18.08.1997

ZEITGESCHICHTE„Alles und nichts erklärt“

Ist Daniel Goldhagens Holocaust-Analyse „Hitlers willige Vollstrecker“ wissenschaftlich seriös? Der New Yorker Politologe Norman Finkelstein hat die Argumentation des Bestseller-Autors geprüft und prangert deren Widersprüche an. Auszüge aus Finkelsteins Aufsatz:
Was das Phänomen Goldhagen so beachtenswert macht, ist die Tatsache, daß "Hitlers willige Vollstrecker" überhaupt keine wissenschaftliche Studie ist. Mit seiner Fülle an groben Fehldeutungen der Sekundärliteratur und seinen zahlreichen eigenen Widersprüchen ist Goldhagens Buch als Forschungsarbeit wertlos.
Goldhagens These ist, daß die "zentrale Triebkraft für den Holocaust" der anhaltende pathologische Haß des deutschen Volkes auf die Juden war ("Hitlers willige Vollstrecker", Seite 22). Goldhagen führt sogar aus, daß wir "die Annahme ... daß die Deutschen im neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert im großen und ganzen keine Antisemiten waren", "fallenzulassen" hätten (49). In einer Reaktion auf seine Kritiker nimmt er für sich das Verdienst in Anspruch, mit seinem Buch der erste gewesen zu sein, der diese Fehlannahme korrigiert habe: "Die meisten scheinen mittlerweile darin übereinzustimmen, daß der Antisemitismus eine notwendige Ursache des Holocausts war ..." Und doch fällt es äußerst schwer, auch nur eine einzige Abhandlung über den Völkermord der Nazis zu benennen, die der Einordnung dieses Genozids in den Kontext des deutschen Antisemitismus keinen zentralen Platz einräumte.
Was Goldhagens Argumentation von der anderer unterscheidet, ist die Behauptung, daß der deutsche Antisemitismus nicht nur eine bedeutsame, sondern die ausreichende Bedingung schlechthin gewesen sei, damit die Judenvernichtung stattfinden konnte. "Allein im Hinblick auf das Motiv ist bei den meisten Tätern eine monokausale Erklärung ausreichend" (487).
Das Hitlerregime spielt in Goldhagens Verständnis der Endlösung eine entsprechend untergeordnete Rolle. Hitler "entfesselte" lediglich "die aufgestauten antisemitischen Gefühle", er tat nichts weiter, als "den bestehenden und angestauten Antisemitismus freizusetzen und zu aktivieren", und so fort (123, 518) ... Die Frage bleibt: Woher kam dieser Judenhaß? Eine ganze Nation von völkermordenden Rassisten ist schließlich nicht gerade etwas Alltägliches.
Goldhagen vermag diesen zentralen Punkt nicht zu erhellen. Er zeichnet einen Antisemitismus, der Manifestation eines verwirrten Geisteszustandes ist. Die Deutschen waren "pathologisch krank", "mit der Krankheit des Sadismus geschlagen", "krankhaft", "tyrannisch, sadistisch", im Bann einer "seelischen Erkrankung" (465, 526), was sie dachten, "gehörte ins Reich der Phantasie, es war blanker Wahn", sie waren "wildem, magischem Denken" ergeben (482f) und so weiter. Goldhagen erklärt jedoch nirgends, warum die Deutschen der Krankheit verfielen und warum die Juden Opfer dieser Geisteskrankheit wurden.
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Indem er seine Unterscheidung zwischen verschiedenen "Arten von Antisemitismus" als eine theoretische Neuerung hinstellt, tut Goldhagen frühere Gelehrte mit der Bemerkung ab, sie hätten den Antisemitismus "meist sehr undifferenziert behandelt". Vor seiner Beschäftigung mit der Materie war eine Person "entweder ein Antisemit, oder ... nicht" (53).
Man kann außer acht lassen, daß die von ihm vorgeschlagenen Unterscheidungen zwischen beispielsweise religiösem und rassistischem oder zwischen latentem und manifestem Antisemitismus in der Literatur über den Nazi-Holocaust fester Standard sind. Denn Goldhagen selbst unterläuft diese Unterscheidungen total: Innerhalb des "eliminatorischen" Spektrums habe jede Äußerung von Antisemitismus und sogar Philosemitismus "eine ausgeprägte Tendenz zu Vernichtungs,lösungen'" (575).
