30.07.2012

DOPINGBahn frei

In London starten Athleten, die bereits wegen Dopings gesperrt waren. Nun wird darüber gestritten, ob das richtig ist.
Die Unterkunft von Radprofi David Millar liegt außerhalb Londons, im Grünen. Die Auffahrt führt an Golfplatz und Waldstück entlang und endet an etwas Prächtigem, das halb nach Schloss, halb nach Villa aussieht. Millar, groß gewachsen und schmal gebaut, sitzt in der Bar mit Ölgemälden, schwerem Teppichboden und dunklem Holzmobiliar. Er ist braungebrannt, trägt eine halblange Hose und auf dem Kopf eine Art Stirnband mit Blendschutz für die Augen. Millar versinkt nahezu in seinem Sessel. Er sieht entspannt aus, als hätte er eine Runde Golf hinter sich.
Die Briten schnappen fast über, seit Bradley Wiggins als erster Landsmann im Juli die Tour de France gewonnen hat. Ihre neuen Helden, die Straßenfahrer, residieren während der Spiele in diesem Luxusresort in Surrey wie Superstars, umgeben von Landstraßen zum Trainieren. Weitab vom Trubel des olympischen Dorfs. Das liegt mitten in der Stadt.
Vor wenigen Monaten schien es noch undenkbar, dass Millar dabei sein darf. Der schottische Radprofi war vor acht Jahren als Doper aufgeflogen, ihm wurde der Titel des Zeitfahrweltmeisters aberkannt, er wurde für zwei Jahre gesperrt. Nach den strengen Maßstäben des britischen Olympiakomitees hieß das, Millar dürfe nie wieder an Spielen teilnehmen. Doch Ende April zwang der Internationale Sportgerichtshof (Cas) die britischen Funktionäre, ehemalige Doper nach Ablauf ihrer Sperre nicht länger auszuschließen. Für Millar war der Weg frei.
"Ich bin wirklich glücklich", sagt Millar.
Neben ihm gibt es bei den Spielen in London noch einige überführte Doper mehr, denen ein Richterspruch zum Start verhilft; darunter drei US-Sportler: die Leichtathleten Justin Gatlin und LaShawn Merritt sowie die Schwimmerin Jessica Hardy. Merritt hatte mit einem Gang vors Cas im vorigen Herbst eine Regel gekippt, laut der Doper nach Ende der Sperre von den darauffolgenden Spielen ausgeschlossen bleiben. Das sah das Cas als Doppelbestrafung an.
Das Internationale Olympische Komitee (IOC) hatte den Bann erst 2008 eingeführt - und musste die Niederlage vor dem Cas hinnehmen. Nun will das IOC auf anderem Wege versuchen, Dopingsünder fernzuhalten. Der weltweit gültige Anti-Doping-Code soll so überarbeitet werden, dass generell Sperren häufiger über vier Jahre verhängt werden können. Damit würden Doper mindestens einmal die Spiele verpassen.
Es geht in der ganzen Diskussion darum, ob jemand, der betrogen hat, noch etwas zu suchen hat beim größten Ereignis des Sports, dort, wo alles zum Bersten aufgeladen ist mit Idealen wie Fairness, Stolz und Inspiration. Wo ein Athlet im Namen aller einen Eid ablegt, in dem vom "Geist der Sportlichkeit" und vom "Ruhm des Sports" die Rede ist und davon, dass sich alle "einem Sport ohne Doping und ohne Drogen verpflichten". Bleibt in solch einer Welt Platz für Athleten, die betrogen, ihre Strafe verbüßt haben und sonst überall wieder starten dürfen?
Nein, meint da Sir Chris Hoy, Olympiasieger im Radsprint und Fahnenträger des britischen Teams. "Der Bann schreckt wirksam davon ab zu dopen. Sonst geht jemand das Risiko ein, weil er weiß, dass er bei den nächsten Spielen wieder teilnehmen darf, selbst wenn er einmal erwischt wird." - "Ich kann seine Haltung nachvollziehen", sagt Millar. "Er lebt eben in einer Welt aus Schwarz und Weiß. Aber einige von uns leben in einer eher grauen, realistischeren Welt."
Wie kaum ein anderer hat Millar, 35, bereut und seine zweite Chance genutzt. Er hat ein bewegendes Buch geschrieben über sein Leben als Doper und seine Umkehr. Dass er bei Olympia mitfährt, ist ein Zeichen dafür, dass es sich lohnt, reinen Tisch zu machen.
Im Juni 2004 war Millar verhaftet worden. Nach zwei Tagen in einer Zelle gestand er, mit Epo gedopt zu haben, und verlor seinen Job. Er fiel aus einem mondänen Leben heraus, seine fast renovierte Villa am Atlantik musste er verkaufen. Nach unzähligen Saufgelagen machte er sich an ein Comeback. 2006 kehrte er ins Peloton zurück, ausgerechnet bei jener Tour de France, bei der die Fuentes-Affäre hochkochte und Floyd Landis als erster Toursieger postwendend des Dopings überführt wurde. Alles schien noch schlimmer geworden zu sein. Millar nahm sich dennoch vor, den Erfolg diesmal nicht um den Preis des Betrugs zu suchen. Seitdem hat er sich nichts mehr zuschulden kommen lassen.
