30.07.2012

SPIEGEL-GESPRÄCH„Zählen Sie nicht, erzählen Sie!“

Der Pianist Alfred Brendel über seinen Hang zum Grotesken, das Mysteriöse in der Musik und sein Desinteresse an sich selbst
SPIEGEL: Herr Brendel, wie kam die Musik in Ihr Leben?
Brendel: Jedenfalls nicht durch meine Eltern. Sie waren nicht musikalisch oder gar musisch. Es gab ein Klavier bei uns, und ich bekam Klavierstunden, wie das in gutbürgerlichen Häusern damals üblich
war. Und ich hatte ein Kindermädchen, das mir deutsche Volkslieder beibrachte.
SPIEGEL: Und das war die ganze musikalische Früherziehung?
Brendel: Nein, in dem Hotel auf der Adria-Insel Krk, das meine Eltern später zu leiten versuchten, gab es einen Plattenspieler und Operettenplatten, die ich auflegte. Ich sang dann mit.
SPIEGEL: "Dein ist mein ganzes Herz"?
Brendel: Nein, "Wenn Du untreu bist" oder "Ob blond, ob braun, ich liebe alle Frau'n". Also bekannte Arien, gesungen von Jan Kiepura, Marta Eggerth oder Joseph Schmidt. Manchmal sang ich auch "Was macht der Maier am Himalaja?"
SPIEGEL: Mit den schönen Reimen "Rauf, ja das kunnt' er / Ich frag mich aber, wie kommt er runter / Ich hab so Angst um den Maier / Er macht 'nen Rutsch und ist futsch".
Brendel: Dieses leicht absurde Couplet von Fritz Rotter aus den zwanziger Jahren hat mein Leben bis zu einem gewissen Grad geprägt, obwohl ich das damals natürlich noch nicht gemerkt habe. Noch mehr vielleicht das Chanson von 1928 "Ich reiß mir eine Wimper aus und stech dich damit tot".
SPIEGEL: Hier liegt, meinen Sie, der Ursprung Ihres Hangs zum Skurrilen und Grotesken?
Brendel: Ich vermute es.
SPIEGEL: Ihre Eltern gingen dann nach Zagreb, wo Ihr Vater ein Kino leitete. Hat Filmmusik Sie auch geprägt?
Brendel: Nein. Sie hat mich manchmal sogar gestört. Das tut sie heute noch. Es gibt wenige Filme, bei denen die Musik das nötige Niveau hat.
SPIEGEL: Zum Beispiel?
Brendel: Etwa die Musik zu Chaplins "Lichter der Großstadt", die er auf dem Klavier selbst improvisiert hatte. Oder die Musik in den Filmen von Jim Jarmusch. Der hat einen wunderbaren Komponisten. Manchmal bekommen ausgerechnet die Filmmusiken Preise, die besonders schlimm sind. Da fallen mir "Drei Farben: Blau" von Kieslowski ein oder "Das Piano", da hat mich die Musik fast aus dem Kino getrieben.
SPIEGEL: Was haben Sie im Elternhaus gelernt?
Brendel: Mir selbst zu helfen und Sachen für mich allein herauszufinden. Vieles habe ich von den Eltern nicht gelernt, wohl aber einen Sinn für Ordnung und Zuverlässigkeit. Und ich habe elterliche Liebe bekommen, dafür bin ich dankbar. Im Übrigen musste ich selbst sehen, was zu tun war.
SPIEGEL: Haben die Eltern Sie in Ihrer Karriere behindert?
Brendel: Das nicht. Meine Mutter war allerdings unglücklich, dass ich die Schule nicht beendet habe, denn sie wollte unbedingt, dass ich ein Akademiker mit Pensionsberechtigung werde. Ich glaube, sie hat mir erst vergeben, als ich meinen ersten Ehrendoktor bekam und sie nach London kam und vor der Königinmutter knicksen durfte. Meine Mutter war eine ewige Pessimistin, was nicht verwunderlich war, denn mein Vater war ein törichter Optimist.
