25.08.1997

GEDÄCHTNISGrell, brutal, erotisch

In London maß sich die Elite der Gedächtniskünstler. Nicht Talent, sondern hartem Training verdankt der Weltmeister seinen Titel.
Vor ihrem inneren Auge läuft ein Film, während Helga Zehetmaier der monotonen Stimme lauscht: "Neun, drei, drei, null ..." Details des heimlichen Hirnkinos jedoch mag sie nicht preisgeben. "Schließlich wimmelt es darin von intimen Details."
So blieb geheim, wohin die erotische Phantasie die deutsche Meisterin der Gedächtniskunst entführte. Offenbart wurde nur das traurige Resultat: 300 Zahlen wurden ihr vorgesagt; nachdem sie anschließend ganze 8 davon richtig genannt hatte, versagte ihre Erinnerungskraft.
Auch die fünf anderen deutschen Teilnehmer der Londoner Gedächtnisweltmeisterschaft verließen am vergangenen Freitag das "globale intellektuelle Schlachtfeld" (Eigenwerbung der Veranstalter) als Geschlagene. Den Kampf um den Titel machten die britischen Lokalmatadore unangefochten unter sich aus.
Für Dominic O''Brien, 40, anfangs arg bedrängt von seinem jungen Herausforderer Andy Bell, 29, reichte es schließlich nicht nur für den Sieg, sondern zugleich auch für drei Weltrekorde. Durch gelbes Ohropax abgeschirmt von der Außenwelt, erinnerte er 240 Zahlen in fünf Minuten, prägte sich die Abfolge von 52 Spielkarten in 41,43 Sekunden ein und ließ damit alle 19 Konkurrenten weit hinter sich.
Zum fünftenmal triumphierte O''Brien bei der jährlichen Londoner Hirnolympiade. Casinos haben Sperren gegen den Memo-Akrobaten verhängt, denn regelmäßig sprengte er beim Black Jack die Bank.
Die deklassierte Elite des Gedächtnissports rätselte unterdes über das Geheimnis seiner Geisteskraft. Wie nur gelingt es ihm, dem Zellgeflecht unter seiner Schädeldecke die sinnlosen Folgen von Zahlen oder Spielkarten aufzuprägen?
O''Brien selbst wird nicht müde zu versichern, nicht seinem Talent, sondern einzig harter und vor allem richtiger Schulung verdanke er den Erfolg: "Das Hirn ist wie ein Muskel, der sich trainieren läßt."
Er beruft sich auf antike Denker: Schon im sechsten Jahrhundert vor Christus erkannte der griechische Philosoph Simonides von Keos, daß Namen, Zahlen und Fakten besser in der Erinnerung haften, wenn sie in imaginäre Bilder umchiffriert werden.
Diese Technik der Bildassoziation, versichert O''Brien, nutze auch er. So laufe er täglich rund fünf Kilometer durch die Stadt und präge sich dabei das Straßenbild ein. Hunderte derartiger Landschaften kann er innerlich abrufen. Wenn er dann etwa eine Abfolge von Spielkarten abspeichern will, so wiederholt er im Geiste seine Spaziergänge und plaziert an jeder Ecke Symbole, die er mit den Spielkarten assoziiert.
Grell, brutal und möglichst erotisch seien diese Phantasiebilder. "Je bizarrer sie sind, desto einfacher lassen sie sich merken", erklärt O''Brien.
Ähnliches propagiert auch Tony Buzan, der Organisator von Londons Memoriade. Er tüftelte ein eigenes "Mind-Mapping"-Verfahren aus, bei dem sich miteinander verknäulende Linien zu einer imaginären Erinnerungslandschaft verbinden sollen.
So empfiehlt Buzan, die Zahlen 0 bis 1000 als Wortbilder zu speichern. In seinem "Major-System" stehen etwa "Baby" für 99, "Dose" für 100 und "Milch" für 356. Die Telefonnummer 365-99-100 merke er sich folglich als Baby, das an einer Dose Milch nuckelt.
Auch unter Physiologen finden derlei bizarre Bildersprachen Anhänger. Sie gehen davon aus, daß das Hirn Wissen durch verschiedene Kanäle in seine Speicher schleust. Der Strom nüchterner Fakten sei dabei rasch verstopft. Sinneseindrücke hingegen - Farben, Formen, Bilder oder Geräusche - gelangten auf einem anderen Weg ins Archiv des Gehirns und blieben dort besser haften.
Auch in Deutschland haben die Propheten der Mnemotechnik Konjunktur. Rund tausend Trainer, schätzt Klaus Kolb von der Gesellschaft für Gedächtnis- und Kreativitätsförderung im oberschwäbischen Argenbühl, helfen bundesweit grauen Zellen auf die Sprünge. Von einer "Renaissance des Gedächtnisses" spricht gar der Tübinger Rhetorikprofessor Joachim Knape. Audiovisuelle Medien lösten die Schriftkultur der vergangenen 500 Jahre ab. Talkshows seien die Vorläufer dieses "neuen Zeitalters der Mündlichkeit".
Gerade die Flut dubioser Hirnjogging-Rezepte jedoch läßt die Wissenschaftler vorsichtig sein. Zwar sei, "anders als das fotografische Gedächtnis, das Erinnern von bildhaften Assoziationsketten tatsächlich schulbar", erklärt etwa Professor Bernd Fischer von der Memory-Klinik Nordrach-Klausenbach im Schwarzwald. Weit effizienter jedoch ist nach seiner Erfahrung der "Tu-Effekt": Je mehr die Lernenden selbst Hand anlegen, desto mehr bleibt ihnen im Gedächtnis haften.
Entscheidend sei zudem die Schulung des Kurzzeitgedächtnisses, das Sinneseindrücke nur wenige Sekunden lang festhält, um sie dann ans Langzeitgedächtnis weiterzureichen. Dieser Erinnerungs-Flaschenhals lasse sich bereits durch weniger Streß, regelmäßiges Essen, Alkoholverzicht und durch Herumlaufen weiten.
Helga Zehetmaier hat solche Ratschläge brav befolgt: Sie ißt fünf Mahlzeiten am Tag, meidet Alkohol und ißt jeden Morgen eine Banane. Genutzt hat es wenig. Gegen Geistesgrößen wie O''Brien, gesteht sie freimütig, "komm'' ich mir vor wie eine Ameise".
* Bei Lockerungsübung vor dem Kartentest.
Von Wendel und

DER SPIEGEL 35/1997
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