30.07.2012

SCHRIFTSTELLERSexlos wär die Welt gerettet

Sibylle Berg schickt in ihrem neuen Roman einen Unschuldshelden durch eine Hölle aus sechs Jahrzehnten deutscher Geschichte. Eine lohnende Quälerei.
Es klingt wie ein Befehl. "Kaufe nix, ficke niemanden", so steht es als Motto über dem Twitterkonto von Sibylle Berg. Das sei, sagt sie, keinesfalls als Imperativ zu verstehen, sondern eine "Abwehrmaßnahme", ein Ich-Bekenntnis: Sie will keine Werbung, sie will keine Angebote für Sex. Es gibt trotzdem Fans, die das Motto als Aufforderung begreifen, ein anderes Leben zu führen: Lass den Konsum, meide den Sex.
"Ich bin eine moralische Schriftstellerin", sagt Berg an einem weißgedeckten Tisch in der Kronenhalle in Zürich, "auch wenn ich nicht glaube, dass ich was bewirken kann." Die Kronenhalle ist das netteste Künstlerrestaurant der Schweiz. An der Wand hängen großformatige Gemälde hinter Glas, man speist in sorgfältig abgegrenzten Nischen. Lauren Bacall und Andy Warhol haben hier gegessen; James Joyce und Pablo Picasso und viele andere Maler, Schauspieler, Autoren; Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt hielten hier Hof.
An diesem Julitag empfängt Sibylle Berg Germanistikstudenten aus München. Sie wollen in Kilchberg bei Zürich das Grab von Thomas Mann besuchen, aber auch unbedingt Frau Berg treffen, die heutzutage möglicherweise Zürichs berühmteste Schriftstellerin ist, obwohl sie eigentlich aus Weimar stammt. Frau Berg gibt mit leiser, eindringlicher Stimme Auskunft, sie lässt sich in den Arm nehmen und fotografieren, sie seufzt: "Niedlich, diese Kinder!", und dann spricht sie über ihr neues Buch. "Ich wollte ein Stück deutsche Geschichte erzählen", sagt sie. "Den Untergang des Sozialismus und den Untergang des Kapitalismus und ein bisschen Zukunft."
Das ist ein erstaunlich welthaltiges Vorhaben für eine Schriftstellerin, die als egozentrierte Exotin bekanntgeworden ist. Für eine, die gerühmt und angefeindet wird für ihren schrill polemischen Blick auf den Alltag. Inzwischen erscheinen Frau Bergs Bücher zwar bei Hanser, im Zentrum der Hochkultur, sie aber begreift sich bis
heute als Schreibkraft "für alle, die komisch aussehen, die nicht geliebt werden, die geschubst werden auf dem Schulhof".
Toto, die Hauptfigur ihres neuen Romans "Vielen Dank für das Leben", ist genau so ein Außenseiter. Doch zugleich ist Toto ein Wunderwesen, fast schon ein Heiliger: ein Geschöpf, das nicht kauft und nicht fickt. "Ich werde niemals etwas wollen", schwört Toto sich bereits im Kindesalter, "ich werde, außer am Leben zu bleiben, keinen Ehrgeiz entwickeln." Und nimmt sich vor, wie eine Pflanze zu sein, "welche die Sonne empfängt und den Regen, welche erfreulich ist und wartet, dass ihre Zeit auf der Erde vorübergeht". Toto wird gehasst für diese Gesinnung, bespuckt, dutzendfach verprügelt und sogar mit einem eigens eingepflanzten radioaktiven Chip auf sadistische Weise gepiesackt. Toto reizt die Menschen durch seine Arglosigkeit und seinen Mangel an Begierde. Toto ist weder Mann noch Frau, sondern ein Hermaphrodit, "für die Evolution nicht zu gebrauchen", wie es im Buch heißt.
