06.08.2012

„Ich bin der Jesus Christus der Politik“

Seit fast zwei Jahrzehnten hat Silvio Berlusconi Italien im Griff. Seine Gegner hassen, seine Anhänger vergöttern ihn. Nun will der peinliche alte Mann zurück ins Rampenlicht.
Ich steige wieder in den Ring", sagt er. Seine Partei will er retten, "ohne mich versinkt die".
Auch das Land brauche ihn dringender denn je. Sein "Opfer für Italien" - der erzwungene Rücktritt im November - sei vergebens gewesen, unter seinem Nachfolger Mario Monti habe sich "gar nichts gebessert".
Davon, "dieses Scheißland zu verlassen", ist nun keine Rede mehr. Es geht angeblich nicht anders, er muss wieder ran.
Daher joggt er und hält Diät, um besser in Form zu kommen, tüftelt an einem neuen Namen für sein "Volk der Freiheit", wie die Partei derzeit heißt, und sucht nach Verbündeten in Politik und Wirtschaft. Er werde, sagt er, "eine Galaxie der neuen rechten Mitte bauen". Und niemand lacht in Bella Italia.
Silvio Berlusconi, 75, drängt wieder nach vorn. Abgesagt sind die für den Herbst geplanten innerparteilichen Vorwahlen zur Kür des aussichtsreichsten Kandidaten. Abgeräumt ist auch der von ihm persönlich ausgesuchte Nachfolger als Parteichef. Angesagt ist eine neue "liberale Revolution".
Ratlos verfolgt der Rest der Welt die neue Show des alten Zampano: Wieso haben die Italiener diesen schrecklichen Menschen nicht längst endgültig zum Teufel gejagt? Wie kann es sein, dass halb Italien von einem Comeback redet?
Berlusconi, sagt Romano Prodi, der Wirtschaftsprofessor, der ihn mit einer Mitte-links-Koalition einmal für zwei Jahre vom italienischen Chefsessel vertrieben hat, "verkörpert all jene, die in zweiter Reihe parken. Und das ist in Italien die Mehrheit. Diese Menschen sind allergisch gegen Gesetze". Und dank Berlusconi müsse sich dafür keiner mehr schämen.
Gewiss, auch viele Italiener finden Berlusconi peinlich, seine Witzchen, seine Skandale, seine Politik, die Italien wirtschaftlich an den Rand des Ruins geführt hat - den kleinen Mann, der sich mit acht Zentimeter hohen Absätzen größer machen, sich mit Haartransplantationen vor der Glatze retten will, sich von käuflichen Damen mit "amore" und "darling" anreden lässt, was jeder, der will, hören kann. Die Telefonmitschnitte stehen im Internet. Viele Italiener hoffen in der Tat, dass es endlich vorbei sein möge.
Doch der "Cavaliere", wie er sich anreden lässt, hat offenbar ganz anderes vor. Er braucht ja weiter politische Macht, etwa um sein Medienreich zu stabilisieren. Das bröckelt, vor allem seit er nicht mehr der Chef in Italien ist. Und er braucht Zeit, um seine juristischen Probleme zu lösen. Ministerpräsident muss er dazu nicht unbedingt werden. Aber zumindest mächtig genug, um im Parlament eine Sperrminorität zu haben, ein Machtpotential für den Notfall. Dafür tritt er wieder an. Nach bewährter Manier und mit den gleichen Sprüchen.
"Es gibt nur mich. Nur ich kann alles retten", rief er schon vor ein paar Wochen seinen Anhängern zu. Plötzlich ist Regierungschef Monti nicht mehr "ein Bürgerlicher wie wir", sondern auch einer von denen, die es nicht können. Eine schlichte Botschaft für den Weg aus der Krise hat Berlusconi ebenfalls: Die italienische Notenbank wird Geld drucken, Lire notfalls, damit kann man alles bezahlen!
Das Volk teilt sich in fanatische Anhänger und glühende Gegner, "er ist der Meistgeliebte und Meistgehasste", sagt der Sozial- und Politikwissenschaftler Ilvo Diamanti. In fast jeder politischen Diskussion geht es weiterhin vorrangig um dasselbe Thema: Berlusconi. Der Mann ist omnipräsent.