Goldhagens Umgang mit Unterscheidungen ist zugleich die Bankrotterklärung seines Deutungsmodells. Mit seiner weitgefaßten Begriffsdefinition glaubt Goldhagen die ganze Bandbreite der sich entwickelnden deutschen Anti-Juden-Maßnahmen "logisch" erklären zu können. Wie wahr: Sie erklärt alles, und doch erklärt sie nichts.
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Goldhagen erkennt nur nebenbei an, daß die modernen deutschen Juden [des Kaiserreichs] allem fest verwurzelten Antisemitismus zum Trotz einen "kometenhaften Aufstieg vom Status eines Paria" (105) erlebten. Goldhagen tut gut daran, gar nicht erst zu versuchen, diesen "kometenhaften Aufstieg" der deutschen Juden mit seiner These, wonach Deutschland randvoll war mit psychopathischen Antisemiten, in Einklang zu bringen.
Das Deutschland der Weimarer Zeit war laut Goldhagen einheitlich von Judenhaß durchtränkt. "Tatsächlich alle wichtigen Institutionen und Gruppierungen" waren "vom Antisemitismus durchdrungen" (109f). "Beinahe jede politische Gruppe" lehnte die Juden ab. "Und jene fanden, obwohl sie derart heftig angegriffen wurden, in Deutschland kaum Verteidiger" (111) und so weiter. Goldhagens Einfarb-Holzschnitt läßt die bemerkenswerten Erfolge deutscher Juden vollständig unerwähnt.
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Goldhagen handelt die entscheidenden Wahlen, die der Machtergreifung vorausgingen, auf nur einer Seite ab. Er hebt hervor, daß im Juli 1932 - mit dem für die Nazis besten Ergebnis von allen freien Wahlen - "fast vierzehn Millionen Deutsche, das waren 37,4 Prozent der Wähler, für Hitler" stimmten (114). Er hätte auch hervorheben können, daß dreiundzwanzig Millionen Deutsche, nämlich 62,6 Prozent der Wähler, ihre Stimme nicht für Hitler abgaben.
Goldhagen schließt daraus, daß "doch kein Zweifel daran bestehen" könne, "daß Hitlers spezifischer Antisemitismus Millionen Deutsche zumindest nicht davon abhielt, ihn politisch zu unterstützen" (580). Diese Erkenntnis untermauert Goldhagens These aber nur schwächlich. Wenn, wie er behauptet, die Deutschen ungeduldig auf das Startzeichen zum Judenmord gewartet hätten und wenn, wie er ebenfalls behauptet, Hitler versprach, sie zu "entfesseln", wenn er gewählt würde, dann hätten sie Hitler nicht trotz, sondern wegen seines Antisemitismus wählen müssen.
Nicht einmal Goldhagen gibt vor, dies sei der Fall gewesen. Er räumt vielmehr ein, daß "viele Menschen ... den Nazismus begrüßten", obwohl sie "bestimmte Aspekte jedoch ablehnten. Doch galten diese negativen Aspekte immer nur als Auswüchse, Wucherungen am Körper der Partei, die Hitler ... beseitigen würde" (509). Genau dies traf für den Antisemitismus der Nazis zu.
Im Einklang mit seiner "monokausalen Erklärung" behauptet er, daß die Propaganda des Nazi-Regimes und dessen Unterdrückungsapparat dem Verhältnis zwischen Deutschen und Juden keinen besonderen Schaden zugefügt hätten. Er schreibt: "Es muß jedoch betont werden, daß die Nationalsozialisten das deutsche Volk keiner ,Gehirnwäsche' unterzogen" (679f). Vielmehr seien die Deutschen bereits lange vor Hitlers Auftauchen von einem "wahnhaften, dämonisierenden Bild von den Juden" besessen gewesen. Warum wendete das Nazi-Regime dann aber so viele Mittel auf, den Judenhaß zu schüren?
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Die deutsche Neigung zu antisemitischer Gewalt ist eindeutig der entscheidende Prüfstein für Goldhagens These. Nach der Machtergreifung öffnete Hitler praktisch die Schleusen. Moralische und rechtliche Grenzen wurden aufgehoben. Die Opposition war zerschlagen. Virulente antisemitische Hetze lag buchstäblich in der Luft. "Der Staat" hatte, in Goldhagens Worten, "die Juden implizit zu ,Freiwild' erklärt, zu Wesen, die aus der deutschen Gesellschaft ausgeschaltet werden mußten, mit welchen Mitteln auch immer, Gewalt eingeschlossen" (123).
