06.08.2012

Die Schwaben Italiens

Der Veneto, zwischen Alpen und Adria gelegen, ist das Kraftwerk der italienischen Wirtschaft. Hier sind Familienbetriebe wie Benetton, Geox oder De'Longhi zu Hause. Kann die Erfolgsregion dem Land als Vorbild dienen?
Das Mahlwerk krächzt, die Pumpe summt, dann fließt der Espresso, und Fabio De'Longhi beginnt zu erklären, worauf es bei der Zubereitung eines ordentlichen Kaffees ankommt: auf die Bohne, die Dosierung, das Wasser, die Temperatur und, ganz klar, auf die Maschine. Dann greift er sich einen Plastikbecher. Einen Plastikbecher? "Darin bleibt er länger warm", sagt er entschuldigend.
De'Longhi, Chef des gleichnamigen Herstellers von Espressomaschinen, steht im Vorzimmer seines Büros und bedient sein bestes Stück: einen Vollautomaten mit Farbdisplay und regelbarer Milchschaumkonsistenz, von flüssig bis cremig. Ladenpreis der "Prima Donna Exclusive": 1999 Euro. Der Mann aus Treviso ist Italiens Vorzeigeunternehmer, 43 Jahre alt, gutaussehend, der Typ, der gern das Sakko ablegt und die Ärmel seines Maßhemdes hochkrempelt. Seit 2001 steht er an der Spitze des Unternehmens.
Sein Vater Giuseppe De'Longhi hatte den Betrieb aufgebaut, der Sohn machte ihn dann zum Weltmarktführer: mit rund 1,8 Milliarden Euro Umsatz im Jahr 2011, gut zehn Prozent mehr als im Vorjahr. Beim Gewinn legte er um fast 20 Prozent zu. Ähnlich erfolgreich soll es dieses Jahr weitergehen - mitten in der Krise Europas und speziell Italiens.
De'Longhi gehört zu einer Reihe von Unternehmen, die tief verwurzelt sind im Veneto, der Gegend zwischen Venedig, Padua und Belluno im Nordosten des Landes. Es sind Familienbetriebe, die oft erst seit zwei Generationen existieren, aber bereits Weltgeltung erlangt haben.
Die Textildynastie Benetton hat hier ihren Stammsitz, ebenso der Schuhfabrikant Geox, die Modehersteller Replay und Stefanel, aber auch Luxottica, Weltmarktführer im Brillengeschäft mit Marken wie Ray-Ban oder Persol. Solche Unternehmen sorgen dafür, dass der Veneto, vor allem die Provinz Treviso, so gut dasteht wie kaum eine andere Gegend Italiens. Nirgendwo im Land ist die Unternehmensdichte höher und fast nirgends die Arbeitslosenquote niedriger: Die Rate liegt kaum über sechs Prozent. Jeder Veneter erwirtschaftet durchschnittlich ein Bruttoinlandsprodukt von fast 30 000 Euro pro Jahr. Zum Vergleich: In Kampanien, am Golf von Neapel, sind es weniger als 17 000 Euro.
Während der Rest Italiens in der Rezession versinkt und Arbeitslosigkeit der jungen Generation die Perspektive raubt, scheint die Region im Norden entkoppelt zu sein von der Malaise des Landes. Ein Wirtschaftswunder hat sich hier in den vergangenen Jahrzehnten ereignet, aber was steckt dahinter? Wie gelingt den Unternehmern dieser Erfolg ausgerechnet am verrufenen Standort Italien - mit seinen lahmen Behörden, der ausufernden Bürokratie und den ständigen Streiks?
Manche meinen, der Reichtum dieses Landstrichs wurzele in der Geschichte der Republik Venedig, die im Spätmittelalter als wichtigste Handelsmacht zwischen Ost und West galt. Andere betrachten die Nähe zu potenten Nachbarn als entscheidend: zu Österreich und Deutschland im Norden, Slowenien und Kroatien im Osten, zur Lombardei und zum Piemont im Westen.
Alessandro Vardanega, 47, Präsident des Industrieverbands von Treviso, sieht es so: Das Zusammenwirken von Geschichte und Geografie habe einen Menschenschlag mit einer besonderen Geisteshaltung hervorgebracht.
