30.07.2012

PSYCHOLOGIE„Nachhilfe statt Pillen“

Der Harvard-Entwicklungspsychologe Jerome Kagan über die Erfindung psychischer Massenleiden bei Kindern und Jugendlichen, die überschätzte Rolle der Mutter-Kind-Bindung und die Krise seines Berufsstands
Jerome Kagan blickt auf eine große Forscherkarriere zurück. Und doch befallen ihn Wehmut und Unbehagen, wenn er heute sein Fach, die Psychologie, betrachtet. Er vergleicht seine Wissenschaft mit einer wunderschönen alten Holztruhe: Einst, als Student, habe er sich vorgenommen, gemeinsam mit seinen Kollegen das Möbel zu restaurieren.
Er selbst, sagt Kagan, habe sich eine Schublade mit nach Hause genommen und ein Leben lang daran geschnitzt, gedrechselt und geschmirgelt. "Als sie mir endlich gefiel", so erzählt er, "wollte ich sie an ihren Platz zurückbringen. Aber da musste ich feststellen, dass die Truhe in der Zwischenzeit verfault war."
Die Psychologie - ein verfaultes Möbelstück? Wenn einer die fachliche und moralische Autorität hat, ein solches Urteil zu fällen, dann ist es Kagan. Auf einer Liste der 100 bedeutendsten Psychologen des 20. Jahrhunderts, zusammengestellt von einer Gruppe US-Forscher, rangiert der 83-Jährige auf Platz 22 - noch vor Carl Gustav Jung, dem Begründer der Analytischen Psychologie, und Iwan Pawlow, dem Entdecker des Pawlow-Reflexes.
Sein ganzes Berufsleben hat der Entwicklungspsychologe von der Harvard University damit zugebracht, Babys und Kleinkinder beim Großwerden zu beobachten, sie zu vermessen, ihre Reaktionen zu testen und sie später, wenn sie zu sprechen gelernt hatten, zu befragen, immer wieder, jahrzehntelang. Dem Psychologen geht es um große Fragen: Wie entsteht die Persönlichkeit? Welche Eigenschaften sind angeboren, und wie entwickeln sie sich mit der Zeit? Wovon hängt es ab, ob jemand im Laufe seines Lebens glücklich wird oder psychisch krank?
Kagan fand heraus, dass die frühkindliche Prägung nicht so unwiderruflich ist wie lange angenommen: Selbst Kinder, die ihre ersten Lebensmonate unter größten Entbehrungen verbringen, können sich normal entwickeln, wenn sie danach in ein günstigeres Umfeld kommen. Und er studierte, wie im zweiten Lebensjahr eine Art Programm der Menschwerdung abläuft: Der Wortschatz vergrößert sich sprunghaft, das Kind entwickelt Einfühlungsvermögen, einen Sinn für Moral und ein Bewusstsein für das Ich.
Kagans bedeutendster Beitrag zur Entwicklungsforschung aber ist die Untersuchung angeborener Temperamente. Etwa 20 Prozent aller Babys reagieren bereits im Alter von vier Monaten schreckhaft auf neue Situationen, Gegenstände und Personen. Diese Babys - Kagan nennt sie "high reactives" - entwickeln sich tendenziell zu ängstlichen Kindern und Erwachsenen. 40 Prozent der Säuglinge, die "low reactives", verhalten sich genau umgekehrt: entspannt, pflegeleicht, neugierig. Sie sind auch im späteren Leben nicht leicht zu erschüttern.
Kagan könnte es seinen "low reactives" gleichtun, sich zurücklehnen und sich von nachfolgenden Forscher-Generationen für seine Entdeckungen bewundern lassen. Stattdessen hat er ein Buch geschrieben, in dem er die Fehler der Psychologie anprangert(*1). Für Millionen Menschen habe die Krise seines Fachs verheerende Folgen, warnt Kagan: Sie würden fälschlich für psychisch krank erklärt.
SPIEGEL: Professor Kagan, seit mehr als 50 Jahren studieren Sie die Entwicklung von Kindern: Hat sich deren psychische Gesundheit im Laufe dieser Zeit eher verbessert oder verschlechtert?