Was taten die Deutschen daraufhin? Schwelgten sie spontan in antisemitischen Pogromen? Schlossen sie sich den Nazi-Pogromen an? Bejahten sie die Nazi-Pogrome? Oder duldeten sie die Nazi-Pogrome zumindest? Die umfangreiche wissenschaftliche Forschung weist die Richtung zu einer einheitlichen, unzweideutigen Antwort auf all diese Fragen: nein. Wenn überhaupt, gab es wenige Angriffe gegen Juden aus der deutschen Bevölkerung. Die überwältigende Mehrheit der Deutschen verurteilte die antisemitischen Greueltaten der Nazis sogar.
Selbst in den ersten Kriegsjahren lehnten die meisten Deutschen den Antisemitismus der Nazis ab. Im September 1941 wurden die Juden per Verordnung dazu gezwungen, den gelben Stern zu tragen. "Eine negative Reaktion auf diese Art der Etikettierung", schreibt [der NS-Fachmann David] Bankier, war die "eher typische Reaktion der Öffentlichkeit". So waren die Menschen laut zuverlässigen Berichten "oft demonstrativ freundlich". "Viele zeigten Formen des Ungehorsams, indem sie Juden Zigarren und Zigaretten anboten, Kindern Süßigkeiten zusteckten oder in der Straßenbahn oder U-Bahn Juden ihren Platz anboten."
"Die Deutschen konnten eindeutig kein Verhalten hinnehmen", folgert Bankier, "das in grober Weise gegen ihre Vorstellung von Anstand verstieß, selbst gegenüber gebrandmarkten Juden". Schockiert und entsetzt über diese ablehnende Haltung, verschärften die Nazis ihre antijüdische Propaganda und erließen sogar ein neues Gesetz, nach dem die öffentliche Bekundung von Judenfreundlichkeit mit drei Monaten KZ-Haft bestraft werden konnte. Obwohl Goldhagen Bankiers Untersuchung als seine wichtigste empirische Quelle nennt, läßt er diese bemerkenswerten Erkenntnisse unerwähnt.
Mit der Zeit und vor allem, als der Krieg für Deutschland eine verhängnisvolle Wende zu nehmen begann, wuchs die Unempfindlichkeit der Deutschen gegenüber dem Leiden der Juden ... Um diese allmähliche seelische Verrohung zu veranschaulichen, erinnert Bankier zunächst an "nicht ungewöhnliche" Episoden aus dem Jahr 1941, als Deutsche gesetzwidrig und zur Empörung der NS-Behörden in der Straßenbahn älteren Juden ihren Platz anboten und dafür "bei den anderen Passagieren allgemeine Zustimmung" ernteten.
Doch schon 1942 mußten sich laut Bankier Deutsche, die Mitgefühl für Juden zeigten, in der Öffentlichkeit Pfuirufe anhören. Er berichtet über einen besonders brutalen Vorfall, der sich ebenfalls in der Straßenbahn zutrug. Goldhagen zitiert in seinem Buch nur diese eine Episode und fährt dann fort, Bankiers ausgewogenen, auf dem gesamten Beweismaterial beruhenden Schluß zu kritisieren: *___Es ist kaum zu verstehen, warum Bankier, der diese Episode ____erwähnt, dazu schreibt, daß "Vorfälle dieser Art untermauern, ____daß der tägliche Kontakt mit einer virulenten antisemitischen ____Atmosphäre bei der Bevölkerung zunehmend das Empfinden für den ____schlimmen Zustand ihrer jüdischen Nachbarn abgetötet hat" ... Daß ____mehr als nur sehr wenige Deutsche während der Nazi-Zeit ____"Mitleid mit ihren jüdischen Nachbarn" verspürt haben sollen, ____ist eine Annahme, die nicht belegt werden kann; alle ____empirischen Belege, die Bankier in seinem Buch präsentiert, ____widersprechen ihr meiner Ansicht nach (585).
Sicher, die fortschreitende Abstumpfung der Deutschen ist "eine Annahme, die sich nicht belegen läßt" - jedenfalls nicht, wenn man alle empirischen Belege sorgsam ignoriert.
