06.08.2012

PAAREHelmut in Love

Helmut Schmidt hat eine neue Lebensgefährtin. Was geht uns das eigentlich an?
Er raucht. Er hört nicht mehr gut und wirkt mitunter etwas knurrig. Er weiß manches besser und glaubt, dass er sehr vieles besser weiß.
Von der Papierform her klingt das nicht nach einem idealen Lebenspartner.
Allerdings: Er ist vermögend, gebildet und besitzt eine abbezahlte Immobilie in Hamburg-Langenhorn. Die Nachbarn mögen ihn - und alle anderen auch.
Helmut Schmidt, 93 Jahre alt, ehemaliger Bundeskanzler, Sturmflutheld, Europa-Visionär und Mitherausgeber der "Zeit", gilt laut einer Umfrage als das größte lebende Vorbild der Deutschen. Viele dürften überzeugt sein, dass er tatsächlich alles besser weiß.
Je länger seine Kanzlerschaft vergangen ist, desto gefragter seine Expertisen. Am Dienstag dieser Woche soll Schmidt bei Sandra Maischberger über Euro und Finanzkrise reden, und egal, was er sagt: Am Ende wird man den Eindruck haben, er hätte das Ding längst geschaukelt. Schmidt in der Rolle als Helmut Schmidt. Selbst etwas Falsches klingt bei ihm noch besser als etwas Richtiges aus dem Mund der heutigen Politikergeneration.
Nun gibt es etwas unerwartet Neues: Schmidt hat eine neue Lebensgefährtin. Sie heißt Ruth Loah, ist anderthalb Jahrzehnte jünger und war lange Zeit eine seiner engeren Mitarbeiterinnen. 1962, bei der Sturmflut in Hamburg, arbeitete Loah bereits als Sekretärin des damaligen Polizeisenators. Und weil Sekretärinnen die Launen und Stärken ihrer Chefs ohnehin so gut kennen wie eine Ehefrau, dürften die beiden die Gewöhnungsphase eines Paares als längst übersprungen betrachten.
Helmut Schmidt selbst hat vergangenen Donnerstag in einem Interview mit "Zeit"-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo von Loah erzählt. Der fragte, ob es einen Menschen gebe, an den Schmidt täglich denke - abgesehen von "Loki" Schmidt, der vor knapp zwei Jahren verstorbenen Frau des Altkanzlers.
Antwort Schmidt: "Beinahe täglich denke ich an meine Freundin Ruth Loah."
Lorenzo: "Ist sie Ihre neue Lebensgefährtin?"
Schmidt, klassisch kurz: "Ja."
Möglicherweise wollte Schmidt einfach vermeiden, dass seine Beziehung unkontrolliert bekannt wird, etwa weil Paparazzi ihn samt Gefährtin in der Raucherecke erwischen.
Mit dem Ja war im Grunde alles gesagt. Man möchte den beiden alles Gute wünschen, sich still mitfreuen und es dabei bewenden lassen. Das Privatleben von Helmut Schmidt geht schließlich nur Helmut Schmidt etwas an. Doch so ticken die Medien nicht.
Am nächsten Tag hatten die meisten Zeitungen Schmidts Neue im Blatt, die Online-Medien sowieso, und die "Bild" füllte mit dem "Liebesglück" die Seite eins.
Normalerweise verkündet "Bild" eher die neuen Liebschaften der leichteren Prominenz: Flavio Briatore, der Ex-Formel-1-Manager, Madonna oder Dieter Bohlen werden - zu gegebenem Anlass - nebst Begleitung gern vorgestellt. Doch die sind als Vorbild nur eine Teilbegabung und können jemandem wie Schmidt kaum den Aschenbecher reichen.
Vor zwei Jahren, bei der Trauerfeier für Loki Schmidt im Hamburger Michel, forderte der ehemalige Erste Bürgermeister Henning Voscherau die Freunde Schmidts auf, dafür zu sorgen, dass "aus dem abendlichen Alleinsein in Langenhorn nicht Einsamkeit wird". Ein tröstender Satz war das, aber auch ein sehr harter. Dass die Wände einen anschweigen, gehört zu den furchtbaren Erfahrungen, die ein Witwer oder eine Witwe macht.
Tatsächlich ertragen Männer die Einsamkeit oft schlechter als Frauen. Zumindest haben eher die Frauen dieser Generation gelernt, sich nicht zu beklagen oder Dinge hinzunehmen.
Es ist also gar nicht ungewöhnlich, dass sich Männer, auch in hohem Alter, eine neue Partnerin suchen: Der Schriftsteller Siegfried Lenz, Freund von Helmut Schmidt, heiratete mit 84 die Freundin seiner verstorbenen Frau. Der ehemalige SPD-Fraktionschef Herbert Wehner war 76, als er seine Stieftochter zur Frau nahm. Franz Müntefering, ebenfalls mal SPD-Chef, heiratete 18 Monate nach dem Tod seiner Frau, da war er beinahe 70.
Und Müntefering hatte auch vorgemacht, wie man die Neue der Öffentlichkeit präsentiert. Kurz und knapp: "Erstens: Es gibt sie. Zweitens: Sie ist hier. Drittens: Wir mögen uns."
Dass Helmut Schmidt, der Lieblings-Elder-Statesman der Deutschen, nun mit einer Raucherin Jahrgang '33 zusammengekommen ist, ist erstens: wunderbar. Zweitens: seine Sache. Und drittens macht es das Denkmal Schmidt ein wenig menschlicher. Und damit größer.
Von Ansbert Kneip

DER SPIEGEL 32/2012
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