SPIEGEL: Sie haben sich selbst unterrichtet?
Brendel: Bis zu meinem 16. Lebensjahr hatte ich Klavierlehrer, danach war ich eigentlich auf mich gestellt. Mit Ausnahme von wenigen Meisterkursen bei Edwin Fischer, Eduard Steuermann und kurzen Besuchen bei Paul Baumgartner. Das ist ein untypischer Werdegang, und ich möchte ihn niemandem als Modell empfehlen.
SPIEGEL: Wie haben Sie herausgefunden, was gut für Sie ist?
Brendel: Durch Hören. Da gab es außer Fischer auch Wilhelm Kempff oder Alfred Cortot, von denen ich mehrere Konzerte gehört habe und denen ich auch nachgereist bin. Die haben mir Maßstäbe gegeben. Und dann habe ich von Dirigenten und Sängern viel gelernt. Das Gesangliche ist das Herz der Musik. Und die Balancen im Orchester, die Farben, der Rhythmus sind für mich ein Maßstab fürs Klavierspielen. Das Klavier allein genügte mir nicht, im Gegensatz zu manchen meiner Kollegen. Die Pianisten, die ich erwähnte, haben auch komponiert oder dirigiert. Da kam eine große Klangphantasie zusammen.
SPIEGEL: Mussten Sie lange üben?
Brendel: Selbst Wunderkinder müssen üben, aber ich war ja keins. Als ich nach Wien kam, hatte ich kein eigenes Instrument und musste bei anderen Menschen hausieren gehen. Da konnte ich nur drei Stunden am Tag üben. Und erst später wurden es manchmal vier oder fünf Stunden. Es kommt darauf an, wie man übt, welche Stellen und mit welcher Konzentration. Das ist eine Frage der Ökonomie.
SPIEGEL: Sie waren nie der große Virtuose, als sogenannter Tastenlöwe wurden Sie nicht gerühmt.
Brendel: Das halte ich auch nicht für erstrebenswert. Das Technische muss bei einer idealen Aufführung in den Hintergrund treten, damit die Musik deutlich zum Vorschein kommt. Ein guter Pianist sollte ein ganzes Stück überblicken können. Also am Anfang schon das Ende mitdenken. Das ist nicht so einfach. Deshalb haben Pianisten meist ihre Glanzzeit erst zwischen vierzig und sechzig Jahren.
SPIEGEL: Sie auch?
Brendel: Ja, vielleicht. Als ich sehr jung war, wollte ich nicht übermorgen berühmt werden. Ich wollte mit fünfzig gewisse Sachen beherrschen, und als ich fünfzig war und einiges davon beherrschte, wollte ich mehr. Es geht immer weiter, selbst jetzt. In meinem ausgefransten Gehirn ist immer noch ein musikalischer Kern, der sich weiterentwickelt. Ich arbeite immer noch an Stücken. Im Kopf, in der Vorstellung. Übrigens: Geiger sind oft schon als Teenager hervorragende Musiker.
SPIEGEL: Geige spielen ist leichter?
Brendel: Ein Geiger spielt eine Stimme oder Doppelgriffe. Was ein Pianist macht, ist komplexer.
SPIEGEL: Interessieren Sie sich für andere als für klassische Musik?
Brendel: Ich finde Jazz innerhalb seiner Grenzen höchst interessant, aber die Grenzen sind halt so viel enger als in der Kunstmusik, wie ich jetzt einmal die klassische Musik nennen möchte. Ich erinnere mich noch an die Zeit, als in den Zeitungen Popmusik kaum beachtet wurde, sondern eigentlich nur die Kunstmusik. Ich habe mich immer noch nicht ganz daran gewöhnt, dass es heute fast umgekehrt ist. Dabei ist meine älteste Tochter Rockmusikerin.
