18.08.1997

Afrika, nein danke!

Keith B. Richburg, ein schwarzer Amerikaner, will nichts mit der Heimat seiner Urväter zu tun haben.
Richburg, 39, war von 1991 bis 1994 Afrika-Bürochef der WASHINGTON POST mit Sitz in Nairobi. Jetzt schreibt er für die Zeitung aus Hongkong. In seinem Buch "Out of America" rechnet er mit dem Schwarzen Kontinent ab.
Ich bin es leid weiterzulügen. Ich bin diese Ignoranz und Heuchelei über Afrika satt. Ich habe drei Jahre zwischen seinen Leichen gelebt. Ich bekam eine AK-47 gegen meine Schläfe gedrückt; ich sprach mit macheteschwingenden Hutu-Milizen, deren T-Shirts noch vom Blut ihrer Opfer bespritzt waren; ich erlebte eine Choleraepidemie in Zaire, eine Hungersnot in Somalia, einen Bürgerkrieg in Liberia. Ich sah Städte zu Schutt gebombt und andere Städte zu Müllhalden reduziert - weil ihre Führer sie verrotten ließen, beschäftigt damit, Milliarden von Dollar auf ihre Auslandskonten zu transferieren.
Afrika, Mutter Afrika, wird uns Afroamerikanern oft als eine Art schwarzes Walhalla vorgehalten, wo die Abkömmlinge von Sklaven begeistert willkommen geheißen würden und schwarze Männer und Frauen in wahrer Würde leben könnten. Ach ja? Erzählen Sie mir etwas über Afrika und meine schwarzen Wurzeln, und ich spucke Ihnen die Worte zurück ins Gesicht.
Wäre Malcolm X noch am Leben, er würde mich vielleicht einen dieser Schwarzen nennen, die durch die "Gehirnwäsche" der Weißen gegangen sind. Das macht es so schmerzlich für mich aufzuschreiben, was man so leicht mißverstehen könnte:
Glauben Sie mir, ich hasse Afrika und seine Menschen nicht. Was ich hasse, ist die Brutalität, die Vergeudung menschlichen Lebens, die Ungerechtigkeit, mit der diktatorische Regime den Menschen ihre Würde rauben.
Ich hasse es, wenn mein Fahrer in Somalia sich weigert anzuhalten, damit ich einer verdurstenden Frau eine Wasserflasche reichen kann. Ich hasse die Kids mit ihren lässig übergeworfenen Maschinengewehren, die nur so zum Spaß auf die Alten einschlagen, die sich an einer Hilfsstation nach einer Handvoll Haferschleim angestellt haben. Ich hasse den Big Man, der seine ganze Regierung und das diplomatische Korps in sengender Hitze am Flughafen antreten läßt, um sich zu irgendeiner Auslandsreise verabschieden zu lassen. Ich hasse den Beamten des Diktators, der mich belehrt, daß "die Weißen" sein Land in den Ruin getrieben hätten.
Ich kann in Kinshasa oder Khartum in ein Meer von schwarzen Gesichtern eintauchen, in die Anonymität des Nicht-Erkennbaren. Doch ich bin keiner von ihnen, ich bin aus einer anderen Welt.
Schon wahr, meine Vorfahren kamen von hier, und die Menschen sind wohl so etwas wie meine entfernten Vettern. Aber eine Kluft hat sich aufgetan, eine Kluft von 400 Jahren und 10 000 Meilen. Ich bin ein schwarzer Amerikaner, geboren in Detroit. Nichts in meiner Vergangenheit, nichts in meiner Erziehung hat in mir eine Vorstellung davon geweckt, wie es sich anfühlen müßte, ein Afrikaner zu sein. In Amerika bin ich mir öfter mal als Fremder vorgekommen, in Afrika aber bin ich ein Fremder.
Die USA sind meine Heimat. Es ist für mich sinnlos, über die "Rückkehr" nach irgendwo zu reden, die Suche nach fehlenden "Wurzeln" weiterzutreiben. Ich habe in Afrika gelebt, und, offen gesagt, es gibt nicht den geringsten Teil von mir, der eine Bindung an diesen seltsamen Platz verspürt. Ich danke Gott, daß meine Vorfahren es geschafft haben, diesen Kontinent zu verlassen, ihre Reise zu überleben.
Statt dem Mythos nachzuhängen, daß wir irgendwo anders hingehören, sollten wir schwarzen Amerikaner lieber alle unsere Energien darauf verwenden, die Vereinigten Staaten, dieses unvollkommene Land, zu einem besseren Land zu machen.
Von Keith B. Richburg

DER SPIEGEL 34/1997
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