06.08.2012

Frau Dr. Prada

Die Designerin Miuccia Prada und ihr Mann Patrizio Bertelli führen eines der erfolgreichsten Unternehmen Italiens. Eigensinnig definieren sie, was als modern gilt.
Wenn sich Miuccia Prada nach ihren Modeschauen dem Publikum zeigt, trägt sie meist ein schüchternes Lächeln. Nur kurz schaut sie dann aus den Kulissen hervor, um den Applaus entgegenzunehmen, gerade lang genug, um nicht unhöflich zu erscheinen.
Miuccia Prada ist eine Designerin mit Doktortitel. Bis heute soll sie weder mit Stift oder Zeichenblock gearbeitet noch eine Schere zur Hand genommen haben. Miuccia Prada entwirft mit Worten, ihre Mitarbeiter verwandeln diese in Skizzen. Dennoch ist die Italienerin die einflussreichste lebende Modemacherin der Welt, stilprägend wie einst Christian Dior oder Yves Saint Laurent. Und selbst in Italien, dem Krisenland, in dem es noch immer klingende Namen wie Giorgio Armani und Valentino gibt, gilt sie als unangefochtene Meisterin des klugen Understatements. Ihre Biografie führte nicht auf direktem Weg dorthin.
In den späten sechziger Jahren studierte Prada politische Wissenschaften und promovierte. Sie engagierte sich in der feministischen Gruppe der Kommunistischen Partei, und als ob das für eine künftige Modedesignerin noch nicht ungewöhnlich genug wäre, ging sie Anfang der Siebziger ans Piccolo Teatro von Giorgio Strehler in Mailand. Fast sechs Jahre lang gehörte sie zu dessen Ensemble.
Seit einem Vierteljahrhundert wird die internationale Mode also geprägt von einer Italienerin, die Pantomime lernte und die dem Magazin "The New Yorker" sagte, Mode sei etwas, das einen nicht mehr als zehn Minuten am Morgen beschäftige.
Von Anfang an haftete Miuccia Pradas Entscheidungen etwas Eigensinniges an. Ihr Großvater Mario Prada hatte ein exklusives Lederwarengeschäft gegründet, mit Sitz in der berühmten Mailänder Einkaufspassage Galleria Vittorio Emanuele II. Als Miuccia das Unternehmen 1977 übernahm, entwarf sie schwarze Nylontaschen und Rucksäcke aus dem Material, das die Firma bis dahin zur Verpackung der Lederartikel verwendet hatte. Die Verweigerung des Erwartbaren prägt bis heute ihre Entwürfe. Es gibt nicht viele Interviews mit der Designerin, aber wenn sie sich zu Wort meldet, dann spricht sie davon, wie sehr es ihr anfangs widerstrebte, in die Mode zu gehen, in dieses so oberflächliche, so wenig intellektuelle Geschäft.
Fast zwangsläufig befreite Miuccia Prada die italienische Mode von allem Goldglänzenden und Aufgedonnerten. Mit guten Schnitten und ungewöhnlichen Details prägte sie einen avantgardistischen Stil. Und eroberte jene Frauen, die sich wie sie von traditionellen Rollenbildern emanzipieren wollten. Doch der Weg zur Emanzipation ist selten ein gerader, und Pradas Kreativität liegt darin, die Zweifel und die Zerrissenheit sichtbar zu machen, die ihn begleiten.
Ende der siebziger Jahre hatte sie auf einer Messe Patrizio Bertelli kennengelernt, der eine Lederwarenfabrik in der Toskana besaß. Heute leitet Bertelli die weltweit agierende Prada Group, er ist CEO, alleiniger Geschäftsführer. Im Juni 2011 ging das Unternehmen, nach mehreren geplatzten Versuchen, in Hongkong an die Börse. Bertelli platzierte 16,5 Prozent der Aktien für rund 1,5 Milliarden Euro. Möglich wurde dieser Schritt, weil die Prada Group im Geschäftsjahr 2010 mitten in der Finanzkrise ihren Umsatz auf gut zwei Milliarden Euro steigerte. Der Nettogewinn betrug rund 250 Millionen Euro.