Die Veneter seien Vollblutunternehmer, schwärmt der Industriepräsident; sie arbeiteten diszipliniert, seien flexibel und bereit, Risiken einzugehen. Mit diesen Voraussetzungen seien sie im Veneto zu Wohlstand gekommen. Wo früher der Vorgarten Venedigs lag, zwischen Alpen und Adria, wollten junge Leute in den sechziger und siebziger Jahren etwas Neues starten, eine Zukunft jenseits der Landwirtschaft. Einige wanderten aus, nach Amerika, Australien oder auch Deutschland. Andere gründeten kleine Betriebe, ihre Familien bildeten das Rückgrat der Produktion.
Onkel und Tante, Opa und Oma, alle halfen mit, auch samstags und sonntags. "So konnten die Unternehmen die Kosten niedrig halten", erklärt Vardanega, der selbst einen Familienbetrieb führt, eine Ziegelproduktion mit 270 Mitarbeitern.
Es sind besondere Eigenheiten, die die Unternehmen der Region auszeichnen. Sie sind hoch spezialisiert: Bei Texa zum Beispiel, einer Hightech-Firma, die Autodiagnosegeräte entwickelt, führt fast die Hälfte der Mitarbeiter einen Promotionstitel. Sie treten geballt in sogenannten Clustern auf: In Montebelluna, am Fuße der Alpenausläufer, konzentriert sich die Ski- und Outdoor-Schuhbranche; von dort aus kontrollieren die Unternehmen zwei Drittel der Weltproduktion.
Und sie sind fokussiert auf das Ausland: Der Veneto exportiert wertmäßig mehr Waren als ganz Portugal in seinen besten Zeiten. De'Longhi verkauft fast 90 Prozent seiner Espressoautomaten außerhalb Italiens. Deutschland ist der größte Auslandsmarkt, fast jede dritte Maschine stammt hierzulande von De'Longhi.
Hergestellt werden sie im Werk in Mignagola, wenige Kilometer von der Unternehmenszentrale entfernt. Rund 600 Beschäftigte sind hier tätig, sie arbeiten in zwei Schichten; eine Nachtschicht einzuführen, lehnt De'Longhi ab, die Zuschläge sind ihm zu hoch. Der Unternehmer expandiert lieber woanders: Er hat im rumänischen Cluj die Fabrik von Nokia gekauft.
Der schwächelnde Handy-Hersteller hatte zuerst das Werk in Bochum geschlossen und die Fertigung nach Rumänien verlagert; dann machten die Finnen auch den Standort in Cluj dicht. "Es war eine günstige Gelegenheit für uns", sagt Fabio De'Longhi. Die Arbeitskosten seien dort um gut 75 Prozent niedriger.
Rumänien ist das bevorzugte Ziel vieler Betriebe aus dem Veneto. Die Fertigung in Cluj helfe dabei, die Arbeitsplätze in Treviso zu sichern, argumentiert De'Longhi. Genauso hätte es auch ein Vorstandschef von Bosch oder ein Geschäftsführer von Miele formulieren können.
Es offenbaren sich verblüffende Parallelen zwischen venetischem Unternehmertum und deutschem Mittelstand: Hier wie dort verfolgen Familienbetriebe die Strategie, auf dem Weltmarkt Nischen auszumachen und zu besetzen. Die deutsche Volkswirtschaft ist berühmt für ihre "Hidden Champions", Weltklasse-Unternehmen, die in der Provinz beheimatet sind: auf der Schwäbischen Alb zum Beispiel oder in Ostwestfalen-Lippe. In Italien konzentrieren sich diese heimlichen Marktführer auf die nordöstlichen Landstriche. Der Veneto ist gewissermaßen das Schwaben Italiens - und Treviso das Stuttgart der Region.
In der Stadt, etwa 25 Kilometer nordwestlich von Venedig, deuten die mit Fresken prächtig verzierten Bürgerhäuser auf gediegenen Wohlstand hin. Romantische Wasserwege durchziehen das historische Zentrum, in den Laubengängen offerieren die Baristi Prosecco von den Weinbergen der Region. Und doch kann die Stadt zuweilen ganz unitalienisch wirken: Niemand hupt, keiner schimpft, alles ist picobello sauber, sämtliche Parkplätze der Innenstadt sind durchnummeriert.