Kagan: Sagen wir: Sie hat sich verändert. Vor allem in ärmeren Familien, bei Einwanderern und bei Minderheiten haben die psychischen Probleme zugenommen. Zwar haben die Jugendlichen in diesen Gruppen heute objektiv betrachtet mehr Möglichkeiten als vor 50 Jahren, ängstlich und frustriert sind sie aber trotzdem. Denn die Ungleichheit in der Gesellschaft ist gewachsen. Bei den Armen ist die Zahl der Diagnosen von Aufmerksamkeitsstörungen und Depressionen gestiegen …
SPIEGEL: … man könnte auch sagen: regelrecht explodiert. In den sechziger Jahren waren psychische Störungen bei Kindern nahezu unbekannt. Heute ist offiziellen Angaben zufolge jedes achte Kind in den USA psychisch krank.
Kagan: Richtig, aber das liegt vor allem an der schwammigen Diagnosepraktik. Lassen Sie uns 50 Jahre zurückgehen und einen siebenjährigen Jungen anschauen, der sich in der Schule langweilt und den Unterricht stört. Damals hätte man ihn faul genannt. Heute sagt man, er leide an ADHS(**2). Deshalb sind die Zahlen so hochgeschnellt.
SPIEGEL: Experten sprechen davon, dass 5,4 Millionen amerikanische Kinder die für das Zappelphilipp-Syndrom ADHS typischen Symptome zeigen. Und Sie wollen uns sagen, dass es sich bei dieser psychischen Krankheit nur um eine Erfindung handelt?
Kagan: Korrekt, sie ist eine Erfindung. Jedes Kind, das schlecht in der Schule ist, wird heutzutage zum Kinderarzt geschickt, und der sagt: Es ist ADHS, und hier ist Ritalin. Dabei haben 90 Prozent dieser 5,4 Millionen gar keinen gestörten Dopamin-Stoffwechsel. Das Problem ist: Wenn Ärzte ein Medikament zur Verfügung haben, stellen sie auch die entsprechende Diagnose.
SPIEGEL: Die angebliche Gesundheitskrise der Kinder - nur ein Schreckgespenst?
Kagan: Wir können nun philosophisch werden und fragen: Was ist eine psychische Erkrankung? Wenn man Kinder und Jugendliche zwischen 12 und 19 Jahren interviewt, lassen sich bis zu 40 Prozent als ängstlich oder depressiv einstufen. Aber wenn man genauer hinschaut und fragt, wie viele in ihrem täglichen Leben davon ernsthaft beeinträchtigt sind, schrumpft die Zahl auf 8 Prozent. Es ist lächerlich, jedes Kind, das niedergedrückt oder ängstlich wirkt, gleich als psychisch krank zu bezeichnen. Jugendliche sind ängstlich, das ist normal. Sie wissen nicht, auf welches College sie gehen sollen. Ihr Freund oder ihre Freundin hat sie gerade verlassen. Traurigkeit und Angst gehören genauso zum Leben wie Wut oder sexuelle Frustration.
SPIEGEL: Was bedeutet es, wenn Millionen amerikanische Kinder fälschlich für psychisch krank erklärt werden?
Kagan: Nun, es bedeutet vor allem mehr Geld für die Pharmaindustrie und mehr Geld für Psychiater und Forscher.
SPIEGEL: Und was bedeutet es für die betroffenen Kinder?
Kagan: Für die ist es ein Signal, dass mit ihnen etwas nicht in Ordnung ist - und das kann lähmend wirken. Ich bin nicht der einzige Psychologe, der so argumentiert. Aber uns gegenüber steht ein mächtiges Bündnis: Pharmakonzerne, die ein Milliardengeschäft machen, und ein Berufsstand, der eigene Interessen verfolgt.
SPIEGEL: Sie selbst, so haben Sie einmal geschrieben, hätten als Kind häufig unter innerer Unruhe gelitten. Wenn Sie heute noch einmal geboren würden, würden Sie dann zu jenen 13 Prozent aller Kinder zählen, die als psychisch krank gelten?
Kagan: Wahrscheinlich. Als ich fünf Jahre alt war, begann ich zu stottern. Meine Mutter aber sagte: "Das ist nicht schlimm, dein Geist arbeitet eben schneller als deine Zunge." Und ich dachte: "Wow, das ist super, ich stottere bloß, weil ich so schlau bin."
SPIEGEL: Neben ADHS grassiert noch eine zweite Epidemie unter Kindern: die Depression. 1987 wurde einer von 400 amerikanischen Jugendlichen mit Antidepressiva behandelt, 2002 war es bereits einer von 40. Ab welchem Alter kann man bei Kindern von "Depression" sprechen?
