06.08.2012

UMWELTGoldener Tritt

Der Biogasboom bedroht die Existenz der Schäfer. Maiswüsten verdrängen ihre Herden, viele Hirten haben schon aufgegeben.
Meine Mädels kenn ick alle", sagt Jenny Kniestedt, "und wenn ick mit dem Auto vorfahre, wissen die: Mutti ist da."
Die 31-jährige Berlinerin hütet 350 Mutterschafe an einem Deich, dort wo die Löcknitz beim mecklenburgischen Dömitz in die Elbe fließt. Die gelernte Schäferin - Tattoo auf dem Oberarm, schwarzer Kurzhaarschnitt - schiebt ihre Schützlinge in den Sortiergang: In die "bewollten Arschbacken" gibt's eine Spritze gegen äußerliche Parasiten, gleich ins Maul eine Dosis Bandwurmmittel.
Mit ihren "Deichrasenmähern", den Pommerschen Landschafen und den Schwarzköpfen, zieht sie bis nach Sachsen-Anhalt und Brandenburg. Zu tun ist genug; sie schneidet die Klauen, leistet Geburtshilfe oder setzt die Tiere für den Schafscherer auf den Hintern. "Machen tu ick allet", sagt Kniestedt, "und dat mit Herzblut."
Ihr Chef, der 48-jährige Schäfermeister Maik Gersonde aus Schlesin, ist froh, dass er sie hat. "Was Jenny macht, ist hundertprozentig", lobt er. Gersonde hat noch eine weitere junge Frau ausgebildet und angestellt. Auch beim benachbarten Kollegen im niedersächsischen Preten arbeiten zwei Schäferinnen mit. Inzwischen bewerben sich mehr Mädchen als Jungen um einen Ausbildungsplatz für die dreijährige Lehre.
Doch der weibliche Zuwachs täuscht über die düstere Lage hinweg. In den vergangenen fünf Jahren ist die Zahl der Schäfer, die von ihren Tieren leben, um ein Fünftel auf 2000 zurückgegangen. Noch schützen in Deutschland ihre 2,5 Millionen Schafe mit Tritt und Biss die Deiche an den Küsten und Flussläufen, sie bewahren Kulturlandschaften wie die Lüneburger Heide und die Schwäbische Alb vor der Verbuschung, sie pflegen Wegränder, Plätze, Hänge und schwer zugängliche Höhen. "Aber viele Herden sind schon weg, weil die Schäfer aufgeben mussten", sagt Gersonde.
"Kurz vorm Aussterben" sieht Stefan Völl, Geschäftsführer der Vereinigung Deutscher Landesschafzuchtverbände, den Beruf, der zu den ältesten der Welt zählt. Die Existenz der Schäfer werde bedroht von wachsender Bürokratie und fallenden Preisen für Lammfleisch, auch Wolle hat ihren Wert verloren. Vor allem aber die Energiewende ist schuld an ihrer Not.
So verwandelt der Biogasboom Wiesen, Äcker und selbst noch die kargsten Flächen, die Schafe seit je ernährten, in Maiswüsten - mit der Folge, dass die Schäfer, die nur selten eigenes Land besitzen, kaum noch Pachtweiden finden. Die Wege der Schäfer zu ihren Weidegründen werden dadurch länger, das ohnehin bescheidene Durchschnittseinkommen von 1200 Euro sinkt weiter. "Wenn das so weitergeht", sagt Völl, "gibt es die Landschaftspfleger der Nation bald nicht mehr."
Gelockt von den Subventionen des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG), mit denen sich scheinbar ökologisch korrekt Geld scheffeln lässt, bieten Investoren den Bauern mittlerweile doppelt so hohe Pachtpreise wie noch vor wenigen Jahren. In der Elbtalaue kostet ein Hektar Grünland bis zu 800 Euro pro Jahr. In Biogasballungsgebieten wie Bayern zahlten Investoren sogar schon 1000 Euro pro Hektar, berichtet Günther Czerkus, Sprecher des Berufsschäferausschusses, der selbst seine Schafe in der Eifel hält: "Der Flächenhunger ist unersättlich."
