30.07.2012

TIERENerviger Neubürger

Invasion der Waschbären: Von Kassel aus breiten sich die Räuber im ganzen Land aus. Bringt der Immigrant aus Amerika die heimische Tierwelt in Gefahr?
Eigentlich wollte der Rentner nur die Plane von den Gartenmöbeln heben, als ihm das Tier mit der Panzerknackerbrille fauchend entgegenschoss und sich in seiner linken Hand verbiss. Sodann tat sich die Fähe, die ihre Jungen schützen wollte, an den Füßen des Ruheständlers gütlich. Eine Minute währte der Kampf, dann wankte der Mann blutend ins Haus.
Der Angriff in Harleshausen (bei Kassel) dokumentiert eine Plage: Procyon lotor, ein Zugereister aus der Familie der Kleinbären, breitet sich aus. Nach Auskunft des Forstbiologen Ulf Hohmann wird er bald "Millionenstärke" erreichen.
Über zehn Kilogramm Gewicht erreicht der aus Amerika stammende Raubsäuger, der wegen seiner Gewitztheit in Indianer-Sagen die Rolle des Reineke Fuchs spielt. Trapper Daniel Boone und Romanheld Lederstrumpf trugen den Balg der "raccoons" als Fellmütze. Kennzeichen: der buschige schwarz-weiße Schwanz.
Um 1920 kamen die ersten Tiere als Pelzlieferanten nach Deutschland. Sie lebten in Zuchtfarmen. Dann, am 12. April 1934, passierte es: Das Preußische Landesjagdamt erlaubte den kontrollierten Outbreak. Am Edersee in Nordhessen wurden zwei Waschbärpaare zwecks "faunistischer Bereicherung" freigelassen. Lange ging das Gerücht, Hermann Göring habe persönlich den Befehl erteilt. Das stimmt nicht.
Gleichwohl hat in England der Begriff "nazi racoon" die Runde gemacht. Der Waschbär, hämte das Boulevardblatt "Sun", führe im germanischen Biotop einen "Blitzkrieg".
In den Kernzonen Hessen, Brandenburg und Sachsen-Anhalt ist der Siedlungsdruck so hoch, dass männliche Jungtiere in andere Teile der Republik abwandern. Den Rekord hält ein von den Biologen mit Peilsender ausgestatteter Rüde, der bis nach Bremen vorstieß.
In Dresden spazierte ein Waschbär aufs Polizeirevier Mitte. Ein Artgenosse nutzt die Fassade des Bundesverwaltungsgerichts in Leipzig als Schlaffelsen. "Einzelne Exemplare haben sogar die Alpen überquert", berichtet Hohmann.
Die Statistik des Deutschen Jagdschutzverbands belegt die Invasion: Demnach wurden in der letzten Saison 67 700 Tiere getötet - ein neuer Rekord (siehe Grafik). Oft fing man sie mit Schokolade-Ködern in Kastenfallen.
Verboten ist das nicht - im Gegenteil. Die EU rät, den Eindringling auszurotten, er könne eine "Bedrohung für die Artenvielfalt" darstellen. Jäger jammern, dass er Rebhühner und Fasane reißt, Fledermäuse vertilgt und Wildenten-Gelege ausräubert. Die vom Aussterben bedrohte Europäische Sumpfschildkröte schmeckt ihm ebenfalls. Gleichwohl rufen Wildschützer zu mehr Gelassenheit auf. Noch seien die ökologischen Schäden gering. Allenfalls die Waschbär-Tollwut könne dem Menschen in Zukunft gefährlich werden.
Echte Konflikte entstehen eher am Rand der Städte, wo die Vierbeiner Abfall durchwühlen oder Gartengrills plündern. In den Außenbezirken von Kassel haben sich die Tiere so vermehrt, dass die Bürger ihre Mülleimer mit Steinen oder Spannriemen sichern.
Aber auch in Dresden oder Bielefeld treffen sich neuerdings ganze Clans, um gemeinsam Kirsch- oder Pflaumenbäume abzuernten. Sorgen bereitet zudem, dass die Gesellen sich lautstark auf Dachböden einnisten. Dort zerfetzen sie die Dämmung und kacken alles voll.
Anwohner wehren sich mit Tellereisen oder greifen zum Mittel der Bauvergasung. Manche verspeisen die possierlichen Geschöpfe sogar. Am besten, heißt es, munde der Waschbär in einer Marinade aus Sellerie und Zwiebeln.
Biotop-Freunde und Ethiker mit Bambi-Weltbild zeigen sich über derlei Rohheiten entsetzt. Ihnen gilt der Bär mit Migrationshintergrund als schützenswerte Spezies. Wider alle Ratschläge locken sie die "Teddys" an und füttern sie mit Milch.
Bloß nicht schießen, lautet die Devise. Um Dachschäden vorzubeugen, empfiehlt der Wildbiologe Frank-Uwe Michler, alte Schuppen und leerstehende Gebäude am besten abzureißen.
Die Förster vom Habichtswald, deren Blätterdach direkt an die Außenbezirke von Kassel grenzt, sind fest entschlossen, die nervigen Übergriffe des Neubürgers mit Blei zu stoppen. Sie planen für Oktober eine Jagd, die nur dem Waschbären gilt.
Noch bei Dunkelheit will die grünberockte Pulvergilde die Hochsitze besteigen, um den nachtaktiven Räuber zu stellen, der im Herbst oft bis zum Morgengrauen auf dem Waldboden Eicheln sucht.
Ausrotten lässt sich das Tier so allerdings nicht. 70 Jahre lang hat sich der Waschbär in einer fremden Umgebung als Überlebenskünstler erwiesen und erobert ganz langsam neues Terrain.
Hohmann: "Die Spezies hat sich bei uns fest etabliert."
Von Matthias Schulz

DER SPIEGEL 31/2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 31/2012
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

TIERE:
Nerviger Neubürger

  • Surfvideo aus China: Ritt auf der Gezeitenwelle
  • David Cameron im Interview: "Bereue ich es? Ja!"
  • Klippenspringerin Anna Bader: "Da oben bin ich unantastbar"
  • Buhrufe in Luxemburg: Boris Johnson schwänzt Pressekonferenz