Kagan: Das ist nicht leicht zu beantworten. Bei Erwachsenen zeichnet sich eine Depression entweder durch einen schweren Verlust aus, durch Schuldgefühle oder durch das Gefühl, ein Ziel nicht erreichen zu können, das man unbedingt erreichen wollte. Zu diesen Gefühlen sind Kleinkinder offensichtlich noch nicht in der Lage. Doch mit drei oder vier Jahren kann ein Kind so etwas wie Schuldgefühle entwickeln, und wenn es in diesem Alter seine Mutter verliert, wird es eine Weile lang traurig sein. Ab da können also milde Depressionen auftreten. Das Gefühl, ein lebenswichtiges Ziel nicht erreichen zu können und keine Alternative zu sehen, spielt allerdings erst ab der Pubertät eine Rolle. Und das ist auch das Alter, in dem die Häufigkeit von Depressionen dramatisch ansteigt.
SPIEGEL: Tatsache ist, dass zunehmend auch jüngere Kinder mit Antidepressiva behandelt werden.
Kagan: Ja, weil die Pillen nun einmal verfügbar sind.
SPIEGEL: Plädieren Sie dafür, die Diagnose Depression bei Kindern gänzlich abzuschaffen?
Kagan: Nein, so weit würde ich nicht gehen. Aber wenn eine Mutter mit ihrer kleinen Tochter zum Arzt geht und sagt, das Mädchen sei früher viel fröhlicher gewesen, sollte der Arzt zunächst einmal herausfinden, was das Problem ist. Er sollte das Mädchen allein befragen. Vielleicht ein paar Tests durchführen, bevor er Medikamente verschreibt, auf jeden Fall ein EEG. Aus Studien wissen wir, dass Menschen, die eine höhere Aktivität im rechten Frontallappen aufweisen, schlecht auf Antidepressiva ansprechen.
SPIEGEL: Vielleicht sollte man bei einer Depression einfach nur warten, bis sie von allein vorübergeht?
Kagan: Das hängt von den Umständen ab. Nehmen Sie meinen Fall: Vor etwa 35 Jahren arbeitete ich an einem Buch, ein Resümee über ein großes Forschungsprojekt. Ich wollte etwas wahrhaft Bedeutendes schreiben - aber das glückte nicht recht. Und so verfiel ich in eine Depression, wie sie im Lehrbuch steht. Ich konnte nicht mehr schlafen und erfüllte auch sonst alle klinischen Kriterien. Doch ich wusste, was der Grund war. Deshalb ging ich nicht zum Psychiater. Und siehe da: Nach sechs Monaten war die Depression verschwunden.
SPIEGEL: Ist es in einem solchen Fall überhaupt sinnvoll, von psychischer Krankheit zu sprechen?
Kagan: Psychiater würden sagen, dass ich psychisch krank war. Aber was war passiert? Ich hatte zu hohe Erwartungen an mich selbst gestellt und war gescheitert. Also reagierte ich, wie die meisten Menschen in so einer Situation reagieren: Ich war eine Weile lang depressiv. Die meisten Depressionen dieser Art gehen vorbei. Aber es gibt natürlich auch Menschen mit einer genetisch bedingten Anfälligkeit für Depressionen, bei denen die Symptome nicht von selbst verschwinden. Diese Menschen sind chronisch depressiv, sie sind psychisch krank. Deshalb ist es wichtig, nicht nur die Symptome, sondern auch die Ursachen zu betrachten. Psychiatrie ist die einzige medizinische Lehre, die Krankheiten ausschließlich nach Symptomen definiert …
SPIEGEL: … und sie scheint dabei ständig neue Leiden zu entdecken. Die bipolare Störung zum Beispiel, auch manisch-depressive Erkrankung genannt, trat früher unter Kindern praktisch gar nicht auf. Heute heißt es, eine Million Amerikaner unter 19 Jahren seien daran erkrankt.
Kagan: Den Höhepunkt dieser Welle haben wir hoffentlich hinter uns. Eine Gruppe von Medizinern am Massachusetts General Hospital hatte damit angefangen, Kinder, die Wutanfälle hatten, kurzerhand bipolar zu nennen. Das hätten sie nicht tun sollen. Aber die Pharmahersteller waren begeistert, denn Medikamente gegen bipolare Störungen sind teuer. So begann dieser Trend. Es ist ein wenig wie im 15. Jahrhundert, als die Leute glaubten, jemand könne vom Teufel besessen oder verhext sein.
