30.07.2012

MÄNNERBÜNDENazis in Rockerkutten

Motorradbanden wie die Hells Angels, Red Devils oder Bandidos gaben sich bislang unpolitisch. Doch die Kontakte ins rechtsradikale Milieu werden dichter.
Bei einer Hausdurchsuchung eine Panzerfaust zu finden, das passiert der Polizei nicht jeden Tag. Ende Juli entdeckten Kölner Ermittler jedoch innerhalb einer Woche gleich zwei dieser Kriegswaffen.
Nach einem Hinweis aus der rechten Szene fand ein Sondereinsatzkommando bei einem 37-Jährigen neben der Panzerfaust und einem unscharfen Gefechtskopf CDs mit rechtsradikaler Musik; der Besitzer gehört der Gummersbacher Rockerclique "Support 81" an, einer Unterstützergruppe der Hells Angels.
Und am vergangenen Donnerstag beschlagnahmte die Polizei bei einem Rocker im Kölner Stadtteil Vogelsang neben einer Panzerfaust Schwarzpulver, Reizgaswaffen, Messer sowie rechtsradikale Fahnen und Musik. Der 21-Jährige war bis zu deren Verbot im Mai Mitglied der Red Devils. Die Staatsschutzabteilung der Staatsanwaltschaft ermittelt.
Die Beamten sehen sich nun mit einem Phänomen konfrontiert, das sie so nicht für möglich hielten - oder halten wollten. Bislang gingen Polizei und Verfassungsschutz davon aus, dass Rocker und Neonazis nicht so recht zusammenpassen. Zu unterschiedlich seien die Milieus, argumentieren viele Ermittler.
Werden sie nun eines Besseren belehrt? Nicht nur in Köln, auch andernorts in Deutschland lässt sich beobachten, dass beide Szenen mehr verbindet, als die Behörden wahrhaben wollen. Im schleswig-holsteinischen Neumünster etwa schlossen sich mehrere Neonazis mit einem früheren Hells Angel zu einem inzwischen verbotenen Chapter der Bandidos zusammen. Nicht weit entfernt, in Wahlstedt bei Bad Segeberg, gründete ein anderer Rechtsextremist einen eigenen Rockerclub.
Aus sporadischen Kontakten von Rockern und Rechten, so könnte eine plausible Deutung lauten, sind mancherorts Freundschaften und zum Teil bereits stabile Netzwerke entstanden. Auch die Zwickauer Terrorzelle und deren Umfeld unterhielten Kontakte ins Lederkutten-Milieu. Beate Zschäpe, die inhaftierte Freundin der beiden mutmaßlichen Mörder Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos, soll unter falschem Namen sogar einen Prozess gegen Mitglieder der Bandidos in Erfurt besucht haben. Ein Anwalt will sie dort in Begleitung zweier Männer gesehen haben. Als gesichert gilt, dass Ralf Wohlleben, früherer NPD-Funktionär und mutmaßlicher Unterstützer des Terrortrios, noch im Dezember 2011 im ehemaligen Clubhaus der Red Devils in Saalfeld verkehrte.
Unbestritten ist auch, dass Martin Rühlemann, einst Leiter des Thüringer NPD-Ordnungsdienstes, in Weimar der "Garde 81" beigetreten ist, einer Unterstützergruppe der Hells Angels; und dass in Regensburg der stellvertretende bayerische NPD-Landeschef Sascha Roßmüller den Bandidos angehört.
Alles nur "Einzelfälle", betonen Polizei und Verfassungsschutz. Die Sicherheitsbehörden halten an ihrer Sicht fest, wonach es nirgendwo eine strukturelle Kooperation gebe - und damit auch keinen Anlass für Ermittlungen in diese Richtung.
Es gebe zwar "gelegentliche Kontakte", so urteilte das Bundeskriminalamt in einer als Verschlusssache eingestuften "Sonderauswertung" 2010, eine Ideologisierung der Rocker sei jedoch nicht zu erwarten. Denn im Gegensatz zu den Neonazis "verfolgen die Rocker kein politisches Ziel, sondern streben neben ihrer subkulturellen Lebensweise und Verbundenheit kommerzielle Gewinne aus ihren legalen und illegalen Aktivitäten an", wie es in dem Bericht weiter heißt.
Doch als zusammenhanglose Einzelfälle lassen sich die Verbindungen der Milieus wohl kaum noch abtun. Sosehr sich die Ziele von Rockern und Rechtsradikalen unterscheiden, so ähnlich ist ihre Organisationsstruktur. Beide präsentieren sich als hierarchische Männerbünde, mit einem Hang zu Waffen, Uniformen, Rängen und einem geheimbündlerischem Ehrbegriff.
Für die Rechten hält die Rockerszene Verlockungen in Form von Frauen und Geld bereit. Rocker wiederum sehen in den Rechten einen willkommenen Zuwachs an schlagkräftigen Mitgliedern. So wechselten in den vergangenen Jahren auch führende Neonazis zu den Motorradgangs, ohne ihre rechtsradikale Gesinnung abzulegen.
Zumindest logistisch unterstützen Rockerclubs die braune Szene, indem sie etwa ihre Clubhäuser für Konzerte von rechtsextremen Bands zur Verfügung stellen. Wo andere Pächter auf Druck der Behörden geplante Auftritte wieder absagen, öffnen Rocker ihre Türen. Der Thüringer Verfassungsschutz bestätigt, dass die Red Devils "wiederholt Räumlichkeiten an die rechtsextremistische Musikszene" vermieteten.
