06.08.2012

Von Clowns und Schwindlern

Warum einige Klischees über Italien und Deutschland doch stimmen - leider
De Carlo, 59, lebt als Schriftsteller in Mailand. Seine Bücher verkauften sich weltweit mehr als fünf Millionen Mal. Zuletzt erschien der Roman "Sie und Er" (Diogenes Verlag).
Vor vielen Jahren war ich im Juli in Siena, um mir den Palio anzusehen, das Pferderennen rund um die wunderbare, unregelmäßige Piazza del Campo, die von herrlichen mittelalterlichen Bauten umgeben ist. Dieses im 13. Jahrhundert entstandene Rennen wird zwischen 10 von insgesamt 17 "contrade" ausgetragen, die jeweils einem Stadtteil von Siena entsprechen. Vorher gibt es zur Einstimmung lange, ermüdende Paraden in historischen Kostümen, Fahnenschwinger, Musik und Chöre, die die ausländischen Touristen begeistern. Dann kommen die Pferde, und an der Startlinie beginnt ein undurchsichtiger Handel unter den Jockeys: eine Art Feilschen, Tauschangebote und sich kreuzende Vetos, während die Pferde immer nervöser scharren. Endlich geht es los: drei Runden in rasender Geschwindigkeit, halsbrecherische Kurven, mehrfache Stürze, ein Pferd, das sich ein Bein bricht, ein anderes, das ohne Jockey weiterrennt, Endspurt der völlig erschöpften Tiere. Schlagartig ist das Rennen vorbei, die Mitglieder der siegreichen "contrada" jubeln, die der unterlegenen Stadtteile vergießen Tränen.
Zwischen den rivalisierenden "contrade" gibt es aber nicht einfach einen sportlichen Wettkampf: Da ist Hass. Abgrundtiefer Hass, der sich am Ende des Rennens in Schlägereien und Prügel für die unterlegenen und vielleicht korrupten Jockeys entlädt. Zuletzt marschieren die Sieger triumphierend wie ein Eroberungsheer durch das historische Zentrum und überschütten die Besiegten mit lauten Drohungen. Ratlos beobachten die ausländischen Touristen die Szene, ohne recht zu begreifen, was eigentlich geschieht.
Nun, mir scheint, der Palio von Siena ist eine gute allegorische Darstellung Italiens. Fast alle Elemente sind vorhanden: die in der ganzen Welt bewunderten historischen Schönheiten, der Zauber des Schauplatzes, die leuchtenden Farben, die Eleganz und Schnelligkeit der Pferde, die geistige Wendigkeit und der Opportunismus der Jockeys, die Aufteilung in Fraktionen, der Widerstand gegen Veränderungen.
HÄUFIG GESCHIEHT ES, dass ich im Ausland Gemeinplätze über Italien höre, die mich heftig irritieren. Meist sind es Urteile aus zweiter Hand, wiedergegeben von Leuten, die keine direkte Kenntnis dessen besitzen, wovon sie sprechen. Diesen Klischees zufolge sind die Italiener phantasievoll, überschwänglich, fröhlich, galant, den Tafelfreuden zugetan - und grundsätzlich unzuverlässig, Improvisierer, Wendehälse, oberflächlich, oft unehrlich. Die Italiener wiederum pflegen ihre Klischeevorstellungen über die Deutschen: Diese seien großartige Organisatoren, tiefgründige Denker, hervorragende Mechaniker - und zugleich dumm, phantasielos, überheblich, unerbittlich im Verfolgen ihrer Pläne. Vielleicht enthalten diese Klischees einige Körnchen Wahrheit, aus denen sich auch die seltsame Bindung von Anziehung und Abstoßung speist, die seit Jahrhunderten zwischen unseren beiden Ländern besteht. Goethes Beschreibungen in seiner "Italienischen Reise" drücken vollendet die Mischung aus Faszination und Sorge aus, die ein deutscher Reisender, der unser Land besucht, noch heute empfinden kann.
