18.08.1997

HAUPTSTADTSchwupptich im Ballsaal

Das Hotel Adlon war vor dem Krieg die erste Adresse Berlins. Im neuen Haus am alten Platz ist vorläufig noch alles zu Gast - Jung und Alt, Reich und Arm, Berliner und Fremde, vereint in der Sehnsucht nach großer Welt. Von Walter Mayr
Arturo, bist du ready, alles klar bei dir?" ruft der Koch der neuen Fünf-Sterne-plus-Herberge Adlon über den Eisenzaun hinüber aufs Ruinengrundstück. Im Halbdunkel sitzt dort ein alter Herr, tadellos in Brokatweste über heller Leinenhose, und schmunzelt still. Er hat sich feingemacht. Es ist halb neun Uhr abends, und er weiß, was nun kommt.
Livriertes Adlon-Personal marschiert bei ihm auf. Über seinen Gartentisch wird blütenweißes Tuch gestülpt, die Zahl der gewünschten Gedecke erkundet: "Drei", sagt Arturo, er erwarte noch Gäste. Porzellan und Weingläser werden aufgefahren, dazu ein Sektkühler samt Beistelltisch. Alles comme il faut.
Nur, Arturo zahlt heute nicht. Und morgen auch nicht. Wann immer drüben Adlon-Aktionäre tafeln, bis zu 500 Menschen pro Abend, sind Hummer und Perlhuhnessenz mit Pfifferlingsstrudel gratis auch für ihn: für "Arturo, den Eisenpapst", bürgerlich Arthur Walb, Schrottsammler, Maler und Bildhauer. Er war Bombenflieger im Krieg und später Trinkkumpan von Joseph Beuys. Jetzt, mit 77, sitzt er bei Empfängen des Bundespräsidenten in Reihe 1 und ist der einzige Nachbar des neuen Hotels Adlon in Berlin, Unter den Linden.
Zehn Meter Luftlinie vom Sammelpunkt der "Pinguine", wie er die schwarzweiß gewandeten Adlon-Kellner nennt, hält Arturo einen alten Aufenthaltsraum der NVA-Grenztruppen samt Garten besetzt. Hier hat er sein Atelier, sitzt im ehemaligen Mauerstreifen zwischen rostigen Eisenplastiken, liest in Kracauers "Der verbotene Blick" und beobachtet verstohlen, wie bei Adlons die Probephase läuft. Am Samstag, dem 23. August, ist "grand opening" mit Bundespräsident Roman Herzog.
"Wir gehen jetzt da raus und zeigen denen: Das ist das Adlon. Wir waren auch schon woanders. Aber: Woanders ist woanders" - die metallische Stimme des jungen Österreichers, der die frisch verpflichteten Kellner für den Auftritt im Ballsaal trimmt, verrät, wo die Reise hingehen soll. Aufwärts, hin zum Standard der Vorkriegszeit.
Das Berliner Grand Hotel Adlon Unter den Linden war erstes Haus am Platz von 1907 bis 1945, Nonplusultra für Gäste und Gastgeber, für Gekrönte, Gewählte und Umjubelte. Kaiser Wilhelm und der Zar gaben sich die Ehre, die Dietrich, Chaplin und Rockefeller desgleichen.
Peter Frankenfeld ist hier als Page gescheitert, weil er sich an der für Reichspräsident Hindenburg bestimmten Eisbombe vergriff. Billy Wilder hat als junger Reporter Sitten und Köpfe der Zeit beschrieben. Als Göring im Adlon Brandreden zu halten begann und NS-Außenminister Ribbentrop seinen Jour fixe dorthin verlegte, ging es schon dem Ende zu. Nach Kriegsende ausgebrannt, ist das Adlon nur noch ein Mythos.
Nur? Längst sind Legenden und Histörchen, Klatsch und Ruhm das Kapital der ehemals feinsten Herberge im Land. Der Name Adlon wurde käuflich, die Erben leben verstreut. Der Standort Unter den Linden 77 lag bis 1989 im Sperrgebiet, dann fiel die Mauer. Warum nicht dort anknüpfen, wo die Unschuld Gesamtdeutschlands endet - vor ''33?
Die Kölner Fundus-Gruppe, unter den größten privaten Investoren in der Ex-DDR, hat eine knappe halbe Milliarde Mark aufgebracht und dem Mythos Materie zurückgegeben, hat 70 Millionen Mark fürs Terrain aufgewendet, knapp 300 Millionen für den nagelneuen Sechsgeschosser, und dazu den goldenen Namen erworben.
Gut 4000 Kleinanleger waren bei der Finanzierung behilflich. Das neue Adlon, als Gästehaus und Salon der Regierung nach dem Umzug 1999 im Gespräch, verdankt seine Entstehung der regierungsamtlich verfügten Sonderabschreibung-Ost, dem kanalisierten Steuerspar-Bestreben westdeutschen Mittelstands.
