06.08.2012

CHINAMacht und Zyankali

Im Mordprozess gegen die Funktionärsgattin Gu Kailai droht der Angeklagten die Todesstrafe. Die KP will den Fall möglichst schnell aus der Welt schaffen.
Das Gerichtsgebäude der ostchinesischen Provinzstadt Hefei ist ein erdrückender Betonkoloss: Wer die steile Treppe hinaufsteigt, fühlt sich winzig und verloren. Vor allem aber liegt dieser Ort weitab von der Hauptstadt Peking - und deshalb haben Chinas kommunistische Machthaber ihn gewählt. Hier wollen sie der Gattin eines politischen Rivalen den Prozess machen, und zwar möglichst ungestört.
Vielleicht schon ab dieser Woche muss sich Gu Kailai, 53, hier in Hefei zusammen mit einem Bediensteten für den Mord an ihrem Geschäftspartner Neil Heywood verantworten. Die beiden sollen den Briten im November 2011 in einem Hotelzimmer von Chongqing, einer 32-Millionen-Metropole am Oberlauf des Yangtze, mit Zyankali vergiftet haben.
Wäre die Volksrepublik ein Land mit unabhängiger Justiz und freier Presse - es könnte ein Jahrhundertprozess werden. Denn Gu ist die Ehefrau von Bo Xilai, 63, dem im März gestürzten Parteichefs von Chongqing. Der Polit-Thriller um das angeblich korrupte Politikerpaar hat die Supermacht in eine politische Krise gestürzt, die größte seit der blutigen Niederwerfung der Proteste auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking 1989.
Noch zu Jahresbeginn schien der ehrgeizige Bo beste Aussichten zu haben, im Herbst, beim bevorstehenden Wechsel in der Pekinger Führung, einen hohen Posten abzubekommen. Als Sohn eines revolutionären Partisanen gehörte er zu den roten "Prinzlingen" der Partei, das rückständige Chongqing hatte er zu Chinas Boomstadt gemacht.
Bo gelang es wie keinem anderen, das Volk zu begeistern, auch weil er sich der Armen und Unterprivilegierten annahm. Der blassen Pekinger Funktionärselite war er daher unheimlich geworden.
Doch dann floh ein Untergebener Bos, der Ex-Polizeichef von Chongqing, unter mysteriösen Umständen ins amerikanische Konsulat der Stadt Chengdu und erzählte von dem Mord an Heywood und der mutmaßlichen Schuld von Bo-Gattin Gu. Bald darauf wurde Gu verhaftet - und Bo wegen "schwerer Verstöße gegen die Disziplin" seiner Posten enthoben.
Die chinesische Obrigkeit hält das Paar an geheimen Orten fest, ohne dass die beiden mit Anwälten reden können. Zugleich versorgen Bos Gegner Medien in Hongkong und den USA mit schmutzigen Details aus dem Leben von Gu, die einst Anwältin war. Sie soll illegal Vermögen ins Ausland verschoben und dafür gesorgt haben, dass ihr Sohn an teuren Privatschulen und Universitäten in Großbritannien und den USA studieren konnte.
Schon lange vor dem Prozess in Hefei zeichnete Peking so ein Psychogramm der Angeklagten: Es handele sich hier um eine krankhaft ehrgeizige und machtbesessene Frau, die den Einfluss ihres Mannes zu Geld gemacht und ihn so mit ins Verderben gezogen habe.
Die formelle Anklage gegen Gu wegen "vorsätzlicher Tötung" und dieses Psychogramm sind zugleich ein politisches Signal. Die Pekinger Führung will damit andeuten, dass sie ihren internen Machtkampf beigelegt hat, denn von Bo ist keine Rede mehr. Und der Fall seiner Gattin Gu soll rechtzeitig vor dem Parteitag im Herbst aus der Welt geschafft werden.
Pikante Details über das Leben der an Luxus gewöhnten Gu wird Peking bei dem Prozess aber weitgehend ausklammern. Denn andere Führer leben mindestens ebenso korrupt wie Gu und Bo. Stattdessen dürfte sich das Gericht, das voraussichtlich unter Ausschluss der Öffentlichkeit tagen wird, auf den Mord an Heywood konzentrieren. Und es wird wohl der Linie folgen, die von der Nachrichtenagentur Xinhua vorvergangene Woche vorgegeben worden war: Gu habe ihren Geschäftspartner Heywood vergiftet, weil sie um die Sicherheit ihres Sohnes gefürchtet habe. Die Tatsachen, verkündete das Pekinger Sprachrohr, seien "klar", die Beweise "unwiderlegbar und substantiell".
Diese öffentliche Vorverurteilung lässt kaum noch einen fairen Prozess zu. Das dürfte niemand besser wissen als die frühere Anwältin Gu - sie selbst hatte vor Jahren in einem Buch Vergleiche zwischen dem Rechtssystem ihres Landes und dem der USA gezogen. Dabei rühmte sie die gnadenlose Effizienz, mit der die Volksrepublik ihre Übeltäter aburteilt.
Zwar soll Gus Familie einen eigenen Anwalt mit der Verteidigung beauftragt haben. Doch die Obrigkeit setzte lokale Anwälte ein - und die dürften kaum Zeit haben, sich in die bizarre Affäre einzuarbeiten. Das allerdings scheint auch nicht nötig: Per Eid sind sie in erster Linie dem Wohl der Partei verpflichtet.
Gus Schicksal hängt nun von den höchsten Führern der KP ab. Der Hinweis von Xinhua auf die mütterliche Sorge um den Sohn deutet auf mildernde Umstände hin - immerhin hat ihr Gatte noch zahlreiche Anhänger in der Partei. Möglicherweise wird das Gericht Gu zwar zum Tode verurteilen, die Strafe dann aber in Gefängnis umwandeln.
Der eigentliche Bösewicht - aus Pekinger Sicht - sitzt in Hefei nicht auf der Anklagebank: Gus Ehemann Bo. Sein politisches Ende dürfte erst Monate nach dem Parteitag besiegelt werden. Nach ähnlichem Ritual entledigte sich die KP 1998 und 2008 der in Ungnade gefallenen Parteichefs von Peking und Shanghai. Der Ausschluss aus der KP und eine mehrjährige Gefängnisstrafe wegen Vertuschung eines Mordes - das ist das Mindeste, was dem "Prinzling" dann droht.
Von Wieland Wagner

DER SPIEGEL 32/2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 32/2012
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

CHINA:
Macht und Zyankali

  • Veranstalter Scumeck Sabottka: Vom Blumenverkäufer zum Konzertdealer
  • Manipuliertes US-Video: Die "betrunkene" Nancy Pelosi
  • Trump vs. "Crazy Nancy": "Habe ich geschrien?"
  • Spektakuläre Verfolgungsjagd: Flucht mit gestohlenem Wohnmobil