06.08.2012

POLENGefangener Nummer 4859

Witold Pilecki kämpfte im Widerstand gegen die Nazis, nach dem Krieg aber richteten ihn die Kommunisten hin. Jetzt wird nach seinen sterblichen Überresten gesucht.
Weitab von den prunkvollen Heldengräbern, in der hintersten Ecke des Warschauer Powazki-Friedhofs, hat das Institut für nationales Gedenken (IPN) eine Grube ausheben lassen. Archäologen pinseln vorsichtig Erde beiseite, ihre Fundstücke drapieren sie unter einem Sonnendach: Es sind braungelbe Knochen und dazu viele Schädel - die meisten haben ein rundes Loch im Hinterkopf.
Eigentlich liegen auf dem Powazki-Friedhof Polens berühmteste Dichter, Denker und Dissidenten, und vielen wurden schwere Marmordenkmäler auf ihre Gräber gesetzt: Dieser Friedhof ist das Warschauer Pantheon, aber er birgt ein dunkles Geheimnis.
Die Experten vom IPN, der polnischen Gauck-Behörde, suchen die Überreste von Opfern der letzten Diktatur in ihrem Land, denen nie ein Grabstein gesetzt worden ist. Sie suchen jene Männer und Frauen, die in der Nachkriegszeit getötet und dann anonym verscharrt wurden, auf Befehl der kommunistischen Führung.
Bis zu hundert Leichen von Hingerichteten vermuten IPN-Wissenschaftler in der Grube. Etwa dreißig davon sollen deutsche Kriegsverbrecher sein, erschossen zwischen 1948 und 1956 im Warschauer Gefängnis Mokotów. Die meisten Zellennachbarn im Todestrakt aber waren Polen, die sich aufgelehnt hatten gegen die von Stalin eingesetzten Machthaber und deswegen sterben mussten. Ehefrauen und Verwandte erfuhren oft erst Monate später von der Exekution, und nie wurde ihnen gesagt, wo die Hingerichteten begraben sind.
Auch Andrzej Pilecki, ein rüstiger Herr von 80 Jahren, ist an diesem Sommertag auf den Friedhof gekommen. Er will den IPN-Experten Material für einen Gentest liefern, denn sein Vater Witold wird ebenfalls in dem Massengrab vermutet. "Ich würde mich freuen, endlich eine Kerze an dieser Stelle anzünden zu können", sagt er.
Unter all den Helden auf dem Powazki-Friedhof ist Witold Pilecki ein Sonderfall. Der Rittmeister der Kavallerie hat sämtliche Torturen, die seine Nation im 20. Jahrhundert erlebte, am eigenen Leib durchgemacht. Er war während der deutschen Besatzung Soldat der polnischen Untergrundarmee und ließ sich in deren Auftrag freiwillig nach Auschwitz deportieren - um das mörderische Treiben der Deutschen dort auszukundschaften. Das schützte ihn nicht davor, nach dem Krieg wegen "Spionage" gegen das neue Regime hingerichtet und wohl in ebendieser Grube begraben zu werden, an deren Rand nun Sohn Andrzej steht.
Witold Pilecki wird 1901 im karelischen Olonez geboren. Bereits als Schüler in Wilna schließt er sich polnischen Soldaten an, die im Ersten Weltkrieg für die Wiedergeburt Polens kämpfen. 1920 zieht er mit in die Schlacht gegen die sowjetische Armee, die im Handstreich Warschau einnehmen will - es wird einer der wenigen militärischen Triumphe seiner Nation.
Danach wird Pilecki Reservist und bestellt die Äcker auf dem Bauernhof seiner Familie im ostpolnischen Sukurcze. Als 1939 die Wehrmacht das Land überfällt, zerstört seine Einheit sieben feindliche Panzer und schießt zwei Flugzeuge ab. Es folgt die im Hitler-Stalin-Pakt vereinbarte Aufteilung Polens - Pilecki geht in den Untergrund.
