30.07.2012

RUSSLANDWas möglich ist

Ausgerechnet im behindertenfeindlichen Moskau gründet ein deutscher Unternehmer einen Mode-Wettbewerb für Gelähmte und Blinde.
Sie sei 1,64 Meter groß, habe "lange Haare und braune Augen" und wiege 40 Kilogramm; "80/50/80" seien ihre Maße. So hatte es Olga Kirjakowa in ihre Bewerbung geschrieben, in die Bewerbung für eine Modenschau. Dann schickte sie ihre Mappe aus dem sibirischen Tomsk nach Moskau.
Jetzt ist Olga in der Hauptstadt, der Traum ist in Erfüllung gegangen, gleich soll sie auf den Laufsteg hinaus. Sie trägt ein schwarzes Kleid, eine Stylistin macht letzte Striche am Make-up. Ins Haar werden ein paar Klammern gesteckt, dann bekommt sie eine weiße Pelzmütze aufgesetzt, die an einen Kosakenhut erinnert. Fertig. Olga nimmt ein weißes Stofftier in die Hand, eine Robbe, "sie ist mein Talisman", sagt sie.
Im roten Abendkleid betritt eine andere junge Frau die Bühne. Es ist keine gewöhnliche Frau, aber es ist ja auch keine gewöhnliche Modenschau: Die Frau geht an zwei Krücken, bei einem Unfall hat sie ein Bein verloren. Auch Olga ist nicht gesund, sie leidet unter fortschreitendem Muskelschwund, sie wird im Rollstuhl vor das Publikum fahren.
Es ist ein Tabubruch, der mitten im glitzernden, erfolgsverwöhnten Moskau passiert, in jener Stadt, in der eigentlich nur Karriere, Geld und Erfolg zählen. Kranke und Versehrte passen nicht ins Bild der emporstrebenden Metropole. Schon gar nicht in die Welt der Mode, die auf makellose Schönheit setzt.
Das Publikum klatscht, als Olga ihre Kleider vorführt, aber es gibt auch verstörte Gesichter. "Unser Bewusstsein ist noch immer vom Sowjetkommunismus geprägt", wird die Reporterin einer der angesehensten Wirtschaftszeitungen später über diese Modenschau schreiben: "Ein Behinderter soll in seinen vier Wänden weggesperrt werden, er soll möglichst unsichtbar bleiben."
In Moskau, einer der reichsten Städte der Welt, bieten Busse bis heute keine Einstiegshilfen für Invaliden. Einer Gruppe autistischer Kinder wurde im April der Zutritt ins neueröffnete Planetarium verwehrt: "Den anderen Zuschauern gefällt es nicht, Behinderte anschauen zu müssen", teilte der Direktor mit. Eine junge behinderte Frau zog jüngst vor Gericht, weil die staatliche Fluglinie sie nicht an Bord eines Linienflugs ließ. Und am Tag der Modenschau wandte sich ein 27-jähriger Rollstuhlfahrer über ein Boulevardblatt an die Öffentlichkeit: Ihm wurde trotz Reservierung der Zutritt zu einem Luxusrestaurant verwehrt. "Sie verderben anderen Gästen den Appetit", hatte es geheißen.
"Der Umgang mit Behinderten spiegelt das Verhältnis der Regierung zu den Schwachen in der Gesellschaft", sagt die Wirtschaftswissenschaftlerin Irina Jassina, Rollstuhlfahrerin und Galionsfigur der Anti-Putin-Opposition. "Obwohl die Sowjetunion seit 20 Jahren Geschichte ist, tragen wir noch schwer an ihrem Erbe."
Die Kommunisten hatten stets glauben machen wollen, bei ihnen stehe der Mensch im Mittelpunkt, Versehrte aber hatten sie gern versteckt. 2,5 Millionen Invaliden waren allein aus dem Zweiten Weltkrieg in die Heimat zurückgekehrt. Stalin-Nachfolger Nikita Chruschtschow aber befand, Kriegsversehrte passten nicht zum Image eines Siegers, er ließ Bettler und Invaliden aus dem Straßenbild entfernen.