SPIEGEL: Wollen Sie die moderne Psychiatrie mit mittelalterlicher Hexenverfolgung vergleichen?
Kagan: Ärzte machen doch ständig Fehler, trotz bester Absichten. Sie sind nicht böse, sie sind fehlbar. Denken Sie nur an Egas Moniz, der Schizophrenen die Nervenbahnen im Frontallappen durchtrennte, weil er dachte, diese sogenannte Lobotomie würde sie heilen …
SPIEGEL: … und der dafür den Nobelpreis bekam.
Kagan: Allerdings. Binnen weniger Jahre wurden Tausenden Schizophreniekranken die Frontallappen verletzt - bis sich herausstellte, dass es ein fürchterlicher Fehler war. Wenn man an all die Menschen denkt, denen das Gehirn zerschnitten wurde, ist es vergleichsweise harmlos, als bipolar bezeichnet zu werden.
SPIEGEL: Ganz harmlos aber auch wieder nicht. Immerhin wird bei all den Kindern, die Psychopillen bekommen, die Hirnchemie systematisch verändert.
Kagan: Ich teile Ihr Unbehagen. Aber das ist die Geschichte der Menschheit - diejenigen, die an der Macht sind, glauben, dass sie richtig handeln, und schaden dabei jenen, die keine Macht haben.
SPIEGEL: Das klingt jetzt sehr zynisch. Gibt es denn für verhaltensauffällige Kinder eine Alternative zu Psychopharmaka?
Kagan: Aber sicher. Nachhilfe zum Beispiel. Bei welchen Kindern wird denn ADHS diagnostiziert? Bei denen, die schlecht in der Schule sind. Guten Schülern passiert so etwas nicht. Wie wäre es also mit Nachhilfe statt Pillen?
SPIEGEL: Wer Ihnen zuhört, könnte den Eindruck bekommen, psychische Krankheiten seien überhaupt nur eine Erfindung der Pharmaindustrie.
Kagan: Nein, das wäre eine verrückte Behauptung. Natürlich gibt es Menschen, die an Schizophrenie leiden, die zum Beispiel die Stimme ihres Großvaters hören oder glauben, die Russen schössen ihnen Laserblitze in die Augen. Das sind psychisch kranke Menschen, die Hilfe brauchen. Eine Person, die an einem Tag zwei Autos kauft und am nächsten nicht aus dem Bett kommt, hat eine bipolare Störung. Und jemand, der in einem Restaurant keinen Bissen herunterbringt, weil fremde Leute zuschauen könnten, hat eine soziale Phobie. Es gibt Menschen, die aufgrund ihrer Gene oder pränataler Einflüsse ein empfindliches Nervensystem haben, das sie anfällig macht für Schizophrenie, bipolare Störungen, soziale Phobie oder eine Zwangsstörung. Diese Menschen sollten wir von all den anderen trennen, die aufgrund von Armut, Zurückweisung, Verlust oder Versagen ängstlich oder depressiv sind. Die Symptome mögen ähnlich aussehen, aber die Ursachen sind total verschieden.
SPIEGEL: Aber wie wollen Sie das denn im konkreten Fall auseinanderhalten?
Kagan: Psychiater sollten damit anfangen, Diagnosen so zu stellen wie alle anderen Ärzte. Sie sollten nach Ursachen fragen.
SPIEGEL: Die Probleme, die Sie beschreiben, sind nicht neu. Warum diagnostizieren Sie gerade jetzt eine Krise der Psychiatrie?
Kagan: Es ist eine Frage des Ausmaßes. Epidemiologische Studien kommen zu dem Schluss, dass heutzutage jeder vierte Mensch psychisch krank sei. Neulich verkündeten die Centers for Disease Control in Atlanta, dass eines von 88 amerikanischen Kindern an Autismus leide. Das ist absurd. Das bedeutet, dass Psychiater jedes Kind, das ein wenig eigenbrötlerisch ist, als autistisch bezeichnen. Wenn Sie sagen, dass jeder, der nicht in zehn Minuten eine Meile laufen kann, an einer schweren motorischen Behinderung leidet, dann lösen Sie damit eine Epidemie schwerer motorischer Behinderungen bei älteren Menschen aus. Das mag komisch klingen, aber exakt das geschieht heutzutage in der Psychiatrie.
