, was wir, die Deutschen, richtig und was sie, die Spanier, falsch machen. Évoles Sendung gehört inzwischen zu den erfolgreichsten im spanischen Fernsehen. Der Mann ist investigativer Journalist und Komiker.
Was erwartete er als Antwort? Dass man nun mal keine ernstzunehmende Wirtschaft hat, wenn sie auf Sonne und Orangen und das Zubetonieren der Mittelmeerküste gründet? Dass spanische Fußballvereine keine 750 Millionen Euro dem Finanzamt schulden sollten? Dass sich Spaniens Schüler laut jüngster Pisa-Studie nicht verbesserten, trotz der Rekord-Steuereinnahmen vor der Krise?
Ich habe in letzter Zeit oft an dieses Gespräch gedacht, an die spanische Wirtschaftskrise, daran, ob ich wirklich weiß, wie es in meiner Heimat aussieht.
Meine Eltern sind Bauern aus Andalusien, die in den Siebzigern nach Deutschland gingen und bis zur Rente in einer Reifenfabrik in Hanau arbeiteten. Mein Vater war vier Jahre lang in der Schule. Er hatte kein Lehrbuch. Der Lehrer benutzte eine alte Enzyklopädie. Mein Vater kam bis zum D. Vielleicht war es auch das F. Auf jeden Fall war es eine Schande, was ihm sein Land als Bildung anbot. Er wanderte mit 17 aus.
Ich bin in Spanien geboren, habe einen spanischen Namen, ein spanisches Sprech-tempo, einen spanischen Pass und freue mich, dass Spanien Europameister geworden ist. Aber ich lebe in Deutschland, war hier in der Schule, arbeite hier.
Meine intensivsten Erinnerungen an Spanien sind, trotz der Besuche danach, über 25 Jahre alt. Es sind die verklärten Sommererinnerungen eines Kindes. Meine Familie gehörte zu dieser Gastarbeiterkarawane, die jedes Jahr mit einem vollgepackten Opel in die Heimat fuhr. Erst durch Frankreich, dann am Mittelmeer entlang bis ins Dorf meiner Eltern. 30 Stunden im Auto, Pausen nur zum Tanken, Vater Kettenraucher. Der Rücksitz war für mich, meine beiden Brüder und einen Koffer. Ich liebte diese Fahrten.
Nach dem Gespräch mit Jordi Évole habe ich beschlossen, diese Reise erneut zu machen. Wieder die Küste entlang, nur mit mehr Zeit, um mit Leuten zu sprechen. Sie sollen mir erklären, was aus diesem Land geworden ist. Ein Land, das mich seit geraumer Zeit in den Wahnsinn treibt. Ich könnte nicht mal sagen, womit genau. Die Unfähigkeit, irgendetwas Sinnvolles zu produzieren, die ekelhafte Bauwut, die Unverfrorenheit, mit der Hilfe aus dem Rettungsfonds erwartet wird?
Die erste richtige spanische Großstadt, an die ich mich erinnern kann, ist Barcelona. Hier beginnt meine Reise. Sie war damals nicht die Stadt der Designhotels und der Tapas im Barri Gòtic, der sinnsuchenden Romanistikstudentinnen, die hier Spanisch lernen. In meiner Kindheit war es die Stadt ohne Autobahnring. Er war noch nicht gebaut. Mein Vater hasste die Anarchie des Verkehrs, die Seats, die Guardia Civil, die in den frühen Achtzigern Francos Schutz, nicht aber ihre widerliche Arroganz verloren hatte. Meine Mutter zwang uns, trotz der Hitze, die Fenster hochzukurbeln. An den Ampeln warten Trickdiebe auf deutsche Autos, sagte sie. Ich hasste Barcelona.
2012 ist das anders. Ich komme an, nachdem der spanische Ministerpräsident Mariano Rajoy Europa darauf vorbereitet hat, dass die Rettung der hiesigen Banken 100 Milliarden Euro kosten könnte. Er hatte davor behauptet, Spanien werde nie Hilfe benötigen.
