06.08.2012

ZEITGESCHICHTE„Mit allen Mitteln“

Telefonprotokolle dokumentieren Helmut Schmidts harten Kurs während der Entführung der „Landshut“ 1977.
Kanzler Helmut Schmidt und sein 2005 verstorbener Staatsminister Hans-Jürgen Wischnewski vertrauten einander jahrzehntelang; Wischnewski gehörte zu den wenigen in der Regierung, die Schmidt duzen durften. Die größte gemeinsame Herausforderung erlebten beide im Herbst 1977. Ein Kommando der Roten Armee Fraktion (RAF) hatte Fahrer und Leibwächter von Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer erschossen und diesen entführt; sie verlangten die Freilassung von elf Gesinnungsgenossen. Um die Forderung zu unterstützen, kaperten palästinensische Terroristen am 13. Oktober die Lufthansa-Maschine "Landshut" auf dem Flug von Mallorca nach Frankfurt mit fast hundert Menschen an Bord. Fünf Tage dauerte die Odyssee, die in Somalia mit der Erstürmung der Maschine und der Befreiung der Geiseln durch die GSG 9 endete.
Im Auftrag des Kanzlers war Wischnewski den Geiselnehmern hinterhergereist und hatte in Dubai und in Mogadischu mit diesen verhandelt. Schmidt sprach später von einer "glänzenden Rolle", die Wischnewski gespielt habe. Dabei hielt der Staatsminister den Kanzler per Telefon auf dem Laufenden. Einige der Protokolle sind bekannt, auf Antrag des SPIEGEL hat die Bundesregierung nun weitere Dokumente freigegeben.
Es geht um die Gespräche, die Wischnewski von Dubai aus mit Schmidt führte, wo die "Landshut" mehr als 54 Stunden auf der Rollbahn stand. Schmidt sah sich vor die Wahl gestellt, die Geiseln in der Maschine oder Schleyer zu opfern - und entschied sich zur Befreiungsaktion: "88 Personen sind wichtiger als eine."
Dubais Verteidigungsminister war bereit, die Maschine von Fallschirmjägern stürmen zu lassen. Doch er musste auf die Erlaubnis von Machthaber Scheich Sajid Bin Sultan warten. Da verlangten die Geiselnehmer auf einmal, den Jet innerhalb einer halben Stunde aufzutanken. Die Mitschriften der Telefongespräche sind historische Dokumente von Rang, weil sie die Dramatik der entscheidenden Stunde in Dubai auf beklemmende Weise wiedergeben. Auszüge:
Telefonat zwischen Wischnewski in Dubai und Schmidt sowie Heinz Ruhnau, Staatssekretär im Verkehrsministerium, in Bonn, Beginn 5.59 Uhr.
Ruhnau: Hallo, Hans-Jürgen.
Wischnewski: Wenn nicht sofort aufgetankt wird, sind nur noch Sekunden Zeit. Die Entführer haben jetzt gedroht, den Piloten und zwei andere zu erschießen. Bei Euch ist es sechs Uhr. Das heißt, ich habe für die Entscheidung nicht länger Zeit als fünf Minuten. Die Lage ist seit einer halben Stunde völlig verändert.
Ruhnau: Bleib dran, Helmut schläft noch, wir wecken ihn. Haben die denn eigentlich genug Benzin?
Wischnewski: Heinz, ich komme langsam unter Druck.
Bundeskanzler wird geweckt.
Ruhnau: Guten Morgen. Ich habe hier auf dem anderen Hörer jetzt Hans-Jürgen, die Lage hat sich dramatisch verändert. Was ist die Meinung in Dubai dazu?
Wischnewski: Hier wird das ernst genommen.
Schmidt: Hans-Jürgen, ich verstehe, ernst genommen, aber was würden die Autoritäten in Dubai jetzt machen?
Wischnewski: Die Autoritäten in Dubai machen alles, was wir für richtig halten jetzt in dieser Stunde. Sie neigen in ihrer Beurteilung dazu, aufzutanken. Das kann man etwas langsam machen und so weiter. Aber man muss natürlich jetzt die Entscheidung fällen, ich bin dafür, das Auftanken zu beginnen.
Schmidt: Und wo soll das enden?
Wischnewski: Ich kann nicht sagen, wo das enden soll. Die sprechen im Augenblick gerade. Im Hintergrund sind die Stimmen der Entführer zu hören. Ich bin hier im Tower. Die Entführer melden sich jetzt alle 2-3 Minuten; jetzt sind noch 9 Minuten Zeit, noch 8 Minuten Zeit.