Doch ist Italien - genau wie Deutschland - eine viel zu komplexe Realität, die sich nicht in wenige Klischees pressen lässt. Ja, in gewisser Hinsicht ähnelt es tatsächlich seinen gemeinsten Karikaturen. Mehr als einer echten Nation gleicht das Land einer Anhäufung separater Realitäten, mit einem hochindustrialisierten und superproduktiven Norden, einem Zentrum mit weitverzweigter, sehr aktiver und lebendiger Kleinunternehmerschaft, einer spektakulären und vorwiegend parasitären Hauptstadt - die ihrerseits parasitär vom Vatikan ausgenützt wird, der Ressourcen anzapft und sich pausenlos einmischt - sowie einem Süden, der unfähig ist, sich selbst zu verwalten, und sich zu einem großen Teil in der Hand krimineller Organisationen befindet. Dem Land fehlen Geschlossenheit und Nationalstolz. Was nicht verwundern dürfte, da seine Geschichte die Geschichte vieler Kleinstaaten mit unterschiedlicher Kultur, unterschiedlichen Charakteren und sogar verschiedenen Sprachen ist. So war es über Jahrhunderte, seit dem Fall des Römischen Reiches, unterbrochen nur durch Invasionen, Fremdherrschaften und Gebietsteilungen. Der Partikularismus und der Familismus sind so tief in der italienischen Mentalität verwurzelt, dass es schier unmöglich zu sein scheint, sie zu überwinden.
Zum Glück gibt es auch ein anderes Italien, das alles andere als unbedeutend ist. Es würde zu viel Raum erfordern, hier all die außerordentlichen Unternehmer, Architekten, Ingenieure, Designer, Modeschöpfer, Schriftsteller, Verleger, Automobildesigner, Chefköche, Weinproduzenten, Maler, Bühnenbildner, Ärzte, Wissenschaftler und Forscher Italiens aufzuzählen, die im Rest der Welt bekannt sind für ihre Begabung, ihren Erfindungsreichtum, ihren Geschmack und ihre brillante Intelligenz. Hinter den Ergebnissen, die sie täglich erzielen, stehen gewiss nicht nur mediterrane Phantasie und Improvisationstalent, sondern vor allem die Fähigkeit, große Ideen zu haben und sie mit unbedingter Entschlossenheit zu verfolgen, um hervorragende Ergebnisse zu erzielen, was nach den Klischeevorstellungen eigentlich eine eher "deutsche" Qualität sein müsste.
Diese Italiener werden immer unduldsamer gegenüber einer politischen Klasse von Gaunern, Ignoranten, unehrlichen und unfähigen Stümpern. Sie fühlen sich von ihr nicht im Geringsten repräsentiert und sprechen ihr die Fähigkeit ab, sich um das Land zu kümmern. Dennoch hat sich keiner von ihnen bisher entschieden, selbst in die Politik gehen, da die italienische Politik zu lange eine schmutzige, korrupte, kompromittierte Welt war, in der eine Art umgekehrte Artenauslese stattfindet, die stets garantiert, dass sich der Schlechteste durchsetzt. Man denke nur an Silvio Berlusconi, der fast 20 Jahre lang die Szene dominiert hat mit seinen Lügen, seinen Vulgaritäten, seinen Interessenskonflikten, seinen Gesetzen ad personam. Lange hat er behauptet, dass die internationale Krise unser Land nicht betreffe und dass es sich jedenfalls um ein Phänomen psychologischen Ursprungs handele.
In Wirklichkeit hatte er keine Zeit, mit qualifizierten Wirtschaftsberatern zu sprechen, weil er die Vormittage mit seinen Anwälten, die Nachmittage am Telefon mit seinen Kupplern und die Nächte bei "eleganten Abendessen" und "Burlesque-Shows" mit Tänzerinnen und Möchtegern-Schauspielerinnen verbrachte, die mit Geldgeschenken und manchmal auch mit öffentlichen Ämtern belohnt wurden.