KP-Chef Leonid Breschnew schenkte Beinamputierten zwar behindertengerechte Autos, in den Medien aber blieb das Thema Invalidität ein Tabu. Erst im Oktober 1987, während der Gorbatschowschen Perestroika, durften Versehrte erstmals im Fernsehen auftreten. Russen, die damals ins westliche Ausland reisten, staunten über die Behinderten in Berlin und Paris, die sich öffentlich zeigten, über Rampen für Rollstuhlfahrer, U-Bahn-Lifte und Blindenhunde.
Nach Angaben des Gesundheitsministeriums leben heute mehr als 13 Millionen Behinderte in Russland. 77 Prozent der arbeitsfähigen Behinderten sind arbeitslos; in Deutschland liegt diese Quote bei 15 Prozent.
"Dabei kann auch ich unserer Gesellschaft etwas geben", sagt Rollstuhlfahrerin Olga Kirjakowa nach ihrem Auftritt auf der Modenschau, "außerdem möchte ich gut aussehen, so wie jede Frau." Aber zu Hause, in den Geschäften in Tomsk, findet sie wenig, was ihr gefällt und gleichzeitig ihrer Behinderung Rechnung trägt. Auf dem Moskauer Laufsteg hat sie jetzt eine Bluse mit Ärmeln gezeigt, die man durch Druckknöpfe vom Brustteil abtrennen kann. "So kann ich sie mir selbst anziehen", erklärt Olga.
"Wir wollen nicht über die Situation der Behinderten in Russland lamentieren, wir wollen zeigen, was möglich ist", sagt Tobias Reisner, der den internationalen Fashion-Wettbewerb erfunden hat. "Bes graniz" nennt er ihn: ohne Grenzen.
Im Saal führen zwei Designer aus Brasilien gerade ihre Kollektion für blinde Kinder vor, die Schwächsten der Schwachen. Die Modeschöpfer haben auf die Kleidchen Märchenfiguren und Gedichte in Blindenschrift gestickt, die die Kinder mit ihren Händen ertasten können. Die 14-köpfige Jury aus neun Ländern wird die Brasilianer später mit einem Sonderpreis für Innovation ehren.
Veranstalter Reisner, mit schmuckloser Brille und grauem Jackett überm weißen Hemd, hat wenig von einem Mode-Impresario. Er ist ein mittelständischer Unternehmer, der 15 Jahre als Auslandsmanager eines deutschen Weltkonzerns gearbeitet und dann eine Software-Firma gegründet hat. Sie bringt das Geld, mit dem er den Wettbewerb finanziert. "Ich wollte etwas Neues entwickeln", sagt Reisner - "und versuchen, die Welt ein wenig besser zu machen."
Neben ihm sitzt Ilana. Die 23-Jährige kommt aus Wolgograd und leidet seit ihrer Kindheit an spastischen Bewegungsstörungen. Sie trägt eine Kollektion der Jungdesignerin Vivien Schlüter aus Oldenburg: ein Bolerojäckchen aus Vlies und einen Rock, der an den Seiten kürzer ist, damit er von Rollstuhlfahrerinnen getragen werden kann, ohne dass der Stoff in die Speichen gerät.
Ilanas Vorbild ist das russische Supermodel Natalja Wodjanowa und ihr großer Traum, als Model einmal ins Ausland reisen zu können. Die Chancen stehen nicht schlecht: Die Behindertenbeauftragte des amerikanischen Bundesstaats Kalifornien ist nach Moskau gereist. Sie möchte den "Bezgraniz Couture Award" 2013 nach Los Angeles holen.
Ilana und die Designerin aus Oldenburg gestikulieren, sie schauen sich aufmerksam in die Augen. Die Russin spricht keine Fremdsprache und kann sich wegen ihrer Muskelzuckungen nur schwer artikulieren. Dennoch verstehen sich die beiden. Sie haben die gleiche Idee: Die Deutsche möchte einen Wettbewerb für Behindertenmode in Norddeutschland starten, Ilana einen in Wolgograd.
Von Matthias Schepp

DER SPIEGEL 31/2012
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