11.08.1997

„Die Pistole lag immer griffbereit“

Tobias Müller und Salo Luna über Tyrannei und sexuellen Mißbrauch in der Colonia Dignidad
SPIEGEL: Herr Müller, Herr Luna, Ihnen ist gelungen, was zehn Jahre niemand schaffte: eine Flucht aus der Colonia Dignidad. Wie haben Sie das angestellt?
Müller: Das war wie im Krimi. Wenn sie uns erwischt hätten, wäre das ein Kampf auf Leben und Tod geworden. Wir hatten gehört, daß ein großes Fest zum 36jährigen Bestehen der Kolonie stattfinden sollte, und zwar außerhalb des Sicherheitszauns. Da dachten wir: Das ist unsere Chance. Ich war als Ordner bei den Toiletten eingeteilt ...
Luna: ... und ich mußte stellvertretend für die chilenischen Jugendlichen eine Ansprache auf den "tío permanente", den ewigen Onkel, halten. Sektenführer Paul Schäfer gefällt es, wenn wir ihn so nennen, denn er wird immer dasein, sagt er.
SPIEGEL: Wie haben Sie sich vorbereitet?
Müller: Wir konnten uns erst am Tag der Flucht genau absprechen. Ich habe mir zwei Funkgeräte aus der Schusterei besorgt. Die brauchten wir, um zu wissen, ob wir verfolgt werden. Ich wollte ja schon seit Jahren weg, hatte aber niemanden, dem ich auch nur im geringsten vertrauen konnte. Allein hatte ich ja gar keine Chance, draußen zu bestehen. Das änderte sich, als ich Salo kennenlernte.
Luna: Seit 1988 gibt es eine chilenische Jugendgruppe, die sich regelmäßig zum Sport mit Altersgenossen in der Kolonie trifft. Bei den Wettkämpfen war ich immer der beste Chilene und Tobi der beste Deutsche. Dadurch wurden wir sehr enge Freunde. Vor drei Monaten habe ich erstmals Pläne gemacht, um Tobi zu befreien. Ich habe den Untersuchungsrichter in Parral gebeten, Tobias als Zeugen im Verfahren gegen Paul Schäfer zu laden. Nach der Aussage sollte er sich unter den Schutz der chilenischen Polizei stellen können.
Müller: Ich wurde tatsächlich vorgeladen, aber die Leute in der Kolonie haben mir ausgeredet, bei dem Termin zu erscheinen. Wäre ich trotzdem gegangen, hätte ich mich verdächtig gemacht.
SPIEGEL: Hatten Sie noch andere Kontakte nach draußen?
Luna: Ich habe meine Familie eingeweiht, daß ich den Freund, der mir am meisten bedeutet, aus der Colonia herausholen muß. Obwohl meine Mutter Präsidentin eines Freundschaftskreises der Sekte ist, haben sie mir versichert, daß ich immer auf ihre Hilfe zählen kann. Deshalb war unser erstes Ziel bei der Flucht mein Elternhaus, etwa zwölf Kilometer von der Kolonie entfernt, in Paso Ancho.
SPIEGEL: Kannten Sie den Weg?
Müller: Nicht gut. Es war stockdunkel, wir hatten eine Taschenlampe, aber trauten uns nicht, die zu benutzen. Zuerst ging es über den Fluß und dann querfeldein durch die Wildnis. Oft steckten wir bis über die Knie in Wasser und Schlamm. Wir mußten über Zäune springen und uns durch dichte, meterhohe Brombeerhecken schlagen.
SPIEGEL: War es nicht riskant, zu den Lunas zu gehen? Daß Sie zusammen verschwunden sind, hätte auffallen können.
Müller: Wir wollten dort nur schnell was essen und trinken. Ich habe außerdem meine Kleider aus der Kolonie verbrannt und von Salos Eltern neue Kleidung bekommen. Sein Bruder hat uns in die nächste Stadt gebracht, nach San Carlos.
