06.08.2012

SYRIENSieg oder Selbstaufgabe

Ein italienischer Jesuitenpater wird zu einer der wichtigsten Stimmen der syrischen Revolution: Paolo Dall'Oglio, der seit 1982 in Syrien lebte und bis zu seiner Ausweisung im Juni Abt des Klosters Mar Mussa 80 Kilometer nördlich von Damaskus war. Wegen der eskalierenden Gewalt, der Flächenbombardements des Regimes und der Hinrichtung von Gefangenen durch die Rebellen tritt Dall'Oglio nun weltweit auf, in Italien, in Kanada und in der Sendung der CNN-Moderatorin Christiane Amanpour in den USA. Dabei vertritt er eine Haltung, die unterzugehen droht im Kreislauf des Mordens und der Rache. "Ich sage den Syrern, die Angst haben und schweigen: Die Angst kann uns zum Komplizen des Regimes machen, und sie kann uns zu Kriegsverbrechern machen. Gleichzeitig frage ich die Opposition und die Revolutionäre: Wie wollen wir die religiösen und ethnischen Minderheiten schützen? Wollen wir siegen, oder wollen wir uns selbst verlieren?" Erst in der vergangenen Woche hatte ein Video auf YouTube weltweit Entsetzen ausgelöst. Es zeigt allem Anschein nach, wie Rebellen Regierungsanhänger brutal hinrichten.
Schon vor dem Aufstand war Pater Paolo in Syrien bekannt, er hatte die alte Klosterruine von Mar Mussa wieder aufgebaut und in ein Zentrum christlich-muslimischen Dialogs verwandelt. Doch als er immer wieder verurteilte, dass "Menschen, die friedlich für Freiheit und Würde demonstrieren, gefoltert und umgebracht werden", schickte das Regime maskierte Bewaffnete, um ihn einzuschüchtern. "Ich habe gefährliche Dinge gesagt", gab er zu, "dass Verwundete nicht gefoltert, dass Ärzte respektiert und nicht umgebracht werden sollten." Als ein Scharfschütze der Armee im Mai den christlichen Filmemacher Bassil Schahada in Homs erschoss, lud Pater Paolo die christlichen und muslimischen Freunde des Toten nach Mar Mussa ein, um dort zu trauern. Er wurde ausgewiesen. Es sei eine Lüge, so Dall'Oglio, dass Assads Regime die Christen vor der sunnitischen Mehrheit beschütze und die Revolution eine Sache dschihadistischer Terroristen sei. Aber je länger die Welt nur zuschaue und das Land nach dem Scheitern der Uno-Mission sich selbst überlasse, desto größer werde die Gefahr eines Bürgerkriegs nach dem Sturz von Assad: "Syrien zerfällt bereits."

DER SPIEGEL 32/2012
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SYRIEN:
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