11.08.1997

RUSSLANDSpiel mit dem Rubel

Die Regierung streicht drei Nullen auf den Geldscheinen. Eine Scheinreform oder Signal zum Wirtschaftsaufschwung?
Eine Währungsreform stehe bevor, redete eine Gaunerin im Dörfchen Jelisawetowka bei Woronesch einer arglosen Babuschka ein, und die gab ihren Sparstrumpf zum Umtausch heraus: eine Million und 250 Rubel.
Nun ist das Geld weg. Von der russischen Zentralbank hätte die alte Frau dafür nach Jahresende 1000 Rubel und 25 Kopeken erhalten. Die durch Inflation und Wirtschaftsverfall aufgepumpte Rubel-Währung soll dann um drei Nullen abspecken. Der normale Lohnempfänger, heute jeden Monat beinahe Millionär, empfängt dann nur noch knapp tausend Rubel.
Das ist kein Währungsschnitt, von den Preisen sollen die Händler gleichfalls drei Nullen streichen (wenn sie nicht die Gelegenheit nutzen aufzurunden). Nichts ändere sich, befand Ex-Premier Jegor Gajdar, ein Fachmann. Der Rubel werde stärker, hofft Präsident Boris Jelzin.
137 Billionen, die derzeit in Umlauf sind, werden gegen Münzen und neue, mit Metallstreifen versehene Banknoten ausgetauscht, die in Rußland schon gedruckt sind. Höchster Nominalwert wird dann der 500-Rubel-Geldschein sein - statt 500 000 wie bisher. Die Tausender werden ebenfalls eingestampft und durch frisch geprägte Ein-Rubel-Münzen ersetzt, und auch die Kopeke, seit 1993 wegen galoppierender Geldentwertung abhanden gekommen, feiert ihre Wiederkehr.
Ein Gefühl der Normalität soll sich einstellen, nachdem die Inflation binnen vier Jahren von 2700 Prozent auf 22 Prozent 1996 gebremst werden konnte und dieses Jahr womöglich noch einmal halbiert wird. "Was für ein Erfolg!" gratuliert der deutsche Bundesbankdirektor Jürgen Sterlepper: "Das ist schon fast Stabilität." Denn auch der interne Wechselkurs zu Dollar und Mark schwankt nur noch wenig.
Sterlepper schreibt den Durchbruch der "guten, professionellen Arbeit der Russischen Zentralbank" zu; 500 ihrer Mitarbeiter wurden in Deutschland von der Bundesbank geschult.
Der russische Notenbankchef Sergej Dubinin, 46, hatte brutal Kredite gestrichen und das willkürliche Gelddrucken eingestellt - weshalb der Staat allerdings mit den Lohn- und Rentenzahlungen nicht mehr nachkam. Die Regierung bediente sich daraufhin auf dem Kapitalmarkt und zweigte ein Weltbankdarlehen von 800 Millionen Dollar ab. Damit zahlte sie am 1. Juli wenigstens die rückständigen Renten nach.
Da er die Geldentwertung im Griff zu haben glaubt, läßt Dubinin wieder mit kleiner Münze rechnen. Die "Kopeken-Reform", so die Wirtschaftszeitung KOMMERSANT-DAILY, betrieb er seit einem Jahr als Geheimsache; weder das Finanzministerium noch das Parlament waren eingeweiht, auch nicht der Internationale Währungsfonds. Das Volk sollte nicht in Panik versetzt und zum Notverkauf der vaterländischen Valuta zugunsten des Dollar getrieben werden. Noch im vorigen Jahr hatten besorgte Bürger ihre Rubel-Konten abgeräumt und dafür über 40 Milliarden Dollar gekauft. Heute vertrauten die Russen dem im Lande jederzeit konvertierbaren Rubel, meint Bankier Sterlepper.
"Die werden uns wieder begaunern", klagte dennoch vorigen Mittwoch ein Arbeiter im Fernsehen, "das ist doch das einzige, was sie können." Bei Geldreformen in der Vergangenheit verlor die Bevölkerung oft die letzten Ersparnisse:
* 1947 unter Stalin wurden Spareinlagen von mehr als 3000 Rubel drastisch abgewertet.
* 1961 unter Chruschtschow behielt bei der Abwertung des Rubel allein die Kopeke ihre Kaufkraft.
* 1991 unter Gorbatschow wurden für den Notentausch nur drei Tage eingeräumt.
* 1993, bereits unter Jelzin, als der russische Rubel den sowjetischen ersetzte, verloren Scheine außerhalb Rußlands ihre Gültigkeit.
Eine kalte Enteignung, versprach Jelzin, sei diesmal völlig ausgeschlossen, "das garantiere ich". Die Umtauschfrist von fünf Jahren entspricht fast der Übergangsperiode von der Deutschen Mark zum Euro. Vorsichtshalber richtete die Zentralbank schon ein Sorgentelefon ein.
Chef Dubinin versichert, nun seien alle Bedingungen für ein wirtschaftliches Wachstum erfüllt. Wie in der guten alten Zeit sollen Zeitungen am Kiosk wieder einen Rubel und ein Laib Brot deren drei kosten. Auch der Abakus kehrt an die Kassen zurück; das traditionelle russische Rechenbrett hatten Verkäufer und Buchhalter, überfordert von der jähen Vermehrung der Nullen, über Jahre zur Seite gelegt.
Bisher sind die Verbraucherpreise nach offiziellen Angaben seit einem Jahr erst um 14,5 Prozent gestiegen, doch Wirtschaftsprofessor Oleg Bogomolow von der Akademie der Wissenschaften erhebt Einspruch: "Die tatsächliche Inflation liegt bei 45 bis 47 Prozent." Das Haushaltsdefizit sei immer noch zu hoch, der Niedergang der Industrie nicht endgültig gebremst. Deshalb bleibt er skeptisch: "Die Bevölkerung hält wenig von der Regierung und wenig vom Rubel", meint der ehemalige ZK-Funktionär, Berater von Gorbatschow und auch von Jelzin.
Um Fluchtgelder zurückfließen zu lassen und Investitionen anzulocken, möchte Notenbankier Dubinin die internationale Konvertierbarkeit erreichen - wie zu Zarenzeiten, als in der Spielbank Baden-Baden der Goldrubel in bar rollte. Noch legt seine Zentralbank anstelle internationaler Börsen den Außenwert des Rubel fest. Ein westlicher Währungsexperte in Moskau hält es allerdings für wenig wahrscheinlich, daß die Weltfinanzmärkte bald "mit dem Rubel spielen" können, denn: "Rußland hat Angst vor Devisenspekulanten vom Typ Soros, und das ist verständlich."
Doch als sich der Staat Ende Juli mit der Versteigerung eines Viertels der russischen Telekom ("Swjasinwest") 1,87 Milliarden Dollar besorgte, beteiligte sich mit 980 Millionen Dollar auch der US-Tycoon George Soros - er setzt nun optimistisch auf Rußlands Blüte.
Auch der US-Firma Coca-Cola gefällt die zu erwartende Flut neuer Rubel- und Kopekenmünzen. 200 ihrer Automaten auf Moskaus U-Bahnhöfen stehen bislang still, weil sie Scheine nicht annehmen. "Münzen sind soviel einfacher", jubelt Rußlands Coca-Cola-Sprecher Dmitrij Tschuksajew: "Man wirft sie einfach ein."
Von Mettke und

DER SPIEGEL 33/1997
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