SPIEGEL: Gehen Sie in ihre Konzerte?
Brendel: Nein, aber sie bringt mir hier und da eine Aufnahme mit, und ich bin froh, wenn ich die dann nicht laut hören muss. Ich bin geräuschempfindlich.
SPIEGEL: Oft geht Musik direkt ins Herz. Auch bei Menschen, die nicht erklären können, wie sie funktioniert.
Brendel: Musik ist nicht in erster Linie dazu da, verstanden zu werden. Wenn jemand ein Stück analysiert, kann das interessant sein, aber es ist nur ein Teil der Wahrheit. Musik hat als einzige der Künste etwas Mysteriöses.
SPIEGEL: Ein Geheimnis?
Brendel: Wenn man Musik und Sprache vergleicht, ist bei der Sprache immer Bedeutung dabei, ein Wort mag verschiedene Bedeutungen haben, aber man wird sich einigen können, welche gemeint ist. Niemand wird Begriffe wie Kamm und Bürste verwechseln. Das gibt es in der Musik nicht. Sie führt aus der Realität heraus, obwohl sie immer mit dem Menschen verbunden bleibt. Sie sagt immer etwas über Gefühle, Aktionen und Reaktionen aus. Man kann aber nicht, wie in der Sprache, den Finger auf eine Stelle legen und sagen: Das ist jetzt genau das und dies.
SPIEGEL: In Ihrem Buch schreiben Sie, es gebe Musiker, die die Musik nicht lieben.
Brendel: Es gibt immer Menschen, die ihren Beruf nicht lieben. Denken Sie an jemanden, der seit 30 Jahren im Orchester sitzt und nur aufwacht, wenn mal ein besonders guter Dirigent kommt.
SPIEGEL: Bei Solisten kommt das nicht vor?
Brendel: Ich kenne Kollegen, die hauptsächlich sich selbst lieben. Das sind Menschen, die vergessen, dass sie ohne den Komponisten, der so freundlich war, etwas niederzuschreiben, überhaupt nicht vorhanden wären. Man soll als Musiker dem Komponisten und dem Stück helfen und dessen Botschaft empfangen und weitergeben. Ich halte nichts davon, dem Stück einzuflüstern, was es sein sollte oder was der Komponist eigentlich hätte komponieren sollen.
SPIEGEL: Hört sich einfach an.
Brendel: Es spielt sich aber nicht von selbst. Man muss seine eigenen Fähigkeiten und Sensibilitäten einsetzen, aber mit Verantwortung dem Stück gegenüber. Ich sage bewusst "das Stück", denn wenn ein Stück einen Komponisten verlassen hat, führt es bis zu einem gewissen Grad ein Eigenleben. Wenn jemand aus Originalitätssucht eine Komposition behandelt wie manche Regisseure heute ein Theaterstück, dann hört bei mir die Geduld auf.
SPIEGEL: Hat Musik etwas zu erzählen?
Brendel: Ich habe einmal einer jungen Musikerin, die die "Moments musicaux" von Schubert spielte, gesagt: Zählen Sie nicht, erzählen Sie! Das hat geholfen. Musik kann erzählen, sie kann dramatisch sein und lyrisch, und sie kann alles miteinander verbinden. Bei einer guten Komposition ist immer auch der Verstand da, sonst wäre sie keine gute Komposition. Der Verstand ist der Filter.
SPIEGEL: Hat Ihre Kunst überall funktioniert?
Brendel: In allen großen Städten gibt es ein informiertes Publikum. Ich hatte in den vergangenen 20 Jahren meiner Tätigkeit überall ein ähnliches Publikum und die gleichen Möglichkeiten zu spielen. Wenn man wie ich in New York über viele Jahre die Chance hatte, eigene Zyklen von Klavierabenden zu spielen, kommt ein ganz eigenes Publikum zustande.