Luna: Von dort sind wir gleich mit dem Bus weitergefahren, zu Verwandten in den Norden. Am nächsten Tag kamen schon die Verfolger aus der Kolonie, aber meine Leute konnten sie abwimmeln ...
Müller: ... wir hatten uns unterm Bett versteckt. Weil uns die Sache zu unsicher wurde, haben wir uns in eine Vorstadt von Santiago, nach Catemu, mitnehmen lassen.
Luna: Ich wußte von einem Rechtsanwalt, der viele Opfer der Colonia Dignidad verteidigt. Der hat die Verbindung zur deutschen Botschaft hergestellt.
Müller: Der zweite Mann der Botschaft hat uns mit nach Hause genommen. Die Polizei hat uns abgeschirmt, bis wir im Flugzeug nach Frankfurt saßen.
SPIEGEL: Vor 14 Jahren sind Sie in die Gegenrichtung geflogen. Erinnern Sie sich noch an die ersten Jahre in der Kolonie?
Müller: Meine Mutter schickte mich dorthin, als ich zehn war, weil meine Eltern sich getrennt hatten und sie allein nicht die Familie ernähren konnte. Alle Verwandten gehörten schon in Deutschland zur Sekte und sind mit Schäfer ausgewandert. Nur meine Mutter ist abgesprungen ...
SPIEGEL: ... und trotzdem glaubte sie, ihr Junge wäre in Chile gut aufgehoben?
Müller: Ja, denn dort hatte ich ja meine Großmutter, Onkel und Tanten. Ich stellte mir auch vor, ich würde in Chile bei der Familie meiner Mutter leben. Außerdem hatte man mir wunderbare Werbefilme der Sekte vorgeführt, in denen sich die Kolonie als Naturparadies präsentiert, mit Zwerghirschen, Pumas und Papageien.
SPIEGEL: Und die Wirklichkeit?
Müller: Um drei Uhr nachts kam ich an und dachte, mich trifft der Schlag: Da saßen 300 Leute in einem Saal, ich sollte auf die Bühne und mich vorstellen. Wer meine Verwandten sind, habe ich erst im Lauf der Jahre herausgefunden.
SPIEGEL: Wo waren Sie untergebracht?
Müller: Ich kam in ein Zimmer zusammen mit vier anderen Jungen - getrennt von den Mädchen und den Alten. In der ersten Zeit hat sich die Sekte Mühe gegeben, sich von ihrer besten Seite zu zeigen. Ich mußte nicht gleich in die Schule, durfte kleine Ausflüge durchs Gelände unternehmen.
SPIEGEL: Wann haben Sie Paul Schäfer kennengelernt?
Müller: Das hat ein bißchen gedauert. Erst einmal hat er mich in der Gruppe der Gleichaltrigen gelassen. Dann kam er ganz freundlich und hat mich gefragt, ob ich einmal mit ihm nach Santiago oder an den Strand fahren möchte. Wäre ich gern, aber daraus wurde nichts.
SPIEGEL: Mochten Sie Sektenchef Schäfer anfangs?
Müller: Nein, er war mir gleich unsympathisch. Seine aufdringliche Stimme, seine bestimmende Art, da hat man so ein Angstgefühl. Er hat sich auch über jede Kleinigkeit aufgeregt und immer gleich losgeschrien. Deshalb versuchte ich, auf Abstand zu bleiben.
SPIEGEL: Die Distanz war nicht aufrechtzuerhalten?
Müller: Jeden Tag mußten ein kleiner und ein älterer Junge ihm zu Diensten sein. Schäfer nennt sie seine "Läufer vom Dienst" oder einfach LvD. Die halten seine Funkgeräte, machen Büroarbeiten, decken ihm den Eßtisch und räumen bei Fahrten über Land Steine von der Piste. Man mußte immer auf Zack sein, sonst bekam man gleich eine übergerissen.
SPIEGEL: Hat Schäfer Sie geschlagen?
Müller: Nein. Dafür hat er seine Leute.