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Goldhagen rühmt sich, als erster das Ausmaß der deutschen Mittäterschaft bei der Massenvernichtung der Juden zahlenmäßig berechnet zu haben. So schreibt er stolz: *___Bis heute hat sich kein anderer ernsthaft mit der Zahl ____derjenigen auseinandergesetzt, die an der Judenvernichtung als ____Täter beteiligt waren ... Die Kritiker machen sich nicht die ____Mühe, ihren Lesern zu sagen, daß ich der erste bin, der diese ____Zahlen erörtert (und die Probleme, die damit verbunden sind, ____einen Schätzwert zu gewinnen), geschweige denn, ihnen die ____Bedeutung der Ergebnisse oder der Tatsache zu vermitteln, daß ____wir bis 1996 warten mußten, um eine der elementarsten Tatsachen ____über den Holocaust zu erfahren.
Schauen wir uns Goldhagens Berechnungen aber einmal an (203f): Seine erste Schätzung lautet, daß bei Einbeziehung aller an der Judenvernichtung direkt oder indirekt beteiligten Deutschen die Zahl "in die Millionen" ging. Als nächstes nimmt er an, daß "die Zahl derer, die wirklich zu Tätern wurden", "ebenfalls enorm" war und man davon ausgehen müsse, "daß es Millionen von Deutschen waren".
Dann allerdings erklärt er einschränkend, daß davon "sicherlich mehr als hunderttausend Vollstrecker des Holocaust" waren, "wie sie in unserem Zusammenhang verstanden werden", vielleicht auch "eine halbe Million Menschen". Was bedeutet aber "in unserem Zusammenhang", wenn nicht direkte und indirekte Täter zusammen oder nur direkte Täter?
Doch damit nicht genug. In einer Anmerkung am Schluß seines Buches räumt Goldhagen ein, daß seine ganzen Berechnungen reine Vermutungen darstellen: *___Bereits in einem frühen Stadium meiner Forschungsarbeit habe ____ich erkannt, daß eine zuverlässige Schätzung, wie groß der ____Kreis der Täter war, mehr Zeit erfordern würde, als ich in ____Anbetracht meiner übrigen Forschungsziele aufbringen konnte. ____Dennoch bin ich gewiß, daß die Zahl außerordentlich hoch ist ____(607).
Selbst letztere Beteuerung ist schlicht unwahr.
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In der Schlußphase des Krieges, als die Rote Armee rasch näherrückte, befahl Himmler die Evakuierung der Konzentrationslager. Goldhagen analysiert einen dieser "Todesmärsche", der vom Lager Helmbrechts ausging. Selbst bei Kriegsende und de facto auf sich gestellt, so Goldhagen, behandelten gewöhnliche Deutsche Juden auf brutalste Art und Weise.
Die grundsätzliche Bedeutung von Goldhagens Fallstudie ist keineswegs klar. Zuerst behauptet er, es habe "bestimmte Muster und Grundzüge" von Todesmärschen gegeben. Doch dann räumt er sogleich ein, daß es sich bei den Todesmärschen um ein "chaotisches Phänomen" handelte und die Märsche "sich mitunter nicht unwesentlich voneinander" unterschieden hätten, ja daß sie "so unterschiedlich" verliefen, "daß sich kaum ein überzeugendes und allgemeingültiges Modell entwickeln läßt". Der Todesmarsch sei ein "widersprüchliches Phänomen" gewesen, geboren aus dem "Chaos der letzten Kriegswochen und -monate" (427, 434).
Goldhagen führt den zickzackförmigen Verlauf der Marschroute als unmittelbar einleuchtenden Beweis für den sadistischen Antisemitismus der Wachmannschaften an. Die offenkundige Absicht habe darin bestanden, die Juden weiter zu quälen: "Die absolute Sinn- und Ziellosigkeit dieser Märsche lassen ebenfalls vermuten, daß diese Märsche keinen anderen Zweck verfolgten als den, täglich, ja stündlich Entkräftung und Tod hervorzubringen."
