06.08.2012

Helle Freude

VERBRAUCHER: Das Glühbirnenverbot der EU wird trickreich unterlaufen.
Wer wissen will, was eine Energiesparlampe ist, muss sich bei der EU erkundigen. Es gilt die Verordnung für die ökologisch korrekte "Gestaltung von Haushaltslampen mit ungebündeltem Licht". Sie ist mit Anhang 14 Seiten lang und umfasst acht Artikel, ein Dutzend Formeln sowie rund 40 Begriffsbestimmungen von A wie Anlaufzeit bis Z wie zweite Lampenhülle. Nichts, was hier nicht geregelt wäre. Dachte man jedenfalls.
Doch den so gründlichen Beamten ist womöglich ein Fehler unterlaufen. Eigentlich sollen zum Ende des Monats die letzten herkömmlichen Glühbirnen vom Markt verschwinden und durch Stromsparlampen ersetzt werden. Stattdessen nutzen findige Händler ein Schlupfloch im Paragrafenwerk aus. Die bereits totgesagte Glühbirne lebt fröhlich weiter, in Deutschland und in der Europäischen Union.
Im Prinzip handelt es sich um einen Etikettenwechsel. Weil die strengen Ökogesetze nur für Haushaltslampen gelten, gibt sich die traditionsreiche Glühbirne als Speziallampe gemäß Erwägungsgrund 5 der EU-Verordnung aus. Das ist legal. Und schon greift die Brüsseler Energiesparvorgabe ins Leere. Der Kunde muss lediglich darüber informiert werden, dass die Glühbirne eigentlich nicht für den Einsatz bei ihm zu Hause gedacht ist, etwa durch einen Hinweis auf der Verpackung.
Das Edelkaufhaus Manufactum führt Glühbirnen in beliebiger Lichtstärke; ebenso die Verkaufsplattform Amazon und spezialisierte Lampengeschäfte wie Piwarz Licht in Berlin. Sogar die mattierte 100-Watt-Birne, nach Lesart der EU-Beamten ein energetischer Super-GAU, wird flächendeckend feilgeboten. Sie ist zwar etwas teurer als früher, aber immer noch billiger als die meisten Energiesparlampen, deren kalter Strahl auch ästhetisch kaum mithalten kann.
Technisch sind die Glühlampen minimal modifiziert, etwa durch eine "speziell verstärkte Wendelkonstruktion", wie es beim Hersteller Philips heißt. Durch diese Veränderung verdienen die Glühbirnen die Bezeichnung "stoßfest" - und schon gelten sie formal als Speziallampe für raue Betriebsverhältnisse bei Industrie, Bergbau und Schifffahrt. Der Laie erkennt dies am Gütezeichen für besondere Stoßfestigkeit, einem kleinen Hämmerchen.
Dass die Glühbirnen deutlich mehr Strom verbrauchen als Energiesparlampen, nehmen viele Verbraucher gern in Kauf. Schließlich weisen sie eine Reihe von Vorteilen auf: Sie enthalten kein giftiges Quecksilber und müssen, im Gegensatz zu den angeblichen Ökoleuchten, auch nicht aufwendig entsorgt werden. Sie passen in jede normale Lampenfassung. Sie funktionieren auch mit Dimmer. Sie erzeugen warmes Licht.
Die Retro-Lampen seien geeignet, die "schmerzlich empfundene Lücke" zu schließen, die das Verschwinden der matten Glühlampen hinterlassen habe, heißt es schwärmerisch bei Manufactum: "Es gibt sie noch, die guten Dinge."

DER SPIEGEL 32/2012
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