06.08.2012

USAArmer reicher Mann

Als Schwächling wird der Republikaner Mitt Romney verspottet, in Umfragen liegt er klar hinter Präsident Obama zurück. Nun steht er auch im Verdacht, ein Steuertrickser zu sein. Selbst Parteifreunde verzweifeln an ihm.
Lee Sheppard wühlt sich seit Jahrzehnten durch Steuerfachtexte, sie verfasst Kolumnen für das Branchenblatt "Tax Notes". Doch selbst Sheppard brauchte ein paar Tage, um herauszufinden, was Rafalca in der 203 Seiten langen Steuererklärung von Ann und Mitt Romney verloren hat.
Rafalca ist dunkelbraun, 15 Jahre alt, ein schmuckes Oldenburger Dressurpferd, geschätzter Wert: 500 000 Dollar. Seit 2006 befindet sich die Stute im Mitbesitz von Pferdenärrin Ann Romney, der Frau des republikanischen Präsidentschaftsbewerbers - Rafalca war vorige Woche mit dem gebürtigen Deutschen Jan Ebeling als Reiter sogar Olympiateilnehmerin im Dressur-Wettbewerb für die USA. Freilich ist sie keine gewöhnliche Olympionikin: Das wertvolle Pferd reiste im eigens gecharterten Flugzeug nach London, so ist es das gewohnt.
Rafalca ist also ein ziemlich teurer Spaß, aber nicht unbedingt für die Romneys, wie Sheppard beim Stöbern in deren Steuererklärung herausfand. Denn die Politikerfamilie machte im Jahr 2010 Verluste in Höhe von 77 731 Dollar für Unterhalt und Transport der Dame geltend, ganz so, als wäre das Pferd ein Geschäftsbetrieb. Zwar beanspruchten die Romneys bislang keinen Steuervorteil, doch sie agierten vorausschauend. Wann immer sie künftig ein bisschen Geld mit Rafalca verdienen, sei es durch Preise oder Zuchtnachwuchs, könnten sie die Ausgaben von der Steuer absetzen.
"Wollen wir einen Präsidenten, der Steuerschlupflöcher für das Pferdehobby seiner Frau ausnutzt?", so fragt Lee Sheppard, die gerade einen langen Artikel zum Thema veröffentlicht hat.
Wollen die Amerikaner Willard Mitt Romney, 65, überhaupt im Weißen Haus? Das ist die Frage, die sich immer drängender stellt. Der Republikaner hat eine "schlimme Woche" ("Washington Post") hinter sich, seine großangekündigte Auslandsreise missriet zur Pannentour. Erst unterstellte Romney den Briten, keine guten Olympia-Gastgeber zu sein. Danach erklärte er in Israel, die Palästinenser seien auch aufgrund ihrer "Kultur" wirtschaftlich rückständig. Und schließlich pöbelte sein Sprecher in Warschau Journalisten an. "Romney ist wohl der einzige Politiker, der eine internationale Charme-Offensive ganz ohne Charme durchführt", ätzte der "Daily Telegraph".
Das Washingtoner Umfrageinstitut Pew sieht den Präsidentschaftsbewerber der Republikaner inzwischen zehn Prozentpunkte hinter Barack Obama, die US-Konservativen verzweifeln zusehends an ihrem Kandidaten. Schließlich tritt Romney gegen einen Präsidenten an, mit dessen Wirtschaftskurs die Mehrheit der Amerikaner unzufrieden ist. Romney liegt auch deswegen hinter ihm, weil er sich beharrlich weigert, über seine Vergangenheit und seine Pläne für die Zukunft zu reden. Eigene Vorschläge zur künftigen Wirtschafts- oder Außenpolitik Amerikas hält er bewusst vage.
Als "wimp" hat das amerikanische "Newsweek"-Magazin ihn deswegen jetzt beschrieben, was so viel wie Schwächling, Waschlappen oder Warmduscher heißt. Dieser Mann scheue jedes Risiko, ganz anders als Männer wie Ronald Reagan oder George W. Bush, die es dann zum Präsidenten brachten. "Glaubt Romney ernsthaft, er brauche nur auf den Frust vieler Amerikaner über Obama zu setzen? Er muss den Wählern endlich einen eigenen Plan für die Zukunft präsentieren", sagt der einflussreiche rechte Publizist Craig Shirley.
Romneys größte Schwäche aber ist: Er gilt als Kandidat der 0,1 Prozent - der besonders gut Betuchten in Amerika. Mit einem geschätzten Vermögen von 250 Millionen Dollar ist er einer der reichsten Präsidentschaftsbewerber aller Zeiten.
Dass er diesen Ruf nicht loswird, daran ist er selbst schuld: Der frühere Geschäftsmann posiert gern mal auf dem Jetski vor seinem Zehn-Millionen-Dollar-Ferienhaus am See und schwärmt davon, wie schön es sei, Leute zu "feuern". 89 Prozent der Amerikaner glauben, Romney treibe das Wohl der Reichen um, deren Steuern er kräftig zu senken verspricht.
Dabei haben US-Bürger durchaus eine Schwäche für vermögende Politiker. Sie wählten die Kennedys und die Bushs und kürten in New York den Multimilliardär Michael Bloomberg zum Bürgermeister. Aber die Amerikaner erwarten von Bewerbern für das Weiße Haus totale Transparenz - ob es um ihre eheliche Treue geht, ihren Gesundheitszustand oder eben ihre Finanzen.
Genau daran hakt es aber bei Romney. Die standhafte Weigerung, seine Steuererklärungen so umfassend offenzulegen, wie es frühere Bewerber taten, hat zu Spekulationen geführt. Mark McKinnon, einst Wahlkampfstratege für George W. Bush, sagt: "In seinen Steuererklärungen ist ganz offensichtlich etwas problematisch." Und Harry Reid, der Mehrheitsführer der Demokraten im Senat, unterstellte Romney sogar, er habe wohl zehn Jahre lang gar keine Steuern gezahlt.
