30.07.2012

NACHRUFSusanne Lothar

1960 - 2012
Sie konnte unvergleichlich strahlen. Doch sie war, wenn sie irgendwo auftauchte, keine Schönheit, nach der eine Kamera sich mit bewunderndem Blick umgedreht hätte; schmal, kräftig, gerade, nichts elfenhaft Graziöses. Susanne Lothars triumphierende Kraft, Leidenschaft, Ausdruckslust brauchte das Maß einer Bühne, um sich zu entfalten; da zog sie tausend Augen auf sich und gewann im Spiel eine eigene unwiderstehliche Schönheit.
Seit sie sich - schockierend nackt und empörend fleischlich - 1988 in Peter Zadeks "Lulu"-Inszenierung die Bühne des Hamburger Schauspielhauses erobert hatte, wusste jeder, der es wissen wollte, dass diese damals 27-Jährige ein singuläres Theatertier war; irrlichternd, verletzlich, unberechenbar, doch eine Draufgängerin, die vor keiner Selbstüberforderung und vor keinem Rollenabgrund zurückschreckte; eine von denen, die einst Max Reinhardt nicht "Schauspieler", sondern "Wahrspieler" genannt hat.
Eine Spielbesessene muss sie von klein auf gewesen sein. Für das Abitur hatte sie keine Geduld, und von der Hamburger Schauspielschule ging es gleich dort ans Thalia Theater, dann zu Jürgen Flimm nach Köln, wo sie Fausts Gretchen und König Lears Cordelia spielte, und weiter nach Wien ans Burgtheater zu Wedekinds "Musik".
Dass sie die Tochter eines Filmstarpaars war, fand sie kaum der Erwähnung wert. Ihr Vater Hanns Lothar starb, als sie sechs Jahre alt war; mit ihrer Mutter Ingrid Andree hat sie nur einmal in Köln auf der Bühne gestanden und im Jahr nach der "Lulu"-Premiere in Berlin und Hamburg: in einer (ansonsten arg harmlosen) Boulevardkomödie unter Zadeks Regie.
Komisch durfte sie nur selten sein, zu überragend war ihr Gespür für die Getriebenen, die Zerrissenen, ihr Genie für den Schmerz.
1990 lernte sie bei den Salzburger Festspielen als Bühnenpartner Ulrich Mühe kennen, den Ost-Berliner Theaterstar, Heiner Müllers sensationellen Wende-Hamlet - und aus den beiden wurde im Sturm ein Ausnahmepaar, zeitweise allzu umschwärmt von den Vertretern der öffentlichen Neugier, das seinen leidenschaftlichen Zusammenhalt, zwei Kinder und gemeinsame Projekte nach Kräften verteidigte. Viel Fernseharbeit in diesen Jahren, und drei außergewöhnliche gemeinsame Theater-Unternehmungen: Mamets Sittensatire "Oleanna" in Wien, Sarah Kanes brutaler Schocker "Gesäubert" in Hamburg und wieder in Wien Yasmina Rezas "Dreimal Leben", wo die vielfach bewährte Leidensheroine Susanne Lothar wenigstens einmal im Leben als virtuose Komödiantin über alle Stränge schlagend brillieren durfte.
Für Film und Fernsehen hatte sie sich anfangs nur sporadisch interessiert. Doch durch Mühe lernte sie den Wiener Regisseur Michael Haneke kennen, und so wichtig wie zuvor der barocke Zadek für ihre Bühnen-Persona wurde nun der strenge, puristische Haneke für ihre Kamera-Erscheinung. Von seinem Kafka-"Schloss" und dem Psychothriller "Funny Games" (1997) an war sie an vier Haneke-Filmen beteiligt - fast immer als eine vom Leben geprügelte, um einen Rest an Würde kämpfende Frau.
Im letzten dieser Filme, "Das weiße Band" (2009), taucht sie in der Schlüsselrolle der erbärmlich gedemütigten Hebamme in die Tiefen einer so nackten Verzweiflung, dass einem beim Zusehen der Atem stockt. Michael Haneke sagt: "Keine andere hätte es mit dieser Intensität gekonnt. Sie war stets auf der Suche, nach sich selbst, nach unbekannten Seiten, die sie noch nicht erkundet hatte. Das war wohl ihr Motor."
Das Leben an Mühes Seite: Das war sein Triumph mit "Das Leben der Anderen", der ihn 2007 bis nach Hollywood trug, und das war sein langes, schweres Sterben im folgenden Sommer. Trauern hieß für Susanne Lothar arbeiten, unermüdlich, ohne Selbstschonung oder auch - wie manche Arbeitspartner meinen - bis zur betäubenden Erschöpfung. Auf ihrer Liste der Kino- und TV-Filme, die sie im Jahr 2011 gedreht hat, stehen fünf Titel. Am 21. Juli, einen Tag vor Ulrich Mühes fünftem Todestag, ist Susanne Lothar 51-jährig allein in ihrer Berliner Wohnung gestorben.
Von Urs Jenny

DER SPIEGEL 31/2012
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