Im Hotel schaue ich Fernsehnachrichten. Sie bestehen wie üblich aus zwei Teilen. Dem Horrorfilm und der Märchenstunde. Immer mehr Sparer räumen ihre Sparkonten, Castilla-La Mancha schließt 70 Schulen, fast 25 Prozent Arbeitslosenquote, das ist der Horrorfilm. In der Märchenstunde geht es um die spanische Nationalmannschaft. Wer hier längere Zeit Nachrichten schaut, versteht, warum mittlerweile die Hälfte der Sendezeit auf Sport verwandt wird. Man würde andernfalls verrückt werden. Es dreht sich alles um die Krise. Wirklich alles: Ein Baumarkt schreibt 200 Stellen aus, 12 000 Bewerber. Akademiker verschweigen Abschlüsse bei der Bewerbung, um gegen Geringqualifizierte zu bestehen. Streikende Minenarbeiter in Asturien liefern sich Straßenschlachten mit der Polizei. Der Verkauf von Tresoren nimmt zu.
Das sind keine Nachrichten, das ist Terror.
Barcelona ist voller Touristen. Die Übernachtungszahlen haben voriges Jahr zugenommen. Die Cafés rund um die Plaça Catalunya servieren weiterhin überteuerten Kaffee. Die Polizei verscheucht die Bettler. Man muss die Krise ein paar Querstraßen weiter suchen.
An einer Kreuzung auf der Avinguda Diagonal treffe ich Pedro Panlador, einen schmächtigen Mann, der sich vor eine Filiale von Bankia gestellt hat. Er will sie stürmen. Einige Gleichgesinnte begleiten ihn. Sie haben Zeitungsredaktionen angerufen, damit sie über die Aktion berichten, aber die haben abgewinkt. In Spanien werden derzeit immerzu irgendwo irgendwelche Banken gestürmt.
Bankia, eine Bank aus Madrid, hat Pedro Panlador aus der Wohnung geworfen, weil er seinen Kredit nicht mehr bedienen konnte. In den ersten drei Monaten dieses Jahres wurden täglich 200 Wohnungen zwangsgeräumt.
Panlador ist in Kolumbien geboren, lebt seit zwölf Jahren in Barcelona. Er hat derzeit 242 000 Euro Schulden. Vor der Krise war er Chauffeur. Seit über zwei Jahren ist er arbeitslos.
Passanten laufen vorbei, einige sprechen ihm Mut zu, einige applaudieren. Nicht einer findet es verkehrt, dass man sich vor eine Bank stellt und die Mitarbeiter "Verbrecher" nennt. Panlador sagt, dass er "friedlich" vorgehen werde, er wolle "nur den Direktor sprechen".
2011 machte Bankia drei Milliarden Euro Verlust, die Bank braucht über 20 Milliarden, um nicht pleitezugehen und damit das spanische Finanzsystem in den Abgrund mitzureißen. Der letzte Chef hieß Rodrigo Rato, ehemaliger Finanzminister unter dem Ministerpräsidenten José María Aznar. Bis 2007 war Rato Chef des Internationalen Währungsfonds. Der IWF wird womöglich Spanien bald retten müssen. Es klingt wie ein Witz.
Panlador und seine Jungs wollen jetzt mit der Erstürmung beginnen. Sie machen das zum ersten Mal. Panlador hat schon vor einer Bankia-Filiale gezeltet, aber er findet, dass eine Erstürmung mehr Eindruck macht. Er nimmt seinen Mut zusammen und geht zum Eingang. Da sieht er, dass die Filiale eine Sicherheitstür und eine Klingel hat.
Panlador klingelt.
Bankia öffnet nicht.
Panlador dreht sich zu den anderen. Sie schauen etwas ratlos. Schließlich pustet einer in eine Trillerpfeife.