Auch im Netz. Auf seiner Facebook-Seite hat er über 430 000 "Gefällt mir"-Klicks gesammelt. Sein Gegenspieler, Pier Luigi Bersani, der Chef des Partito Democratico, bringt es auf 78 000. Und der allseits geschätzte Monti muss sich mit kaum mehr als 2000 Zustimmungen auf seiner Facebook-Unterstützerseite begnügen.
Berlusconi, auch das ist ein Teil des Phänomens, ist für viele Italiener der gelebte Tellerwäscher-Traum, das Sinnbild des kapitalistischen Versprechens, dass jeder es schaffen kann: Er bringt es vom Sohn eines Bankangestellten zum zeitweise zehnfachen Dollar-Milliardär. Er ist ein Idol, ein Hoffnungsschimmer für manches triste Leben.
Vom ersten Tag an mischten Berlusconi und seine Bewegung "Forza Italia" die politische Landschaft Italiens auf. Sein Rezept: Die Gegner rüde attackieren und einschüchtern, auffallen um jeden Preis. "Ich bin ein politischer Revolutionär", sagte er, "politisch unkorrekt."
Berlusconi kann und weiß alles. Als Wirtschaftsfachmann verbreitet er Schlichtrezepte zur Spontanheilung der italienischen Wirtschaft, als Gärtner erklärt er die Pflanzenwelt, Architekten lehrt er das Bauen. Die Rollen wechseln, der Film ist stets gleich. Heute ist er der Potenz-Protz, der mit einer Schlange von elf Mädchen vor seiner Tür angibt, morgen der erfolgreiche Unternehmer, tags drauf der weitsichtige Politiker, vergleichbar allenfalls mit Churchill, Napoleon oder Mussolini, wie er selbst sagt. Immer neue Szenen, mit gleichem Text: Ich bin der Größte, der Klügste und habe den Längsten. Auch Demut ist nur eine Rolle. Bei einem Essen mit Unternehmern sagte er 2006: "Ich bin der Jesus Christus der Politik, ein geduldiges Opfer, ertrage alles, opfere mich für alle."
Tatsächlich entpuppte sich Berlusconi als notorischer Lügner. Wieso die Steuern in seiner Regentschaft ständig gestiegen sind, obwohl er in jedem Wahlkampf niedrigere Steuern versprochen hat? Das stimme nicht, sagt er beharrlich. Neue Arbeitsplätze, Milliarden Euro für bessere Schulen und Universitäten, weniger Staatsschulden, den Brückenschlag nach Sizilien, den schnellen Neuaufbau des vom Erdbeben zerstörten Aquila - all das hat er versprochen, aber nie gehalten.
Und wenn ein Missstand nicht länger zu leugnen ist, dann liegt es daran, dass "Italien unregierbar ist", wie es vor ihm schon Mussolini beklagt hat. Oder es sind die anderen schuld, die "kommunistischen Staatsanwälte" und die "kommunistischen Richter", die ihn in den Klammergriff genommen haben. Was soll er machen?
Richtig ist, die Liste der Strafverfahren gegen den selbsternannten "Superman" ("Ja mehr noch, über Superman kann ich doch nur lachen!") ist beachtlich. Anklagen wegen Meineid, Bilanzfälschung, Schmiergeldzahlung, Richterbestechung entkam er dank Verjährung oder Amnestie. Einige Freisprüche kassierte er mangels Schuldbeweisen, aus anderen Verfahren kam er mit dem Etikett "unschuldig" heraus. Ein möglicherweise ganz unangenehmer Prozess läuft noch: Amtsmissbrauch und Förderung der Prostitution Minderjähriger lautet die Anklage. Es geht um die mutmaßliche, von Berlusconi bestrittene Bettgeschichte mit der längst weltbekannten Ruby - aber auch Bettgeschichten hat er ja genug ausgelebt und überlebt.
Berlusconi und die Frauen, das ist ebenfalls eine Geschichte all'italiana.