Eine Band, die in den Vereinsheimen von Rockern spielt, heißt "Kategorie C" und ist besonders beliebt bei rechten Hooligans. Die Bremer Gruppe trat häufig in Thüringen auf, unter anderem im "Alten Labor", dem damaligen Clubhaus der Saalfelder Red Devils. Bei einem Konzert Ende 2010 soll der Sänger gegrölt haben: "Eine U-Bahn …", und das Publikum ergänzte: "… bauen wir, von Jerusalem bis nach Auschwitz, eine U-Bahn bauen wir". Einige Monate später, die Band war erneut bei den Red Devils zu Gast, skandierte das Publikum: "Hier marschiert der nationale Widerstand." Und: "Hisst die rote Fahne mit dem Hakenkreuz."
Doch der Thüringer Verfassungsschutz sieht keinen Beleg, dass Rocker und Neonazis enger kooperieren. Eine "strukturelle Zusammenarbeit und ideologische Beeinflussung zwischen Rechtsextremisten und kriminellen Rockergruppierungen" sei nicht erkennbar, urteilt die Behörde. Vielmehr handele es sich um "Einzelpersonen", die vom Neonazi- ins Rockermilieu wechselten und dort, nach Lesart der Verfassungsschützer, offenbar schlagartig unpolitisch wurden.
Dabei zeigen Konzerte rechter Bands, dass sich die Gedankenwelt beider Milieus nicht wesentlich voneinander unterscheidet. Im "Alten Labor" in Saalfeld konnte man Rocker-Kuttenträger neben "Sturm 18"-T-Shirt-Trägern stehen sehen.
Holger G., der mutmaßliche Unterstützer des Zwickauer Terrortrios, fiel der Polizei schon 2004 als Grenzgänger auf. Nach einem überwiegend von Rechtsradikalen besuchten Konzert im hannoverschen Rockerclubheim "Angels Place" machte sich G. auf, mit Gesinnungsgenossen eine türkische Feier in einer Disco aufzumischen.
Auch Frank Hanebuth, bis zu ihrer Selbstauflösung vor vier Wochen Chef der Hells Angels Hannover, hat offenbar wenig Berührungsängste mit Schlägern. Er sorgte dafür, dass zwei der Hooligans, die 1998 bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Frankreich den Polizisten Daniel Nivel ins Koma geschlagen hatten, nach
Verbüßung ihrer Freiheitsstrafen wichtige Posten in seiner Rockergilde bekamen.
In Wismar ist es schon lange kein Widerspruch mehr, beides zu sein: Rocker und rechts. "Schwarze Schar" nennt sich in der Hansestadt ein Motorradclub, in dem man sich zu "seiner deutschen Herkunft" bekennt. Seit 2008 ist Philip Sch., ein muskulöser Glatzkopf, Präsident der Schwarzen Schar. Sein Lieblingswort hat sich der Clubboss gleich doppelt auf die rechte Wade tätowieren lassen: "Hate" - Hass.
Ein Video auf YouTube zeigt, wie Polizisten 2006 mit gezogenen Waffen Sch. und andere Rechtsradikale vor dessen Werwolf-Shop in Wismar daran hindern, mit einem Baseballschläger auf linke Demonstranten loszugehen. Den Shop und seinen rechten Versandhandel "H8store" gab Sch. vor Jahren auf. Nun lebt er seine braune Gesinnung mit Freunden auf Motorrädern aus. Auf ihren Lederkutten tragen die Mitglieder der Schwarzen Schar einen Totenkopf mit Bajonett, "welches für den Kampf steht, und einem Schürhaken, welcher die Glut neu entfacht", wie es auf ihrer Website heißt.
Trotzdem sieht das Innenministerium in Mecklenburg-Vorpommern keine "strukturierte Zusammenarbeit" zwischen Rechten und Rockern. Die Anhänger der Schwarzen Schar zählten hier wohl zu den "sehr wenigen Einzelfällen". Es handele sich um Personen, die "ehemals" der rechten Szene angehört und sich "entsprechend neu ausgerichtet" hätten. Seit Sch. und seine rechten Freunde auf Motorrädern durch die Stadt fahren, sind sie für den Verfassungsschutz offenbar dekontaminiert.
Altgediente, eher unpolitische Rocker sehen Zugänge aus dem braunen Lager zuweilen kritischer. Sie fürchten, ihre Geschäfte im Rotlichtmilieu, mit Waffen, Drogen und Prostituierten könnten durch die Nähe zu Neonazis leiden. Daher fordern viele Rocker von den Rechten, dass sie ihre Gesinnung zumindest nicht mehr öffentlich kundtun.
Das fällt manchen schwer. In Salzwedel (Sachsen-Anhalt) saßen rechte Führungsleute im inneren Zirkel des Rockerclubs Red Devils. Dessen Präsident Kay Sch. zählte sogar zu den Gründern der Freien Nationalisten Altmark-West. Als das Landeskriminalamt im September 2011 das Clubheim durchsuchte, stießen die Ermittler nicht wie erhofft auf Waffen und größere Mengen Drogen - sondern auf Nazi-Devotionalien und Rechtsrock-CDs.
(*) Bei einem Rocker aus Köln am vergangenen Donnerstag.
Von Thomas Kuban, Christoph Scheuermann und Andreas Ulrich

DER SPIEGEL 31/2012
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