06.08.2012

Das Fiasko von Siena

Die älteste aktive Bank der Welt, Monte dei Paschi, brauchte 535 Jahre, um ihren Reichtum anzuhäufen. Drei Krisenjahre genügten, um ihn zu verspielen. Eine toskanische Idealstadt erlebt den Einbruch der Wirklichkeit ins Idyll - nicht anders als derzeit das ganze Land.
Valentina bleiben jetzt noch genau - "Moment: 22 Stunden". Dann ist die Zukunft vorbei. Morgen um 18 Uhr muss - "müsste!", sagt Valentina - sie die Unterlagen bei der italienischen Fußballvereinigung abgeben, um ihren Verein in der Serie A anzumelden. Es wäre der Triumph. Der verdiente Abschluss nach einer Saison, in der sich Sienas Frauenfußballerinnen zum ersten Mal für den Aufstieg in die höchste Liga qualifizieren konnten.
Die Unterlagen rechtzeitig in Rom abzuliefern wäre nicht das Problem gewesen. Aber die 17 000 Euro Einschreibegebühr. Der traditionelle Sponsor ist abgesprungen, "eine interne Entscheidung", stand auf dem Fax. Darüber der Briefkopf mit den drei Bienenkörben: "Stiftung Monte dei Paschi". Und weiterhin viel Erfolg.
Valentina Lorenzini ist die Trainerin, Masseurin, Organisatorin von "Siena calcio femminile". Eine 43-jährige stämmige Person, die nicht begreifen will, dass etwas endgültig zu Ende ist in ihrer Stadt. "Wir haben gewonnen und können nicht aufsteigen. Wie krank ist das denn?"
Aber noch bleibt ja Zeit. Es ist 20 Uhr. Vielleicht findet sich noch jemand.
Bisher war es immer so in Siena. Dieser toskanischen Idealstadt, in der noch die Rinnsteine aussehen, als hätte Bernini sie gemeißelt. Eine Kommune, über der Jahr für Jahr der Gewinn einer Großbank, der Monte dei Paschi di Siena (MPS), ausgeschüttet wurde wie eine Eisenbahnladung Manna. Mal 150 Millionen, mal 200 Millionen Euro. Und das bei einer Einwohnerzahl wie der von Sindelfingen.
Siena galt immer als die glückliche Ausnahme in Italien. Eine Art toskanisches Tübingen, mit funktionierenden Krankenhäusern, Mülltrennung und Gratisbussen für die Schulen. Und jetzt reicht es nicht einmal mehr für die Anmeldung zur Serie A. Jetzt sind die Kassen leer, die Großbank muss sich Geld borgen, die Eliten haben versagt, und ein Kommissar hat in der Stadt das Kommando übernommen: Von der Ausnahme ist Siena zum Abbild Italiens geworden.
Die meisten hier empfinden das nicht als Kompliment.
Das hat etwas mit der Schuldenkrise zu tun, etwas mit dem italienischen Staat und sehr viel mit Siena beziehungsweise der Tatsache, dass jetzt, um 20 Uhr, einige hundert Sieneser mit falschen Timoschenko-Zöpfen und Schnullern im Mund über den Campo ziehen, trommelnd und blau-weiße Fahnen schwenkend.
Das ist "Onda", die Welle. So heißt der Altstadtbezirk gleich hinter dem Rathaus, der das letzte Pferderennen, den Palio, gewonnen hat. Eine gute Woche ist das her, aber gefeiert wird immer noch, mit Banketten auf der Straße, und weil das siegreiche Pferd Iwanow hieß, tragen die Frauen diese Zöpfe einer Ukrainerin, deren Name ja auch irgendwie russisch klingt, und Schnuller, weil das ganze Viertel durch den Sieg neu geboren ist.
Auch Valentina, die Trainerin, gehört zur Welle. Sie wurde als Welle, als "Onda", getauft, und eines fernen Tages wird sie in der Wellen-Kirche aufgebahrt sein. So ist das hier.
