30.07.2012

Unendlich Sommer

GLOBAL VILLAGE: In den Emiraten am Persischen Golf gibt es ein Leben jenseits der 46 Grad im Schatten.
Aus Deutschland? Er kennt den Ort: "Das ist dort, wo es sechs Monate lang keine Sonne gibt, oder? Immer nur Dunkelheit." Ob man dort möglicherweise Träger brauchen könnte? Mohammed al-Amin wäre bereit zu kommen. Die Dunkelheit nähme er auf sich.
Es ist ein Uhr mittags in 25° 02 67 Nord, 55° 02 98 Ost, also im ziemlich subtropischen Bereich, und an der Mole des Dubai Creek könnten jetzt 46 Grad Celsius festgestellt werden, wenn Mohammed al-Amin ein Thermometer besäße.
Tut er aber nicht. Es ist ihm auch neu, dass vor kurzem in Athen die Akropolis wegen extremer Hitze geschlossen wurde. Das waren dort 42 Grad. Also eine Temperatur, die Amin als akzeptabel beschreiben würde. Sein Arbeitstag beginnt morgens um halb fünf. 42 Grad sind es gegen zehn Uhr, und um 22 Uhr, wenn sein Tag endet, werden es vielleicht noch 38 Grad sein.
Mohammed al-Amin hat bis eben Kühlschränke der Marke Samsung geschleppt. Ausgerechnet Kühlschränke, könnte man meinen, wenn es einen interessieren würde, was auf diesen mannshohen Kartons geschrieben steht. Aber das interessiert Amin nicht. Er merkt nur, wie der Schweiß in den Augen brennt, wie der Boden unter seinen Latschen zu glühen scheint und wie sein Boss aus Pakistan immer schlechtere Laune hat, je länger er nichts essen darf, weil der Ramadan begonnen hat.
Kein Wasser, kein Essen, keine Zigaretten bis Sonnenuntergang. Das macht die Kühlschränke nicht leichter.
Eigentlich gibt es einen gekühlten Aufenthaltsraum für die Packer an der Mole. Aber eigentlich hatten sie Mohammed al-Amin auch einen Job als Reinigungskraft versprochen, damals vor acht Monaten, als er daheim in Bangladesch dem Agenten das Geld übergab. Staubsaugen und Putzen in den klimatisierten Büros von Dubai, hatten sie gesagt. Dafür hat er seine Tischlerei in Dhaka aufgegeben und 250 000 Taka bezahlt, etwa 2400 Euro. Die Reinigungsfirma hat ihn dann weitervermietet als Lastenträger und dafür den Monatslohn gekürzt, von 800 auf 600 Dirham, was etwa 130 Euro sind.
Und der Aufenthaltsraum an der Mole? In den dürfen sie nur für jeweils fünf Minuten. Man kann sich aber auch kurz in die Bus-Wartehäuschen setzen, die haben Klimaanlage. Nur ist das verboten, eigentlich. Genauso wie das Trinken verboten ist während des Ramadan und man es trotzdem heimlich machen muss, weil es nicht anders geht. "Braucht man vielleicht Tischler in Deutschland?"
Wer hier am Creek am Mittag nur eine Bewegung macht, dem legt sich das Hafenwasser wie Dampf auf die Haut. Vorhin, am Stadtrand, Richtung Abu Dhabi, waren es 50 Grad. In Athen wäre das Notstand. Es ist so heiß, dass einem die Härchen auf dem Unterarm zu versengen scheinen. So heiß, dass einem keine Metaphern mehr einfallen. Haartrockner? Biosauna? Das, was einem im Ofen entgegenkommt, wenn man nachschaut, ob der Kuchen fertig gebacken ist?
Es ist so heiß, dass das Kaltwasser aus dem Hahn zu warm ist, um ein Ei abzuschrecken. Dass die eigene Kleidung sich anfühlt wie die heißen Tücher, die einem bei Fernflügen aufs Gesicht gelegt werden.
Luxusmetaphern. Unbrauchbar für Leben wie das von Mohammed al-Amin, dem 29-jährigen Tischler aus Bangladesch, Vater der fünfjährigen Runa, der er etwas mitbringen wird, wenn er genug Kühlschränke, Farbeimer, Lastwagenreifen, Säcke über die Mole am Creek geschleppt hat, um seine Schulden zu bezahlen.
Die Lastkähne an der Mole sind hölzerne Dauen, sie fahren nachts nach Bandar-e Abbas in Iran, quer über die Straße von Hormus. Die iranischen Seeleute liegen dicht an dicht unter der Klimaanlage der Steuerkajüte. Vor einigen Tagen ist hier ein Fischerboot vom US-Versorgungsschiff "Rappahannock" beschossen worden, irrtümlich.
Amin sagt, dass die Klimaanlage in seinem Arbeitercamp jetzt oft ausfalle. Dann fächelt er sich mit einem Karton so lange Luft zu, bis er vor Müdigkeit keine Hitze mehr spürt.
Gibt es einen härteren Job im Sommer, als Lastenträger zu sein am Creek? Amin überlegt kurz. Die Betongießer und Eisenflechter auf den Hochhäusern. Aber die würden besser bezahlt.
Niemand von denen, die mittags im Freien schuften müssen, jenseits der 46 Grad, würde von sich behaupten, es richtig schlecht getroffen zu haben. Der Träger am Fischmarkt muss sich seine Schubkarre selbst kaufen und bekommt den Gestank nicht aus den Kleidern. Aber er ist sein eigener Herr und Knecht. Der Kartonsammler fährt auf dem Fahrrad die Müllcontainer ab, er bekommt drei Cent das Kilo, aber die Union Paper Mills haben ihm das Rad gestellt.
Es geht immer noch schlechter. Das ist der Trost der Armen seit je. Keiner hat die Wahl. Und Hitze? Fällt in der ganzen Misere schon gar nicht mehr auf. Vor allem, wenn man zu arm ist, sich ein Thermometer leisten zu können.
Von Alexander Smoltczyk

DER SPIEGEL 31/2012
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