An einem heißen Julitag saß Millar in einem Hotelrestaurant im südfranzösischen Pau. Ein paar Tage zuvor hatte er bei der Tour de France eine Etappe gewonnen, es war mit 226 Kilometern der längste Abschnitt der ganzen Rundfahrt. Millar war am Tisch umringt von Reportern, es ging nur um ein Thema: Doping.
Millar redete viel. Er hat sich zu einem Prediger entwickelt. Er sieht sich als Beispiel dafür, dass der Radsport sauberer geworden sein soll.
"Seit meiner Rückkehr will ich klarmachen, dass ich meine Vergangenheit nicht vergessen werde. Inzwischen habe ich eine Stimme, die gehört wird." Ein Reporter fragt, ob er tatsächlich keinen Zweifel mehr an irgendjemandem habe? "Im Prinzip ja", sagt Millar. "Die Mehrheit ist clean." Erst eine Woche vorher hatte es auf der Tour bei Millars früherem Team Cofidis eine Razzia gegeben, ein Radprofi war verhaftet worden.
Es bleibt schwierig. Nicht weiß, nicht schwarz, sondern grau.
In London wird es eine Rekordzahl an Dopingtests geben, etwa 5000 Blut- und Urinproben sollen es werden, bis zu 400 täglich. Jeder zweite Athlet wird kontrolliert, nach einer, wie es heißt, "intelligenten" Systematik. In einem Vorort der Stadt ist ein Analyselabor entstanden, mehrstöckig und groß wie eine Fabrik. Ein Pharma-Unternehmen hat geholfen, es zu finanzieren und auszustatten. Die Proben werden für acht Jahre eingefroren und womöglich noch einmal geprüft, mit verfeinerten oder neuen Analysemethoden. Das soll als Warnung gelten: Wer in London gedopt an den Start geht, kann sich lange nicht sicher sein, damit durchzukommen.
Es wird auch diesmal wieder Fälle von Leistungsmanipulation geben, und man kann sie dann, je nach Haltung, gegensätzlich bewerten: als Erfolg für die Fahnder oder als Beleg dafür, dass es damit nie aufhören wird. Das IOC hat 1988 in Seoul beim Fall Ben Johnson den Urknall aller Dopingskandale erlebt. Damals hat das Unschuldsweiß der Spiele einen so kräftigen Schuss Schwarz abgekriegt, dass der Grauton kaum je wieder rausgeht.
Doping gehört längst zur Realität des Sports. Wenn Betrüger das Recht haben, zurückzukehren zu den Spielen, bleibt es nicht aus, dass nicht nur Geläuterte wie Millar darunter sind, sondern auch die Uneinsichtigen und Leugner.
Justin Gatlin gewann 2004 in Athen mit hämmernder Schrittfolge die Goldmedaille über 100 Meter. Knapp zwei Jahre später wurde der Amerikaner positiv auf Testosteron getestet. Er wurde für vier Jahre aus dem Verkehr gezogen - Gatlin war Wiederholungstäter.
Bis heute behauptet er, nicht gedopt zu haben. Stattdessen habe ihn sein Masseur mit einer Hormonsalbe behandelt, die den Wert stark erhöht habe. Zumindest nimmt er das an, anders könne er sich das Ergebnis nicht erklären, sagt er. Die dazu passende Verschwörungstheorie hat er auch: Der Masseur wollte sich rächen, womöglich weil er sich zu schlecht bezahlt gefühlt habe.
Seit 2010 darf Gatlin, 30, wieder zu Wettkämpfen auf der Tartanbahn antreten. Kurz nach Ende der Sperre hat er sich die olympischen Ringe in den Nacken tätowieren lassen. Bei den US-Meisterschaften im Juni siegte er und qualifizierte sich in Hochform für London. Er lief die 100 Meter in 9,80 Sekunden. Er ist jetzt schneller als bei seinem Olympiasieg. Er will erneut Gold gewinnen. "Alle sollen wissen, das Justin Gatlin wieder da ist", sagt er.
Anders als David Millar, der Vorträge vor jungen Rennfahrern hält und in der Athletenkommission der Welt-Anti-Doping-Agentur sitzt, hat Gatlin keine Botschaft, die über die eigene Karriere hinausgeht. Gatlin geht es nur um Gatlin. "Ich will da rausgehen und etwas Ruhm zurückerobern", hat er mal im Interview angekündigt. "Ich will den Leuten sagen: Ihr könnt von mir halten, was ihr wollt, wenn ihr vor dem Fernseher sitzt oder etwas in eure Blogs schreibt. Aber gebt mir die Bahn frei und lasst mich laufen."
Es sieht danach aus, als werde das Sprintfinale am kommenden Sonntagabend wieder ein Spektakel. Jamaika gegen USA, Eleganz gegen Kraft. Dass dabei womöglich Ungedopte gegen Doper gegen Ex-Doper rennen werden, bleibt nicht aus. Im Moment des Zieldurchlaufs werden sofort Zweifel aufkommen. Olympia kann dem nicht entkommen. Das IOC wird damit leben müssen, auch mit einem Sieger, der Justin Gatlin hieße.
Von Detlef Hacke