Panlador klebt ein paar Aufkleber auf die Scheibe. Die Banken sollen aufhören, säumige Kunden aus den Wohnungen zu klagen, steht da. Spanien ist das Land der traurigen Demos.
Panlador macht ein paar Schritte zurück. Es gibt keine Privatinsolvenz in Spanien, Panlador wird die 242 000 Euro Schulden behalten, solange er lebt. "Ich bin müde", sagt er.
Vermutlich braucht Protest wenigstens ab und zu einen kleinen Erfolg, etwas Hoffnung, die zeigt, dass sich der Kampf lohnt. Und vermutlich muss wenigstens der Feind klar sein.
Aber wer ist schuld? Bankia, weil sie einem Mann, der 940 Euro netto im Monat verdiente, eine viertel Million Euro gab? Oder Panlador, weil er so einen Kredit aufnahm? Niemand zwang ihn. Vielleicht beide.
Vielleicht aber auch nur dieses Meer der Chancen. Überall wurde gebaut, überall Geld verdient. Billiges Geld, Banken, die es verschenkten, Wohnungen, die sich selbst zu finanzieren schienen, massenweise Jobs - das alles verwandelte die Spanier in Spielsüchtige und das Land in ein Casino. Niemand musste mehr ertragen, dass der Nachbar ein Wochenendhaus in Conil an der Costa de la Luz hat und man selbst nur eine Datsche am Stadtrand. Wer ahnte, dass am Ende Leute wie Pedro Panlador vor einer Bankfiliale stehen würden und an einer Klingel scheitern?
Ich gebe Panlador die Hand, wünsche ihm Glück. Barcelona ist wunderschön, viel schöner als Berlin, Frankfurt am Main oder München. Noch immer, trotz der "Zu verkaufen"-Schilder an den Balkonen, trotz der Goldhändler, die überall Läden beziehen, wo sie den Schmuck der Verzweifelten aufkaufen. Die Stadt kommt mir vor wie die Frau des Fabrikdirektors, die noch nicht glauben will, dass die Firma bankrott ist. Der Pelz ist noch da, der Diamantring, das Porzellan, aber alle wissen, dass es bald vorbei sein wird. Die Arbeitslosenquote in Barcelona ist im vergangenen Jahr um 7 auf 17,7 Prozent gestiegen. 17,7 Prozent ohne Arbeit in der reichsten Stadt Spaniens.
Ich steige ins Auto und verlasse Barcelona. Ich habe einen Termin in Sabadell, einer ehemaligen Textilstadt. Ich bin mit Antonio, einem Familienvater, verabredet. Auch er hat seine Wohnung verloren. Er will aber keine Bank stürmen, er wehrt sich wirklich. Er hat eine Wohnung besetzt.
Es ist früher Nachmittag, Antonio steht in seiner Wohnungstür und weiß, was ich denke. Antonio sieht aus wie George Clooney.
"Ich weiß", sagt er, "das sagen alle."
Antonio betritt den schmalen Flur, er zeigt mir das winzige Bad, eine Wohnküche mit großem Kühlschrank, ein Schlafzimmer, in dem zwei Betten stehen, auf denen jeweils ein Plüschtier liegt.
"Das ist es", sagt Antonio, zwei Zimmer, Erdgeschoss, das neue Zuhause. Im Klo stapeln sich ein paar Kartons.
"Wie lange bist du schon hier?"
"Zwei Tage."
"Wie bist du reingekommen?"
"Sag ich nicht, aber ich war mal Schweißer. Morgen schlafen meine Mädchen das erste Mal hier."
Antonio hat zwei Töchter, 14 und 17. Die jüngere geht zur Schule, die ältere macht eine Ausbildung zur Friseurin, bekommt aber wegen der Krise kein Geld und ist die Einzige aus ihrer ehemaligen Klasse, die überhaupt eine Stelle gefunden hat. Antonio schiebt eine Plüschente zur Seite und setzt sich aufs Bett.
