06.08.2012

KARRIEREN„Fünf Prozent Hitler“

Der ZDF-Geschichtsexperte Guido Knopp, 64, über seinen Ruhestand im Januar 2013 und sein Abschiedswerk "Weltenbrand" (ab 18. September, jeweils dienstags, 20.15 Uhr).
SPIEGEL: Der oberste Geschichtslehrer der Nation geht in Rente. Heißt das, das "Dritte Reich" ist auserzählt?
Knopp: Fragen wird es natürlich noch aufwerfen. Aber es hatte seinen Grund, dass ich mich in den letzten Jahren auch um royale Themen gekümmert habe, um das "Wunder von Bern" oder die Geschichte der Deutschen.
SPIEGEL: Ihre Hitler-Obsession ist legendär. "Hitlers Helfer", "Hitlers Frauen", "Hitlers Kinder". Fehlten nur Hitlers Hunde.
Knopp: Rein quantitativ hat Hitler vielleicht fünf Prozent meiner Arbeit ausgemacht, aber es ist ein interessantes Phänomen und fast schon neurotisch, dass das so beachtet wird.
SPIEGEL: Hitler verkauft sich immer. Gilt die Faustregel von Medienmachern noch?
Knopp: Manche SPIEGEL-Titel scheinen das zu zeigen. Aber heute funktioniert das nicht mehr so leicht wie in den neunziger Jahren, als es riesige Diskussionen um die großen Themen der Nazi-Zeit gab, die Wehrmachtsdebatte, die Goldhagen-Debatte, das Holocaust-Mahnmal. Wir haben mit unseren Doku-Dramen das Fundament dafür im Fernsehen geliefert. Aber in den letzten Jahren ist doch das Gefühl eingetreten, dass alles Wesentliche gesagt worden ist.
SPIEGEL: Sie verabschieden sich beim ZDF mit acht Folgen über den Ersten und Zweiten Weltkrieg, "Weltenbrand" heißt das Werk. Drunter ging es nicht?
Knopp: Der Titel entspricht der dramatischen Zeit. Sie so zu behandeln, ist die Krönung meiner Arbeit.
SPIEGEL: Die Ankündigung klingt nach Best-of-Knopp: szenische Rekonstruktionen, Computeranimation, kolorierte Filmszenen. Braucht die blutige Geschichte so viel Dramatisierung?
Knopp: Wir wollen ja auch junge Zuschauer erreichen. Alte Schwarzweiß-Filme sind eine Verfälschung der Wirklichkeit, die schon Zeitgenossen beklagt haben. Durch Farbe kommen uns die Menschen von damals ganz nahe.
SPIEGEL: Ihnen wurde immer wieder vorgeworfen, seichten Geschichtspopulismus zu betreiben. "Geschichtspornografie" war der wohl härteste Anwurf. Hat Sie das gekränkt?
Knopp: Ach, nein. Mitleid bekommt man geschenkt, Neid muss man sich verdienen. Ein Defizit an Anerkennung habe ich wahrhaftig nicht.

DER SPIEGEL 32/2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 32/2012
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

KARRIEREN:
„Fünf Prozent Hitler“

  • Hilfsorganisationen: "Wir kehren auf das Meer zurück, weil Menschen sterben"
  • Videoreportage aus Kassel: "Diesen braunen Dreck wollen wir hier nicht"
  • Mittelmeer: Verschollenes U-Boot nach mehr als 50 Jahren entdeckt
  • Überwachung in China: Zwei Schritte - und die Software weiß, wer Sie sind