SPIEGEL: Erinnern Sie sich an Ihren ersten Einsatz als Läufer?
Müller: Na klar. Als der vorbei war, habe ich Schäfer zwei Tage nicht mehr gegrüßt.
SPIEGEL: Was ist geschehen?
Müller: Ich kam nichtsahnend hin und mußte gleich unter die Dusche. Schäfer kam mit und seifte mich am ganzen Körper ein. Dann schlüpfte er auch noch zu mir unter die Bettdecke. Ich rutschte ganz an die Kante, weil ich gern allein sein wollte. Wehren konnte ich mich aber nicht, weil ich dachte, dann reißt er mir gleich den Kopf ab. Viel ist in dieser Nacht nicht passiert.
SPIEGEL: Sie wurden nicht vorgewarnt?
Müller: Nein. Keiner sagt etwas, absolut keiner, bis heute. Entweder stehen die voll zu Schäfer, oder sie trauen sich nicht. Es war für mich selbstverständlich, daß ich mit niemandem reden konnte. Mir war die Sache peinlich, ich habe mich geschämt.
SPIEGEL: Hat Schäfer Sie später vergewaltigt?
Müller: Bei den nächsten Diensten hat er mich - wie auch alle anderen - vergewaltigt. Mit der Zeit gewöhnt man sich an den sexuellen Mißbrauch, man wird immun dagegen. Es hat keinen Sinn, sich Schäfer zu widersetzen. Er hat immer eine Pistole griffbereit auf dem Nachtschrank. Und alle da draußen sind auf seiner Seite.
SPIEGEL: Wie haben Sie sich gefühlt?
Müller: Klar habe ich mich doof gefühlt, das ist doch normal. Allerdings habe ich den Eindruck gehabt, daß die anderen sich dabei gar nicht mehr geschämt haben.
SPIEGEL: Herr Luna, wurden auch Sie von Schäfer mißbraucht?
Luna: Es gab Annäherungsversuche. Aber ich konnte mich entziehen.
SPIEGEL: Herr Müller, haben Schäfers Übergriffe bleibende Folgen für Ihr Sexualleben?
Müller: Die Erinnerungen an Schäfer bleiben, ich hasse ihn, aber das übertrage ich nicht auf andere.
Luna: Man hat Tobias und mir ein homosexuelles Verhältnis angedichtet. Wie kann jemand das sagen, ohne uns zu kennen? Seit Tobi und ich die Flucht geplant haben, sind wir wie Geschwister.
SPIEGEL: Herr Müller, wie lange hat Schäfer Sie belästigt?
Müller: Sieben oder acht Jahre. Er gibt sich nur mit Jugendlichen ab, die Älteren interessieren ihn gar nicht.
SPIEGEL: Holen sich auch andere Männer in der Kolonie Jungen ins Bett?
Müller: Nein, das würde Schäfer nicht zulassen. So einen würde er sich vorknöpfen.
SPIEGEL: Haben Sie sich Ihrer Großmutter oder einer Tante anvertraut?
Müller: Nee, das war undenkbar. Wenn man uns bei einem Gespräch erwischt hätte, wäre Schäfer das sofort schriftlich gemeldet worden. Da läuft alles zentral zusammen. Schäfer liest diese Zettel und stellt einen dann zur Rede.
SPIEGEL: Hat denn überhaupt jemand Gefühle gezeigt?
Müller: Das war Schäfer vorbehalten.
SPIEGEL: Auch bei Mädchen?
Müller: Er hat überhaupt keinen Kontakt zu Mädchen.
SPIEGEL: Und wie haben sich die Jugendlichen untereinander verstanden?
Müller: Für uns waren die Mädchen nur die Hühner. Schäfer hat allen eingetrichtert, daß der Umgang mit dem anderen Geschlecht eine Sünde ist. Das geht bis zum Haß. Die Mädchen müssen ein Leben wie eine alte Oma führen, die haben nicht die geringste Ahnung, was abläuft.