Die Deutschen unterwerfen das Land, deportieren und erschießen Zivilisten. Was aber im Lager Auschwitz vor sich geht, weiß niemand genau, die polnische Résistance ahnt es nur. Pilecki lässt sich deswegen im September 1940 absichtlich bei einer Razzia im Warschauer Stadtteil Zoliborz verhaften und wird in das KZ geschafft.
"Ich will versuchen, nur bare Fakten zu beschreiben", verspricht er später in dem Bericht über seine Zeit als Häftling Nummer 4859: "Aber man ist ja nicht aus Holz."
Pilecki wird Chronist des Holocaust, seine Schilderungen des Alltags in Auschwitz spielt er dem polnischen Untergrund zu. Die Gefangenen müssen eine der Gaskammern und einen großen Ofen mauern. "Wir bauen ein Krematorium für uns selbst", notiert Pilecki. Er übersteht Prügel und zwei Lungenentzündungen. Und ist dabei, als die Deutschen sowjetische Kriegsgefangene und Juden vergasen. "Sie standen so dicht, dass sie auch im Tod nicht umfallen konnten."
Als er hört, dass Flugzeuge zwei Bomben auf den nahegelegenen Ort Brzezinka, wo das Vernichtungslager liegt, geworfen haben sollen, ist Pilecki optimistisch. Er hofft, dass die Alliierten Auschwitz bombardieren werden und die Untergrundarmee einen Entlastungsangriff startet. Er will dann einen Aufstand entfesseln, er hat alles Nötige organisiert, sogar der Schlüssel zu einer Waffenkammer wurde kopiert. Bis zu 1000 Häftlinge gehören Pileckis Netzwerk an.
Doch der rettende Angriff kommt nie. Nach zweieinhalb Jahren im KZ gelingt es Pilecki, mit gefälschten Papieren außerhalb des elektrischen Zauns eingesetzt zu werden, in der Bäckerei. In der Nacht zum Ostermontag 1943 stemmt er zusammen mit anderen Häftlingen eine Tür auf und flüchtet.
Pilecki schlägt sich in die Hauptstadt durch, er kämpft beim Warschauer Aufstand mit und wird erneut von den Deutschen gefangen genommen. Das Kriegsende erlebt er in einem Lager bei Murnau in Oberbayern.
Im Herbst 1945 kehrt er in seine Heimat zurück. Tausende Aktivisten aus dem Widerstand gegen die Nazi-Besatzer sind zu dieser Zeit wieder in den Wäldern abgetaucht und führen von dort aus einen Partisanenkrieg - diesmal gegen die eigenen Landsleute: Das kommunistische Regime ist für sie nichts anderes als eine Form russischer Fremdherrschaft. Die Warschauer Führung lässt Kämpfer der ehemaligen Untergrundarmee verhaften und nicht selten umbringen.
Pilecki beginnt Informationen über das Regime zu sammeln, vor allem über dessen Verbrechen: über die Prozesse gegen Oppositionelle, über die Hinrichtungen, die Deportationen.
Am 8. Mai 1947 nimmt ihn der Geheimdienst fest. Pilecki wird der Prozess gemacht, ein Schauprozess. Frühere KZ-Häftlinge bitten den neuen Ministerpräsidenten Józef Cyrankiewicz - einen Mann, der selbst in Auschwitz war - um Gnade für ihn. Cyrankiewicz weiß um Pileckis Verdienste, aber er lässt den Richter wissen, diese dürften dem Angeklagten nicht mildernd angerechnet werden. Schließlich fällt das Todesurteil. Der Grund: Spionage.
Am 25. Mai 1948 wird Pilecki aus seiner Zelle geholt und auf jene Art hingerichtet, die man heute in Polen die "Katyń-Methode" nennt: Der Henker feuert aus nächster Nähe einen Pistolenschuss in den Hinterkopf des Verurteilten ab. Genau so hatte der sowjetische Geheimdienst schon 1940 in den Wäldern bei Katyń 22 000 gefangene Polen ermordet.
Von Jan Puhl

DER SPIEGEL 32/2012
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