Ein Schauermärchen, aber immerhin eines, das in den Kulissen eines ziemlich realen Gruseldeutschlands spielt. Erst in der DDR, dann in der BRD, dann in einer neuvereinten Nation und im Paris der 2020er Jahre."Ich habe alles Komische rausgestrichen", sagt Berg. "Ich wollte eine ungemütliche Geschichte erzählen."
Die DDR, in die das Baby Toto hineingeboren wird von einer hasserfüllten, bald elend krepierenden Mutter, ist ein ekliges Land. Schmutzig, verfallen, hässlich sind die Häuser, seine Bewohner von grotesker Seelenkälte. Toto kommt in ein Kinderheim, Kameraden quälen das Kind, die Heimleiterin brüllt es nieder, irgendwann wird es an ein stumpfsinniges Bauernpaar verkauft. "Der einzig erkennbare Vorteil des Systems war, dass es niemals den Neid der Menschen herausforderte, denn da gab es nicht viel, um das man den Nachbarn beneiden konnte."
Mehr aus Zufall denn aus eigenem Willen schafft es Toto in den Westen, begegnet unter Hippies und im Obdachlosenheim wieder viel Niedertracht und sieht bald seine ehemaligen Landsleute in scheußlichen Jeans durch die Straßen lungern. Im wiedervereinigten Deutschland herrscht Angst. Angst vor Terror, Angst vor Bakterien und Angst vor dem Verlust des Jobs. Es gedeiht "die Sehnsucht nach der guten alten Zeit, die es nie gegeben hatte, es war alles zu eng, zu schnell, zu groß, zu voll, zu dick, zu bunt, da wuchs so eine richtig, richtig schlechte Laune".
Die Autorin Sibylle Berg schwingt sich in "Vielen Dank für das Leben" nicht plötzlich zu einer Chronistin auf, ihr Fach ist das Räsonieren. Sie zürnt gegen den Eifer der Funktionierenden, gegen Sport und Gesundheitswahn, gegen die Illusion, man könne sich tatsächlich vergnügen in der Welt. Denn es sei nun mal eine von Gier, Gemeinheit und Katastrophen beherrschte Hölle, in der die Menschen ihr kurzes Leben zubringen. Wo Hurrikane tobten und die Erde bebe, da floriere die Outdoor-Industrie: "Wenn schon die Natur verschwindet, will man dem Ereignis doch in einer wasserdichten Jacke beiwohnen."
Man kennt das aus den Kolumnen, die Berg früher für das "Zeit-Magazin" schrieb und seit mehr als einem Jahr auf SPIEGEL ONLINE veröffentlicht. Sie hat dort Urheberrechtsverletzer und Urheberrechtsbewahrer beleidigt und steile Thesen aufgestellt wie die, dass Günter Grass sich vor allem deshalb wie Günter Grass aufführe, weil er keine Frau sei. Sie mokiert sich über den Fortpflanzungstrieb der Menschen, weil es "keinen vernünftigen Grund gibt, die Erde weiter zu bevölkern". Sie kämpft aber auch beherzt für die Wiederkehr des klassischen Zeitungs- und Zeitschriften-Feuilletons, in dem der Leser auf Kulturschätze hingewiesen wurde, "die er ohne die Zeitung nie entdeckt hätte", statt wie heute nur auf Blockbuster, die überall stattfinden.
Der bergsche Meinungsfuror kann nerven, er tut es auch im neuen Buch, das manchmal weniger ein Roman ist als ein großes kolumnistisches Manifest. Verehrer erinnert das an Thomas Bernhard, dessen Romane gleichfalls quälen können. Bei Frau Berg gibt es kein Entrinnen aus dem Mahlstrom aus vergeigter Sehnsucht, Ekel und Gemeinheit, der den Helden verschlingt. Ihre Tiraden bleiben konsequent eindimensional, ihr Erzählerblick kennt keine Neugier, die Nebenfiguren sind oft Schemen. Trotzdem ist ihre Versuchsanordnung des Schreckens eine großartige Lese-Tortur, ein Wunderwerk aus klugen Exkursen und brillanten Bonmots. Aus Prinzip verweigert sie sich jeglicher Beschreibungskunst, keine Natur, keine Atmosphäre, keine Psychologie. "Und keine Muschis", wie Frau Berg hinzufügt.