SPIEGEL: Dürfen Männer und Frauen überhaupt zusammen sein?
Müller: Nur, wenn die über 40 oder 50 sind. Da ist dann schon ausgeschlossen, daß außergewöhnliche Dinge passieren.
SPIEGEL: Wo kommt denn Nachwuchs her?
Müller: Das kann ich nicht definitiv sagen, aber wahrscheinlich geschieht das auf Anordnung von Schäfer. Klar ist: Die Größe der Gruppe soll konstant bleiben, immer ungefähr 300 Mitglieder. Also muß Nachwuchs sein. Die Kinder, die in der Kolonie geboren worden sind, halten natürlich ganz besonders zu ihrem Führer, weil sie von Anfang an unter seinem direkten Einfluß stehen.
SPIEGEL: Der Sekte wird vorgeworfen, daß sie armen Familien Kinder geraubt hat.
Müller: Daraus wurde immer ein Geheimnis gemacht. Plötzlich war ein Kind da, und wir wußten meist nicht, woher.
SPIEGEL: Ihre Mutter wollte Sie 1988 wieder nach Deutschland holen. Warum sind Sie nicht gekommen?
Müller: Schäfer hat mir gesagt, meine Mutter sei von den Feinden der Colonia gekauft. Wenn ich zugegeben hätte, daß ich trotzdem gern zurück wollte, hätte ich mich verbrannt. Mir blieb keine Wahl: Ich habe mich verstellt, um auf eine sichere Fluchtmöglichkeit zu warten. So habe ich es bis zum Schluß durchgehalten.
SPIEGEL: Wie kontrolliert der Sektenführer 300 Menschen?
Müller: Das macht er über die Religion. Keiner darf eine Sünde begehen, man muß alles öffentlich bekennen. In letzter Zeit fanden jeden Abend von elf bis zwei Uhr morgens Versammlungen statt. Wenn man müde ist, läßt man sich leichter zu Geständnissen hinreißen. Manchmal denkt sich Schäfer auch Vorwürfe aus, beispielsweise, daß Jungen Schweinereien treiben. Oder er legt einen Bibelspruch aus. Damit fasziniert er die Zuhörer, er kann die Schrift fast auswendig. Manche vergleichen ihn mit Jesus. Das weist er zwar von sich, aber in Wahrheit hört er es gern.
SPIEGEL: Sind Sie auch einmal zu Unrecht beschuldigt worden?
Müller: Einmal hat mich Schäfer beiseite genommen und behauptet, er habe Zeugen dafür, daß ich mit anderen Jungen sexuelle Verhältnisse hätte. Er hat mich so angeschrien, daß ich gar nicht wußte, was ich sagen sollte vor Angst. Also habe ich gesagt, ja, ich gebe das zu. Dann hat er verlangt, daß ich alles genau aufschreiben soll. Ich wußte gar nicht, was - und habe mir irgend etwas ausgedacht.
SPIEGEL: War das die einzige Strafe?
Müller: Nein, anschließend mußte ich auf dem Bau Schwerarbeit leisten, Steine schleppen, Zement anrühren, ich war fast am Abkratzen. Da waren auch noch andere Jungen, und jeder haßte den anderen, weil jeder vom anderen dachte, der habe ihn angeschwärzt. So hat uns Schäfer gegeneinander gehetzt. Ich habe eine solche Wut gegen diesen Mann, die kann ich nicht in Worte fassen.
SPIEGEL: Wurden Sie gezüchtigt?
Müller: Einmal hatte ich in der Schule eine Vokabelarbeit voller Fehler abgegeben. Der Lehrer hat sie Schäfer vorgelegt, und der hat ihm erlaubt, mich zu bestrafen. Dann hat der Lehrer mich mit einem Schlauch verdroschen, an dem ein Stück Kupfer befestigt war. Ein paar Tage konnte ich kaum noch sitzen. Ich war nicht der einzige, der ordentlich bezogen hat.