Kurz nach ihrer Bekanntschaft beauftragte Prada Bertelli mit der Produktion des schwarzen Nylongepäcks, sie versachlichte das Logo ihres Großvaters und war mit dem überraschend großen Verkaufserfolg eigentlich zufrieden.
Doch schon bald schlug Bertelli ihr vor, auch Schuhe zu entwerfen. Sie zögerte. Er drohte, einen zusätzlichen Designer zu engagieren. Da übernahm sie die Aufgabe lieber selbst und hatte damit den nächsten großen Erfolg. Einige Jahre später bat Bertelli sie, es mit einer Damenkollektion zu probieren. Die Einzelhändler, die sich mittlerweile um Prada-Schuhe und -Taschen rissen, verpflichtete er, auch Teile dieser Kollektion abzunehmen. 1987 heirateten Prada und Bertelli.
Miuccia Pradas Mode ist viel beschrieben worden, oft als "ugly chic", weil die Entwürfe der Designerin stets eine Sexiness verweigern, die den Körper zur Schau stellt und die Frau auf ihre physischen Aspekte reduziert. Pradas Mode scheint Launen zu entspringen. Launen, die wenige Monate später die ganze Welt trägt, wenn nicht als Original, dann als Kopie von Zara oder H & M. Ihre Entwürfe können von Saison zu Saison grundverschieden sein, für den Sommer 2012 entwarf sie plissierte Röcke in Sorbet-Tönen, für den Winter schwere, wadenlange Westen und Mäntel in dunklen Farben, die zu knöchellangen Hosen kombiniert werden. Doch es gibt Themen, die wiederkehren: Anleihen von Uniformschnitten, Ornamente aus Strass und Plexiglassteinen sowie krude Muster, die an altmodische Tapeten erinnern.
Es ist, als ob Miuccia Prada sich selbst geschworen hätte, ihren Eigensinn nicht verkümmern zu lassen und die Grenzen dessen zu ignorieren, was herkömmlich als schick gilt. Rätselhaft bleibt, wie die Marke Prada auf diese Weise so unglaublich erfolgreich werden konnte. Den größten Teil des Gewinns macht das italienische Unternehmen im asiatisch-pazifischen Raum. Natürlich ist das auch Bertellis unternehmerischem Geschick zu verdanken, aber längst umgibt das Label eine Aura von Modernität, die sich nicht abzunutzen scheint. In Italien, dem Land der antiken Ruinen, sind die Entwürfe der Modemacherin und promovierten Politologin Miuccia Prada zum Maßstab der ästhetischen Moderne geworden.
Dabei wird sie nicht müde zu betonen, dass Mode keinesfalls mit Kunst gleichzusetzen sei. Mode sei vor allem ein Geschäft, so die Kunstliebhaberin, die mit ihrem Mann eine der bedeutendsten italienischen Sammlungen moderner Kunst besitzt, die Fondazione Prada. Schon in den neunziger Jahren begannen beide zu sammeln. Während er Bilder des US-Malers Mark Rothko kaufte, interessierte sie sich für zeitgenössische Künstler. In ihrem Büro steht eine Installation von Carsten Höller, eine Art Rutsche, auf der sie rasch ein Stockwerk tiefer gleiten kann.
Als Ende der Neunziger ein neues Ladenkonzept für einen Flagship-Store in New York entwickelt werden sollte, engagierten die beiden den avantgardistischen niederländischen Architekten Rem Kohlhaas. Sie entschieden sich für ihn, weil es als schwierig galt, mit ihm zu arbeiten. Inzwischen hat Kohlhaas verschiedene Projekte für Prada realisiert. Darunter einen vieleckigen Ausstellungsraum in Südkorea, den sogenannten Prada-Transformer, in dem zur Eröffnung Röcke ausgestellt wurden, die Miuccia Prada in den vergangenen zwei Jahrzehnten schneidern ließ. Es sind Entwürfe, bei denen sich Mode und Kunst erstaunlich nahe kommen. Aber von einer Intellektuellen, Feministin und Querdenkerin, die nie Designerin werden wollte, war auch nichts anderes zu erwarten.
Von Claudia Voigt

DER SPIEGEL 32/2012
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