Der Mythos vom alten Adlon ist nun eingemauert in einen neuen, sandfarbenen Quader, groß genug für 337 Zimmer und Suiten, wie vom Himmel hineingefallen in die Mitte Berlins. An der südöstlichen Ecke des Pariser Platzes steht er zwischen Baugruben und Brachen, einsam wie nackter Fels in baumloser Steppe.
Vom Brandenburger Tor her, wo die kaukasischen Andenkenhändler "Hallo, komm su mir" rufen und Leninbüsten, Gasmasken oder Handschellen feilbieten, peilen Neugierige quer über den Boulevard Unter den Linden das Portal des Adlon an. Einige zögern, Touristen zumal. Die Berliner hingegen ziehen, nicht selten in Schlappen und Bermudas, Kleinkind auf den Schultern oder Baby vor dem Bauch, am Portier mit seinem Zylinder vorbei und ab durch die Drehtür.
"Normalerweise vermittelt so ein Hotel Schwellenangst", sagt ratlos Jean van Daalen, der Direktor. "Aber hier? Null." Testtrinkende Hauptstadt-Journalisten haben an der Bar gar Schluckspechte "mit Pennerkissen" - nackenlangem Haupthaar - ausgemacht. In der Frühphase seien "noch keine richtigen Adlon-Gäste" zu verzeichnen, bestätigt ein Hotelpage. Geboren ist er 30 Jahre nach dem Abschied des letzten zahlenden Adlon-Gasts.
Drinnen, in der Lobby, dominiert herrschaftliches Dekor, nach dem Motto: Marmor, Stuck und Blattgold spricht, nimm mir die Erinn''rung nicht - ans alte, goldene Berlin. Ältere Einheimische reagieren auf den Bluff verwirrt. "Kuck ma, die ollen, versifften Sessel", sagt eine Dame hinter der Trennkordel, die Schaulustige fernhalten soll. "Is'' nur auf alt jemacht", kontert ihre Freundin.
Die Feuilletonisten haben das Fallbeil herabsausen lassen aufs neue Adlon: "Zille-Stube für Besserverdienende" (FAZ), "protzig, outriert, von oben bis unten Operette" (FRANKFURTER RUNDSCHAU), "rachitisch und verkrüppelt" (DIE ZEIT) - ein Abbild der Hauptstadt gewissermaßen, von außen besehen.
Die Berliner Volksseele hingegen steckt so was weg. Sie gehorcht der alten Neigung, groß und üppig Geratenes eher gelungen zu finden, unabhängig von ästhetischen Einwänden - nützlich als Forum, Bühne, Flirtbörse. Wenig hat sich geändert, seit Walter Kollo in den Zwanzigern den am Adlon Vorbeiflanierenden nachreimte: "Fängst du an bei Café Bauer, sagt sie dir noch: ich bedauer, bist du am Pariser Platz, schwupptich ist sie schon dein Schatz."
Zwischen Café Bauer (Neubau im Gang) und Pariser Platz (Baustelle) läuft noch nicht viel, und so strandet die weibliche Spätlese bei Champagner auf Eis zeitig an der Adlon-Bar. Ist schließlich hübsch was los, genau hier, wo Roman Herzog in seiner Berliner Rede angemahnt hat, durch Deutschland müsse "ein Ruck gehen". Pagen mit Kinnriemen flitzen, Himbeertorte ist im Angebot, und Udo Lindenberg zeigt Hut.
Ein ARD-Mann durchquert zum fünftenmal die Halle mit der Anmoderation: "Kaiser Wilhelm war da, Lawrence von Arabien, und heute - Christina Bach." Küßchen, das fünfte, und Christina singt einen Schlager.
Von hartnäckigen Schnappschützen umzingelt, sitzen erste Hausgäste beim Drink. Sie wohnen zu ermäßigten Tarifen Probe, die Leute von Kempinski nennen das "soft opening". 290 Mark fürs Zimmer, Baulärm und Gaffer inklusive.
Ist man drin, tut nichts mehr weh. Flaumig-leicht ist die Daunendecke, von klassischer Schönheit das Bad, hilfreich das In-House-Handy für Menschen in Daueralarmbereitschaft. Ermattete zappen sich mühelos von der ARD über Thaiwave zu TV Algeria durch, lassen sich eine Essenz vom Weideochsen mit gebackenen Marktaschen kommen oder wählen eine halbe Flasche Laurent Perrier brut zu DM 69,-.
Was aber ist mit dem sanft vor sich hin schimmelnden Pfirsich im Bastkörbchen, mit der leeren Flasche, die zur Begrüßung verheißungsvoll den Hals aus dem Sektkübel streckt?
Schnitzer, die man schnell verzeiht.