SPIEGEL: Haben Sie für sich oder für das Publikum gespielt?
Brendel: Wer nur für das Publikum spielt, der sollte zu Hause bleiben. Das würde doch bedeuten, dass man zum Publikum hinunterspielt, statt das Publikum zu animieren, heraufzuhorchen. Man spielt für sich und das Publikum. In diesem Beruf stecken so viele Widersprüche.
SPIEGEL: Welche?
Brendel: Man spielt und muss zugleich vorausdenken. Man muss sich selbst hören und sich zuhören und zugleich für die Ohren der Leute in der letzten Reihe spielen. Man muss sich kontrollieren und sich vergessen. Man hat einen genauen Plan und muss sich trotzdem offenhalten.
SPIEGEL: Haben Ihnen Kritiken geholfen?
Brendel: Manche schon. Es gibt hier und da den Fall, dass ein Kritiker darauf aus ist, den Spieler literarisch zu ermorden. Zum Beispiel weil er ihn aus irgendeinem Grund nicht leiden kann, das hat nichts mit persönlicher Bekanntschaft zu tun.
SPIEGEL: Haben Sie sich gewehrt?
Brendel: Tätlich? Nein. Ich habe lediglich einmal in einer Ansprache vor Musikkritikern gesagt, dass ich mich darüber freue, in New York ohne die Hilfe der "New York Times" Erfolg zu haben.
SPIEGEL: In Australien, so schreiben Sie, baten Sie das Publikum einmal nach dem Konzert um eine Axt, um den Flügel zu zertrümmern.
Brendel: Das war in der Provinz, am kältesten Ort Australiens, die hatten da an sich die richtige Idee, die Musik zu den Menschen zu bringen. Nur war das Instrument eine Katastrophe. Es gibt doch Schallplatten von mir, da muss man im Konzert die Möglichkeit haben, mit seinen eigenen Aufnahmen zu konkurrieren.
SPIEGEL: Herr Brendel, Sie sind 60 Jahre lang um die Welt gereist. Was vermissen Sie nach Ihrem Rückzug vom Konzertpodium?'
Brendel: Jedenfalls nicht das Podium. Ich habe gern gespielt. Ich hatte ein relativ einfaches Leben als Pianist. Ich wollte aufhören, wenn die Genauigkeit der Nuancen und des Rhythmus noch da ist und nicht später. Ich habe immer freiwillig gespielt, nicht weil ich ein Getriebener bin. Ich habe noch andere Interessen, bildende Kunst, Architektur. Außerdem bin ich Schriftsteller. Zu meinem großen Vergnügen in den vergangenen Jahren gehört es, dass ich 2011 in Wien eine eigene Filmreihe gestalten konnte, die "Zwischen Grauen und Gelächter" hieß. Zwölf Filme. Das reichte von Georg Wilhelm Pabsts "Die Dreigroschenoper" über Luis Buñuels "Das Gespenst der Freiheit" bis zu Woody Allens "Zelig".
SPIEGEL: Haben Sie das Gefühl, dass Ihr Leben nach einem Plan verlief, zwangsläufig?
Brendel: Im Rückblick scheint es, dass meine Entwicklung ziemlich geradlinig war und logisch. Es hat mich immer relativ wenig interessiert, wer ich bin oder was ich mache. Ich war auch nie in Analyse. Ich bin weder manisch noch depressiv.
SPIEGEL: Muss man sich Sie als glücklichen Menschen vorstellen?
Brendel: Das ist vielleicht zu viel gesagt. Aber ich musste nicht mit meinem Schicksal hadern. Ich habe mich weder besonders angezweifelt noch vergöttert. Und ich finde vieles komisch. Das hilft. Anders kann man die Welt doch gar nicht aushalten.
SPIEGEL: Herr Brendel, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Das Gespräch führte der Redakteur Joachim Kronsbein in London.
Von Joachim Kronsbein

DER SPIEGEL 31/2012
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