SPIEGEL: Was haben Sie in der Schule gelernt?
Müller: Ich habe drei Jahre zu kämpfen gehabt, bis ich im Unterricht mitgekommen bin. Wir mußten immer sehr viel auswendig lernen. Bestimmte Themen wurden ganz ausgeschlossen, wie etwa Sexualkunde, andere bis ins letzte Detail vertieft.
SPIEGEL: Wie haben Sie erfahren, was in der Welt passiert? Durften Sie Zeitung lesen, fernsehen oder Radio hören?
Müller: Wenn die Colonia einen Prozeß gewonnen hatte, wurde die Meldung ans Schwarze Brett gehängt. Erst als ich chilenische Jugendliche kennenlernte, bekam ich mit, was draußen so vor sich geht. Nur etwa fünf Leute haben ein TV-Gerät, in der ganzen Zeit habe ich keine zehnmal ferngesehen. Bücher gab es reichlich, vor allem Klassiker wie Goethe oder Schiller, außerdem READER''S DIGEST Alle anzüglichen Stellen und Bilder waren freilich überklebt.
Luna: Tobi hat mir seine Bücher gezeigt, und wir haben sehr über die Zensur gelacht. Wir haben die Seiten gegen das Licht gehalten, um zu schauen, was man uns vorenthalten will.
SPIEGEL: Wie sehen die Sektenmitglieder die Außenwelt?
Müller: Schäfer beschreibt die heutige Gesellschaft als verseucht von Gewalt, Drogen und Unzucht. Dieser Gefahr wollen sich die Colonia-Insassen nicht aussetzen ...
SPIEGEL: ... und deshalb schotten sie sich völlig ab.
Müller: Es gibt einen eigenen Sicherheitsdienst. Das Wohnareal wird durch Elektrozäune abgeriegelt, an strategisch wichtigen Punkten stehen getarnte Kameras. Nur wenige Personen kennen alle Geheimanlagen, Auserwählte haben Waffen.
SPIEGEL: Das Gelände soll, so heißt es, untertunnelt sein.
Müller: Das ist Spinnerei. Es gibt einige Keller - aber außerhalb der zentralen Wohnanlage. Es ist kein Netz von unterirdischen Gängen, das die Gebäude verbindet.
SPIEGEL: Die chilenische Polizei hat das Gelände mehrmals durchkämmt, um Paul Schäfer zu verhaften - ohne Ergebnis. Hat sie ernsthaft gesucht?
Müller: Ich habe nicht für fünf Pfennig Vertrauen. Die Polizisten erzählen den Sektenmitgliedern, daß sie ihre Freunde sind und nichts gegen sie unternehmen wollen. Die einzigen, die Schäfer wirklich festnehmen wollen, sind 20 Mann vom Geheimdienst. Die finden Schäfer nie.
SPIEGEL: Wissen oder ahnen Sie, wo er sich versteckt?
Müller: Er hat die Kolonie wohl nicht verlassen. Seine Sicherheitsleute bringen ihn von einem Unterschlupf zum anderen.
SPIEGEL: Hat Schäfer noch mächtige Beschützer in Chile?
Müller: Ja, natürlich, beispielsweise beim Militär oder in Geheimdienstkreisen. Der Polizeichef von Parral, der für die Ermittlungen zuständig ist, warnt die Kolonie, bevor er seine Leute losschickt.
SPIEGEL: Was wird aus der Colonia , wenn die Fahnder Schäfer schnappen?
Müller: Einige Sektenmitglieder sagten mir, daß sie zu ihren Waffen greifen und auf Leben und Tod kämpfen wollen. Auf den Fall X sind alle vorbereitet.
SPIEGEL: Schäfers Stellvertreter Hartmut Hopp hat angekündigt, die Sekte werde aus Chile auswandern.
Müller: Das ist sein Druckmittel. Die Armen der Umgebung werden ja im Colonia-Krankenhaus kostenlos behandelt. Deshalb wird mit der Schließung gedroht, in der Hoffnung, die Leute, die darauf angewiesen sind, verteidigen die Sekte.
