04.08.1997

SÜDOSTASIEN„Wie ein Verbrecher“

Malaysias Premier Mahathir reitet Attacken gegen den Westen und gegen den Großfinanzier George Soros - um die Probleme seiner Nachbarn und eigenes Versagen zu vertuschen.
Malaysias Premier Mahathir Mohamad, 71, gönnte sich nach 16 Amtsjahren eine Pause: Zwei Monate lang nahm er Urlaub, fuhr nach Europa - und ärgerte sich über die Ereignisse in der Heimat schwarz: schlimme Währungskrise in Thailand, Kursrückgang im eigenen Land, Prestigeverlust für die südostasiatische Region der "Tiger"-Staaten.
Der Malaysier gilt schon lange als schärfster Kritiker des Westens und legt sich immer wieder mit Amerika und Europa an. Mal plädiert er für eine Änderung der Uno-Menschenrechts-Charta, mal fordert er den Westen unverblümt auf, "unsere asiatischen Werte" anzunehmen. Jetzt setzte er noch eins drauf - und machte den Westen auch für die Wirtschaftskrise der Asiaten verantwortlich. Speziell einen Mann traf sein Bannstrahl.
Der gebürtige Ungar George Soros, Milliardär und Superspekulant, habe den Verfall südostasiatischer Währungen durch "eine Intrige" gezielt verursacht: "Wir arbeiteten 30 bis 40 Jahre, um unsere Länder auf dieses Niveau zu bringen", zürnte Mahathir, "aber dann kommt da einer mit einigen Milliarden Dollar, und in einem Zeitraum von zwei Wochen hat er das meiste unserer Arbeit zunichte gemacht."
Mitglieder der malaysischen Regierung legten nach. Auch Politiker aus Nachbarländern unterstützten Mahathir.
So verlangte Thailands Außenminister Prachuab Chaiyasan in der vergangenen Woche am Rande des Treffens des Verbandes Südostasiatischer Staaten (Asean), Währungsspekulanten auf illegale Aktivitäten zu untersuchen. Es gehe nicht an, daß "irgendwelche Gruppen herumlaufen und so was tun".
Hintergrund der rüden Attacken ist die labile Wirtschaftsentwicklung in der Weltregion. Vor allem den über die letzten Jahrzehnte hin wachstumsstärksten Ländern der Welt, den asiatischen "Tigern" Malaysia, Thailand, Südkorea und Taiwan droht allmählich die Puste auszugehen.
Ihr Superwachstum wurde auch mit einem steilen Anstieg der Staatsverschuldung erkauft. Der Weg von der Billiglohn-Region der westlichen Konzerne zum Wirtschaftsstandort mit eigener industrieller High-Tech-Basis scheint beschwerlicher als bisher angenommen: Die Erfolgsverwöhnten, den wirtschaftlichen Kinderschuhen entwachsen, erleben derzeit ihre Midlife-Crisis.
Die asiatischen Börsen, Seismographen für Erschütterungen des Systems, reagierten unverzüglich - mit fallenden Kursnotierungen. Die Regierungen waren, wie oft in solchen Fällen, machtlos. Die Zentralbanken der Region pumpten insgesamt über zehn Milliarden Dollar in die Devisenmärkte, um sich dem Abwertungsdruck entgegenzustemmen. Sie kauften ihre eigene Währung, hofften so den Preisverfall zu stoppen. Ohne Erfolg.
Allein Malaysias Zentralbank gab in der ersten Julihälfte rund drei Milliarden US-Dollar aus. Doch die Kettenreaktion der nervös gewordenen Einleger ließ sich nicht mehr abwenden:
Der thailändische Baht verlor innerhalb weniger Wochen gegenüber dem Dollar fast 20 Prozent an Wert, der philippinische Peso 8, die indonesische Rupiah 7 und der malaysische Ringgit 5 Prozent. Fast täglich fielen die angeschlagenen Asien-Währungen auf neue Tiefststände.
In der vergangenen Woche war die Regierung von Thailand, das sich bisher als "Kingdom of Growth" (Königreich des Wachstums) bezeichnet hatte, derart in die Klemme geraten, daß nur noch eine demütigende Option übrigblieb - sie mußte den Westen um eine Intervention bitten.
Die Währungsreserven der Bank von Thailand waren erschöpft. Notenbankchef und Finanzminister traten zurück, die Regierung ging am vergangenen Montag den Internationalen Währungsfonds in Washington um Unterstützung an. Nun werden US-Finanzexperten sogar die Geschäfte der Zentralbank steuern, vorerst für sechs Monate.