Da ist einmal die Mamma, Berlusconis heißt Rosa. Die hat er, bis sie im Februar 2008 mit 97 Jahren starb, überallhin mitgenommen, mit Geschenken überhäuft, ihr Lieder gesungen - der liebe Sohn und die Löwen-Mutter, die jeden angreift, der ihrem Liebling ans Fell will. Über Berlusconi-Gegner wie Prodi sagte sie, dem müsse "man doch nur ins Gesicht sehen, das reicht". Dagegen ihr armer Silvio: "viel zu gut" für diese Welt!
Nach der Mamma kommt die Ehefrau. Die darf man betrügen, aber nicht beschimpfen. Das wäre wie an der eigenen Ehre kratzen. Deshalb sagt selbst der geschwätzige Berlusconi nicht viel über seine beiden Ex-Gattinnen. Ansonsten zahlt er, schweigt und amüsiert sich mit "den hübschen Mädchen", der dritten Gattung seiner Spezies Frau. Die müssen nicht unbedingt klug oder fleißig sein. Busen, Po, Augen und Haare bestimmen deren Marktwert im berlusco-italienischen Wertesystem.
Wer von ihnen ganz viel Glück hat, kommt womöglich sogar an eine Einladung zu einem "Bunga Bunga"-Abend bei Silvio. Der revanchiert sich für seine von ihm stets geleugneten abstrusen Sexspielchen nicht nur mit dicken Geldbündeln oder Schmuck. Manche Dame hat sich so einen Arbeitsplatz im Fernsehgeschäft erarbeitet, und eine, die als Zahnhygienikerin bei ihm angefangen hat, kam bis ins regionale Parlament.
Berlusconi kann darin nichts Ehrenrühriges entdecken: "Ich schaue eben gern in das Gesicht eines schönen Mädels - es ist doch besser, sich für schöne Mädchen zu begeistern, als schwul zu sein." Klar, so etwas gibt Ärger - aber auch breite schweigende Zustimmung.
Berlusconi habe in den vergangenen zwei Jahrzehnten "das Wertesystem der Italiener gründlicher umgekrempelt als Mussolinis Faschismus", meint Gerhard Mumelter, der langjährige Italien-Korrespondent der österreichischen Tageszeitung "Der Standard". Berlusconis TV-Sender hätten ihren Zuschauern "jahrelang eine Gehirnwäsche verpasst, sie zu einem Volk von Voyeuren erzogen und in einem Meer seichter Banalitäten ertränkt".
Auch deshalb hoffen viele darauf, dass die relativ Berlusconi-freien Zeiten noch ein wenig anhalten. Unwichtig allerdings ist er auch heute nicht - als Lenker der größten jener drei Parteien, auf die Ministerpräsident Monti seine Mehrheit stützt.
Für den Augenblick sehen Meinungsforscher nur erste bescheidene Erfolgsaussichten für Berlusconi. Auf 15 Prozent schätzen sie seinen Stimmenanteil, wenn am nächsten Sonntag Wahl wäre. Aber die ist erst für das kommende Frühjahr angesetzt - da bleibt noch viel Zeit für Berlusconis Propagandamaschinerie.
Schon 1995 und 2006 hatten die Auguren das politische Ende von Berlusconi prophezeit. Er galt als chancenlos, erledigt - und kam zweimal wieder. Seine besten Verbündeten, so der Sozialwissenschaftler Diamanti, seien das "kurze Gedächtnis und die Nachsicht der Italiener", die seine Wortbrüche schnell vergessen oder verzeihen.
So kriecht den Berlusconi-Gegnern auch jetzt die Furcht den Rücken hoch, wenn der bewundert-verhasste Macho-Clown seinen verbliebenen, begeistert jubelnden Anhängern zuruft: "Gebt mir 51 Prozent - dann mache ich es noch einmal!"
Lesen Sie im nächsten Heft:
Warum Frankreichs Autoindustrie nicht konkurrenzfähig ist. Neue Bescheidenheit nach Sarkozys Luxusjahren. Pariser Intellektuelle über die rätselhaften Deutschen.
Von Hans-Jürgen Schlamp

DER SPIEGEL 32/2012
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