30.07.2012

NETZWELTWho's who des Internets

Die Firma Klout versucht, die digitale Bedeutung jedes Netzbürgers zu bewerten. Personalchefs und Werbewirtschaft machen sich die Daten zunutze.
In der schönen neuen Internetwelt ist jeder eine Nummer: Ein Wert unter 10 verrät den Digital-Autisten. Unter 40 vegetiert das Fußvolk. Darüber lebt die Netzelite: Bill Gates etwa bringt es auf 75, Barack Obama erreicht 94. Volle 100 aber, den Höchstwert, schafft nur einer wie Teenieschwarm Justin Bieber.
Fast jeder, der Twitter nutzt, hat so eine Nummer - selbst wenn er nichts davon weiß. Und glaubt man den Digital-Propheten, dann könnte dieser "Klout Score" für den Netzbürger bald das sein, was das Meilenkonto für den Vielflieger ist.
"Wir bewerten, wie effektiv jemand soziale Netzwerke nutzt und andere damit beeinflusst", erklärt Joe Fernandez, einer der Gründer von Klout. In Konkurrenz zu Start-ups wie Kred oder PeerIndex misst die kalifornische Firma, wie erfolgreich Internetnutzer twittern oder sich auf Facebook umtun.
Die Fleißigsten unter ihnen werden mit viel "Klout" (inspiriert vom englischen "clout" = Einfluss, Macht) belohnt. Sie sind gleichsam die Meinungsführer des Internets - und werden deswegen von der Wirtschaft bereits hofiert.
Das Geschäft mit dem "sozialen Einfluss" verspreche einen "Marketing-Goldrausch", kommentiert der Internetexperte Mark Schaefer: "Wer auf Facebook, LinkedIn oder Twitter aktiv ist, kann davon ausgehen, dass er taxiert wird."
Die Zentrale des Internet-Who's-who liegt in einer verwaisten Seitenstraße in San Francisco. 2007 kam dem Klout-Gründer Fernandez die Idee, sozialen Einfluss im Netz zu messen und zu belohnen. Die ersten 2000 Klout-Scores berechnete der Oxford-Studienabbrecher noch in einer einfachen Excel-Tabelle. Inzwischen erfolgt die Bewertung vollautomatisch. Fernandez hat ein Forscherteam zur Hand, das die geheim gehaltene Berechnungsformel ständig fortentwickelt.
Wie viele Textschnipsel stellt ein Twitter-Nutzer ins Netz? Wie oft werden seine Tweets weitergeschickt? Wer kommentiert welche Facebook-Einträge? All das fließt in den Klout-Score ein. Zusätzlich ordnet der Dienst den Nutzern Themen zu, über die sie oft twittern.
Millionen Twitter-Nutzer hat Klout auf diese Weise schon bewertet. Den erfolgreichsten Netzbürgern - bei Klout unter anderem "Taste Maker" genannt - winken Gutscheine für Massagen, Kosmetika oder Hotel-Upgrades. Die Fluggesellschaft Virgin America spendierte voriges Jahr 120 Freiflüge für ihre neue Toronto-Verbindung. Derzeit können sich 2000 Klout-Nutzer über mehrere Testtage mit dem Elektroauto "Volt" von Chevrolet freuen.
Über 300 Firmen hat Klout für derlei Werbeaktionen gewinnen können. Das Kalkül ist offensichtlich: Wer die Netzelite umschmeichelt, bekommt Gratiswerbung, weil die unermüdlichen Twitterer ihr Glück alsbald der Welt mitteilen. Die Virgin-America-Werber etwa konnten sich über mehrere tausend Tweets freuen, die von der Toronto-Route berichteten.
"Die Firmen realisieren, dass es besser ist, ihre Produkte in die Hand einflussreicher Leute im Netz zu geben, als sie auf Werbetafeln oder im Fernsehen zu zeigen", sagt Fernandez. Zudem sei Tweet-zu-Tweet-Propaganda weit billiger als Werbung mit teuren Hollywood- oder Sportstars.
Die neue Klassengesellschaft im Netz stößt auch auf Kritik. "Das Leben der Leute wird mehr und mehr von dummen Algorithmen bestimmt", schimpft der Netzkritiker Jaron Lanier. Doch sich dem Wettrennen um hohe Klout-Scores zu entziehen ist schwierig. Denn obwohl es undurchsichtig ist, wie die Zahlen zustande kommen, gewinnen sie an Bedeutung.
"Ich bin nicht immer mit den Wertungen solcher Dienste einverstanden, aber ich ignoriere sie nie", sagt etwa Alex Salkever, Produktmanager des Telekommunikationsriesen Telefónica. Sogar für die Jobsuche sind Klout-Scores inzwischen wichtig. Schaefer weiß vom Fall eines Marketingexperten zu berichten, der mit 15 Jahren Berufserfahrung eine neue Stelle nur deshalb nicht bekam, weil sein Klout-Score zu niedrig war. Klout-Chef Fernandez wiederum erhält fast täglich E-Mails verzweifelter User, die ihre Wertung verbessern wollen.
"Wir ordnen jedem Gesicht eine Nummer zu", sagt Fernandez, "natürlich kann das am Ego kratzen." Er musste schon viele Internetprügel für sein System einstecken. Bald soll deshalb ein neuer Algorithmus auch den Einfluss der Nutzer in der realen Welt berücksichtigen.
Denn bislang bildet der Klout-Score die soziale Reputation nur sehr ungenügend ab. Mitunter offenbart das System geradezu groteske Fehlleistungen.
Der Londoner Big Ben etwa rangiert auf den vorderen Rängen des Klout-Universums. Ein inoffizielles Twitter-Konto versendet stündlich die Glockenschläge des Bauwerks. "Bong Bong Bong", liest sich beispielsweise der tägliche Tweet um drei Uhr nachmittags.
Bei Klout hat es der Big Ben damit zum Experten für "Tee" und "Drogen" gebracht. Der Klout-Score des Turms liegt bei 75 - gleichauf mit Bill Gates.
Von Philip Bethge

DER SPIEGEL 31/2012
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