Antonio Zamora Hidalgo, 47 Jahre, verschlossener Typ, hat vorgestern seinen Kampf gegen das System gestartet. Er hat über 20 Jahre lang in einer Metallfabrik gearbeitet, hat zwölf Jahre lang den Kredit für seine Wohnung bei der Großbank BBVA bedient. Als er die Raten nicht mehr zahlte, verlor er alles. Es gibt kein Hartz IV in Spanien. Was es gibt, ist eine Regelung, die vorsieht, dass der Kreditnehmer nicht einfach die Immobilie zurückgeben kann, um seine Schuld zu begleichen. Im Zweifel verliert er die Wohnung und schuldet trotzdem den vollen Kaufpreis.
Antonio Zamora Hidalgo wusste einfach nicht, wohin er mit den Kindern sollte. Seine Frau hat die Familie gerade verlassen, weil sie nicht erträgt, wie tief sie gesunken sind. Antonio wandte sich an die Bürgerinitiative PAH in Barcelona. Dort sagten sie, dass 20 Prozent der spanischen Wohnungen leerstehen. Darunter auch eine in Sabadell, seit fünf Jahren.
Die kleine Wohnung liegt in einer ruhigen Seitenstraße im Stadtteil Can n'Oriac und gehört der Caixa Catalunya, einer dieser größenwahnsinnigen Provinzsparkassen in Spanien, die in den vergangenen Jahren wie entfesselt Immobilienkredite vergeben haben und mit Steuergeld gerettet werden mussten.
"Hast du sie dir so vorgestellt?", fragt Antonio.
Ich schaue mich im winzigen Zimmer um. Die beiden Betten füllen es fast vollständig aus.
"Wenn du schon illegal eine Wohnung besetzt, warum nicht eine größere?"
Antonio muss lachen. Er meinte nicht die Wohnung, er meinte die Lage in Spanien.
"Ich kann dir sagen, wie die Lage ist", sagt Antonio, "die Lage ist so, dass Typen wie ich Wohnungen besetzen."
Wer ist jetzt schuld, denke ich auf der Autobahn. Der Mann hatte noch nie Ärger mit der Polizei. Er trinkt nicht, ist kein Anarchist, kein Linker, er schaut nicht mal Nachrichten. Jetzt ist er Hausbesetzer. Womöglich hat er einfach nur Pech gehabt und wurde mitgerissen, als dieses Schneeballsystem aus billigen Krediten und steigenden Wohnungspreisen, das spanisches Wirtschaftswunder genannt wurde, zusammenbrach. Es war die Zeit, als das "Time"-Magazin aus New York "Spain rocks" titelte.
Ich erreiche Castellón, eine etwas träge Küstenstadt am Mittelmeer, geprägt von einem schönen Park und einem phänomenal hässlichen Kaufhaus.
Als Kind mochte ich Castellón, den letzten Tankstopp vor unserem Dorf. Ich bin hier, weil ich wissen möchte, warum Castellón einen Flughafen gebaut hat, von dem noch nie ein Flugzeug gestartet ist. Einen Flughafen, der 150 Millionen Euro gekostet hat und der zu einer Stadt gehört, die 65 Kilometer von Valencia entfernt liegt, wo es bereits einen viel zu großen Flughafen gibt.
Ich verlasse die Autopista del Mediterráneo und fahre über die CV-10 Richtung Flughafen Castellón. Die CV-10 ist die beste Autobahn, auf der ich je gefahren bin. Der Asphalt ist perfekt, die Schilder neu, der Mittelstreifen begrünt. Nach etwa einer halben Stunde stehe ich vor einem Absperrzaun und streite mich mit einem Wächter. Der Mann spricht in ein Funkgerät: "Serra 1 an Serra 2, wir haben einen Code 3!"
Einen Code 3 löst man aus, indem man am Absperrzaun einen Wächter fragt, ob man den Flughafen aus der Nähe betrachten könne. Schließlich sei er mit öffentlichen Geldern bezahlt und bereits am 25. März 2011 eröffnet worden.