Wie gravierend die Probleme sein könnten, lässt Romneys Steuererklärung von 2010 erahnen - die einzige, die er bisher veröffentlichte. Seine Anlageberater fanden so viele Schlupflöcher, dass ihre Klienten trotz Einkünften von 21,6 Millionen Dollar gerade mal mit einem Steuersatz von 13,9 Prozent zur Kasse gebeten wurden - für die Durchschnittssekretärin in Amerika liegt der Satz höher.
55 Seiten befassen sich mit Romneys umfangreichen Investments im Ausland. Allein sein früheres Unternehmen, die Investmentfirma Bain Capital, unterhält nach Recherchen von "Vanity Fair" 138 Anlagefonds im Steuerspar-Paradies Cayman Islands, an 12 von ihnen ist Romney beteiligt. Geschätzter Wert: 30 Millionen Dollar.
Romney, der nicht müde wird, Amerika als das "großartigste Land der Welt" zu preisen, zeigt sich in seinen Anlagetechniken weniger patriotisch. Drei Millionen Dollar hatte der Republikaner bis 2010 auf einem Konto in der Schweiz gebunkert. Eine Investmentfirma auf den Bermudas sparte ihm weitere Steuern. Mindestens eine Million Dollar investierte Romney in Elliott Associates, einen Hedgefonds der übelsten Sorte: Elliott kauft die Schulden bettelarmer afrikanischer Staaten auf, oft für nur winzige Beträge, und versucht dann, von den Regierungen dieser Länder eine möglichst hohe Rückzahlung zu erzwingen.
All das ist in jener Steuererklärung zu finden, die Romney sich zu veröffentlichen traute. Welche Geheimnisse aber mögen sich in den anderen verbergen? Weitere Konten im Ausland? Noch niedrigere Steuersätze? Für ihn als Abtreibungsgegner politisch heikle Anlagen? Immerhin hatte Bain einst in eine Firma investiert, die laut Medienberichten Abtreibungskliniken bei der Entsorgung von Föten half.
Selbst illegale Transaktionen mögen Experten nicht mehr ausschließen. Der Republikaner, so viel steht fest, hat bereits 1995 Vermögen im heutigen Wert von 100 Millionen Dollar auf seine fünf Söhne übertragen. Ohne Einblick in die Unterlagen lässt sich nicht feststellen, ob er den Wert womöglich zu niedrig angesetzt hat, um lästige Steuern zu umgehen. Diese Methode ist weitverbreitet, und US-Behörden überprüfen Verstöße eher nur sporadisch. "Wenn herauskommt, dass der Wert zu niedrig angegeben war, könnte dies zu gravierenden Steuerstrafen führen", schreibt Michael Graetz, Rechtsprofessor an der Columbia University, in der "New York Times".
Romney gibt sich trotzig. "Ich habe einfach keine Lust, dass die Obama-Leute durch Tausende Seiten meiner Unterlagen gehen und Lügen verbreiten", sagt er. Aber sogar Romneys Vater George, einst Boss einer Autofirma und Gouverneur von Michigan, hat während seiner erfolglosen Präsidentschaftskandidatur 1968 Steuererklärungen aus insgesamt zwölf Jahren offengelegt - und damit, Ironie der Geschichte, die Praxis der Steuertransparenz etabliert.
Je länger die Debatte dauert, desto mehr Wähler erinnern sich auch daran, auf welche Weise Romney so viele Millionen angehäuft hat - als Gründer von Bain Capital, jener besonders aggressiven Investmentfirma. Wiederholt kauften Bain-Berater gesunde Unternehmen auf und belasteten sie mit hohen Krediten. Für sich selbst zweigten die Berater üppige Honorare ab, während die überschuldeten Firmen bankrottgingen. "Aasgeier" nannte Romneys republikanischer Vorwahlrivale Rick Perry die Bain-Leute.
Romney argumentiert, die Jahre bei der Investmentfirma würden ihn eher als Präsident Obama dafür qualifizieren, die in den USA so dringend benötigten Arbeitsplätze zu schaffen. Nur glaubt niemand so recht daran.
Obama müssen die Sorgen seines reichen Rivalen wie ein Gottesgeschenk erscheinen. Der Präsident hat seine Steuererklärung für 2011 schon im April ins Internet gestellt, voriges Jahr zahlte er einen Steuersatz von über 20 Prozent. Zwar ist auch der Demokrat mittlerweile Millionär, dank üppiger Tantiemen für seine Memoiren. Doch vergisst er selten, seine Wähler an die eher bescheidenen Verhältnisse zu erinnern, in denen er aufgewachsen ist: "Als ich klein war, fuhren wir im Bus durchs Land und übernachteten in einfachen Motels", erzählte Obama ihnen jüngst - just als Romney sich im Jetski-Urlaub fotografieren ließ.
Mit Werbespots versuchen seine Berater, das Bild vom Steuertrickser Romney in den Köpfen der Wähler zu verankern. In einem Streifen ist Romney zu hören, wie er - schrecklich schief - "America the Beautiful" singt. Über den Bildschirm flackern dazu Aufnahmen malerischer Strände auf den Cayman Islands.
"Die Obama-Leute glauben, dass sie einen Nerv getroffen haben", meint das Magazin "New York": "Wie sadistische Zahnärzte werden sie weiterbohren - bis Romney vor Schmerz schreit."
Von Gregor Peter Schmitz

DER SPIEGEL 32/2012
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