Schmidt: Aha. Also die haben eine Art von Minutenultimatum gesetzt.
Wischnewski: Ja, die ziehen jetzt immer ab bis zu der Zeit nach unserer Zeit 6 Uhr, das heißt, es ist ganz knapp. Der Entführer, dessen Stimme im Augenblick zu hören ist, ist völlig heiser. Er macht den Eindruck, dass er ziemlich down ist. So leid es mir tut, es sind nur noch vier Minuten bis sechs Uhr. Ich empfehle aus der hiesigen Sicht dringend, dass der Auftankungsvorgang beginnt.
Schmidt: Man kann sich damit viel Zeit lassen, aber man soll anfangen. Aber zu welchem Zweck? Willst Du abfliegen lassen?
Wischnewski: Nein, ich weiß nicht, ob zum Fliegen oder zum Bleiben. Es sind nur noch drei Minuten in Sicht. Daher werde ich jetzt hier gedrängt. Gibt es ein Einverständnis oder nicht?
Ruhnau: Wischnewski muss jetzt sagen ja oder nein.
Schmidt: Höchstens eine Tonne.
Telefonat Schmidts mit Wischnewski, Beginn kurz nach 6 Uhr.
Schmidt: Schmidt hier. Ja, Herr Wischnewski. Hans-Jürgen, auf keinen Fall etwas zulassen, was einen Abflug der Maschine erleichtert oder ermöglicht. Auf keinen Fall. Es muss hingenommen werden, wenn tatsächlich einzelne Menschen getötet werden. Hast Du mich verstanden?
Wischnewski: Ja, ich habe verstanden.
Schmidt: Auf keinen Fall zulassen, dass der Abflug erleichtert oder ermöglicht wird. Tötung einzelner Menschen muss hingenommen werden. Anschließend, wenn das geschehen sein sollte, wenn einzelne Menschen getötet sein sollten, muss angegriffen werden. Es gibt überhaupt keinen Zweifel, dass die Maschine nicht raus darf, die Landebahn muss blockiert werden … Sie haben keine weitreichenden Waffen, sie können nur mit Pistolen schießen.
Wischnewski: Sind wir uns völlig einig.
Schmidt: Ja. Auf keinen Fall etwas tun, was den Start erleichtert, auf jeden Fall den Start erschweren und die Polizeiaktion unmittelbar vorbereiten.
Wischnewski: Ja, muss ich mal seh'n, wie das geht. Jetzt brauch ich erst mal paar Minuten.
Telefonat Schmidts mit dem deutschen Wirtschaftsattaché in Dubai, Hubert Lang, Beginn 6.19 Uhr.
Schmidt: Herr Lang, wie weit ist Herr Wischnewski weg von Ihnen?
Lang: Etwa fünf Meter von mir weg, spricht aber gerade mit dem Verteidigungsminister, soll ich ihn holen?
Schmidt: Nein, sagen Sie ihm, die Bundesregierung beauftragt Herrn Wischnewski, mit allen Mitteln, die ihm zur Verfügung stehen, zu verhindern, dass das Flugzeug in seiner Startbereitschaft gefördert wird. Unter Inkaufnahme von Menschenleben.
Lang: Ich werde das sofort übermitteln, Herr Bundeskanzler.
Schmidt: Ich bin noch nicht fertig. Unter Inkaufnahme von Menschenleben. Zweitens. Mit allen Mitteln Flugbahn, Startbahn blockieren lassen. Drittens. Ich ersuche dringend, Truppen und Polizei um das Flugzeug zu konzentrieren, um den Zugriff unmittelbar zu ermöglichen. Ich verlange nicht, dass es sofort ausgeführt wird. Unsere Leute, die sich jetzt wahrscheinlich nicht im Tower befinden, unsere Berater und Hilfskräfte heranziehen. Übermitteln Sie das sofort. Haben Sie mich verstanden?
Lang: Ich habe Sie verstanden, ich habe es übergeben, genau so, wie Sie es mir jetzt mitgeteilt haben. Die Antwort war: Inhaltlich weiß der Verteidigungsminister Ihre Antwort oder Ihre Weisung schon.
Schmidt: Sagen Sie Herrn Wischnewski: mit allen Mitteln.
Lang: Ich werde es noch mal sagen, mit allen Mitteln.
Am späten Vormittag ließ Scheich Sajid der "Landshut" Starterlaubnis geben. Ein Staatsminister Dubais räumte später ein, man habe aus Angst vor der RAF so gehandelt.
(*) Mit Hans-Jürgen Wischnewski (3. v. l.) bei der Auszeichnung der GSG 9 sowie Überlebender der "Landshut"-Entführung 1977.
Von Klaus Wiegrefe

DER SPIEGEL 32/2012
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