SPIEGEL: Abtrünnige werden von den Kolonisten meist denunziert. Wie ist das bei Ihnen?
Müller: Die denken, ich sei entführt worden. Mein Onkel behauptet, ich stünde unter Drogen, weil ich in der Zeitung und im Fernsehen so fröhlich aussehe.
SPIEGEL: Haben Sie Angst?
Müller: Nein, hier in Deutschland sowieso nicht. Und in Chile hat mir der Untersuchungsrichter Polizeischutz zugesichert, wenn es sein muß jahrelang.
SPIEGEL: Wollen Sie denn zurückkehren?
Müller: Ja, aber nicht sofort. Erst mal muß der Rummel vorbei sein. In den letzten Wochen lag Tag und Nacht nur Druck auf uns. Jetzt wollen wir das Leben genießen.
Luna: Chile bleibt meine Heimat, umbringen werden sie mich schon nicht. Zu meiner Familie will ich zurück, sobald die Aufregung über unsere Flucht sich gelegt hat.
SPIEGEL: Herr Müller, wie war das Wiedersehen mit Ihrer Mutter?
Müller: Das war ein unbeschreiblicher Augenblick, und er wird sicher einer der tiefsten Eindrücke meines Lebens bleiben.
SPIEGEL: Machen Sie ihr Vorwürfe?
Müller: Nein, sie wollte ja nur das Beste.
SPIEGEL: Was haben Sie jetzt vor?
Müller: Ich muß erst einmal überlegen, wie ich meinen Schulabschluß nachholen kann. Vielleicht in Abendkursen.
SPIEGEL: Nach 14 Jahren Isolation kommt Ihnen sicher vieles fremd vor.
Müller: Ich habe mich ziemlich schnell wieder eingewöhnt. Die Eindrücke aus meiner Kindheit sind immer noch lebendig.
SPIEGEL: Wollen Sie selbst Kinder haben?
Müller: Weiß nicht, vielleicht. Das liegt in weiter Ferne. Ich muß mich erst um einen Beruf kümmern, auf gefühlsmäßige Dinge kann ich mich noch gar nicht einlassen.
SPIEGEL: Glauben Sie an Gott?
Müller: Ja, klar. Bei der Flucht haben wir beide gewußt, ohne Gottes Hilfe kann das sowieso nichts werden. Wir haben manchmal ein Stoßgebet zum Himmel geschickt, und tatsächlich, immer tat sich ein Weg auf, obwohl die Hecken und Zäune unüberwindlich schienen.
SPIEGEL: Meinen Sie, Paul Schäfer hat noch immer Einfluß auf Sie?
Müller: Er hat nie Einfluß auf mich gehabt. Meine wichtigsten Grundsätze habe ich allein gefunden, beispielsweise trinke ich keinen Alkohol, rauche nicht und schleiche nicht in Diskotheken herum. Daran halte ich mich auch in Zukunft.
SPIEGEL: Herr Müller, Herr Luna, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
[Grafiktext]
Kartenausriß Chile - Lage Colonia Dignidad
Colonia Dignidad - Festungsanlage
[GrafiktextEnde]
[Grafiktext]
Kartenausriß Chile - Lage Colonia Dignidad
Colonia Dignidad - Festungsanlage
[GrafiktextEnde]
* Dietmar Pieper, Helene Zuber in Frankfurt am Main.
Von Dietmar Pieper und Helene Zuber

DER SPIEGEL 33/1997
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 33/1997
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

„Die Pistole lag immer griffbereit“

  • Videoanalyse aus Brüssel: "Der Gipfel droht zum Frustgipfel zu werden"
  • Nordsyrien: 120 Stunden Gefechtspause
  • Walkadaver in der Tiefsee: Gefundenes Fressen
  • Kuriose Operation: Flügeltransplantation für Schmetterling