Mittags ist Führung durchs Adlon, Start ab Rezeption. Ehrenamtliche versuchen, den Ansturm in Bahnen zu lenken. Frau Freytag, Kind der Küste und zupackend wie Clementine aus der Ariel-Werbung, nimmt neugierigen Berlinerinnen die Scham vor schönem Schein.
Sie drückt alle verfügbaren Lichtknöpfe in den Zimmern, ermuntert zur Minibar-Expertise und zu Abwegen in den weitläufigen Luxus-Gemächern: "Sie dürfen gern links rumgehen und hinten durch die Toilette wieder rauskommen."
Selbstverständlich, sagt Frau Freytag, seien hier im Neubau künstlerisch keine Originale zu erwarten. Dafür sei aber das meiste "original nachgemacht". Zum Beweis zeigt sie auf das Deckengemälde im Gang, blau wie das Meer, mit dottergelben Sternen durchsetzt, und sagt: "Die meisten denken hier an Europa. Dabei ist es Schinkel."
Es ist, genaugenommen, die Illustration zu Mozarts "Zauberflöte", als Zitat an die Decke geklatscht. So wie in der Bibliothek, zwischen Bernhard Grzimek und der Heiligen Schrift, alte Adlon-Gäste beerdigt sind: Gerhart Hauptmann, der hier Premierenfeiern abgehalten hat, mit einer Ausgabe in gotischer Schrift; Ferdinand Sauerbruch, Chirurg an der nahen Charité, mit einer Autobiographie; und Albert Einstein mit einer schwedischen, also unverständlichen Würdigung seines Lebens.
Das Hotel ist Hülle und nichts ohne Inhalt. "Die Menschen", sagt der Historiker und Adlon-Forscher Laurenz Demps, "kann man sich nicht backen. Immerhin steht das Adlon, im alten Berliner Niemandsland, für Wiederbelebung." Das un-
verhältnismäßige Interesse, das dem Neubau entgegengebracht werde, erkläre sich aus der deutschen "Sehnsucht nach den Wurzeln des eigenen Ich".
Das Adlon, Spiegel der Zeit. 1913 war das so, als die einzige Kaisertochter Viktoria Luise hier in Anwesenheit des Za-
ren Hochzeit feierte. 1933, als siegestrunkene SA-Truppen nach der Machtergreifung zum Fackelzug durchs Brandenburger Tor schritten und die Adlon-Balkone voll waren. 1953, als der unbeschädigte Wirtschaftsflügel zum Hotel im sozialistischen Geschmack umfunktioniert war.
Und nun, Wiedergeburt aus dem Geist von Shareholder-value? Die Essenz vom Perlhuhn mit Pfifferlingsstrudel ist abgetragen, das Kalbsfilet im provenzalischen Kräutermantel auch, und selbst die Charlotte vom weißen Gascogne-Pfirsich hat ihre Schuld getan, als nach Mitternacht im Ballsaal des Adlon das Orchester 500 Kleinanlegern, hausintern "Investoren" oder "Zeichner" genannt, den Marsch zur Tanzfläche bläst.
Sittsam wiegen sich die Aktionäre im Takt. Die Damen meist rückenfrei, aber mit umgehängten Glitzertäschchen, Relaisstationen zur geordneten Welt. Die Herren würdig, teils an seltene Libellen erinnernd, symmetrisch angeordneter Propellerpaare wegen: Schnauzbart oben, Smokingfliege unten. Ein Zwei-Zentner-Mann legt sich neben''s Klavier und wird von Kellnern aus dem Verkehr gezogen. Sonst passiert nichts.
Zehn Meter Luftlinie entfernt sitzt Arturo im Garten, hat inzwischen im Kerzenschein einen halben kanadischen Hummer aus der Schere gelöst, von der 95er Oberbergener Baßgeige gekostet und die Essenz vom Perlhuhn nachplätschern lassen. "Spitzen-Bouillon", sagt er und formt aus Daumen und Zeigefinger einen Kreis.
Dann wiegt er seinen weißbärtig umrahmten Picasso-Schädel mit der kleinen Hörhilfe hinterm rechten Ohr und verkündet, wo Kunst und Lebensqualität sich träfen, da sei er zu Hause. Weswegen er an diesem Morgen, noch ehe die Aktionäre aus ganz Deutschland das Adlon blockieren kamen, wieder vorne am Hotelportal einschreiten mußte.
Als sie anrückten wie jeden Tag, die Landsleute in Shorts und Latschen, hat er sich einen Ruck gegeben. "Kinders", sprach Arturo, der sanfte Patriot, "das hier soll unser bestes Hotel werden. Seid so gut, zieht euch was Nettes an. Wir sind hier nicht in Wanne-Eickel oder Cala Ratjada."
* Fest zum 50. Geburtstag Gerhart Hauptmanns.
Von Walter Mayr

DER SPIEGEL 34/1997
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