DER SPIEGEL 31/2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 31/2012
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

DOPING:
Bahn frei

Video 00:44

Zwischenfall in der NFL Pyromaschine fängt Feuer

  • Video "Toyota-Solarauto: Prototyp produziert Strom während der Fahrt" Video 01:07
    Toyota-Solarauto: Prototyp produziert Strom während der Fahrt
  • Video "Videoreportage zu Mobbing: Ganz oft haben welche zu mir 'Fette' gesagt" Video 08:28
    Videoreportage zu Mobbing: "Ganz oft haben welche zu mir 'Fette' gesagt"
  • Video "Videoumfrage zu Mobbing: Die haben mich bis nach Hause verfolgt" Video 03:43
    Videoumfrage zu Mobbing: "Die haben mich bis nach Hause verfolgt"
  • Video "US-Polizeivideo: Verfolgungsjagd endet im Mülleimer" Video 01:11
    US-Polizeivideo: Verfolgungsjagd endet im Mülleimer
  • Video "Unwetter in Spanien: Es war plötzlich alles überflutet" Video 01:32
    Unwetter in Spanien: "Es war plötzlich alles überflutet"
  • Video "Proteste in Hongkong: Die Briten sind moralisch dazu verpflichtet, zu helfen" Video 00:00
    Proteste in Hongkong: "Die Briten sind moralisch dazu verpflichtet, zu helfen"
  • Video "Webvideos der Woche: Truck landet auf Hausdach" Video 03:12
    Webvideos der Woche: Truck landet auf Hausdach
  • Video "Blaue Diät: Abnehm-Experiment mit Farben" Video 21:32
    Blaue Diät: Abnehm-Experiment mit Farben
  • Video "Automesse IAA: Klimaaktivisten blockieren Eingänge" Video 00:53
    Automesse IAA: Klimaaktivisten blockieren Eingänge
  • Video "Erosion an der Elfenbeinküste: Unsere Toten verlassen uns schon" Video 03:44
    Erosion an der Elfenbeinküste: "Unsere Toten verlassen uns schon"
  • Video "Braunkohletagebau in der Lausitz: 8000 Arbeitsplätze, 4 Tagebaue, 130 Dörfer weg" Video 02:13
    Braunkohletagebau in der Lausitz: 8000 Arbeitsplätze, 4 Tagebaue, 130 Dörfer weg
  • Video "Proteste gegen IAA: Tausende Demonstranten fordern klimaneutralen Verkehr bis 2035" Video 01:45
    Proteste gegen IAA: Tausende Demonstranten fordern klimaneutralen Verkehr bis 2035
  • Video "Volocopter: Flugtaxi-Versuch in Stuttgart geglückt" Video 01:40
    Volocopter: Flugtaxi-Versuch in Stuttgart geglückt
  • Video "Verblüffende Erklärung: Warum Trumps Gesicht (eigentlich nicht) orange ist" Video 02:01
    Verblüffende Erklärung: Warum Trumps Gesicht (eigentlich nicht) orange ist
  • Video "Zwischenfall in der NFL: Pyromaschine fängt Feuer" Video 00:44
    Zwischenfall in der NFL: Pyromaschine fängt Feuer