Die 17 Bezirke, die "Contrade", gelten als das Geheimnis der Stadt. Sie tragen Namen aus dem Mittelalter, Giraffe, Schnecke, Einhorn, haben eigene Tauf- und Sterberituale, ihre Flaggen, Symbole, Zeitungen, ihren "capitano" als Anführer. Im "Corriere di Siena" gibt es eine tägliche Seite nur über die Contrade.
Für die einen ist das eine beispielhafte Form kommunaler Demokratie, die unter anderem dafür gesorgt hat, dass Siena eine sehr niedrige Kriminalitätsrate hat. Für die Kritiker sind die Contrade vor allem ein Interessengeflecht im Folklore-Look, um möglichst viel Geld aus dem Füllhorn der Bank für sich abzuziehen.
Beide Auffassungen schließen sich nicht aus. Unbestritten ist, dass die Contrade kaum so gut funktioniert hätten ohne einen Zugriff auf den Gewinn der drittgrößten Bank Italiens. Kommune und Provinz Siena besetzen den Verwaltungsrat der Stiftung MPS, die Fondazione ist Mehrheitsaktionär der Bank MPS.
"Siena ist in den Händen einer Oligarchie, die sich die Posten zuschiebt", sagt Raffaele Ascheri. Ein wütender Schullehrer, altes Wellen-Geschlecht, der als "eretico di Siena", als Ketzer von Siena, ein Blog betreibt und in diversen selbstverlegten Büchern das Bild einer Stadt zeichnet, in der gewendete Christdemokraten, gewendete Kommunisten und Contrada-Kapitäne um die Pfründen kungeln.
Des Ketzers Lieblingsfeind ist Giuseppe Mussari, nicht nur für ihn der Mann, der Siena ins Fiasko geführt hat: "Noch nicht einmal richtiges Englisch versteht er, geschweige denn die Kunst des Bankwesens." Mussari war lange Jahre Vorsitzender der Fondazione und bis April Präsident der MPS. Jetzt sitzt er dem italienischen Bankenverband ABI vor.
Jahrelang war die Stadt zufrieden mit diesem Mussari. Außerordentlich zufrieden sogar. Ob es die Züchtung bedrohter Maremma-Rinder war, Krankentransporte oder das Bürgerbankett des Bezirks "Giraffe" - "la banca" bezahlte. 233 Millionen Euro für 2008, 180 Millionen im folgenden Jahr. In 15 Jahren wurden rund zwei Milliarden Euro vergeben. In einer Stadt mit 55 000 Einwohnern.
Es war so ähnlich wie in den Scheichtümern der Golfregion. Die Bürger brauchten nur ihren Antrag zu stellen, und meistens wurden ihre Träume wahr: Siena Biotech, ein pharmakologisches Forschungszentrum. Eine Schnellstraße nach Florenz. Ein Reliquiar von Francesco di Vannuccio. Eine Donatello-Ausstellung. Schulbusse. Ein Schwimmbad. Alles wichtige und gute Dinge.
Selbst im Krisenjahr 2010 wurden noch 109 Millionen verteilt. Im Jahr darauf dann: "Niente. Nichts mehr. Nur die laufenden Projekte." Das sagt der Herr von der Fondazione MPS, der nicht genannt werden möchte, denn jedes Wort könnte den Börsenwert weiter in die Tiefe treiben. Er sitzt im Palazzo der Stiftung, Fresken an den Wänden, im Sitzungszimmer eine Venus von Domenico Beccafumi.
Wie lange wird die Dame dort noch hängen? Zu Jahresbeginn war die Fondazione noch mit einer Milliarde Euro verschuldet, großteils bei internationalen Finanzhäusern wie J. P. Morgan und Crédit Suisse, die sich nicht vertrösten lassen. Da ist keine Kunstsammlung mehr sicher.
Der Sündenfall und die Vertreibung aus dem Paradies werden jetzt, im Nachhinein, auf das Jahr 2007 datiert. Es war die Zeit der Fusionen. Kleine Geldhäuser wie die "Monte", so hieß es überall, hätten auf dem globalen Finanzmarkt keine Chancen mehr. Auch nicht, wenn sie seit 1472 im Geschäft sind und schon Kredite vergaben, als Kolumbus noch das Segeln lernte.
