30.07.2012

Das Märchen mit der Quote

FILMKRITIK: „Merida“ ist der erste Animationsfilm des Pixar-Studios mit einer weiblichen Hauptfigur. Hinter den Kulissen geht es weniger emanzipiert zu.
Frauen können alles, fast überall. Sie können Bundeskanzlerin werden oder Unternehmen leiten, RTL oder die Bayreuther Festspiele, irgendwann regieren sie vermutlich auch Männerläden wie Mercedes oder den SPIEGEL.
Eine besonders symbolträchtige Führungsrolle durfte allerdings bisher keine Frau übernehmen: die Hauptfigur in einem Pixar-Animationsfilm. Pixar, seit 2006 eine Tochterfirma des Disney-Konzerns, ist das beste Trickfilmstudio der Welt, verantwortlich für Meisterwerke wie "Toy Story", "Ratatouille" oder "Wall-E" - insgesamt zwölf Kinofilme in 17 Jahren, 29 Oscars, unzählige begeisterte Zuschauer, Milliardenumsätze an den Kinokassen, kein einziger Flop.
Die Stars dieser Filme, Cowboys und Astronauten, Ratten und Roboter, sind allesamt Kerle mit ausgeprägtem Ego und auch sonst vermeintlich männlichen Eigenschaften: selbstmitleidig, konkurrenzbewusst, stur, aber natürlich trotzdem schwer sympathisch. Das auffälligste weibliche Wesen in einer Pixar-Produktion war bislang Dory, das grenzdebile Fischfräulein in "Findet Nemo", eine Nebenfigur. Jungs, so lautete lange die Logik der Marketingstrategen bei Pixar und Disney, wollen keine Mädchenfilme sehen.
"Merida - Legende der Highlands", Pixar-Film Nummer 13, kann also als Revolution verstanden werden: der erste Film des Studios mit einer Heldin. Ein Märchen, das zwar im Mittelalter spielt, dessen Rollenbilder aber aus der Gegenwart stammen, möglicherweise sogar aus der Zukunft, Brüder Grimm und Gleichberechtigungsdebatte in einem.
Merida ist ein Teenager, eine Prinzessin, die mit ihren Eltern und drei kleinen Brüdern auf einer Burg in Schottland lebt. Traditionelle Prinzessinnen-Hobbys wie Fröscheküssen lehnt Merida ab; lieber reitet sie durch Wälder oder schießt mit Pfeil und Bogen, oft beides zugleich, sie klettert
auf Berge und trinkt aus Wasserfällen. Merida ist, Pardon, ein Naturbursche, allerdings mit sehr schönen roten Locken, laut Pixar 1500 Haarsträhnen, jede einzelne von Animatoren in jahrelanger Frickelarbeit täuschend echt nachgebildet. Wenn Merida ihre Mähne schüttelt, dann hat das mehr Schwung als eine Verfolgungsjagd im neuen "Spider Man"-Film.
Meridas Mutter, das hat die Königin mit ganz normalen Eltern von Teenagern gemeinsam, ist der Freiheitsdrang ihrer Tochter nicht geheuer. In einer Szene schnürt sie Merida in eine Korsage ein, bis die Rippen quietschen, die Locken bändigt sie mit einer Kopfhaube. Merida soll zwangsverheiratet werden, eine arrangierte Ehe, bis heute nicht untypisch für europäische Adelshäuser. Die Söhne von drei rivalisierenden Clanchefs treten zum Wettkampf an, Merida ist der Hauptgewinn. Die Kandidaten erweisen sich jedoch als Versager, sie sind kleinwüchsig, dämlich, und Bogenschießen können sie auch nicht besonders.
Die Prinzessin greift selbst in den Kampf um ihre Hand ein. "Ich will meine Freiheit", ruft sie, keinen Ehemann, und natürlich schlägt sie die jungen Krieger beim Bogenschießen. Kein Sieger, keine Hochzeit, stattdessen ein heftiger Streit zwischen Mutter und Tochter, der Merida schließlich aus dem Haus treibt, auf zu neuen, unromantischen Abenteuern.
Meridas burschikoses Auftreten und ihre rüde Abfuhr für die Prinzen hat einige US-Kritiker schwer verstört. Zeitschriften wie "Entertainment Weekly" und "Atlantic Monthly" spekulierten ernsthaft über die sexuelle Orientierung der Trickfilm-Heldin: "Ist Merida lesbisch?"
Letztlich ist man zu keinem eindeutigen Ergebnis gekommen; die Frage wird vermutlich auf ewig ungelöst bleiben, ein Mysterium wie das Sexualleben von Donald und Daisy Duck. Die Filmemacher schweigen.
Die Entstehungsgeschichte von "Merida" liefert jedoch Indizien über den Stand der Emanzipation in der amerikanischen Filmindustrie. "Merida" ist der erste Pixar-Film, bei dem eine Frau Regie führte. Brenda Chapman, Co-Regisseurin beim Zeichentrickfilm "Der Prinz von Ägypten" (1998), hatte im Jahr 2003 dem Pixar-Boss John Lasseter den Stoff vorgeschlagen, inspiriert durch Debatten mit ihrer damals fünfjährigen Tochter. Lasseter, Vater von fünf Söhnen, stimmte zu.
Animationsfilme zu produzieren dauert Jahre, Hunderte Spezialisten sind daran beteiligt, im Fall von "Merida" auch ein gewisser Mark Andrews, der ursprünglich nur als Experte fürs Mittelalter und für Kampfszenen angeheuert worden war. Offenbar kennt sich Andrews auch mit moderner Kriegsführung aus. Mitten in der Produktion, der Film war etwa zu zwei Dritteln fertig, wurde die Regisseurin von Lasseter gefeuert und durch Andrews ersetzt. Zufall oder nicht: Im fertigen Film, vor allem in der zweiten Hälfte, wird nun sehr viel gekämpft.
Ansonsten gelten die üblichen Regeln der Märchenwelt und der Filmindustrie: Und wenn Merida nicht gestorben ist, dann gibt es irgendwann eine Fortsetzung.
Kinostart: 2. August.
Von Martin Wolf

DER SPIEGEL 31/2012
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