SPIEGEL: Schämen Sie sich eigentlich manchmal dafür, zu einem Berufsstand zu gehören, von dem Sie doch sagen, dass er große Teile der Bevölkerung ungerechtfertigt für psychisch krank erklärt?
Kagan: Ich bin traurig, nicht beschämt … oder doch, ein bisschen schäme ich mich wohl auch.
SPIEGEL: Als Sie sich vor über 60 Jahren entschieden, Psychologe zu werden, wollten Sie dafür sorgen, "dass weniger Menschen die Schmach erleben müssen, in der Schule zu versagen, oder den seelischen Schmerz einer Depression" - so haben Sie es einst formuliert. Wie weit sind Sie auf dem Weg dorthin gekommen?
Kagan: Leider nicht sehr weit, weil ich die falsche Vorstellung hatte. Ich glaubte, dass vor allem das familiäre Umfeld entscheidend sei für den Erfolg im Leben. Ich dachte, wenn wir Eltern helfen könnten, einen besseren Job zu machen, könnten wir all diese Probleme lösen. Deshalb bin ich Kinderpsychologe geworden. Ich habe die größeren Kräfte nicht erkannt: die Kultur, die soziale Stellung, aber auch die Neurobiologie. Ich dachte wirklich, alles werde in der Familie entschieden und die Biologie sei irrelevant.
SPIEGEL: Inzwischen sind Sie zu der Erkenntnis gelangt, dass die Mutter-Kind-Bindung gar nicht so wichtig ist.
Kagan: Richtig. Wobei man nicht vergessen sollte, dass die Mutterrolle erst ver-
hältnismäßig spät an Bedeutung gewonnen hat. Kommentatoren im 16. Jahrhundert schrieben sogar, dass Mütter zur Kindererziehung ungeeignet seien: zu emotional, zu gluckenhaft. Doch im 19. Jahrhundert, mit dem Aufstieg des Bürgertums, mussten die Frauen nicht mehr arbeiten. Sie hatten viel Freizeit. Also gab die Gesellschaft ihnen eine Aufgabe, und die lautete: Sie sollten Bildhauerinnen ihrer Kinder werden. Zugleich mussten die Kinder der Bürgerschicht nicht, wie Bauernkinder, zum Familieneinkommen beitragen. Sie wurden nicht gebraucht und liefen deshalb Gefahr, sich wertlos zu fühlen. Wenn sich ein Kind aber nicht gebraucht fühlt, benötigt es ein anderes Signal. So wurde Liebe plötzlich wichtig. Und wer gibt Liebe? Frauen. Irgendwann kam dann schließlich John Bowlby daher und verklärte die Mutter-Kind-Bindung.
SPIEGEL: Bowlby ist einer der Väter der Bindungstheorie. Sie halten seine Thesen für falsch?
Kagan: Die Leute wollten simple Antworten, sie sehnten sich nach einem sanfteren Menschenbild, zumal nach dem Horror des Zweiten Weltkriegs. Dazu passte die Vorstellung, dass nur Kinder, die ihren Müttern von Geburt an vertrauen, ein glückliches Leben führen könnten.
SPIEGEL: Ängste, dass Krippenerziehung Kindern schaden könne, gibt es bis heute.
Kagan: Leider. Und dies, obwohl wir das Gegenteil schon in den siebziger Jahren nachgewiesen haben. Richard Nixon war damals Präsident, und der Kongress spielte mit der Idee staatlicher Kinderbetreuungszentren. Gemeinsam mit zwei Kollegen erhielt ich deshalb Fördergelder, um die Wirkung der Krippenbetreuung auf eine Gruppe von Säuglingen zu studieren. Die Kinder in einer Kontrollgruppe wurden von ihren Müttern zu Hause betreut. Nach 30 Monaten stellten wir fest, dass es keine Unterschiede zwischen den beiden Gruppen gab. Dennoch gibt es bis heute, 40 Jahre später, Leute, die behaupten, Kinderkrippen seien grundsätzlich schädlich für Kinder. Im Jahr 2012.
SPIEGEL: Professor Kagan, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
(*1) Jerome Kagan: "Psychology's Ghost - The Crisis in the Profession and the Way Back". Yale University Press, New Haven; 416 Seiten; 32 Dollar.
(**2) Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung.
(*3) Mit den Redakteuren Johann Grolle und Samiha Shafy in Kagans Büro an der Harvard University.
Von Johann Grolle und Samiha Shafy

DER SPIEGEL 31/2012
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