"Vielen Dank für das Leben" ist ihr neunter Roman. Daneben hat sie 14 Theaterstücke verfasst, "die besten, indem ich ohne großen Plan drauflosschrieb". Ihr sei früh klargeworden, "dass Schreiben das Einzige ist, was ich wirklich kann".
Früher hat Sibylle Berg ungern über die Fakten ihres Lebens geredet. Wenn sie es heute tut, etwa um absurdem Gerede im Internet den Garaus zu machen, fragt sie, ob das jetzt blöd sei, die Antwort gibt sie selbst: "Egal, bald sind wir tot." Sie ist 1962 in der DDR geboren und hat die ersten Jahre ihres Lebens in Weimar verbracht, allein mit ihrer Mutter, die Bibliothekarin war und trank. Als die Sauferei schlimmer wurde, gab die Mutter ihre Tochter für ein paar Jahre zu Verwandten nach Berlin. Die Ersatzeltern lehrten Musik und glaubten an die DDR, "die waren wirklich linientreu", sagt Berg.
Mit zehn holte die Mutter Sibylle Berg zurück nach Weimar. Die Mutter arbeitete nicht mehr. Die Tochter brachte die Schule zu Ende, arbeitete als Puppenspielerin und begann zu schreiben. Mit 2o stellte sie einen Ausreiseantrag, mit 22 durfte sie in den Westen. Ihre Mutter brachte sich um, mit Gas. Es gab eine größere Explosion im Haus, in dem die Mutter lebte.
Im Westen, nach Flüchtlingslager und ein paar Monaten an einer Schweizer Schule für Akrobatik, "wegen Unfähigkeit abgebrochen", fiel ihr auf, dass sie Angst vor Menschen hat. Sie schlug sich durch, putzte, gärtnerte und schrieb. Zwei Jahre nach dem Fall der Mauer fuhr sie in einem geliehenen BMW Z1 Richtung Weimar, doch "wenn man im Triumph heimkehren will, geht das selten gut". Sie verunglückte auf der Autobahn in der Nähe von Hannover, überschlug sich ein paarmal. 22-mal, sagt sie, musste ihr Gesicht operiert werden.
Bergs Heldenfigur Toto begegnet diversen Ärzten, die von noch mehr Hass befallen zu sein scheinen als all die anderen Menschenmonster. Sie reden von Totos "geschlechtlicher Unklarheit", sie fotografieren und misshandeln Toto, und einer sagt über das entsexte Subjekt in seinem Untersuchungsraum: "Es ist ein Nichts."
Toto, das Unschuldswesen, hat viele Verwandte in der Kulturgeschichte: Parzival zum Beispiel, den reinen Tor, der nicht weiß, was falsch und was richtig ist, Goethes Mignon aus "Wilhelm Meisters Lehrjahre". Sogar Oskar Matzerath aus der "Blechtrommel", wie der hat Toto eine außergewöhnliche Begabung: Seine seltsame, wunderschöne, trotzdem für viele abstoßende Stimme klingt wohl wie die von Antony Hegarty, einem großartigen androgynen Sänger, den Sibylle Berg schätzt.
"Toto", sagt sie irgendwann an diesem Tag in Zürich, "das bin natürlich auch ich." Sie hebt die Stimme am Ende dieses Satzes, so dass es ein bisschen ironisch klingt. Im Roman heißt es, die Welt wäre ein besserer Ort, wenn nur alle so wären wie Toto: "Wie ein Brunnen, in dessen Wasser man sich spiegelte und sich sah in seiner Unvollkommenheit. Toto war der perfekte Mensch."
Sibylle Berg: "Vielen Dank für das Leben". Hanser Verlag, München; 400 Seiten; 21,90 Euro.
Von Wolfgang Höbel

DER SPIEGEL 31/2012
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