Die Fördermittel des EEG ermuntern die Biogaserzeuger sogar dazu, die Schäfer aus ihren letzten Rückzugswinkeln zu vertreiben, aus den Naturschutzgebieten. Die Betreiber ernten dort maschinell und sichern sich eine erhöhte "Einspeisevergütung": Sie wird fürs Schnittgut aus Naturschutzgebieten gezahlt, weil dieses in den Biogasanlagen eine geringere Energieausbeute erzielt.
In anderen Naturparadiesen, etwa im Unesco-Biosphärenreservat Elbtalaue, breiten sich inzwischen riesige Energiepflanzen-Felder aus. Unternehmen wie die Ruhe Agrar GmbH haben bei Preten im Amt Neuhaus ganze Agrargenossenschaften aufgekauft. Der Biogaskonzern Envitec errichtete dort jüngst eine 2,6-Megawatt-Anlage. Vom staatlichen Umweltamt genehmigt wurde jetzt auch, mitten im Biosphärenreservat, die noch größere Anlage im benachbarten mecklenburgischen Dersenow. Mehr als 100 000 Tonnen Mais und vergorene Reste sollen dort demnächst übers Jahr hin und her gekarrt werden.
Was nach der Maisernte übrig bleibt, ist für die Schafe unbekömmlich. "Die würden einen Eiweißschock bekommen", erklärt Gersonde, "wir müssten die Schafe erst an die Maisreste gewöhnen." Aber nach einer Woche wird der abgeerntete Acker auch schon wieder umgebrochen und die Gülle ausgebracht.
Ob bei Gewitter, Starkregen oder stechender Julisonne: Tag für Tag rückt Jenny Kniestedt entlang der Löcknitz ein paar hundert Meter weiter. Ihre Bordercollie-Hündinnen rennen immer wieder los, um "Nascher zu bestrafen": Die Hütehunde fassen Ausreißer am Bein, ohne sie zu verletzen.
Meister Gersonde hat seinen Beruf noch in der DDR gelernt. "Dort hatte das Hüten eine hohe Qualität, die Schäfer waren angesehene Leute", erzählt er. "Die volle Montur", den langen blauen Filzmantel und die hohen Stiefel, trägt Gersonde kommende Woche zum Landesleistungshüten. "Jeder freut sich, wenn er Schäfer sieht, aber das hilft uns nicht."
Vorsorglich hat er vor Jahren 400 Hektar Land gekauft, als Weide und für den Anbau von Bio-Futtergetreide zur Winterfütterung. Sein Lammfleisch verkauft er nach Hamburg. "Aber wenn ich die Deiche nicht hätte", sagt Gersonde, "ginge gar nichts mehr."
Der Hochwasserschutz, zu dem seine sieben Herden von April bis Oktober beitragen, ist eine wichtige Einnahmequelle. Mit ihrem "goldenen Tritt" verdichten die Paarhufer den Boden. Ihr Schafsbiss kappt Gräser knapp oberhalb der Wurzeln, die so in die Breite sprießen und eine dichte Grasnarbe bilden. Bei der Deichschau kontrollieren Technisches Hilfswerk, Polizei und die Ingenieure vom Landkreis, ob die Schafe ordentliche Arbeit geleistet haben.
Doch als Folge der Energiewende gehen den Schäfern sogar schon Deiche verloren. In Wesel bei Duisburg lässt der Deichverband neuerdings die ersten zwei Binnendeiche für Biogasanlagen abmähen.
Schäferfunktionär Czerkus glaubt aber, dass man sich bald wieder auf Schafe besinnen werde. Wenn die schweren Erntemaschinen die Grasnarbe wegradieren und Löcher in die Fläche reißen, gehe der Deich kaputt. "Und dann", prophezeit Czerkus, "steht Duisburg unter Wasser."
Von Renate Nimtz-Köster

DER SPIEGEL 32/2012
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