Ich steige aus dem Auto. Hinter mir ist eine große Skulptur aufgebaut, sie steht an der Zufahrt zum Flughafen. Ein guter Freund eines Lokalpolitikers baut noch immer an ihr, sie ist unfassbar hässlich und soll 300 000 Euro gekostet haben. Der Wächter spricht in das Funkgerät. Ich erkenne von außen den Tower, sehe einen Teil der 3000 Parkplätze, etwas von der 2700 Meter langen Startbahn.
"Ich habe dein Nummernschild der Polizei weitergeleitet", sagt der Wächter. Ich nicke und denke daran, dass der Flughafen von Castellón nicht mal der sinnloseste, schon gar nicht der teuerste Spaniens ist. In Ciudad Real, 160 Kilometer von Madrid, ist ein Flughafen für eine Milliarde Euro gebaut worden. Da fliegen auch keine Flugzeuge.
Castellón litt jahrelang darunter, dass es nicht so bedeutend war, nicht so reich, nicht so bekannt wie Valencia und Alicante, die anderen beiden großen Städte in der Region. Irgendjemand hatte die Idee, das durch den Bau von 17 Golfplätzen zu ändern. 17 Golfplätze à 18 Löcher macht viele Golfer. Darum der Flughafen. Die Golfplätze wurden nie realisiert. Die Stadt verhielt sich im Kleinen wie Spanien im Großen. Spanien wollte nicht der kleine Bruder Europas sein. Das heißt: richtige Flughäfen, richtige Autobahnen. Die Zeiten, in denen Leute wie mein Vater mit einer zu dünnen Jacke an einem deutschen Bahnhof ankamen, waren vorbei. Das neue Spanien konnte Fußball spielen, hatte Konzerne wie Telefónica und Köche wie Ferran Adrià.
Ich lasse den Wärter stehen und biege wieder auf die Autobahn ab. In drei Stunden werde ich im Dorf meiner Eltern sein. Ein kleiner Umweg führt mich an einer Großbaustelle vorbei. Die spanische Bahn baut eine weitere Schnelltrasse. Das Land hat heute mehr Hochgeschwindigkeitsschienen als Deutschland oder Frankreich.
Ich frage mich, wie es in den vergangenen Jahren gewesen sein muss, Politiker zu sein. Ein Rausch, eine Zeit ohne Maß, ohne Verstand. Viele Politiker mussten für eine Wiederwahl irgendein Projekt vorweisen, am besten aus Stein. Überall entstanden Sportplätze, Theater, Schwimmbäder, Straßenbahnen. Die Wirtschaft war verrückt geworden, die Politiker auch. Die Demokratie aber, die funktionierte. Die Spanier hätten fragen können, woher das ganze Geld kommt, sie hätten fragen können, warum die Straßen besser, die Züge schneller und die Schulleistungen ihrer Kinder aber schlechter wurden. Sie hätten andere Politiker wählen können. Weniger verrückte. Ich glaube fest daran, dass jedes Dorf, jede Gemeinde, jede Provinz genau den Politiker bekam, den sie verdient hatte.
Ich erreiche das Dorf meiner Eltern, Huércal-Overa, heute eine Stadt mit 18 000 Einwohnern, die Provinz heißt Almería. Die Gegend wird die Wüste Europas genannt, trocken und im Sommer unerträglich heiß. Bully Herbig hat in Almería den "Schuh des Manitu" gedreht. Meine Reise endet hier.
Früher blieben wir im Haus meiner Großeltern, etwas außerhalb. Es gab keine Toilette und keinen Strom. Das war in den Achtzigern. Heute hat die Stadt ein öffentliches Theater, eine neue Plaza Mayor, ein überdachtes öffentliches Schwimmbad, ein neues Freibad, einen Zoo, einen Park, einen neugestalteten Stadtkern und reihenweise halbfertige Wohnblöcke.