"Betrachtet man die Routen ... dürfte jedem schnell klar werden, daß diese Umwege kein anderes Ziel verfolgten, als die Häftlinge so lange wie möglich marschieren zu lassen. Die Konsequenzen waren berechenbar - und sie waren berechnet" (429ff). Nur ein paar Seiten früher heißt es bei Goldhagen jedoch, daß die Wachen "keiner festgelegten Route" folgten, so daß "sie sich ihren Weg zu ihrem unbestimmten Ziel gleichsam ertasten" mußten. "Sie verfügten nicht einmal über eine Landkarte." Eine Wache berichtete dazu: "Auf dem ganzen Marsch war dem Wachpersonal nicht bekannt, wohin wir marschieren sollten." Die Wachen mußten je nach wechselnden Umständen dauernd improvisieren (356). Es scheint ganz so, als sei sadistischer Antisemitismus nicht die einzige plausible Erklärung für die "Ziellosigkeit" und den "zickzackförmigen Verlauf" der Todesmärsche.
Beklagt wird von Goldhagen die Grausamkeit der Deutschen entlang der Strecke. So verweist er unter anderem auf den "weitverbreiteten Unwillen" seitens der deutschen Bevölkerung in den Orten, durch die die Todesmärsche führten, "Lebensmittel an jüdische ,Untermenschen' abzugeben" (409). Unmittelbar danach berichtet Goldhagen jedoch, daß - trotz des "Chaos und der allgemeinen Nahrungsmittelknappheit jener Zeit" - "deutsche Zivilisten" schon am ersten Tag des Marsches "auf die flehentlichen Bitten der Juden um Essen und Wasser" "reagierten". "Sofort traten die Aufseher dazwischen."
Am siebten Tag "schlug der Bürgermeister" einer Stadt "vor, die jüdischen Frauen in einem Saal unterzubringen, der als Quartier für eine größere Gruppe weiblicher Hilfskräfte der Wehrmacht vorbereitet worden war, auf die man aber vergeblich gewartet hatte" (411); am achten Tag versuchten "einige Frauen aus Sangerberg", den "Häftlingen etwas Brot zukommen zu lassen ... Ein männlicher Wachtposten drohte einer der Frauen, die Brot verteilen wollte, sie zu erschießen, falls sie nochmals den Häftlingen Verpflegung zukommen lasse".
Am sechzehnten Tag "gestatteten sie [die Aufseher] den Juden zwar ein wenig Suppe, die Einwohner von Althütten für sie vorbereitet hatten, untersagten ihnen aber, irgendwelche anderen Speisen anzunehmen". Am "einundzwanzigsten Tag ... erlaubten die Aufseher den Ortsansässigen ... wieder nicht, den Juden etwas zu essen zu geben". In der Tat wurden den Juden "während des gesamten Marsches" von der Zivilbevölkerung Lebensmittel "sogar großzügig angeboten" (409f).
Nach Goldhagens Bericht ist es keineswegs bemerkenswert, wie selten, sondern wie häufig gewöhnliche Deutsche, selbst nach zwölf Jahren Naziherrschaft, den Juden zu helfen bereit waren.
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Herausragendes Merkmal des Nazismus war laut Goldhagen sein rassistisches Grundgerüst. So anomal war die rassistische Raserei Nazi-Deutschlands, daß "wir" sie kaum zu fassen vermögen: *___Die damalige deutsche Gesellschaft ... orientierte sich an einer ____anderen Ontologie und einem völlig anderen Weltbild, hier ____lebten Menschen, deren Grundauffassung vom sozialen Leben nach ____unseren Maßstäben nicht "normal" war (538).
Die Absicht zu töten, so Goldhagen, war das Definitionsmerkmal des Nazi-Genozids. "Es waren der Wille und die Bereitschaft, das europäische Judentum auszurotten ... der Wille ... das ist der entscheidende Punkt." Und noch einmal: "Dieser Punkt - die Frage des Willens - ist der entscheidende Punkt." Goldhagen fährt fort und erläutert, daß "in dieser Hinsicht die deutschen Beteiligten [am Holocaust] jenen glichen, die andere Massenmorde verübten".
Wie bei "jedem anderen Massen- oder Völkermord" töteten die Deutschen also, weil sie "glaubten, mit ihrem Töten das Richtige zu tun". Man beginge aber einen "schweren Irrtum" anzunehmen, warnt Goldhagen, daß Menschen nicht in der Lage seien, "ganze Bevölkerungen aus Überzeugung zu vernichten - vor allem wenn es sich dabei um Menschen handelt, die objektiv keine Bedrohung darstellen" (28).
