30.07.2012

KOMMENTARTrennt die Banken

Von Georg Mascolo
Die Banken erpressen uns, hat SPD-Chef Sigmar Gabriel in einem Thesenpapier geschrieben, und es ist zu hoffen, dass in dem Getöse über seine teilweise berechtigten, teilweise überzogenen Forderungen die wirklich wichtige Wortmeldung dieser Woche nicht vergessen wird.
Sie kommt von Sandy Weill, er war acht Jahre lang die bestimmende Figur der US-Großbank Citigroup. Dieser Sandy Weill, der ein Finanzimperium geschmiedet und - erfolgreich - gegen so ziemlich jede Regulierung des Bankensektors angekämpft hat, sagt jetzt: Zerschlagt die großen Banken.
Was er will, ist eine Rückkehr zu den Regeln, die der Welt schon einmal gut gedient haben, erdacht nach der Finanzkrise der dreißiger Jahre, beseitigt im Rausch der Liberalisierung in den Neunzigern.
Glass-Steagall-Act hieß das Gesetz, das die Bankenwelt in zwei Kategorien teilte.
In Banken, die sich klassischen Geschäften widmen, Kundeneinlagen verwalten und Kredite vergeben und deshalb für jede Volkswirtschaft tatsächlich systemrelevant sind. Solche Banken müssen geschützt und notfalls auch vom Staat gerettet werden.
Und in die Investmentbanken, denen zu oft jedes riskante Geschäft recht ist, wenn es denn Gewinn abzuwerfen verspricht. Geht es schief, soll ihnen, so will es Sandy Weill, niemand zu Hilfe eilen müssen. Diese Banken wären kleiner, keine Finanzgiganten mehr. Was zu groß zum Scheitern ist, wäre künftig zu groß, um überhaupt existieren zu dürfen.
Amerika diskutiert - wie die gesamte Finanzwelt - Weills Vorstoß.
Denn der US-Banker gehörte zu denjenigen, die Bill Clinton 1999 dazu drängten, das Gesetz abzuschaffen. In seinem Büro hing eine Plakette, in der er sich als "Zertrümmerer des Glass-Steagall-Gesetzes" feierte. Noch hat der Vorschlag nicht genügend Unterstützung, auch wenn ein kluger deutscher Dax-Vorstandschef wie Nikolaus von Bomhard (Munich Re) den Konstruktionsfehler des Systems ebenfalls beseitigen will. Das will übrigens auch Gabriel.
Einwände kommen von allen Seiten (auch aus der Wirtschaftsredaktion des SPIEGEL): etwa, dass sich so nichts Grundlegendes ändern ließe, wie der Fall der Lehman-Pleite beweise. Die Investmentbank, deren Kollaps die Finanzkrise auslöste, hätte so oder so gerettet werden müssen. Das stimmt - aber nur im jetzigen System. Bei einer strikten Trennung der Banken ist es sehr wohl wahrscheinlich, dass Lehman nicht die gesamte Finanzwelt mit in den Abgrund hätte reißen können. Und, ja, die Trennung würde Probleme mit sich bringen für die Deutsche Bank, die Investment- und Geschäftsbank ist und damit nach einem neuen Modell suchen müsste. Und doch: Die Vorteile wiegen die Nachteile bei weitem auf.
Noch jede halbwegs sinnvolle Reform der Finanzwelt ist bisher am Widerstand der Wall Street, der Londoner City oder der FDP gescheitert. Nicht einmal die Politiker glauben noch daran, dass sie ihr Versprechen - Exzesse lassen wir nie mehr zu - einlösen können. Nichts passiert. Die alte Trennbanken-Regelung würde heute so nicht mehr funktionieren. Aber sie lässt sich anpassen an die heutige Welt der Finanzmärkte. Das ist Handwerk. Es könnte schnell gehen. Und das muss es auch.
Möglich wurde das Glass-Steagall-Gesetz übrigens, weil in den USA eine Senatskommission das dumme, riskante und bisweilen kriminelle Verhalten der Banken vor der Großen Depression entlarvt hatte. Die Empörung ebnete dem Gesetz den Weg. Manchmal wiederholt sich Geschichte doch. Glass-Steagall hat der Welt über Jahrzehnte gute Dienste geleistet; besser, man hätte das Gesetz niemals außer Kraft gesetzt.
Jetzt ist es an der Zeit, diesen Fehler zu korrigieren.
Von Georg Mascolo

DER SPIEGEL 31/2012
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