Das Haus meiner Eltern liegt am nördlichen Ende der Stadt. Es ist ein schlichtes, eher hässliches Haus. Alles, was sie je gespart haben, ist in diese 130 Quadratmeter geflossen. Der einzige Luxus ist eine absurd überdimensionierte Klimaanlage auf dem Dach, die unser Wohnzimmer problemlos in eine Polarlandschaft verwandeln kann.
Ich habe meine Eltern gebeten, ein paar meiner Familienmitglieder anzurufen, um mit mir über ihr Leben in Spanien zu sprechen.
Mein Onkel Juan arbeitet seit 20 Jahren in einem Agrarbetrieb. Er setzt Tomatenpflanzen, geht mit Dünger durch die Gewächshäuser, hilft bei der Ernte. Ein knochenharter Job, über den er sich in meinem Beisein nie beschwert hat. Er verdiente vor dem Boom ungefähr drei Euro die Stunde, knapp zehn Jahre später sind es noch immer keine vier. Er fuhr vor der Krise einen Kleinwagen, er fährt heute noch einen. Juan sagt, dass er die Krise nicht brauche, um zu wissen, dass er nicht zum reichen Europa gehöre. Er sei nun mal arm, er sei aus dem Süden.
Pepe, mein Cousin, war anders. Als Jugendlicher verkaufte er Schuhe auf den Wochenmärkten der Gegend, später Chips und Erdnüsse, irgendwann machte er den Lkw-Führerschein und versuchte sich als Transportunternehmer. Vor 150 Jahren wäre er Goldgräber geworden. Es kamen die Boom-Jahre und die Zeiten für Leute wie Pepe. Leute, die nicht arm bleiben wollten. Anfangs saß er selbst am Steuer und hatte einen Lkw, später waren es zwei, danach drei, irgendwann acht oder neun. Es gab genug zu tun, immer wieder neue Kunden. Eine Brauerei, ein Autozulieferer, das Zwischenlager eines Großhändlers. Zum 40. Geburtstag, ich war zu dem Fest eingeladen, schenkte er seiner Frau einen schwarzen Audi A6. Pepe hätte an diesem Tag vor Glück platzen können. Sie hatten es geschafft. Das Haus war abbezahlt, sie fuhren ein deutsches Auto, seine Tochter hatte gerade das Medizinstudium begonnen.
Pepe war einer der lustigsten Menschen, die ich kenne. Niemand riss öfter schmutzige Witze. Diesen Pepe gibt es nicht mehr.
Mein Cousin ist heute ein kranker Mann. Mein Vater hat die letzte Behandlung bei einem Psychiater bezahlt. Pepe sagt niemandem in unserer Familie, wie viel Schulden er hat, aber es müssen Millionen sein, und wir haben uns alle damit abgefunden, dass er nie wieder schuldenfrei sein wird. Seine Tochter, die Medizinstudentin, arbeitet an einer Supermarktkasse. Als ich ihn am Tag nach meiner Ankunft wiedersehe, trinken er, mein Vater und ich gemeinsam einen Kaffee. Pepe sagt genau zwei Wörter, anfangs "Hola", am Ende "Adios".
Die Krise hat ihn verändert, sie verändert Spanien. Vielleicht erkennt das Land, dass es keine Abkürzungen gibt nach Europa, keine smarten Tricks. Einfach eine harte Währung einführen, Dutzende Flughäfen, Zugtrassen und Golfplätze, und alle kaufen sich einen A6, das funktioniert nicht. Der Weg ist mühsam und bekannt. Am Anfang stehen Bildung, Forschung, die Förderung von Gründern. Die Spanier können das alles, sie sind ein großartiges Volk, mein Volk, aber die Krise hat ihnen gezeigt, wo sie stehen. Am Rand Europas, nicht im Zentrum. Der Immobilienboom, das billige Geld, die Euphorie haben sie verführt. Nicht, weil sie schlecht oder faul wären, sondern weil sie Menschen sind.

DER SPIEGEL 31/2012
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