Der kollektive Schwächeanfall hat die erfolgsverwöhnten Südostasiaten verunsichert. Zukunftsangst breitet sich aus, mit dem Anstieg von Arbeitslosigkeit und Inflation wachsen auch die Zweifel an der Allmacht der Regierenden, die sich bis jetzt in autoritären Staaten wie dem moslemischen Malaysia vor allem durch die stetige Steigerung des Lebensstandards an der Macht halten konnten.
George Soros und seine Berufskollegen boten sich als Sündenböcke an. Von einer "Intrige" (Malaysias Premier) war die Rede, von üblen Machenschaften "westlicher Spekulanten", gar von "Verbrechern auf den Finanzmärkten" - und immer bezogen, auch und vor allem, auf George Soros.
Da half es nichts, daß der Gescholtene, der in Osteuropa die Demokratisierung mit Millionenspenden unterstützt und neuerdings nachdenklich vor dem "Glauben an die Zauberkraft des Marktes" und vor der "kapitalistischen Bedrohung" warnt, die Vorwürfe von seinem Sommersitz bei New York scharf zurückwies: Seine privaten Stiftungen, die sich in der Region beispielsweise für Menschenrechte in Burma einsetzten, hätten mit seinen Devisengeschäften nichts zu tun. In den vergangenen Monaten habe er nur zehn Millionen Baht (300 000 Dollar) verkauft, keinen einzigen malaysischen Ringgit.
Seit Soros das britische Pfund 1992 mit massiven Spekulationen aus dem Europäischen Währungssystem drängte und dabei eine Milliarde Dollar an Gewinnen einstrich, trauen auch einige im Westen dem Großfinanzier alles zu. Seine mächtigen Fürsprecher aus der Politik nähren nur den Verdacht, hier sei ein Finsterling der Sonderklasse am Werk.
In der vergangenen Woche sprang US-Außenministerin Madeleine Albright - Stargast beim Asean-Treffen - Soros zur Seite; sie wies die Anschuldigungen zurück und griff ihrerseits die Asean-Gemeinschaft scharf an, weil sie Burma mit seinem "diktatorischen Regime" in das Bündnis aufgenommen habe.
Die Asiaten nahmen die Attacke mit eisigem Schweigen zur Kenntnis - und machten keinerlei Anstalten, die Burmesen künftig härter anzupacken oder gar zu isolieren.
In der Finanzmetropole Singapur, wo die Gerüchteküche dieser Tage besonders heiß brodelt, haben Devisenhändler für die rüden persönlichen Attacken Mahathirs aber ganz andere Theorien parat: Im islamischen Malaysia, wo schon der Besuch eines israelischen Kricketteams heftige Proteste auslöse, komme ein Angriff auf den Abkömmling ungarischer Juden immer gut an.
Möglicherweise will Mahathir aber auch eine alte Rechnung mit Soros begleichen. Denn die malaysische Zentralbank, Anfang der neunziger Jahre selbst für internationale Spekulationsgeschäfte mit Fremdwährungen berüchtigt, soll 1992 durch die Soros-Geschäfte mit dem Pfund schwere Verluste erlitten haben. Unter der Annahme, daß die britische Währung auf keinen Fall aus dem Europäischen Währungssystem ausscheiden werde, sollen die Malaysier hohe Summen der britischen Währung gekauft haben.
Weitere Konflikte sind nun programmiert. Die Amerikaner, die in Asien nicht ganz zu Unrecht als wirtschaftliche Interventionsmacht empfunden werden, wollen die Chance der Krise für sich nutzen.
Als Gegenleistung für Hilfen verlangen westliche Experten von den Asiaten eine Liberalisierung ihres bürokratisch reglementierten Finanzwesens. Sie wollen ihr Kapital nach verläßlichen - heißt für sie westlichen - Regeln investieren. Die Amerikaner möchten endlich auch die Mehrheit an asiatischen Firmen übernehmen und nicht nur die Rolle des Juniorpartners spielen.
Dagegen sträubt sich Malaysias Premier Mahathir. Er will ausländischen Aktionären nach wie vor nur einen Minderheitsanteil an heimischen Firmen zugestehen: "Uns wird gesagt, Handel und Wirtschaft sollten völlig frei sein", so Mahathir auf dem Asean-Treffen. "Frei für wen? Für Spekulanten?"
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Thailand, Taiwan, Indonesien, Malaysia - Währung in US-Dollar
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Thailand, Taiwan, Indonesien, Malaysia - Währung in US-Dollar
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Von Lorenz und

DER SPIEGEL 32/1997
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