Als die niederländische Großbank ABN Amro zerschlagen wurde, ging die italienische Filialbank Antonveneta, mit Sitz im reichen Nordosten des Landes, an die spanische Großbank Santander. Die Spanier wollten verkaufen und hatten vom französischen Geldhaus BNP Paribas ein Angebot für Antonveneta von rund sieben Milliarden Euro bekommen.
Die Sieneser boten ungefragt zwei Milliarden mehr. Ein Liebhaberpreis. Gezahlt von Leuten, die offenbar wenig von Finanzmärkten, aber viel von der Geschichte des Palio, von Contrade und anderen Machtzirkeln verstehen. Die Stadtverwaltung gab ihren Segen. "Es wird große Vorteile für die Aktionäre geben", erklärte für die Linksdemokraten der spätere Bürgermeister Franco Ceccuzzi. Das war im November 2007.
Wenige Wochen zuvor war in Großbritannien die Bank Northern Rock in Refinanzierungsschwierigkeiten geraten. Ein halbes Jahr später war die Finanzkrise in vollem Gange, der Kurs von MPS auf steilem Kurs nach unten. Den Kauf von Antonveneta finanzierte MPS auch durch eine Kapitalerhöhung von fünf Milliarden Euro, aufzubringen von den Aktionären. Also vor allem vom Großaktionär, der Fondazione MPS. Die Stiftung musste über zwei Milliarden Euro lockermachen, um den Kauf der Antonveneta mitzufinanzieren.
Dazu kommt, dass die MPS viele Italo-Bonds, langfristige italienische Staatsanleihen, besitzt. Über 25 Milliarden Euro. Und diese Papiere gelten nicht unbedingt mehr als Sicherheit. Die US-Rating-Agentur Moody's hat Mitte Juli die Kreditwürdigkeit Italiens noch einmal heruntergestuft.
Die Europäische Bankenaufsicht hatte zudem bei ihrem Stresstest eine Kapitallücke bei der MPS festgestellt und bestand auf einer um 3,2 Milliarden Euro höheren Eigenkapitalquote. Das war der Punkt, an dem die Stiftung aussteigen musste. Die Fondazione entschied sich, 15 Prozent der Bank zu verkaufen. Eine Revolution.
Ein Desaster.
"Ein schwieriger Moment. Aber er wird vorbeigehen." Das sagt Franco Ceccuzzi, bis vor kurzem Bürgermeister von Siena. Bis ihm ein Teil seiner Mitte-links-Koalition die Zustimmung zum Haushalt verweigerte. Derzeit regiert ein Kommissar aus Rom das stolze Siena. "Es war Verrat. Von Leuten, denen mein Neuanfang nicht behagt", sagt Ceccuzzi. Er ist ein 45-Jähriger mit auffällig starren Rehaugen, ein Sohn der "Roten Toskana", Abkömmling kommunistischer Landarbeiter.
"Es war ein Fehler, als Kommune die Mehrheit der Aktien kontrollieren zu wollen", gibt Ceccuzzi zu. "Das hat die Stiftung finanziell überfordert, als die Finanzkrise kam." Über ihm hängt ein Porträt von Robespierre. Es ist das Logo der Agentur, die für Ceccuzzi die Öffentlichkeitsarbeit macht. "Eine öffentliche Verwaltung", sagt er, "kann sich kaum selbst kontrollieren. Wie dann so etwas Kompliziertes wie eine Bank?"
Tja. Moody's stufte die ehrwürdige MPS im Mai noch einmal herunter, mit "negativen Aussichten". Ende Juni erwirkte der neue Generaldirektor Fabrizio Viola einen weiteren Staatskredit von fast zwei Milliarden Euro. Die MPS ist das erste italienische Geldinstitut, das Staatshilfen in Anspruch nehmen musste.
Fabrizio Viola ist ein Banker aus Mailand, rundlich und kahl, gewiss kein Mann für Talkshows, und genau deswegen ist er als neuer Generaldirektor bestellt worden. Vor allem aber ist Viola kein Sieneser. Er ist der Retter von außen, eine Art Kommissar. Der Monti der "Monte". "Wir bleiben eine Bank, die ihr Kreditgeschäft in der traditionellen Weise ausübt, eine Bank, die in ganz Italien verwurzelt ist", sagt Viola. Und bittet darum, klar zwischen Bank, Stiftung und Kommune zu trennen.
