06.08.2012

Mexikos lange Nacht

GLOBAL VILLAGE: Warum der Schriftsteller Javier Sicilia das Schreiben eingestellt hat
Das Lieblingscafé des Dichters heißt Alondra, es liegt in einem Gewölbe gegenüber der Kathedrale von Cuernavaca. Javier Sicilia, 56, hat sich an einen Tisch in einer versteckten Ecke zurückgezogen, hier sitzt er am liebsten, hier schirmen ihn die Kellner ab, denn er ist mit der Besitzerin des Lokals befreundet.
Sicilia ist in seiner Heimatstadt bekannt wie kaum ein anderer, selten kann er in Ruhe einen Espresso trinken. Dabei hat er seit mehr als einem Jahr keine Zeile mehr geschrieben. Er hat das Schreiben eingestellt, nachdem sein Sohn vor 16 Monaten ermordet wurde.
Juan Francisco Sicilia wurde nur 24 Jahre alt. Der Medizinstudent fiel am 28. März 2011 dem Drogenkrieg zum Opfer, wie mehr als 50 000 andere Mexikaner in den vergangenen fünf Jahren. Sein Vater war gerade auf den Philippinen, als ihn die Nachricht ereilte. Auf dem Heimflug versuchte Sicilia noch, seinen Schmerz in ein Gedicht zu kleiden.
Wie wird ein Student zur Beute der Drogenmafia? Er habe "einem Freund einen Gefallen erweisen" wollen, sagt Sicilia. Die beiden hätten zusammen einen Nachtclub besucht, und dort sei dem Freund die Digitalkamera gestohlen worden. Die Diebe waren, wie sich herausstellte, Bekannte des Lokalbesitzers. Juan Francisco rief sie an und forderte das Gerät zurück. Sie vereinbarten einen Treff am Stadtrand, wo die Kamera angeblich zurückgegeben werden sollte. Was Juan Francisco nicht wusste: Der Nachtclubbesitzer hatte Kontakte zur Drogenmafia.
"Die Gangster haben meinen Sohn und seine Kameraden in eine Falle gelockt", sagt Sicilia. Kurz vor seinem Tod habe Juan Francisco noch seine Freundin angerufen: "Wir sind in einer schwierigen Lage", habe er mit belegter Stimme gesagt. Passanten fanden später die Leichen, die jungen Männer waren gefoltert worden. Einer der mutmaßlichen Täter ist gefasst, es gibt Hintermänner mit Verbindungen zu Polizei und Politik.
Sicilia schreibt zwar seither nicht mehr, sprachlos geblieben ist er aber nicht. Nach dem Tod seines Sohnes führte er einen Protestzug von Cuernavaca in die 85 Kilometer entfernte Hauptstadt an. Als Sicilia auf dem Zócalo eintraf, dem zentralen Platz von Mexico City, waren dort 150 000 Menschen zusammengeströmt. Seitdem ist der Poet die Symbolfigur der mexikanischen Widerstandsbewegung gegen den Drogenkrieg.
In diesem Monat will er nach Washington aufbrechen, er hat eine Protestkarawane quer durch die USA organisiert. In Bussen wollen sie von San Diego aus bis in die Hauptstadt fahren. Unterwegs werden sich Gewerkschafter, Vertreter lateinamerikanischer Einwanderergruppen und Gegner des Drogenkriegs anschließen.
Am Lincoln-Denkmal wollen sie gegen den Waffenhandel protestieren. "Mexikos Drogenbosse kaufen ihr Kriegsarsenal in amerikanischen Waffenläden ein", sagt Sicilia. "Und die US-Regierung unternimmt nichts, um den Schmuggel zu unterbinden."
Sicilia redet leise und schnell. Gelegentlich kommen Freunde ins Café, umarmen ihn und klopfen ihm aufmunternd auf den Rücken. Vor ihm liegt sein letztes Werk "El fondo de la noche" ("Die Tiefe der Nacht"), ein Roman über Maximilian Kolbe. Kolbe war ein polnischer Priester, der sein Leben opferte, um einen Gefangenen im Konzentrationslager von Auschwitz zu retten. Sicilia hatte das Buch kurz vor dem Tod seines Sohnes fertiggestellt.
Die Auseinandersetzung mit der Gewalt ist sein Lebensthema geworden. Fast täglich werden auf Mexikos Straßen verstümmelte, enthauptete, zerteilte Leichen gefunden. "Der Drogenkrieg ist verloren", sagt Sicilia. "Es war ein schwerer Fehler, dass der Präsident die Streitkräfte in den Kampf gegen die Gangster geschickt hat, sie sind unterwandert und korrumpiert. Wir brauchen eine neue Strategie."
Er gehört nun zu jenen, die für die Legalisierung von Rauschmitteln eintreten - so wie Boliviens Präsident Evo Morales oder Uruguays Staatsoberhaupt José Mujica.
Früher kontrollierten wenige Kartelle den Drogenhandel, selten kam es zu Massakern. Heute sind die Mafiosi in Hunderte Banden zersplittert, und die Gewalt hat sich ausgebreitet wie eine Seuche. Immer öfter sterben Menschen, die mit den Gangstern nichts zu tun haben. Sie werden ermordet von korrupten Polizisten, sind oft nur im falschen Moment am falschen Ort.
Cuernavaca wirkt wie eine Insel des Friedens auf dem Drogenschlachtfeld Mexiko. Springbrunnen plätschern vor prachtvollen Villen, leuchtende Bougainvilleas wuchern über die Mauern. Doch auch hier sind die Kartelle aktiv. Vor zweieinhalb Jahren starb in Cuernavaca Mafia-Chef Arturo Beltrán Leyva bei einer mehrstündigen Schießerei, die Polizei hatte sein Anwesen gestürmt.
Sicilia wohnt seit langem hier, er unterrichtet an der Universität. Er hat ganze Nächte in den Cafés und Kneipen rund um die Kathedrale verbracht. Heute leeren sich die Lokale, wenn es dunkel wird. "Die Leute haben Angst", sagt Sicilia.
Er trinkt seinen Kaffee aus und tritt auf die Straße. Er hoffe, dass Mexikos lange Nacht bald zu Ende sei, sagt er zum Abschied und fügt hinzu: "Irgendwann möchte ich auch wieder schreiben."
Von Jens Glüsing

DER SPIEGEL 32/2012
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Mexikos lange Nacht

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