11.08.1997

NachrufWilliam S. Burroughs

Natürlich konnte man mit Bill Burroughs auch über Literatur reden oder über Möbelpolitur oder Popmusik, denn er war ein höflicher Mensch. Seine schleppende, monotone Stimme verriet kultiviertes Desinteresse. Doch wenn das Gespräch auf Waffen kam, gewann sie an Farbe.
Dann wurde klar: Nicht Doyen des amerikanischen Underground oder Pate des Punks oder respektiertes Akademie-Mitglied, sondern Marshall in Dodge City - das wäre wohl seine Lieblingsrolle gewesen. Das oder der Schurke am anderen Straßenende. Die Grenzen zwischen Gut und Böse haben ihn ohnehin nie sonderlich interessiert. Geistesgegenwart, darauf kam es ihm an.
William S. Burroughs wußte die eigenen Qualitäten illusionslos einzuschätzen. "Mit Doc Holliday könnte ich es noch allemal aufnehmen", sagte er bei einer Probeschießerei auf seiner Ranch in Kansas.
Bill Burroughs, die äußerste Avantgarde, die sich die amerikanische Literatur in diesem Jahrhundert leistete, war gleichzeitig so amerikanisch wie Cornflakes. Er war Mitglied der erzreaktionären "National Rifle Association" und fühlte sich wohl unter den Rednecks in Kansas, wo er vorvergangene Woche 83jährig an Herzversagen starb.
Er kannte die Mythen und Legenden um den O. K. Corral in- und auswendig, und bevor er in die Tempel und Seminarräume der Literaturwissenschaftler einzog, bewohnte er den Kosmos der Groschenhefte. Er war der Harvard-Zögling mit Leidenschaft für das Triviale. Der Kronprinz einer Industriellenfamilie, der in den Fixerszenen von New Orleans, London und Tanger zu Hause war. Er war ein merkwürdig zugeknöpfter Reisender mit der Vorliebe für Schmutz und Schund aller Art. Zudem war er schwul. Im Grunde war Burroughs der Alptraum der amerikanischen Gesellschaft - weil er aus ihrer innersten Mitte stammte.
In den Beatnik-Zirkeln um Ginsberg und Kerouac, die er Mitte der vierziger Jahre kennenlernte, wirkte er wie ein Fremder. Es gibt selbst in diesen frühen Jahren kaum ein Foto, auf dem er lächelt - und so blieb sein Gesicht eine unerschütterliche Buster-Keaton-Miene zum bösen Spiel des Jahrhunderts. Er heiratete zweimal. Die erste Frau war eine deutsche Jüdin, der er mit der Ehe die Einwanderung ermöglichte. Die zweite Frau erschoß er während einer drogenberauschten Party. Restlos konnte nie geklärt werden, ob der Unfall tatsächlich ein Unfall war. Burroughs gab kurz nach der Tat ein Geständnis ab, das er später widerrief.
Der Skandal jedoch verlieh ihm jenen düsteren Glanz, der ihn später zur schwarzromantischen Pop-Ikone machte: Er war der schriftstellernde Outlaw, der Revolverheld mit der Schreibmaschine, der sich um die Gesetze nicht sonderlich kümmerte, weder um die des Lebens noch um die der Literatur.
Schon als Junge hatte Burroughs von einer literarischen Karriere aus absolut außerliterarischen Gründen geträumt. Er wollte schreiben, "weil Schriftsteller reich und berühmt waren, in Singapur und Rangun herumhingen, gelbe Seidenanzüge trugen und Opium rauchten oder Haschisch in den Vierteln der Einheimischen von Tanger und dabei eine zahme Gazelle streichelten".
Er hat es gehabt, das Rauschgift und die Gazellen und später den Ruhm und den Reichtum, doch es war ein langer Weg dahin, und zu den erstaunlichsten Leistungen Burroughs' gehört wohl seine schiere Langlebigkeit. Jahrzehntelang hing er an der Nadel, er stieg aus und wieder ein und wieder aus und stieg um auf andere Drogen und strapazierte seinen Körper bis an die Grenze. Doch als er starb, hatte er die meisten seiner Weggefährten überlebt, Ginsberg und Neal Cassady und Timothy Leary und Kerouac sowieso.
Sein Debüt-Roman "Junkie" er- schien 1953 als billiges Paperback, ein Höllenbuch über die Logistik der Drogenbeschaffung, den Horror der kalten Entzüge, wohl sein lesbarstes Buch. Berühmt wurde er jedoch durch die Phantasmagorien aus "Naked Lunch" (1959), diesem obszönen, halluzinogenen Groschenroman um Dr. "Fingers" Schafer, "Lobotomy Kid" und William Lee, der zugleich eine überbordende Gesellschaftssatire ist.
Über die Erfindung der darin zum ersten Male angewandten berühmten Cut-up-Methode sind verschiedene Versionen im Umlauf, und eine davon, nicht die unwahrscheinlichste, ist banal. Im Drogendämmer, inmitten zerfledderter Manuskriptseiten, soll er in einem Hotelzimmer auf seine Füße gestarrt haben, als Ginsberg ihn aufstöberte und die Texte wahllos zusammenstapelte. Später fand Burroughs die Zufallsreihung höchst interessant. Daraufhin zerschnitt er die Seiten und puzzelte sie neu zusammen.
"Naked Lunch" wurde wegen seiner pornographischen Passagen zum Skandalerfolg und wegen seiner Neologismen und Hieronymus-Bosch-Visionen zum Steinbruch für Popgruppen, die aus ihm und den Folgeromanen ihre Namen entliehen, "Steely Dan" oder "Soft Machine", und andere Gruppen nannten ihre Musik "Heavy Metal".
Doch Burroughs interessierte sich kaum für das ganze Rocktheater. Er war kein Weltverbesserer wie Ginsberg, kein dionysischer Schwärmer wie Kerouac. Tief im Innersten hielt er die Beatnik-Pose und das nachfolgende Pop-Getue wohl für Kinderkram.
Seine letzten Jahre lebte er diszipliniert. Er stand früh auf, fütterte die Katzen, schrieb. Den ersten Wodka genehmigte er sich nie vor vier Uhr nachmittags. Ab und zu besuchte er seinen alten Waffenbruder Fred, um zu schießen.
Er war der Deputy-Marshall, und er hat sich lang gehalten, bis es ihn endlich doch noch erwischte.
Von Matussek und

DER SPIEGEL 33/1997
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