Goldhagen behauptet aber auch, der Nazi-Genozid sei beispiellos gewesen, eben weil die Deutschen aus "Überzeugung" und einem Gefühl "richtigen" Handelns töteten: *___Ein Charakteristikum des Völkermords ... ist die ____Bereitwilligkeit, mit der die Deutschen, ob Täter oder nicht, ____verstanden, warum man von ihnen die Tötung der Juden erwartete ____... In Deutschland ... reichte der Antisemitismus so tief, daß die ____Deutschen, ob Täter oder Zuschauer, nicht überrascht oder ____ungläubig, sondern mit Einsicht reagierten, als sie erfuhren, ____daß die Juden vernichtet werden sollten. Ob es ihnen moralisch ____vertretbar oder nützlich schien, die Juden umzubringen, oder ____nicht: In jedem Fall haben sie im Vernichtungsvorsatz offenbar ____einen Sinn entdeckt (472f).
Läßt man diesen groben Widerspruch außer acht, fällt sogleich der nächste auf. Falls der Nazi-Genozid in dem "entscheidenden Punkt" wie "jeder andere Massenmord" war, dann konnte er kein "radikaler Bruch mit allem sein, was es in der Geschichte der Menschheit je gegeben hatte". Danach zu urteilen, war er keineswegs eine Besonderheit.
So schließt sich der Kreis. Von der irreführenden Ausgangsbehauptung, er sei ein absolut neuartiges Phänomen gewesen, über eine Flut von unsinnigen Behauptungen, Verdrehungen, Widersprüchen und unlogischen Folgerungen bis hin zu dem trivialisierenden Schluß, er sei etwas völlig Altbekanntes gewesen: Auf diese Art macht Daniel Jonah Goldhagen den Nazi-Genozid "verständlich".
Es ist kaum zu verstehen, warum Bankier, der diese Episode
erwähnt, dazu schreibt, daß "Vorfälle dieser Art untermauern, daß
der tägliche Kontakt mit einer virulenten antisemitischen
Atmosphäre bei der Bevölkerung zunehmend das Empfinden für den
schlimmen Zustand ihrer jüdischen Nachbarn abgetötet hat" ... Daß
mehr als nur sehr wenige Deutsche während der Nazi-Zeit "Mitleid
mit ihren jüdischen Nachbarn" verspürt haben sollen, ist eine
Annahme, die nicht belegt werden kann; alle empirischen Belege, die
Bankier in seinem Buch präsentiert, widersprechen ihr meiner
Ansicht nach (585).
Bis heute hat sich kein anderer ernsthaft mit der Zahl
derjenigen auseinandergesetzt, die an der Judenvernichtung als
Täter beteiligt waren ... Die Kritiker machen sich nicht die Mühe,
ihren Lesern zu sagen, daß ich der erste bin, der diese Zahlen
erörtert (und die Probleme, die damit verbunden sind, einen
Schätzwert zu gewinnen), geschweige denn, ihnen die Bedeutung der
Ergebnisse oder der Tatsache zu vermitteln, daß wir bis 1996 warten
mußten, um eine der elementarsten Tatsachen über den Holocaust zu
erfahren.
Bereits in einem frühen Stadium meiner Forschungsarbeit habe
ich erkannt, daß eine zuverlässige Schätzung, wie groß der Kreis
der Täter war, mehr Zeit erfordern würde, als ich in Anbetracht
meiner übrigen Forschungsziele aufbringen konnte. Dennoch bin ich
gewiß, daß die Zahl außerordentlich hoch ist (607).
Die damalige deutsche Gesellschaft ... orientierte sich an einer
anderen Ontologie und einem völlig anderen Weltbild, hier lebten
Menschen, deren Grundauffassung vom sozialen Leben nach unseren
Maßstäben nicht "normal" war (538).
Ein Charakteristikum des Völkermords ... ist die
Bereitwilligkeit, mit der die Deutschen, ob Täter oder nicht,
verstanden, warum man von ihnen die Tötung der Juden erwartete ... In
Deutschland ... reichte der Antisemitismus so tief, daß die
Deutschen, ob Täter oder Zuschauer, nicht überrascht oder
ungläubig, sondern mit Einsicht reagierten, als sie erfuhren, daß
die Juden vernichtet werden sollten. Ob es ihnen moralisch
vertretbar oder nützlich schien, die Juden umzubringen, oder nicht:
In jedem Fall haben sie im Vernichtungsvorsatz offenbar einen Sinn
entdeckt (472f).
Von Saltzwedel und

DER SPIEGEL 34/1997
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