Hinter ihm zeigt ein Fresko eine apokalyptische Szene, sich windende halbnackte Gestalten, die ihre Arme in Verzweiflung emporrecken. "Das hat nichts zu sagen", sagt Viola. "Ich möchte auch die strategischen Entscheidungen meiner Vorgänger nicht kommentieren, sondern lieber in die Zukunft schauen. Damals bestand wahrscheinlich ein besonderer Wille, eine Bank wie die MPS zu vergrößern, um weiterhin auf nationaler Ebene konkurrenzfähig zu bleiben."
Er habe zusammen mit der Kommune einen Sanierungsplan beschlossen: "Der wird für manchen schmerzhaft sein. Aber gewiss nicht nur für die Sieneser."
400 Filialen sollen bis 2015 geschlossen werden, das ist fast jede siebte, Prämien gestrichen und 4600 Beschäftigte entlassen werden. Damit will Viola 630 Millionen Euro einsparen.
Nun ist Siena kaum in Gefahr, das Neapel der Toskana zu werden. Die Touristen werden weiterhin in Scharen kommen, solange der Dom steht, der Turm der Kommune seinen schlanken Schatten auf die Ziegel des Campo wirft und zweimal im Jahr der Palio seine Runden dreht. Aber ohne "la banca", den Sugar-Daddy für alle Fälle, ist jenes Grundvertrauen geschwunden, dass alles rundlaufen würde in der Stadt.
Die Kranken- und Altentransporte sind nicht mehr gratis. Siena Biotech musste für einen Großteil der Angestellten einen Sozialplan beantragen. Die Universität steht tief in den roten Zahlen und wird wohl Institute schließen. Erstmals seit Jahren kam es im Frühjahr zu wütenden Umzügen in der Altstadt, die nichts mit dem Palio zu tun hatten.
"Es war zuerst wie eine Panik", sagt Caterina Barbetti, Präsidentin der Kinderclubs Giocolenuvole. Sie hat ihre Gratisangebote gerade streichen müssen. "Die Leute hatten sich daran gewöhnt, dass Blutanalysen gratis waren, dass es Schulbusse gab und die Kinder im Sommer nur vor der Frage standen, ob sie segeln oder reiten wollen. Das ist vorbei."
Sie fürchtet, dass sich nur noch die Bessergestellten die öffentlichen Dienste werden leisten können. Denn bis jetzt hatte die Stadt die Zuschüsse der Bank in den normalen Haushalt eingeplant. So sei der Einbruch der Wirklichkeit ins Sieneser Idyll auch nicht nur schlecht: "Wir müssen uns jetzt mehr auf uns selbst verlassen."
Es gibt in der Provinz Siena nicht weniger als 330 Freiwilligenvereine mit 27 000 aktiven Mitgliedern. Das soziale Netz ist fest gewebt und belastbar. "Wir können mit der Krise besser umgehen als andere Städte", meint Simone Pellegrini, die Referentin für Wohlfahrt, Bildung und Arbeit. "Es gibt nicht nur die Solidarität der Contrade. Es gibt Spenden für alles. In Siena kann man auch mit weniger Geld in Würde leben."
Auch das ist etwas, was Siena mit Italien gemein hat - und was es gewiss von Deutschland unterscheidet: Ein wirtschaftlicher Einbruch führt nicht notwendig zu einer sozialen Krise.
Franco Ceccuzzi, der zurückgetretene Bürgermeister, steht für ein Foto noch auf der Straße, die Ziegel sienabraun leuchtend in der Nachmittagssonne. Die Frist für die Anmeldung zur Serie A ist gestern Abend abgelaufen. Im Viertel der Onda stehen schon die Tische fürs nächste Bürgerbankett. Das Leben geht weiter. Auch Franco Ceccuzzi wird sich wieder bewerben. Die Partei stünde hinter ihm.
"Kommen Sie doch zum nächsten Palio im August", sagt er. Und wie ein Reflex folgt der Satz: "Die Bank lädt Sie ein."
Von Alexander Smoltczyk

DER SPIEGEL 32/2012
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