06.08.2012

Heldin, komm raus

ORTSTERMIN: Im niedersächsischen Salzhemmendorf wird einer Kindergärtnerin eine Medaille aufgezwungen.
Ina König hat sich hübsch gemacht, die guten Schuhe angezogen, am Hals ein Glitzerkettchen, sie weiß, sie wird heute vorgeführt. Wohin mit den Händen? Ihr Gesicht zuckt. Alles an ihr sagt: bloß weg hier.
Neben Frau König steht der Ministerpräsident von Niedersachsen, David McAllister, und der spricht nun die Donnerworte, "dass unsere Gesellschaft darauf angewiesen ist, dass es Menschen gibt wie Sie, verehrte Frau König". Vor ihr erhebt sich eine Wand aus Kameras und Mikrofonen, alle sind sie gekommen zur Überbringung dieser Rettungsmedaille beim Kindergarten St. Nicolai in Salzhemmendorf, ZDF, RTL, Sat.1, NDR, "Bild"-Zeitung, und hinter der Wand wartet irgendwo das Millionenpublikum auf Worte von ihr, auf ein Bild von ihr. Ina König, 37, Erzieherin, Lebensretterin, schaut zu Boden, als suche sie einen Ausweg. Vielleicht hofft sie, dass sich unter ihr ein Loch auftun möge, so wie jenes, in das sie vor ein paar Wochen todesmutig gesprungen war, vielleicht etwas weniger tief. Ein Loch, in dem sie verschwinden könnte, jetzt, sofort.
Zur Heldin wurde Ina König am 9. Juli, einem Montag: Nachdem ein dreijähriger Junge aus dem Kindergarten, für den sie arbeitet, beim Spielen im Wald in einen ungenügend gesicherten alten Bergwerksschacht gefallen war, sprang sie ohne zu zögern hinterher. Sie wusste nicht, wie tief das dunkle Loch ist: 25 Meter, ihr Fall entsprach dem Sprung von einem achtstöckigen Haus. Im sechs Grad kalten Wasser, das sich am Grund des Schachts gesammelt hatte und das den Aufprall von Kind und Retterin dämpfte, klammerte sie den Jungen eine Stunde lang an sich, hielt sich dabei an vorstehenden Steinen fest, bis die Feuerwehr beide bergen konnte. Ohne Ina König, selbst Mutter zweier Kleinkinder, wäre der Junge tot.
Sie sagt dann Sätze ins Mikrofon wie diesen: "Bedanken möchte ich mich bei der Freiwilligen Feuerwehr, die viele Stunden Freizeit opfert."
Landesvater McAllister hat die Verleihung dieser Medaille persönlich angeregt, gern beantwortet er nun alle Fragen. "Was ist das für ein Gefühl, eine solche Heldin im Bundesland zu haben?", fragt der NDR-Reporter von "Hallo Niedersachsen". McAllister, der in einem halben Jahr wiedergewählt werden will, sagt, er sei gekommen, um Frau König "im Namen von acht Millionen Niedersachsen danke zu sagen". Die Sonne scheint auf sein schön gescheiteltes Haupt, Ina König steht im Schatten. Noch nie hat der Ministerpräsident die Niedersächsische Rettungsmedaille, die fünf- bis zehnmal pro Jahr vergeben wird, selbst überreicht, das macht sonst höchstens der Innenminister. Das ZDF möchte von ihm wissen, ob "man denn solche Helden besonders braucht, heute, in Zeiten der Krise?"
Klar ist, dass die Medien sie brauchen. In den Tagen nach dem Wunder stand das Telefon des Kindergartens nicht still. Alle wollten die "Heldin von Osterwald" haben, die Redaktionen von "Markus Lanz", "Günther Jauch" und von Frank Elstners "Menschen der Woche" baten um einen Studiobesuch, Tageszeitungen meldeten sich, Magazine, Radios. Ina König aber wollte mit niemandem sprechen. Die Trägerschaft des Kindergartens, die Evangelisch-lutherische Landeskirche Hannover, setzte eigens für diesen Fall einen Pressesprecher ein, der seither Journalisten abblockt. Im Sana-Klinikum in Hameln, wo sie zur Beobachtung lag, versuchten Fotografen, in ihr Zimmer vorzudringen, indem sie sich als gute Bekannte ausgaben.
Am Rand der Veranstaltung steht der stellvertretende Bürgermeister von Salzhemmendorf, Clemens Pommerening. Er sagt: "Das ist natürlich eine schöne Geschichte für unseren Ort." Aus der Gegend kommen sonst wenig positive Meldungen, "der demografische Wandel verschont uns nicht", sagt Pommerening, die Jungen wandern ab, außerdem ging vor ein paar Jahren der größte Arbeitgeber verloren, der Fertighausproduzent Okal, tausend Arbeitsplätze weg. Erbauliches wie das Wunder von Osterwald ist willkommen.
Der Essayist Jan Philipp Reemtsma hat für Menschen wie Ina König folgende Definition vorgeschlagen: "Helden repräsentieren Tugenden, die Allgemeingültigkeit beanspruchen in extrem gesteigerter, also seltener Form." Ina Königs Problem ist, dass sie, indem sie die Rolle des öffentlichen Vorbilds konsequent verweigert, nur noch heroischer wird. Verkörperte sie durch ihre Rettungstat Qualitäten wie Selbstlosigkeit und Mut, so steht seither ihr Verzicht auf Ruhm und Aufmerksamkeit wiederum für andere Tugenden: Bescheidenheit, Uneitelkeit. Sie ist zur Heldin verdammt.
Den Blumenstrauß hält sie vor sich wie einen Schutzschild, als der Ministerpräsident an sie herantritt und ihr die Hand reicht. Ina König hat - immer laut Pressesprecher, sie selbst beantwortet keine Fragen - lange überlegt, ob sie die Ehrung überhaupt annehmen will. Dem Drängen der Laudatoren habe sie einzig in der Hoffnung nachgegeben, dem Spuk ein Ende zu setzen. Der Schluss ihres äußerst knappen Statements klingt denn auch wie eine Beschwörung. "Bei der Presse bedanke ich mich dafür, dass meine Privatsphäre gewahrt wurde und bestimmt auch in Zukunft gewahrt wird."
Für weitere Anfragen stehe sie nicht zur Verfügung.
Von Guido Mingels

DER SPIEGEL 32/2012
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