An der Politik kann es kaum liegen, dass es in der Gegend auffallend geordnet zugeht und sich das Unternehmertum so weltoffen zeigt. Seit zwei Jahrzehnten ist die separatistische Lega Nord eine relevante Kraft in der Stadt, Parteigrößen wie Luca Zaia oder Giancarlo Gentilini kommen aus der Gegend.
Zaia war einst Agrarminister in der Regierung von Silvio Berlusconi und erregte Aufsehen damit, dass er seinen Bürgern den Konsum der Ananas ausreden wollte - Italiener sollten mehr italienische Produkte essen. Und Gentilini, ehemaliger Bürgermeister von Treviso, schlug vor, illegale Immigranten in Hasenkostüme zu stecken, "damit die Jäger etwas zum Üben haben".
Solche Politik steht den Unternehmen nicht zur Seite, sondern im Wege: Die Firmen reüssieren trotz aller politischen Widrigkeiten. Sie sind es gewohnt, dass ihnen der Staat das Leben schwermacht.
In einer Umfrage der Deutsch-Italienischen Handelskammer in Mailand klagen deutsche Firmen mit Niederlassung in Italien zunehmend über den Mangel an politischer Stabilität im Land und über die Ineffizienz der Verwaltung. Der Anwältin Paola Nardini, 52, sind solche Nöte vertraut. Auf den Ämtern herrschten "byzantinische Verhältnisse", schimpft sie.
Nardini residiert in der Villa Canossa, einem venetischen Herrenhaus des 17. Jahrhunderts bei Treviso; der Palast dient heute als Repräsentanz der Deutsch-Italienischen Handelskammer, der Nardini angehört. Dann gibt die zierliche Frau ein Beispiel dafür, was sie unter "byzantinischen Verhältnissen" versteht.
Vor 22 Jahren habe sie für einen Mandanten ein Zivilverfahren vor dem Gericht in Venedig angestrengt. Dann sei sie mit dem Fall durch die Instanzen gegangen, jahrein, jahraus, ohne dass ein Prozessende absehbar war. Kürzlich nun habe das Gericht die Hauptverhandlung anberaumt: für das Jahr 2015. "Ein Glück, dass ich noch jung genug bin", bemerkt Nardini sarkastisch.
Was die Effizienz des Rechtssystems angeht, liegt Italien im Vergleich zwischen 142 Staaten auf Platz 133, selbst im Veneto mahlen die Mühlen der Justiz nicht schneller als sonst wo im Land.
Dass die Wirtschaft dort keinen größeren Schaden davonträgt, liegt vor allem daran, dass die Bedeutung Italiens als Absatzmarkt für ihre global agierenden Familienbetriebe abnimmt. In erster Linie investieren die Veneter im Ausland. Deshalb tangiert es sie nicht so sehr, dass das Land immer tiefer in die Krise rutscht.
Der Maschinenbauer De'Longhi zum Beispiel möchte als Nächstes die Vereinigten Staaten ins Visier nehmen. Dort habe die Kaffeehauskette Starbucks den Weg bereitet, Amerikaner mit anständigem Kaffee vertraut zu machen. "In vielleicht zehn Jahren", erwartet er, "wird der US-Markt bereit sein für Espresso."
Der Weltmarkt bietet offenbar auch künftig genügend Chancen für die Hidden Champions aus dem Veneto. Aber könnte ihre Strategie dann nicht als Vorbild für ganz Italien dienen? Wäre es möglich, das Modell etwa auf die Städte Neapel, Bari oder Palermo zu übertragen?
Der Industriefunktionär Vardanega schüttelt den Kopf. "Impossibile", antwortet er, dazu sei die Mentalität der Menschen einfach zu verschieden.
Bezeichnend ist für Vardanega, wie unterschiedlich sie mit den Folgen von Naturgewalten umgingen. Ende Mai erschütterten mehrere heftige Erdbeben die Emilia Romagna, Ausläufer waren noch im Veneto zu spüren. Die Bürger zögerten nicht und bauten zerstörte Häuser im Handumdrehen wieder auf, erzählt er.
Die Menschen im Süden dagegen reagierten in solchen Situationen ganz anders: "Sie warten auf Hilfe."
Von Alexander Jung

DER SPIEGEL 32/2012
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