Bis die Alarmsignale im vergangenen November sehr schrill wurden. Das Wort "spread" tauchte in allen Nachrichtensendungen auf, neben Grafiken, die eine immer furchterregendere Divergenz zwischen der Rendite deutscher und italienischer Staatsanleihen zeigten, 450 Punkte, 500, 600: Jeden Tag schien der Abgrund des italienischen Bankrotts näherzurücken. Die Italiener waren erschrocken und die führenden Politiker der anderen Länder ebenso, denn eines war klar, wenn Italien abstürzte, würde es den Rest der westlichen Welt mitreißen. Aus der ganzen Welt und dem gesunden Teil Italiens kam die dringende Forderung, der alte Lügner solle abtreten. Es war surreal, eines Morgens aufzuwachen und, ohne zur Wahl gegangen zu sein, den nüchternen, präzisen Professor Mario Monti vorzufinden, der sich mit seinem Expertenteam an die Arbeit machte, um einige Dinge zu erledigen, die Italien seit Jahrzehnten hätte tun müssen, und so die internationale Glaubwürdigkeit Italiens wiederherzustellen. Zumindest teilweise, glaube ich, gelingt es ihm, und das ist schon viel, in Anbetracht der wenigen Monate, die seitdem vergangen sind.
DOCH MONTI IST NICHT gewählt worden, und seine Regierungszeit wird nur bis 2013 dauern, danach stehen Neuwahlen an. Was wird passieren? Schwer zu sagen. Berlusconi ist keineswegs verschwunden, im Gegenteil, er ist fest entschlossen, auf die Bühne zurückzukehren, gleichgültig, wie viel Schaden er seinem Land noch zufügt. Keiner aus seiner Partei wird je von ihm fordern können abzutreten, denn es handelt sich um eine Privatpartei, die Berlusconi besitzt, als wäre sie ein Fußballverein oder eines der vielen Unternehmen seines Imperiums. Die Linke ist unsicher, eine Gefangene ihrer verschiedenen Komponenten, und hat keine echte Vision. Die Parteien der Mitte warten ehrgeizig und opportunistisch ab, wie sich der Wind dreht. Der Schauspieler, Blogger und Polit-Aktivist Beppe Grillo verleiht dem allgemeinen Abscheu vor der existierenden Politik sehr wirksam Ausdruck, ist aber jenseits seiner Invektiven gänzlich unfähig, ein überzeugendes Programm zu formulieren, schließlich ist er von Beruf Komiker.
Italien scheint zu schwanken zwischen dem Wunsch nach Veränderung, der Versuchung, erneut die Augen vor der Realität zu verschließen, und dem Willen, den von Monti eingeschlagenen Kurs fortzusetzen. Wie es unter solchen Umständen häufig der Fall ist, erfinden manche äußere Feinde, die man der öffentlichen Meinung präsentieren kann, hauptsächlich, um die eigene Schuld zu vertuschen: die großen internationalen Banken, die Rating-Agenturen, die Regierung Merkel, das böse, arrogante Deutschland. Nur die dümmsten und kurzsichtigsten Italiener glauben wirklich daran. Die anderen wissen, dass das Land unbedingt seine alten Probleme angehen und lösen muss, um voranzukommen. Italien besitzt auf der Welt einzigartige Kunstschätze und kulturelle, handwerkliche, industrielle und landschaftliche Reichtümer, die es schützen und weiter erschließen muss, indem es sie aus den Zwängen der Bürokratie, der Kammern und Verbände, der Korruption und der veralteten Gepflogenheiten befreit.
In Wirklichkeit wäre die Bühne frei für eine neue politische Formation von sauberen, kompetenten, unbelasteten Personen, die fähig sind, das Potential Italiens zu entwickeln und sich mit dem Rest der Welt zu messen. Würde bei den nächsten Wahlen eine solche Partei auftreten, würde ich sie wählen und sehr viele Italiener ebenso, glaube ich. Wird es so kommen? Oder werden die Zirkusclowns und die Fernsehschwindler erneut die Bühne besetzen? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass der größte Teil der Italiener froh ist, zu Europa zu gehören, und nicht den geringsten Wunsch hat, auszuscheiden. Sie sehen Europa als Garantie, als Mittel gegen die Provinzialität, als Chance für einen weiteren Horizont, für Austausch und Bereicherung.
Was mich betrifft, ich beobachte, schreibe meine Romane und pflege weiter die Kunst, mit leichtem Gepäck zu reisen. Ich halte den Koffer, die Computertasche und die Hülle für meine Mandoline bereit. Auch ein Klischee, nicht wahr, ein Italiener, der Mandoline spielt? Allerdings ist es eine kanadische Mandoline, die ganz anders klingt als die neapolitanischen.
Von Andrea De Carlo

DER SPIEGEL 32/2012
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